Von Delfinen und Bulldoggen

Von Delfinen und Bulldoggen

 Kursbericht mit Annika Keller

Herbstliches Kaiserwetter, eine riesige Portion steirisches Kernöl auf dem Salat für reichlich Energie und gute Laune. So ließe sich der Kurs bzw. die Tage mit Annika Keller beschreiben. Aber für alle, die es verpasst haben oder neugierig geworden sind, gibt es nun doch eine ausführliche Beschreibung 😉

Analyse, Planen, Denken, Handeln 

Ein Kurs mit Annika Keller, das bedeutet viel biomechanischen Input und eine individuelle Herangehensweise. Individuell ist die Akademische Reitkunst allemal. Um es auch für alle Lernenden spannend zu machen, sind bei unseren Kursen immer ganz unterschiedliche Pferde dabei. Spannend war natürlich Annikas Herangehensweise bei folgenden Themen: 

  • Was tun bei Kissing Spines und diversen Arthrose Diagnosen in der Halswirbelsäule? 
  • Was tun bei einem Pferd, das die Zehen schleifen lässt, gleichzeitig gibt es keine adäquate Befundung durch einen Veterinär? 
  • Was tun, wenn der Pferdekörper durch diverse Trächtigkeiten in Anspruch genommen wurde?
  • Was tun, wenn das Pferd den Widerrist schlecht anheben kann? 
  • Was tun, wenn das Pferd mit den Hinter- und Vorderbeinen ein starkes Kreuzen, ähnlich einem Seiltänzer zeigt?
  • Was tun, wenn die Energie immer wieder „ausgeht“. 
  • Was tun, wenn das Pferd mit einem Hinterbein weniger leicht unter die Masse tritt und somit kurz-lang tritt? 
  • Was tun, wenn sich eine diffuse Lahmheit zeigt, wenn der Rückenschwung nicht ordentlich durchs Pferd kann?
  • Was tun bei der Diagnose Spat? 

Zunächst wurden alle Teilnehmer ausführlich unter die Lupe genommen. Annikas Analyse zeigte auch deutlich: Wo zeigt die innere Lupe des Pferdes hin? Welche Körperlichen und mentalen Aspekte stehen im Vordergrund? Worauf richten wir häufig unsere Augen und tun wir das überhaupt zurecht? 

Die Überprüfung in der Praxis

In den ersten Praxiseinheiten wurde dann die Beschreibung der Reiter genau überprüft. Für das Kürzer oder Länger treten waren die Themen „Innen und außen“ eine große Sache. Tritt ein Hinterbein kürzer – dann fühlt es sich häufig als äußeres Hinterbein wohler, lässt sich aber als inneres Hinterbein besser korrigieren, weil dabei am Vorgriff gearbeitet wird.

Ein Hoch an dieser Stelle auf die Seitengänge und möglichen Variationen, die uns hier zur Verfügung stehen.
Für die Reiter bedeutete das: ein äußerer Schenkel kann jederzeit zum inneren werden. Wechsel zwischen Renvers und Schulterherein oder Renvers und Gerade gebogen in die jeweilige Bewegungsrichtung spricht das jeweilige Hinterbein gezielt an und fördert die Geschmeidigkeit und den Vorgriff – vor allem im Übergang zwischen den Seitengängen und wenn wir nach einer guten Mitte suchen.

Wie so oft im Leben – eine gute Mitte sorgt für Balance, Losgelassenheit und hilft auch ein gutes Tempo sowie einen guten Takt zu finden. 

Reitest du noch auf einem Problem herum? 

Wir Reiter sind ja dermaßen gut darin, Probleme zu formulieren bzw. klar zu sagen, was man nicht spürt, was man aber gerne hätte. Oft korrigieren wir aber daher auch ganz schnell an falscher Stelle. Das heißt eine Korrektur mit dem indirekten Zügel wird ganz rasch gewählt, macht die Sache aber nicht unbedingt besser. Annika plädierte daher in ihrem Praxisunterricht immer wieder den „Rumpf des Pferdes anzusprechen und aktiv zu reiten“.  Fällt das Pferd auf dem Zirkel oder auf einer geraden Linie nach innen, dann fällt die Nase der Bewegungsrichtung hinterher. Die Korrektur wird am besten über den inneren Schenkel und den direkten äußeren Schenkel eingeleitet. Immer der Nase nach – dieses Sprichwort lässt sich also nur dann korrekt aufs Reiten übertragen, wenn die Hinterbeine die Richtung der Nase vorgeben. 

In den Praxiseinheiten wurde daher schnell klar, was mit innen oder außen und einer inneren oder äußeren Hilfengebung sowie einer diagonalen HIlfengebung gemeint ist. Gemeinsam konnten wir erspüren, warum „abgekürzte oder modernere Formulierungen“ zwar inhaltlich richtig, aber nicht immer so leicht verständlich und daher in der Umsetzung problematisch sein können.

Ist es immer ein Seitengang, der uns hilft? Nein, manchmal reicht auch schon das Gefühl aus, oder anders gesagt die Überprüfung. Kann ich mir vorstellen, jederzeit auf der rechten Hand in einen Renvers zu wechseln? Würde dann mein innerer Zügel stark beansprucht oder eher leicht bleiben? Bräuchte ich den indirekten Zügel überhaupt? Oder habe ich das Gefühl, ich kann den Renvers einleiten, indem ich die Hinterbeine und damit den Rumpf des Pferdes dirigiere? 

Sich selbst auf die Finger klopfen

Wir streben nach Harmonie und Perfektion. Manchmal arbeiten wir aber nicht an dem Thema, das eigentlich dran wäre. So lösen wir das Pferd abwärts, auch wenn wir uns näher mit der Ursache beschäftigen müssten, warum das Pferd jetzt nicht korrekt über den Rücken ging. Die Hand kann dann vermeintlich eine Sache beschönigen, aber die Ursache nicht abstellen. 

Hier spielt uns der dringende Wunsch nach Perfektion einen Streich und verhindert, dass wir eine Leidenschaft für Ursachenforschung entwickeln. So ist es spannend heraus zu finden, ob das Hinterbein nicht vorkommen kann, weil vielleicht sogar eine übermäßige Dehnung Lastaufnahme verhindert. Es kann aber auch sein, dass die äußeren Hilfen nicht klar genug sind. Oder oder oder. Reiten kann so spannend sein, an erster Stelle steht aber das genaue Zuhören und Analysieren. Häufig wollen wir eben etwas reparieren, obwohl wir noch gar nicht wissen, was passiert ist und welches Werkzeug wir brauchen, Hauptsache es fühlt sich wieder einigermaßen rund unter uns an. Dass dabei schon mal ein Hinterbein nach hinten raus gedrückt wird und nicht mehr tragen kann, das ist uns gar nicht so bewusst. 

Von Delfinen und Bulldoggen

Annika hatte immer ein passendes Bild für den jeweiligen Reiter und die Zuschauer parat. Ist ein Pferd vom Muskeltonus eher eine Bulldogge oder ein Windhund? Oder erinnert uns dieses Pferd an einen freundlichen Golden Retriever? Und wenn das Pferd nun eher über einen weichen oder einen festen Muskeltonus verfügt, wie müssen wir dann in der Arbeit vorgehen. 

Meine zwei Warmblutstuten sind genau einmal fest im Tonus (Tarabaya) einmal eher weich (Pina Colada). Für die Arbeit mit Tabby ergibt sich, dass wir die Beweglichkeit insgesamt weich und geschmeidiger bekommen wollen. Das gelingt mir einerseits sehr gut über den Sitz, andererseits heißt das natürlich auch viel an mentaler Losgelassenheit zu arbeiten. Die Trainingsempfehlung für weiche Pferde wie Pina von Annika wäre zb in der Boden- oder Handarbeit zu beginnen und hier auch – selbstverständlich je nach Können und Veranlagung des Pferdes Versammlung für eine verbesserte Straffheit und Körperhaltung zu nutzen. Im Falle von Pina helfen hier sicherlich fleißige Übergänge zwischen Piaffe und Galopp an der Hand und ein besonderes Augenmerk auf ein korrektes Heben des Widerrists insbesondere bei der Schulparade. 

Tipp: Manchmal kann auch musikalische Untermalung helfen, die notwendige Energie im eigenen Körper zu finden und auf das Pferd zu übertragen! 

Für Warmblutstute Amira gab es beispielsweise das Bild eines aus dem Wasser springenden Delfins für die Verbesserung der Galoppade. Delfine, die ins Wasser eintauchen und das mitten im goldenen Herbst. Die Macht der inneren Bilder ist einfach unglaublich. Von der Vorstellung des Reiters ans Pferd übertragen sind die nächsten Galoppsprünge bergauf ganz toll gelungen. 

Kraft aus der Massage? 

Das Motto des Pferdes war ja „Pferde gesund reiten und fit halten durch gezielte Massage“. Nachdem am Samstag die Praxis beim Reiten auf dem Programm stand, wobei gezielt an Energie, Energierichtung und Schiefe gearbeitet wurde, ging es am Sonntag um die Möglichkeit, die Pferde mit einer Massage gezielt zu unterstützen. Dass es dabei nicht um kraftvolle Massage ging, darum geht es im nächsten Blogbeitrag! 

Weiterlesen über Schiefe

Weiterlesen über Schulterherein

Weiterlesen über Kruppeherein

Weiterlesen über Renvers

Fazit: Annika Keller sorgt nicht nur mit guten inneren Bildern für sofort umsetzbare Ergebnisse, ihr ehrlicher und fundierter Unterricht macht Spaß, holt den Schüler ab und ermutigt auch an Schwierigkeiten zu arbeiten!

Prädikat: Sehr empfehlenswert! 

Branderups Querverweise

Branderups Querverweise

Ein Pferd ist immer ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd ist auch nur ein Mensch. 

Bent Branderup

Bent Branderups Theorievorträge sind absolut genial. 

Immer gespickt mit neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung. Was aber sehr ins Herz geht sind die vielen Weisheiten und Anekdoten von Bent. 

Best of Branderup II

Wie soll ein Pferd fußen? 

„Betrachten wir das Auge des Pferdes, dann hat sich die Evolution etwas sehr gescheites einfallen lassen. Pferde können ganz genau sehen, wo der Vorderfuß auffußt. Pferde gibt es länger als den modernen Menschen – und wir bilden uns ein, das Pferd über eine falsche Schwungrichtung über die Karpalgelenke zu schicken. Idealerweise muss der Hinterfuß in die Spur des Vorderfußes kommen. Wenn das Pferd sieht, wo es den Vorderfuß setzt und sieht, wo es sicher ist, dann kann der Hinterfuß nachkommen. Das Pferd ist geländesicher. Hätte die Evolution dies nicht so eingerichtet, wäre das Pferd nicht überlebenssicher. Auch die Formgebung der Hufe muss von der Evolution gut ausgedacht sein, schließlich gibt es in der Wildnis keine Hufpfleger. Und was sehen wir in der Reitbahn? Sieht der Boden nach dem Reiten aus wie ein Handgranatenübungsfeld, dann waren die Hufschniederschläge des Pferdes garantiert falsch.“

Bent Branderup

Zum Turnierreiten

„Wir müssen jede Lektion für das Pferd nutzen und nicht umgekehrt. Wir dürfen uns nicht nach einer gewissen Anzahl an Punkten richten, die man fürs Reiten bekommt. Wir haben aber eine Reitweise erfunden, wo quasi alle das gleiche Pferd reiten müssen, um Punkte zu bekommen. Es können aber auch nicht zwei Balletttänzer den Schwanensee in einer gleichen Weise tanzen. Es müsste darum gehen, die natürliche Fähigkeit des Pferdes nicht zu verderben, sondern die natürlichen Fähigkeiten zu optimieren. Das wäre eigentlich ein Olympiasieg“. 

Bent Branderup

Über Seitengänge

„Wir interessieren uns gar nicht für Seitengänge. Wir interessieren uns ja eigentlich fürs Geraderichten. Wenn man die Seitengänge nicht kann, dann kann man auch nicht geraderichten, das sagte schon Pluvinel“. 

Bent Branderup

„Durch richtige Seitengänge wollen wir die Füße dort hin bringen, so dass wir die Gelenke der Hinterhand unbeschwert beugen können. Die Pardade soll dann das Gefühl von Abwesenheit jeglichen Widerstands sein.“

Bent Branderup

Über Hilfszügel

„Wenn wir die Wirbelsäule steif machen durch Ausbinder, dann reduzieren wir ja die Bewegung der Wirbelsäule und die Beckentätigkeit. Dann leidet ja auch der Vorgriff. Ausbinder sind einfach keine menschlichen Hände, sondern nur menschliche Dummheit“. 

Bent Branderup

Über Glaubenskriege in der Reiterei

„Wir können keine Lehre entwickeln, wo es hießt: man macht es so und alles andere wäre falsch. Es gibt ja auch keine zwei gleichen Pferde. Wir brauchen selbstständig denkende Ausbilder, man muss schließlich verstehen, um zu denken. Man muss als Reiter immer erst verstehen, was man tut, warum man es tut und wann.“

Bent Branderup

Warum wir reiten?

„Man muss nicht mehr reiten, man darf. Es gibt auch keinen Zweck über bunte Stangen zu hüpfen. Der einzige Zweck ist uns geblieben – und der nennt sich Zeit schön zu verbringen. Die Zeit, die wir schön verbringen können wir aber auch inhaltsreich verbringen, indem wir selbst besser darin werden, Pferde auszubilden. Deswegen empfinde ich ein Reiterleben als weggeworfen, wenn man 40 Jahre reitet und keine Ahnung hat und nur transportiert werden will. Das ist ja als wenn man jahrelang einen Italienisch Kurs besucht und dann kann man in Rom noch immer keinen Cafe bestellen.“

Bent Branderup

Gib es einen magischen Knopf zum Reiten? 

„Menschen sind visuell und manuell. Daher wollen wir alles mit den Händen machen. Es gibt aber keine Hebel und Zahnräder, die beim Reiten ineinander passen. Es gibt Pädagogik. Und es geht darum eine gemeinsame Sprache zu erlernen.“ 

Bent Branderup

So sitzen und nicht anderes? 

„Daumenregeln stimmen meistens, aber nicht immer, daher muss man auch beim Sitz verstehen, warum die Regeln stimmen und warum die nicht stimmen – vor allem, warum es jetzt gerade anders ist. Generell gibt es eine Daumenregel nicht über der inneren Hüfte einzuknicken.“

Bent Branderup

„Wir sprechen von einem Dreipunktesitz zwischen den beiden Gesäßknochen und dem Schambein. Das Steißbein wäre auch noch da, hätten wir aber wirklich einen Schweif – im Englischen sprechen wir ja von Tailbone – dann würde der Schweif auf der Innenseite der Wirbelreihe des Pferdes runter hängen (wenn wir auf dem Pferd sitzen). Das gleiche gilt für das Schambein. Schambein und Steißbein geben also die Biegung des Pferdes wider.“

Bent Branderup

„Das Pferd soll den Menschen spiegeln und nicht nur von Absatz und Hand in die Lektion geritten werden. Die Sekundärhilfen kommen nur dann zur Geltung, wenn das Pferd den Menschen nicht spiegelt“. 

Bent Branderup

Über die Formgebung

„Erst wenn die Form mit Leichtigkeit da ist, erst dann kann man Ausdauer kriegen, sonst bekommt man eher Ausdauer in der falschen Muskulatur“. 

Bent Branderup

Über die Kunst

„Passage ist eine Entwicklung der Rumpfträger des Pferdes. Es geht darum, wie ein Künstler mit den Elementen der Reitkunst hantieren zu können. Der Maler hantiert mit Nuancen, aber es gibt ja eigentlich nicht so viele Farben. Er kann aber mit diesen wenigen Farben alle Gemälde auf der Welt machen, wenn er ein guter Handwerker ist. Balance, Losgelassenheit, Formgebung, Tempo, Takt und Schwung sind unsere Elemente, die wir als Reiter für die Kunst benötigen und für unser Handwerk“. 

Bent Branderup


„Der größte Irrtum in der Geschichte der Reitkunst ist, dass es erlaubt wäre mit Gewicht in der Hand zu reiten. Der Unterkiefer der Pferde ist nicht dicker als die Kante einer Cafetasse. Dort Gewicht auflegen zu wollen ist eine horrende Idee der Reitkunst. Es gibt auch historische Pferdekiefer wo wir Schäden finden, aber in den modern gerittenen Pferden finden wir die meisten Schäden“. 

Bent Branderup

Warum es sich lohnt, zu warten in der Ausbildung

„Der Brustkobr des Pferdes ist eerst mit sieben Jahren ausgewachsen. Daher habe ich so wunderbare Zeit, die ich mit dem jungen PFerd am Boden verbringen kann. Ein Muskel kann sich nicht korrekt entwickeln, wenn der Knochen dazu noch nicht ausreichend vorhanden ist, schließlich ist er der Haftungspunkt für den Muskel. Dieser Haftungspunkt muss ausgewachsen sein, damit das Pferd Rumpfmuskulatur und damit Rumpfträger entwickeln kann. Manche Pferde können uns leicht tragen, andere brauchen dafür eine enorme Ausbildung.“ 

Bent Branderup

„Ein geschmeidiges Pferd und ein ungeschulter Hintern fühlt sich an wie ein Aal, der in alle Richtungen weg geht. Das ist dann aber kein Pferdefehler sondern ein Ausbildungsfehler“. 

Bent Branderup

Weitere Zitate gibt es im „Best of Branderup“ Teil 1 zum Nachlesen.

Bent Branderup kommt 2020 wieder nach Österreich.
Verpasse nicht die beiden folgenden Termine:

  • 18. und 19. April, Equimotion, Sandberg bei Mannersdorf (nahe Wien)
  • 4. und 5. Juli, Horse Resort am Sonnenhof, Hart bei Graz

    Interesse an einem Zuschauerplatz? Dann schreib uns eine Mail
Alles seitwärts?

Alles seitwärts?

Vergangenes Wochenende war wieder mal „Bent Time“ angesagt. Im goldig-herbstlichen Ainring bei Salzburg drehte sich alles um Seitengänge. Wobei Drehung das absolut falsche Wort ist. 

Für alle, die es verpasst haben, gibt es meine Zusammenfassung vom Kurs: 

Seitwärts in der Theorie

„Eigentlich geht es gar nicht um seitwärts in den Seitengängen sondern um Balanceverschiebung und ob vier Beine eine korrekte Schwungrichtung wider spiegeln“. 

Bent Branderup

Mit diesen Worten eröffnete Bent Branderup die erste Theorieeinheit. Und praktisch ging es auch gleich weiter. Wer Bewegung verstehen möchte, muss sich mit der Schwerkraft auseinander setzen. Wenn wir einen Seitengang versal (Schulterherein) oder traversal (Kruppeherein) arbeiten, dann sollen die Pferdebeine die korrekte Schwungrichtung der Schwerpunktverlagerung spiegeln. Problematisch ist allerdings, wenn man gegen die Gesetze der Schwerkraft und der Biomechanik verstößt und Knochen in eine falsche Winkelung bringt. Dann ist die Belastung nicht korrekt, Seitengänge können dann für das Pferd Schäden in Knochen, Gelenken usw. verursachen. Wird das junge Pferd dazu während des Wachstums falsch belastset, dann können sich früh Arnthrosen bilden. 

„Der Tierarzt sagt, man soll das Pferd geradeaus auf hartem Boden reiten. Dies ist das veterinärmedizninische Attest an uns Reiter, eigentlich gar nicht reiten zu können“.

Bent Branderup

Das Problem sind also die Scherkräfte, die man aufs Gelenk bringt, wenn man Seitengänge falsch verstanden umsetzt. Der Motor, respektive die Kraft für die Bewegung wird immer aus der Hinterhand erzeugt. Wenn wir Pferde ausbilden, fangen wir laut Bent Branderup allerdings am falschen Ende an. Wir beschäftigen uns gerne mit Kopf, Hals und Schulter, dabei wird die Energie aus der Hinterhand erzeugt.

„Viele Ausbilder werden allerdings schon den Motor kaputt machen, bevor sie überhaupt mit der Arbeit beginnen. Wer die Hinterhand zur Dysfunktion bringt, kann nicht weiter arbeiten“.

Bent Branderup

Bent Branderup zeichnet nun in seinem für ihn typischen Stil in mehreren Farben Becken, Hüftgelenk, Knie, Sprunggelenk, Fesselkopf und Hinterhuf auf ein großes Flipchart. Nun geht es darum, die  Hinterfüße zu ihrer Funktion unter die Körpermasse zu bringen. Wie immer gibt es auch viele Erläuterungen aus der Geschichte:

„Reite die Hinterbeine des Pferdes nach vorne und gib ihm dem Pferd eine Parade, so dass es die Gelenke der Hinterhand beugt.“

Xenophon

„So fragt König Louis XIII. seinen Lehrmeister Pluvinel: „Warum reiten wir all diese Seitengänge“. „Um gerade richten zu können“, antwortet Lehrmeister Pluvinel.“

Bent Branderup

Woher kommt der Vorgriff? 

Wie fußt das Pferd nach vorne? Greifen die Hinterbeine tatsächlich unter die Masse? Auffällig ist das Hüftgelenk für die biomechanische Reise – denn das Hüftgelenk hebt den Fuß nach vorne. Wer ist also für den Vorgriff zuständig? Das Knie kann es nicht sein, denn es führt den Fuß nach hinten. Das Sprunggelenk dispensiert die Bewegung aus dem Kniegelenk. Der Mensch kann im Gegensatz zum Pferd Knie und Sprunggelenk separat bewegen, das Pferd kann dies nicht. Hier sind Knie- und Sprunggelenke durch die Spannsägenkonstruktion in einer engen Zusammenarbeit verbunden. Das Hüftgelenk alleine kann auch nicht dafür zuständig sein, wie das Pferd den Hinterfuß zu Boden setzt, das gesamte Becken Becken muss aktiv werden. Pferde, die allerdings nicht im Becken aktiv genug sind und die Hinterfüße durch Streckstellung von Knie- und Sprunggelenk absetzen, werden es mit Hankenbeugung und korrektem Vorgriff schwer haben. 

Bent Branderup erklärt genau, wie die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule aus einem aktiven Becken entsteht. Das Becken soll sich nach vorne-unten bewegen – und zwar deutlich. Dies wäre unter anderem ein Qualitätsmerkmal in der Blickschulung in Punkto Vorgriff.

„Diese vor- und runter Bewegung des Beckens führt zu einer Tätigkeit im Rücken, die wir Reiter dann als Schwung bezeichnen. Friedrich von Krane erwähnt diesen Begriff der dreidimensionalen Schwingung als erster in der LIteratur.“

Bent Branderup

Besonders betont Bent Branderup auch sein Auge hinsichtlich des Schulterblattes des Pferdes zu schulen. Was macht das Schulterblatt in der Arbeit in den Seitengängen. Die Tätigkeit der linken Hüfte sollte sich automatisch auf die rechte Schulter übertragen. 

Nun wird es praktisch – Branderup demonstriert vor dem Publikum den eigenen Rückenschwung. Wir als Menschen sind Traber, schwingen also auch diagonal. Wenn wir uns in Seitengängen ausprobieren, dann überträgt sich der Rückenschwung auch auf unsere Arme. Bleibt die Schwungrichtung zu den „Hinterbeinen“ passend, dann schwingen auch die Arme in die entsprechende Richtung. 

Wenn wir Seitengänge observieren, dann sollen alle vier Beine des Pferdes eine versale, traversale oder renversale Schwungrichtung zeichnen. Fehlerhaft ist also, wenn ein Beinpaar versal und eines renversal unterwegs ist. 

Die unterschiedlichen Schwungrichtungen machen es für unser Auge möglich zwischen einem Schenkelgänger und einem Rückengänger zu unterscheiden. Balancerichtung muss sich also auch über den Rücken übertragen. Wird aber die Körpermasse förmlich auf den Brukstkorb geschoben, dann muss die Schultermuskulatur den Brustkorb schwer auffangen, die Schwungübertragung und ein lockeres Vorschwingen der Vorderbeine aus der Schulter heraus wird blockiert. 

Da Pferde kein Schlüsselbein haben, übernimmt die so genannten thorakale Muskelschlinge einen Haufen Arbeit. Hier skizziert Bent Branderup die Auswirkung von Zucht und Selektion auf das Pferd. 

„In dem Moment, wo der Brustkorb zu schwer in der Muskulatur hängt, wird die Schulter die Schwingung des Rückens blockieren und aus dem Rückengänger wird ein Schenkelgänger. Das passiert ziemlich leicht, wenn wir auf dem Pferd sitzen, daher haben wir um diesem Phänomen entgegen zu wirken größere und mächtigere Schultern beim Pferd gezüchtet. Quarter Horses haben beispielsweise riesige Schulterblätter. Viel Gewebe kann nun helfen den Brustkorb zu tragen. Weil das Pferd aber mehr Thoraxschlinge bekommt, hat es davon aber nicht bessere Ellenbogen- oder Karpalgelenke. Auch die Hufrolle wurde in dieser Zuchtselektion nicht besser. Im Gegenteil. Wir sehen in der Folge viele Hufrollenbefunde, Verschleißerscheinungen an den Ellenbogen oder Knickbeine. Wenn wir die Pferde auf der Vorhand reiten, dann haben die Tiere ganz sicher Verschleißerscheinungen an der Vorhand. Wir können also ein Schulterblatt größer züchten, aber die Stabilität der Gelenke darunter ist nicht automatisch mit verbessert.“

Bent Branderup

Weiter erklärt Bent Branderup, dass die menschlichen Karpalgelenke eine Drehbewegung schaffen, die Karpalgelenke des Pferdes können das allerdings nicht. Die natürliche Bewegung des Karpalgelenks ist Beugung – daher ist es so wichtig, dass wir in den Seitengängen nicht gegen die Karpalgelenke arbeiten. 

Und noch ein Stichwort zu den schon angesprochenen Schulterblättern

„Je kleiner und aufrechter das Schulterblatt ist, umso mehr kann es sich auf dem Rippenbogen bewegen. Je länger und waagrechter das Schulterblatt ist, umso weniger kann es von der Schwungrichtung abweichen. Daher werden falsche Seitengänge noch problematischer.“

Bent Branderup

Schwierig in der Vorstellung? Dann hat Bent Branderup gleich ein passendes Bild parat. Der Spanier im alten Typ mit viel Campaneo. Unter Campaneo (übersetzt bedeutet es übrigens Glockenspielergang) versteht man eine hohe Knieaktion des Vorderbeins mit einem seitlichen Ausschwingen der Vorderbeine. Campaneo wurde eigentlich als Gangfehler bezeichnet, im Stierkampf macht es diesem Pferd jedoch ein rasches Abweichen von der ursprünglichen Schwungrichtung möglich. Pferde mit einem flachem Brustkorb und flachem Schulterblatt können nur sehr wenig von dieser Schwungrichtugn abweichen. Das unterstreicht warum man Pferde vom alten Spanischen Schlag im Stierkampf oder Rinderarbeit gebrauchen konnte, den Trakehner eher weniger. 

Die Reise der Biomechanik ist jedoch noch nicht zu Ende. Nun spricht Bent Branderup von der Halswirbelsäule, konkret von der Mobilität im sechsten und siebten Halswirbel. Urpferde, Zebras oder andere, nennen wir sie mal „ursprüngliche“ Equiden haben hier eine starke Bandverbindung nach unten für jeden Halswirbel, während die modernen Reitpferde diese Verbindung verloren haben. 

Auch dies führt Bent Branderup als weiteren Grund auf, warum es sich lohnt so pingelig mit den Seitengängen zu arbeiten. 

Woher kommt die Entschleunigung?

Weiter wird nun über Vorgriff und Rückschub diskutiert. Der Huf der Hinterhand des Pferdes muss korrekt auffußen und seine Kräfte ungehindert durch die Körpermasse fließen lassen. Dreht der Fesselkopf des Pferdes nach außen weg, dann ist die korrekte Krafterzeugung verloren gegangen. Auch wenn das Pferd auf der falschen Stelle auffußt ist keine korrekte Beeinflussung der Körpermasse gegeben. 

Für den Reiter bedeutet das unbedingt den Unterschied zwischen vorwärts und rückwärts zu verstehen. Ist das vorgreifende Hinterbein gut gehoben und gut im Vorgriff, dann wird das Pferd den Rücken runden, wenn aber der stehende Hinterfuß quasi dominant ist, dann fällt der Rücken weg. Optisch können wir dies an der fehlerhaften Nickbewegung des Pferdes festmachen.  

„Wenn der rückwärts schiebende Fuß dominant ist, dann sehen wir die Nickbewegung nach hinten oben – daher heißt es ja auch in der Literatur „an die Hand herantreten und über den Rücken gehen“. Akademisch gesehen wollen wir gerne, dass das Hinterbein exakt unter dem Schwerpunkt des Reiters auffusst. Wir wollen, dass Schwerpunkt von Reiter und Pferd zusammenpassen. Haben wir ein Pferd, das von Natur auf dort auffusst, dann wird es einfacher auszubilden sein. Bei manchen Pferden brauchen wir aber die Seitengänge, um es überhaupt zu einem Reitpferd zu machen“.

Bent Branderup

Der Hinterfuß muss gewisse Kräfte erzeugen – die erste und wichtigste Sache ist dabei die Teilnahme an der Entschleunigung. Man stelle sich vor auf einem trabenden Pferd zu sitzen. Der Trab hat eine Schwebephase und nun wollen wir aber entschleunigen – was wird wohl bequemer sein. Die Entschleunigung in der Hinterhand einzuleiten oder in der Vorhand zu bremsen? 

Wenn das Pferd auf die Schulter fällt, ist es freilich nicht nur für den Reiter, sondern auch für sich selbst unbequem. Bent Branderup nimmt uns mit auf eine Reise zur Tragkraft, zur Schubkraft und zur Federkraft, die mit letzterer stark verwandt ist. 

Für den Reiter ist es wichtig, ein Verständnis für den Schwerpunkt des Pferdes zu entwickeln – daher ist auch die Bodenarbeit so ideal, weil wir genau sehen können, was das Pferd mit den Informationen des Reiters tatsächlich macht. 

„Alles, was man tut, muss man sehen – es gibt nichts, was nicht schief gehen kann. Das Problem der Gegenwart liegt darin, dass viele Menschen nach dem Prinzip leben: Fake it, till you make it. Das ist völlig falsch, denn dann wird man ja nur Meister des Täuschens. Unser Motto sollte daher lauten „Fail it till you nail it“. Das korrekte Ergebnis ergibt sich also nur durch die Perspektive auf den Fehler. Wenn wir keine Fehler machen dürfen, dann können wir falsch und richtig ja gar nicht beurteilen“. 

Bent Branderup

Fehler und Problemlösungen wurden dann auch in den Praxiseinheiten aufgespürt. Seitengänge zum Geraderichten, Spüren von Schwungrichtungen und Formgebung der Oberlinie standen im Vordergrund. 

Verliebe dich in den Fehler – dann reitest du Einfach. 

Noch Fragen? Ja bitte!

Noch Fragen? Ja bitte!

Uns Reitern ist eine Sache wohl bewusst. Ein Leben reicht wohl nicht aus, um Reiten zu lernen. Trotzdem lassen wir uns nicht entmutigen und stellen mitunter fest – unser Gegenüber plagen dieselben Fragen.

Seit August ist mein Newsletter wieder aktiv und was mich freut vor allem interaktiv.  Eine Leserin aus der Schweiz hat mir zahlreiche Fragen gemailt, die ich in der heutigen Ausgabe meines VLOGS sehr gerne beantworte.

10 spannende Fragen wurden an mich geschickt – angefangen vom optimalen Start, zur Schulung des Reitersitzes, zu Ausbildungskonzepten, Wiederholungen, dem Streben nach Perfektion und Fragen, die uns als Ausbilder unserer Pferde beschäftigen – all diese Fragen habe ich im folgenden Video beantwortet

Viele Fragen, die meine Schüler häufig beschäftigen, also hautnah aus der Praxis beantworte ich auch laufend in meinem

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Du kannst natürlich auch gerne ein paar Fragen an mich schicken für meine nächste VLOG Ausgabe!

Alles Liebe und Reite Einfach 😉

Bodenarbeit mit den Alten Meistern

Bodenarbeit mit den Alten Meistern

Nach der Grunderziehung kommt das Pferd in die Grundschule. Bodenarbeit, Longieren, erste Gymnastik – welche Ideen hatten die alten Meister dazu? Und wie würden sich Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) zu diesem Thema in einem heutigen Gespräch untereinander austauschen? Für die Ausgabe der Feinen Hilfen, Nummer 17 habe ich die alten Meister zu einer fiktiven Gesprächsrunde gebeten:

Steinbrecht: Meine Herren, immer wieder werde ich gefragt, wie die Grundausbildung eines jungen Reitpferdes vonstattengeht. Dabei ziele ich in erster Linie auf die Erarbeitung einer gemeinsamen Kommunikation. Das junge Pferd muss die Art der Verständigung erst erlernen und mit den Hilfen bekannt gemacht werden, bevor man von ihm überhaupt Gehorsam fordern kann. Gewohnheit, Gewöhnung und Wiederholungen sind hier wichtige Maßeinheiten bei der Ausbildung, die sinnvollerweise zuerst als Bodenarbeit zu beginnen hat. Die Anforderungen müssen sich meiner Ansicht nach ganz deutlich in Grenzen halten und alle Veranlassungen, die zum Widerstand und zu Widersetzlichkeiten führen könnten, vermeiden, bis das Pferd die Wünsche des Reiters verstanden hat.

Pluvinel: Ich sehe, wir sind uns in der Art der Ausbildung sehr ähnlich, mein lieber Steinbrecht, da wir den Kopf des Pferdes in allererster Linie ansprechen.

Steinbrecht: Genau, denn die gemeinsame Sprache, die wir in der Bodenarbeit erarbeiten, dient dazu, die Einwirkung auf das Pferd zuerst vom Boden und später vom Sattel aus zu verfeinern. Stärkere Hilfen sollten so möglichst selten werden.

Guérinière: Ebenso wie übertriebene Hilfsmittel und Strafen eingesetzt werden sollten. Für die gemeinsame Erarbeitung der Kommunikation sind Kappzaum, Longe und Peitsche die ersten und einzigen Hilfsmittel, die man auf einem ebenen Platz benutzen darf, um jungen Pferden, die noch nicht geritten werden, die Grundlagen beizubringen.

Steinbrecht: Ich stimme Ihnen zu, Monsieur. Man longiere das junge Pferd zunächst und lege ihm aber auch noch einen einfachen Gurt und eine Wassertrense an. Man lasse das Pferd auf beiden Seiten in Bewegung kommen. Dabei bin ich aber nachsichtig, was das Einhalten einer genauen Gangart oder die Linie des Zirkels anbelangt. Noch an keine Biegung seines Körpers gewöhnt, wird es stets das Bestreben haben, in gerader Linie den Zirkel zu verlassen und daher bald nach innen bald nach außen abweichen. Diesem Bestreben muss die übereinstimmende Arbeit von Longe und Peitsche in ruhiger Weise entgegen wirken, bis es gelernt hat, sichere Anlehnung an die Leine zu nehmen und deren Führung Folge zu leisten.

Guérinière: Ich erinnere mich, dass Sie auch hier zwei Personen für die Arbeit mit dem jungen Pferd empfehlen. Einer davon hält die Longe, der andere die Peitsche. Derjenige der die Longe hält, muss im Mittelpunkt des Kreises stehen, auf dem er das Pferd schließlich traben lässt. Der Peitschenführer folgt dem Pferd von hinten und treibt es durch leichte Schläge auf die Kruppe – besser aber auf den Boden – vorwärts. Ist ein Pferd 3 bis 4 Mal auf einer Hand herumgelaufen und gehorsam gewesen, so lässt man es anhalten und lobt es. Nachdem man es hat verschnaufen lassen, lässt man es auf der anderen Hand traben und verfährt genauso.

Pluvinel: Sie wählen hier sofort den Trab, werter Guérinière?

Guérinière: Ja, denn der Trab ist ohne Zweifel die Grundlage aller Übungen, um ein Pferd gewandt und gehorsam zu machen. Dabei wird der Körper des Pferdes im Gleichgewicht gehalten, da zwei Beine in der Luft sich beugen, zwei Beine währenddessen auf dem Boden ruhen und damit den Körper stützen. Dadurch bekommen die Beine in der Luft Leichtigkeit und somit ergibt sich der erste Grad von Biegsamkeit in allen Teilen des Körpers.

So gut jedoch eine Sache vom Grundsatz her sein kann, warne ich vor Übertreibungen, denn man darf trotzdem keinen Missbrauch damit treiben, indem man ein Pferd bis zur Ewigkeit traben lässt.

Steinbrecht: Drängt nun unser junges Pferd nach innen, so muss die Peitsche gegen die innere Schulter gerichtet werden, um es hinaus zu schicken. Drängt es aber auf der anderen Hand gearbeitet nach außen, so hat sich der Longenführer passiv zu verhalten und nur darüber zu wachen, dass es nicht ins Stocken gerät. Die Arbeit an der Longe ist als Vorbereitung für die Übungen unter dem Reiter sehr zweckmäßig und in vielen Fällen unentbehrlich. Das rohe Pferd wird dadurch zunächst vertrauter mit dem Menschen gemacht, in der leichtesten Weise an Arbeit, Aufmerksamkeit und Gehorsam gewöhnt und gewinnt bereits an Biegsamkeit und Gewandtheit, insoweit dies seiner natürlichen Schiefe entsprechend möglich ist. Für das Einhalten der korrekten Kreislinie wird dem Pferd bereits einiges abverlangt.

Guérinière: Da gebe ich Ihnen recht. Damit der Trab an der Longe noch nützlicher für Balance und Formgebung wird, muss man sich als Longenführer stets bemühen, den Kopf des Pferdes mit der Longe nach innen zu stellen und gleichzeitig mit der Peitsche die Kruppe hinauszutreiben und sie einen größeren Kreis beschreiben lassen als die Schultern. Ich werde nicht müde zu betonen, welch hohen Stellenwert somit ein leichtes Schulterherein bereits in der frühen Ausbildung des Pferdes einnehmen kann.

Pluvinel: Ich lasse das rohe Pferd als erstes diese Übung machen: Zuvor habe ich ihm zur Gewöhnung bereits ein Gebiss ins Maul gelegt. Außerdem trägt das Pferd einen Kappzaum, der von mir entwickelt wurde. Er ist aus zwei verschiedenen Seilen hergestellt, die sich gut an die Pferdenase anpassen lassen. Beide Seile sind gleich lang und werden von einem Mann gehalten. Ein zweiter Ausbilder geht seitlich vom Pferd mit einer Peitsche, um damit das Pferd vorwärts zu treiben. Es soll sich am Seil mit nach außen gestellter Kruppe bewegen. Dabei achte ich penibel auf das innere Hinterbein, das wir auf dieser Kreislinie vermehrt unter den Leib des Pferdes zum Schwerpunkt hin treten lassen. Auf diese Weise zeigt der Kopf des Pferdes immer nach innen in die Volte hinein, das Pferd ist nach innen gestellt. Durch diese Ausbildung wird dem Pferd die gute Gewohnheit gelehrt, auf den vor ihm liegenden Hufschlag zu schauen. Ich betone, dass diese ersten Übungen immer um den einzelnen Pilaren ausgeübt werden.

Steinbrecht: Ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Pilarenarbeit. Erzählen Sie mehr, Monsieur…

Pluvinel: Nach den ersten Übungen um den einzelnen Pilaren binde ich das Pferd nun zwischen zwei Pilaren an. Ich stelle mich hinter das Pferd und bringe ihm bei, sich ruhig seitwärts hin und her zu bewegen. Zwischen zwei Pilaren ausgebunden lernt unser junges Pferd nun, sich auf Aufforderungen von Gerte und/oder Peitsche in Schritt, Trab und später Galopp zu bewegen und auch seitwärts hin und her zu treten. Der besondere Vorteil liegt in der Korrektur: wenn das Pferd dabei ausweichen möchte, korrigiert es sich durch den aushaltenden Kappzaum selbst und geht dabei präziser und genauer vor, als es ein menschlicher Ausbilder je könnte.

Guérinière: Stellen Sie als Pädagoge schwierige oder leichtere Aufgaben voran?

Pluvinel: Ich, mein geschätzter Guérinière, halte es für sehr gut, mit dem Pferd als erstes Dinge zu üben, die ihm sehr schwer fallen. So finde ich eine Vorgehensweise, die vorwiegend mit dem Kopf, also mit dem Geist des Pferdes arbeitet. Der Körper wird somit nicht überfordert. Der Ausbilder muss dabei den Arbeitseifer hüten, denn die Gutwilligkeit des Pferdes darf unter keinen Umständen erstickt werden.

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