In deinen Augen

In deinen Augen

In der Bodenarbeit geht es darum, eine gemeinsame Kommunikation mit dem Pferd zu entwickeln. Pferd und Mensch lernen eine gemeinsame Sprache.

An dieser Stelle ein Hinweis in eigener Sache. Es gibt ein Online Kurs-Projekt von „Einfach Reiten“, das im Dezember startet und sich ausschließlich dem Thema „Bodenarbeit“ widmet. Neugierig? Dann klicke hier

Und nicht immer funktionieren die Dinge so, wie der zweibeinige Pädagoge dies geplant hat. Miteinander sprechen, bedeutet nicht im Umkehrschluss einander zu verstehen. 

Aus menschlicher Sicht können wir Reiter ohne Luft zu holen, ohne Punkt und Komma sofort gut aufzählen, was nicht gut gelaufen ist, aber wie würde ein Pferd unsere Einwirkung interpretieren? 

Kommunikation als Einbahnstraße? 

Kommunikation ist keine Einbeinstraße, entweder man kommuniziert miteinander und wird verstanden – oder man wird nicht verstanden. 

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick

Wenn wir jedoch die Kommunikation mit dem Pferd genauer unter die Lupe nehmen, wird eine Sache besonders spannend. Wir als Mensch, als Reiter, als Ausbilder, als Freund unseres Pferdes, als Kümmerer und Sorgentante – wir haben in jedem Fall eine Intention. Vielleicht sind wir auch getrieben von einem Terminkalender, Zeitdruck, von unserem Ehrgeiz, vom Ehrgeiz anderer („das Pferd sollte doch endlich etwas können), Erwartungen und Verpflichtungen. 

Das Pferd ist. Meistens ist es gut so, wie es ist.

Wenn ich aber Sätze höre, wie…

„Der ver….dich doch nur.“ „Der will nicht“. „Der führt dich an der Nase herum“. 

Diverse Reiter

…dann ist mein unmittelbarer Gedanke: 

Das Pferd hat keine geplante Absicht für die eine Stunde, die wir am Tag mit ihm verbringen

(oder auch längere Zeit). Das Pferd sitzt nicht morgens in der Box und überlegt sich einen Plan für die Zeit von 15 bis 16 Uhr. Wir schon. Und bei der Umsetzung kann uns auch die eigene Intention, so gut sie gemeint ist, im Wege stehen. 

Ich verwende ja gerne immer wieder Bilder aus der Schauspielerei. Wenn wir die Arbeit mit dem Pferd von außen betrachten, einen Schritt „aus der Szene gehen“. Wie war die Rollenverteilung und Darbietung?
Wer hatte die Hauptrolle? Wer die Nebenrolle? Wer war aktiv? Wer war passiv? Welches Gefühl hat mein Gegenüber in mir ausgelöst. 

Und so kann es schon spannend sein, sich eine Szene aus dem Theater vorzustellen, wobei ein Akteur eine absolut absichtsvoll geleitete, zielbehaftete Kommunikationsstrategie an den Tag legt. Sein Gegenüber ist quasi nur aufs Zuhören beschränkt. Im besten Fall soll der Zuhörer auf das Gesagte reagieren und etwas umsetzen. Aber wie oft fragt der Akteur nach der Meinung des Gegenüber? 

Ein Versuch nachvollziehbarer Kommunikation

Anhand der folgenden Übungen wollen wir Kommunikation von allen Seiten beleuchten. 

Basis-Führübungen

Ziel: Mensch und Pferd laufen nebeneinander. Das Pferd ist mit Halfter und Führseil, Strick oder Longe ausgestattet, der Reiter hält eine Gerte als verlängerten Arm bereit. Möglichst gemeinsam anzugehen und gemeinsam anzuhalten wäre das Ziel. Der Reiter führt sein Pferd einmal auf der linken Hand und einmal auf der Rechten Hand, dabei läuft er leicht versetzt neben der inneren Schulter des Pferdes. 

Was schief läuft aus Reitersicht? 

Der Mensch marschiert los und das Pferd kommt nicht mit. Warum ist das Pferd zurück geblieben? Der Reiter wundert sich, hat er doch extra viel Energie zum Angehen aufgebracht. 

Umgekehrt ist es natürlich auch möglich, dass der Reiter angehen möchte, das Pferd jedoch den Turbo zündet und am Menschen vorbei sprintet. Der Reiter bleibt mit einem großen Fragezeichen im Gesicht stehen. 

Was ist schief gegangen aus Pferdesicht? 

Die Sache fängt ja schon auf der Weide an. Plötzlich war „sie“ da. Man wurde nicht gefragt, ob man mit nach oben zum Stall wollte, man wurde einfach überrumpelt. Dabei bin ich eigentlich der Typ, der lieber bei seiner Herde bleibt. Ich fühle mich ohne meine Pferdefreunde eher unsicher und bin schüchtern. Wird mir dann gerne als „zickige Stute“ umgehängt. Weil ich dem Weg nicht so ganz traue und mich nur ganz schwer von meinen Freunden trenne, bleibe ich öfter mal am Weg von der Weide stehen. Ich spüre Druck am Halfter, das ist sehr unangenehm. Ich verspanne in der Muskulatur und fühle mich gedrängt.

Nach dem Putzen und der Fellpflege sind wir am Platz. Kaum am Platz angekommen ein Ruck am Kappzaum und ich soll stehen. Ehe ich noch drüber nachdenken soll, marschiert der Zweibeiner los und zupft an der Longe. Ich bleibe zurück und weiß überhaupt nicht, was jetzt von mir erwartet wird. Wie sich herausstellt war ich zu langsam und sollte mitkommen. Vorgestern gab es für das Stehen am Platz irrsinnig viel Bestätigung und Lob, heute hat es der Mensch unglaublich eilig, darauf kann ich mich kaum einstellen. 

Jetzt lege ich einen Zahn zu, aber ich merke, so ganz glücklich ist der Zweibeiner nicht über das Tempo. Ich soll halten und werde aber förmlich aus der Bahn geschleudert, ich komme nicht neben dem Menschen zu Stehen…

  • einerseits, weil der Mensch dies völlig überraschend von mir verlangt
  • anererseits, weil ich noch so viel Energie in mir spüre, dass ich gezwungen bin, die Energie um den Menschen Kreiselnd auslaufen zu lassen

Die enge Wendung „schleudert“ meine Hinterhand nach außen. Das ist zwar machbar, aber ich fuße nicht ganz plan, spüre eine Drehbewegung in Knie und Sprunggelenk. Das sollte so nicht sein. Irgendwann verliert der Mensch die Geduld und ein Ruck geht durch das Führseil. Ich reiße den Kopf nach oben, noch immer war ich am Marschieren und nun „bremst“ meine Halswirbelsäule den Bewegungsfluss. Ich fühle mich unwohl und verspannt, ich habe weder die Anweisungen noch die Zurechtweisung verstanden. 

Wenn wir außerdem nebeneinander laufen, kann ich die Signale des Menschen nie gut einordnen. Einmal ist der Mensch direkt neben meiner Schulter, einmal etwas weiter vorne am Hals, manchmal sogar direkt neben der Nase. Dann fühle ich mich stark gebremst und traue mir nicht zu, in flottem Tempo weiter zu laufen. Ich verstehe auch nicht, warum ich einmal vorwärts gehen soll, einmal bremsen – diese Wechsel immer nach ein paar Schritten. So komme ich nie wirklich in einen Bewegungsfluss – egal ob dieser flotter oder langsamer ausgeführt werden soll. Der Mensch ist links neben mir unterwegs. Abgesehen von der ständig wechselnden Position zeigen die Zehenspitzen des Menschen und der Oberkörper mal in meine Richtung, mal dreht sich der Zweibeiner von mir weg. Mir ist nicht klar, in welche Richtung ich gehen soll. Wende ich mich dem Menschen zu, dann wird meine Schulter nach außen getrieben, suche ich mehr Distanz passt es auch wieder nicht! Es ist verdammt schwer, meinen Menschen zu lesen. Zwischendurch gib es ein emotionales Feuerwerk. Habe ich etwas richtig gemacht? Mit lauter Stimme und Gekreische, wird mein Hals geklopft. Dabei schmerzt es noch immer von dem ruckartigen Kontakt mit dem Seil. Ich kenne mich immer weniger aus. Scheinbar gelingt es mir nie, die Zeichen des Menschen richtig zu deuten. 

Was läuft richtig aus Pferdesicht? 

Wir stehen nebeneinander. Der Mensch steht neben mir. Ich kann ihn seitlich neben mir gut beobachten und sehen. Ich kann auch die Intention des Menschen gut interpretieren. Jetzt lehnt sich der Mensch nach vorne und belastet die Zehenspitzen, ich fühle mich mitgenommen, eingeladen, es gleich zu tun. Gemeinsam gehen wir an und spazieren nebeneinander her. Ich mag es nicht, allzu schnell zu gehen. Ich bin schon etwas älter, brauche ein wenig Zeit mich einzulaufen. Der Mensch weiß das und stellt sich auf mein Tempo ein. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich kann Vertrauen fassen. Auf mich wird gehört, meine Meinung zählt. Früher war ich temperamentvoller, da ist der Mensch auch gerne etwas flotter neben mir gelaufen. Man hört mir zu und ich höre auch gerne zu: Wenn der Mensch zulegt, beeile ich mich mit zu kommen. Ich bekomme viel positives Feedback, wenn ich die Zeichen und Signale des Menschen auf eine gewisse Art interpretiere. Wenn wir ganz gleichzeitig angehen und stehen bleiben, dann bekomme ich am meisten Lob. Das gibt mir ebenso Vertrauen und Selbstsicherheit. Ich kann mich gut an der Richtung orientieren, der Mensch läuft eine klare Linie, ich weiß wo wir hingehen und ich kann gut herauslesen, wann wir stehen bleiben werden. Der Mensch atmet aus, ganz bewusst, die Energie wird scheinbar eingezogen. Wenn die Atmung den Menschen scheinbar zusammen sinken lässt, dann bleibe ich stehen. Ach ja, Atmung ist ein gutes Stichwort. Ich habe das Gefühl der Mensch atmet sehr gleichmässig und geregelt. Das gibt mir auch mentale Sicherheit. Wenn gesprochen wird, dann leise und mit einer ruhigen Stimme, auch das mag ich. 

Es liegt im Auge des Betrachters

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Diese richtet sich an das innere Auge des Ausbilders. Wenn sich der Reiter wirklich ein klares Bild zurecht legt, wie er die Zeit mit seinem Pferd verbringen wird – und damit ist die Zeit gemeint, in der Zwei- und Vierbeiner gemeinsam etwas lernen wollen, dann wird es ratsam sein, sich auch über dieses „Wollen“ Gedanken zu machen. 

Auch das Pferd muss wollen, es muss mitmachen, verstehen wollen. Es muss einen Sinn hinter dem gemeinsamen Tun entdecken. 

Ist die Stunde pädagogisch wertvoll geplant, dann lassen sich die einzelnen Inhalte leicht umsetzen. Im Falle der Führübungen bedeutet dies, jede einzelne Bewegung bewusst zu planen und umzusetzen. 

Bewusst den Platz, das Klassenzimmer zu betreten. Bewusst hinzuhören, ob das Pferd bereit ist, zuzuhören. Ist es mit den Gedanken, Augen und Ohren eher „draußen“ auf der Weide bei seinen Freunden, dann müssen wir zunächst seine Aufmerksamkeit gewinnen. 

Haben wir dieses Etappenziel erreicht, dann können wir uns auf ein gemeinsames Angehen und Stehenbleiben fokussieren. Das Ziel ist, wirklich gemeinsam los zu marschieren und gemeinsam stehen zu bleiben. Hier darf das Pferd nicht überfallen werden – auch mit unserer Körpersprache können wir das Pferd im wahrsten Sinne des Wortes „anbrüllen“. 

In unserem Alltag benutzen wir unsere Körpersprache nur noch sehr gering. Logisch, wenn wir sagen oft „A“, meinen aber „B“. Dazu zwingt uns schon die berufliche Etikette. Unser Körper findet diese Gaukelei übrigens auch nicht sonderlich prickelnd. Stress äußert sich dann auch häufig in körperlichen Beschwerden, vom Magenzwicken angefangen bis hin zur Übelkeit. Je besser wir im Alltag mit uns selbst umgehen, umso besser können wir auch mit unseren Pferden kommunizieren. 

Sich bewusst in seinem Körper zu bewegen, Bewusstsein für Ausdruck zu gewinnen, hier schließt sich der Kreislauf, denn ein klares Bild über die geplante Bewegung hilft enorm bei der Umsetzung. 

Was wäre wenn? 

Was ist zu tun, wenn Pferd und Mensch nicht gleichzeitig in Bewegung kommen? War hier der Mensch zu voreilig? Wurde die geplante Bewegung nicht bewusst eingeleitet? War das Pferd möglicherweise gar nicht bei der Sache? War der Mensch in seinen Bewegungen zu überrumpelnd? 

Auch wenn die Sache nicht läuft, wie geplant, ist es hilfreich, sich über die möglichen Korrekturen Gedanken zu machen. Und das am besten schon vorab, damit man bei einer Panne nicht panisch und hektisch reagiert. 

Was tun, wenn das Pferd nicht mitkommt? Warten, weiter den Schwerpunkt nach vorne verlagern und ein wenig Energie mit dem verlängerten Arm (Gerte) in Richtung Hinterhand schicken. Das Gefühl schulen, hinsichtlich der Frage: Kann ich überhaupt wahrnehmen, ob das Pferd bei mir ist, gleichzeitig angeht? 

Was tun, wenn das Pferd überholt? Am besten selbst einen Zahn zulegen, wenn man die „gemeinsame Blase“ sonst verlässt. Nur auf Höhe der Schulter kann ich sanft durch ein paar Wellen am Seil, die jedoch nie in einem Ruck enden dürfen durchparieren. Auch die Gerte kann etwas vor das Pferd gebracht werden, der verlängerte Arm trägt somit zur Entschleunigung bei. Das kleinste Reagieren auf das Zurücknehmen des eigenen Körpers und die vermehrte Belastung der Fersen wird sofort vom Mensch bestätigt. Das Pferd hat gut zugehört. 

Was, wenn das Pferd zu langsam ist? Würde ich mir selbst empfehlen ständig zu treiben? Vermutlich nicht. Warum fällt es mir selbst schwer, hier um ein ordentliches Vorwärts zu bitten? 

Es gibt viele Variationen und Möglichkeiten für das „Was wäre wenn Spiel“. Je ausführlicher alle Eventualitäten vor dem Training betrachtet werden, umso situationselastischer kann der Reiter als Ausbilder seines Pferdes reagieren. 

In diesem Beispiel mag die Ansicht des Pferdes äußerst trivial abgebildet sein. Man muss nicht alle Situationen, die nicht rund laufen in ganz spezifische Fachbegriffe wie „Hypophysen“, „Sympathikus“ und „Parasymphatikus“ zerlegen. Dann wird es noch komplizierter, die Dinge zu verstehen. Wir können uns die Dinge auch oft einfacher vorstellen – dadurch erhalten wir eine ziemlich konkrete Vorstellung über die eigenen Unklarheiten in Punkto Körpersprache und Kommunikation. Und letztlich ist alles Kommunikation. Vom Boden bis zum Ritt im Sattel. 

Wenn du mehr über meinen Onlinekurs zum Thema Bodenarbeit wissen möchtest, dann klicke hier


Ich höre auf zu reiten

Ich höre auf zu reiten

Ich reite verdammt gerne. Seit meiner Kindheit. Aber wenn ich recht überlege, dann war das Reiten eigentlich nie der Grund dafür, mit Pferden zusammen zu sein. 

In diesem Blogartikel geht es um die Frage:

  • Müssen wir tatsächlich reiten?
  • Welche Möglichkeiten gibt es in Punkto Bodenarbeit
  • Warum wir unsere Pferde nicht mehr reiten können

Wie alles begann

Seit meinem fünften Lebensjahr reite ich. Die Faszination für Pferde lässt mich seit mehr als 33 Jahren nicht mehr los. Vermutlich hat alles schon viel früher angefangen. Ich habe als Kind unzählige Pferde gezeichnet. Immer und immer wieder. Ich hatte das riesige Glück direkt neben einem Trakehnergestüt groß zu werden. Stundenlang habe ich sehr zum Leidwesen meiner Mutter auf dem Misthaufen verbracht. Nicht weil ich eine olfaktorische Leidenschaft für Pferdemist entwickelt hatte, sondern weil man vom Misthaufen aus die Pferdeweiden überblicken konnte und auch in die kleine Reithalle schauen konnte. Fasziniert habe ich bei den Reitstunden zugesehen oder wenn die Jungpferde auf der Weide tobten. 

Das Zusammensein mit Pferden war am Wichtigsten. Das Reiten war eigentlich Nebensache. Trotzdem kann ich mich noch ganz genau erinnern, wie sich die Bewegungen der Stute „Kaldea“ angefühlt haben. Das erste große Pferd, auf dem ich meine erste richtige Reitstunde hatte. Ein Abbild Kaldeas sollte mir später wieder begegnen. Als ich das Buch „Reiten auf Kandare“ von Bent Branderup viele Jahre später in den Händen hielt, war es doch fast Kaldea, die auf dem Titelbild in einer wunderbaren Levade vom Cover strahlte. Wie ich später herausfand, war die Stute Kaskade, genannt „Miss Ellie“ tatsächlich über die Stutenfamilie der Kassette mit Kaldea verwandt gewesen. Die Pferdewelt gleicht doch einem Dorf. So habe ich auch mein kleines „gallisches Dorf“ gefunden – in der Familie rund um die Akademische Reitkunst wurde ich fündig. 

Seit 2008 beschäftige ich mich intensiv mit der Akademischen Reitkunst nachdem ich auf meinem Weg mit den Pferden nach den unbeschwerten Jahren in meiner Kindheit und Jugend mit den Trakehnerpferden dann doch auch einige Sackgassen und unüberwindbare Engstellen entdeckt hatte. Ich habe in der Akademischen Reitkunst nicht nur das Reiten neu entdeckt, sondern auch eine ganz andere Welt kennen lernen dürfen, die ich heute auch an viele Pferde und Menschen als Trainer weiter geben darf. 

Am Boden der Tatsachen

Als ich die Akademische Reitkunst kennen lernte, lernte ich auch die Arbeit am Boden kennen. Heute haben wir viele verschiedene Facetten am Boden zur Verfügung. Was sich hier in den letzten Jahren der Akademischen Reitkunst getan hat, versetzt mich noch heute ins Staunen. Ein weiterer Pluspunkt der Gemeinschaft innerhalb der Ritterschaft ist der offene und wertschätzende Umgang miteinander und der Austausch, von dem wir alle profitieren. So habe ich zu Beginn primär die Handarbeit neben dem Pferd kennen gelernt, damals aber noch nicht einhändig geführt mit der Hand über dem Widerrist, sondern beidhändig, eine Hand nahe am Trensenring, oder am Kappzaum, eine Hand am Widerrist. Mittlerweile gibt es Bodenarbeit von vorne geführt in der Frontposition, die eben schon angesprochen Handarbeit von innen und von außen geführt, die sehr differenzierte Art zu Longieren im Fortgeschrittenen Longieren, wo von der Arbeit mit den Seitengängen bis zur Levade der Fantasie quasi keine Grenzen gesetzt sind. Weiter geht es mit dem Crossover, der von der Bodenarbeit, zur Handarbeit, zum Longieren auch noch die Möglichkeit eröffnet, einen fließenden Übergang in die Langzügelposition zu arbeiten und daraus wieder entweder innen oder außen neben dem Pferd weiter zu arbeiten.

Mehr über den Crossover kannst du hier nachlesen!

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Seit Mai 2017 begleitet mich mein junger Lipizzaner Conversano Aquileja genannt Konrad. Mit Konrad war der Start wunderschön. Neben ihm muss ich einfach immer strahlen und glücklich sein. Konrads selbstbewusstes, geerdetes Auftreten, sein unheimlich sozialer Umgang mit anderen Pferden hat mich in den Bann geschlagen – und ebenso hat sich der Umgang in der Arbeit gestaltet. Keine Aufgabe war Konrad zu schwer, immer war er mit voller Energie und Eifer dabei, wehe nur, es wurde langweilig. Ich habe es sehr genossen mein Pferd in der Boden- und Longenarbeit genau zu beobachten. Konrad ist vom Stockmaß her das „kleinste“ meiner Pferde. Er ist zwar noch etwas gewachsen, trotzdem geht sich mit ihm Handarbeit besser aus, als mit meiner großen Pina, bei der ich Mühe habe, die Zügelhand, einhändig geführt über dem Widerrist zu halten. Konrad fand jedoch Longieren weitaus besser – ich hatte auch lange Zeit das Gefühl, dass es ihm besser gefiel mich zu spiegeln und parallel mit etwas Abstand zueinander zu tanzen. Wenn etwas gut gelungen ist, hat er sich stolz aufgerichtet und überprüft, ob es wohl genug Publikum gibt. 

Erst zwei Jahre später hat er wirklich Begeisterung für die Handarbeit gezeigt. Handarbeit ist ein tolles Tool, um das Pferd auf das Reiten vorzubereiten. Mit dem Reiten halte wir es nach wie vor sehr kurz und selten. Ich kann die wenigen Reiteinheiten tatsächlich noch abzählen und bin nach wie vor sehr gerne am Boden unterwegs. Dort gelingt die Kommunikation auf Augenhöhe besser. Aus dem Sattel heraus finde ich ein unmittelbares Lob und vor Freude „Ausrasten“ wenn etwas richtig toll gelingt noch immer schwer – vor allem, wenn es darum geht den Flow zu erhalten. Ich kann Konrad freilich spüren und heute, wo ich diese Zeilen schreibe hatten wir wieder ein sehr schönes Reiterlebnis miteinander. 

Vielleicht ist es aber auch diese innige Beziehung, die wir vom Boden aus geschaffen haben, die in mir die Frage aufkommen hat lassen – ob ich auch ohne Reiten glücklich wäre. Die Antwort lautet klar und deutlich Ja. Aber das hat auch sehr viel mit dem Feedback zu tun, das mir Konrad gibt. Auch unser Youngster Amena zeigt sich begeistert und gibt mir und meiner Kollegin Julia Kiegerl bei der Arbeit ein unheimlich schönes Feedback. 

Muss man wirklich Reiten? 

Natürlich muss man nicht. Ich reite für mein Leben gerne, aber trotzdem kam mir im heurigen Jahr immer wieder die „Sinnfrage“. 

Und in einer Sinnkrise kann man gerne bei den „Besten“ nachschlagen: 

„Das edle Pferd ist nicht nur das zum Reitdienst geeignetste Tier, sondern das am vielseitigsten begabte Geschöpf in der ganzen Tierwelt“.

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht sagt also, das Pferd sei am geeignetsten, um darauf zu reiten. Aber wie sieht es tatsächlich mit der Eignung des Pferdes als Reitpferd aus? 

Spannend ist freilich immer die Auseinandersetzung mit Biomechanik und Anatomie. 

Fakt ist: Wir sitzen auf einem Tier, das stark vorhandlastig ist. Fakt ist, wir sitzen auf einem Pferd, das über kein Schlüsselbein verfügt. Fakt ist, der Brustkorb sackt mit der zusätzlichen Belastung durch das Reitergewicht stark ab. Und daher ist Fakt, dass wir dem Pferd eine ordentliche Ausbildung  zukommen lassen müssen, damit es uns überhaupt (er)trägt. 

„Die richtige Dressur ist daher eine naturgemäße Gymnastik für das Pferd, durch die seine Kräfte gestählt, seine Glieder gelenkig gemacht werden. Durch sie werden die kräftigen Teile zugunsten der schwächeren zu größerer Tätigkeit angehalten, diese durch allmähliche Übung gestärkt, und verborgene Kräfte, die aus natürlichem Hang zur Bequemlichkeit vom Pferd zurückgehalten werden, hervorgerufen, wodurch endlich volkommene Harmonie im Zusammenwirken der einzelnen Glieder mit ihren Kräften entsteht, die das Pferd befähigt, auf die leisesten Hilfen seines Reiters solche geregelten und schönen Bewegungen andauernd und zwanglos auszuführen, die es aus eigenem Antrieb nur in Augenblicken der Erregung flüchtig zeigt.“

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht geht also davon aus, dass wir Pferde reiten können – und zwar auch jene, die körperlich nicht ideal gebaut sind: 

„Der Reiter muss daher seine Kunst hauptsächlich auf schwache und ungünstig, ja fehlerhaft gebaute Pferde verwenden, und bei diesen die Dressur zur Heilgymnastik erheben. Wie diese Kunst in unserer Zeit so große Anerkennung gefunden hat, dass Verkrümmungen des menschlichen Körpers oder krankhafte Zustände einzelner Glieder nicht durch eiserne Maschinen, sondern nur durch entsprechende gymnastische Übungen geheilt oder vermindert werden können, so kann der Bereiter bei recht klarem Verständnis seiner Kunst viele natürliche Mängel und Übelstände beim Pferd beseitigen und bei solchen Fehlern und Gebrechen, die ihm durch Missbrauch oder Unverstand früherer Reiter beigebracht sind, oft wahre Wunder wirken, indem er sie durch entsprechende Richtung des Pferdekörpers oft gründlich zu heilen vermag, nachdem alle tierärztliche Helfe vergebens angewendet war.“

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht beschreibt also, was möglich ist durch profunde Ausbildung. Ausbildung muss nicht unbedingt vom Sattel aus stattfinden, die Basis wird ohnehin bestenfalls vom Boden geschaffen. Bodenarbeit wirkt sich effektiv auf den Pferdekörper aus – aber auch auf die Menschen

Die Auswirkungen der Bodenarbeit

Es gibt da zwei Seiten – einerseits höre ich immer wieder von Schülern, der Rest der (vorwiegend reitenden) Stallgemeinschaft würde das „Laufen vor dem Pferd“, das „zu Fuß gehen“ einfach nicht verstehen. Ein Pferd sei doch zum Reiten da? Andererseits gibt es Schüler, die ihr Pferd nicht mehr reiten – entweder soll das Pferd aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr geritten werden oder aber der Reiter darf aus physischen Gründen nicht mehr in den Sattel steigen. 

Für beide Fälle bietet die Bodenarbeit mit ihren vielfaltigen Facetten eine wunderbare Möglichkeit, miteinander eine Kommunikation zu entwickeln und zu tanzen. Und in manchen Fällen wurde durch gezielte Bodenarbeit ein Comeback im Sattel sogar wieder möglich. Manche Zweibeiner verzichten dann aber sogar aufs Reiten. Sie haben so viel Freude an der gemeinsamen Sprache mit dem Pferd gefunden, so macht das „gemeinsame Projekt“ am Boden so viel Freude, dass sie sich trotzdem nicht in den Sattel schwingen. Ganz böse Zungen würden dann behaupten, sie trauten sich nicht mehr zu reiten. Na und? Und selbst wenn. Wer schreibt uns denn vor, dass man ein Pferd unbedingt zu reiten habe? Und noch spannender die Frage: Warum muss man eine solche Entscheidung überhaupt kommentieren? 

„Was macht die Entscheidung eines anderen mit mir, warum „muss“ ich hier meine Meinung kund tun? Spricht die Entscheidung des anderen, nicht zu reiten einen Punkt bei mir selbst an, der mir offenkundig nicht bewusst war?“

Ich frage mich oft, wie die Ausbildung meiner Stute Barilla verlaufen wäre, hätte ich auf meinen aktuellen Werkzeugkoffer der Akademischen Reitkunst aus der Bodenarbeit zurück greifen können, die eben 2008 bei weitem noch nicht so detailliert war, wie heute. Ich schaue mit Vorfreude in die Zukunft, denn es kommen sicherlich noch einige Variationen und Möglichkeiten hinzu. 

Ich weiß, dass ich jedenfalls mit gutem Gewissen in den Sattel meiner Pferde steigen darf (mit Ausnahme Amena, der ist beim Schreiben dieser Zeilen gerade mal drei Jahre alt und wird sicherlich noch mehr als ein Jahr am Boden der Tatsachen verbringen) – aber nicht muss. Und ich freue mich, dass ich heute auch bewusster über das Reiten nachdenke. 

Seit 1986 sitze ich regelmässig im Sattel – und das habe ich bisher eigentlich noch nie in Frage gestellt. 

Reiten = Verpflichtung

Als Reiter ist es jedoch meine Pflicht, mich mit den physischen und mentalen Begebenheiten auseinander zu setzen. Das bedeutet in erster Linie Wert zu legen auf eine gute Haltung. Eine Haltung, in der das Pferd seiner Natur entsprechend Bewegungsmöglichkeiten vorfindet. Das Pferd verbringt in der Natur zahlreiche Stunden mit der Nase am Boden. Es sucht nach Nahrung und legt eine gehörige Wegstrecke zurück. Es lebt im Herdenverband und darf seine sozialen Kontakte auch ausleben. Meine Pferde leben ausnahmslos in Gruppenhaltung. Sie befinden sich mehr als 12 Stunden täglich auf einem Paddock Trail mit ganzjährig zugänglichen Allwetterwiesen und Weiden im Sommer. Haltung im Privatleben bedeutet eben nicht nur die Haltungsform (Box, Paddock, Trail, Koppelgang) gut durchdacht auszuwählen, sondern auf die natürliche Körperhaltung des Pferdes anzustimmen. 

Dazu gehört weiter ein Verständnis für Biomechanik, Verständnis für Psychologie und Pädagogik, sowie ein laufender Aktualitätsbezug. Erst vor kurzem bin ich in sozialen Medien über eine Studie gestolpert, die sich mit der „progressiven Rückbildung der Nackenplatte beim domestizierten Pferd“ beschäftigt hat. Kurz gesagt: Bei der Studie wurden 88 domestizierte Pferde sowie weitere 10 Tiere aus der Familie der Equiden (Esel, Zebra) seziert. Das Resultat: Die Nackenplatte ist nicht mehr so, wie in den Lehrbüchern skizziert zu sehen. Für den Reiter insofern interessant, da der Nackenplatte eine wesentliche Funktion hinsichtlich der Tragekompetenz des Pferdes zugeschrieben wird. 

Man darf gespannt sein, ob sich unsere Kenntnisse über das Reiten in den nächsten Jahren zunehmend in die Richtung entwickeln, deutlich weniger häufig in den Sattel zu steigen. Müssen wir unser Reiten anpassen oder kann die Zucht wieder zu den ursprünglichen Pferdetypen zurück finden, deren Biomechanik maßgeblich bei der Verfassung noch heute aktueller Reitvorschriften beteiligt war? 

Wenn wir uns viele Fragen stellen, dann reiten wir vielleicht nicht immer Einfacher – aber möglicherweise bewusster – und wir entwickeln uns stetig weiter 🙂 

PS: Wie geht es dir beim Lesen dieser Zeilen? Hat du dir diese „Sinnfrage“ auch schon öfter gestellt? Ich freue mich über dein Feedback per Mail oder du hinterlässt mir hier einen Kommentar. 

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Noch bei Sinnen?

Noch bei Sinnen?

Das Pferd hat Probleme die Hufe zu geben, das Pferd fürchtet sich vorm Fliegenspray, das Pferd kann nicht durch die Lamellen beim Paddock laufen, das Pferd lässt sich nicht verladen. Das Pferd reißt sich an der Longe los. 

Nein, hier kommt jetzt nicht der nächste Verhaltenstherapeut ins Spiel, sondern die Ergotherapie. Aber reden wir zuerst über meinen Konrad und Pfernetzt. 

Vor zwei Jahren habe ich Ruth Katzenberger-Schmelcher bei „Pfernetzt“ kennen gelernt. Pfernetzt war ein zweitägiges Event rund um verschiedene Pferde-Themen. Ruth war mit dem Team „Shetty Sport“ vor Ort, ich habe über die Akademische Reitkunst referiert. Man war sich sofort sympathisch und besonders spannend im laufenden Austausch fand ich Ruths Erzählungen rund um die Ergotherapeuten Ausbildung für Pferde, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester Yvonne gestartet hat.

Als ich meinen Lipizzaner Konrad auf der Weide beobachtet habe, ist mir die Sache mit der Ergotherapie wieder eingefallen. Ergotherapie arbeitet mit den drei Basis-Sinnen der Pferde, das heißt es geht um das taktile, das propriozeptive und das vestibuläre Sinnessystem. Über diese Sinne findet laufend Kommunikation an Nervensystem und Gehirn statt – und so entscheidet sich auch, wie Pferde in verschiedenen Situationen handeln. Das taktile System ist für die Wahrnehmung der Oberflächensensibilität zuständig, das propriozeptive System teilt dem Pferd auf beispielsweise unebenem Untergrund mit, wie die Gelenke zueinander stehen, es ordnet im weiteren Sinne die Bewegung und sorgt dafür, dass sich das Pferd auf diesem Untergrund zurecht findet, das vestibuläre System ist ein enger Mitarbeiter, schließlich kümmert es sich um das Gleichgewicht

Ergotherapie kümmert sich bei Mensch und Pferd um die Schulung der Basissinne. Aus der Humanergotherapie weiß man, dass der Therapeut vorwiegend daran arbeitet, die Handlungsfähigkeit des Patienten und somit dessen Alltag zu verbessern – und das klappt auch mit einigen Adaptionen für Pferde. 

Ich habe mich daher riesig gefreut, dass ich das Buch von Ruth Katzeberger-Schmelcher und Yvonne Katzenberger noch vor der Veröffentlichung lesen durfte und – wenn ich möchte, darf ich euch darüber erzählen. Weil mir das Buch so gut gefallen hat, kann ich dazu nur sagen:

Und wie ich möchte!!

Warum mich die Ergotherapie für Pferde interessiert? 

Einerseits habe ich in den Gesprächen mit Ruth und Yvonne zahlreiche Gemeinsamkeiten in der täglichen Arbeit mit Pferden festgestellt. Arbeitet die Akademische Reitkunst ebenso mit Balance und Schwerpunktverlagerungen, geht es nicht nur um ein gesundes Reitpferd – dass sich die Bewegungskompetenz auch ins vierbeinige Privatleben übertragen lässt, ist eine weitere spannende Parallele.
Zurück zu Konrad – mein Lipizzaner ist auf den unendlichen Alm-Weiden im steirischen Piber groß geworden. Bergauf bergab wurden seine Basis Sinne geschult, das propriozeptive System hat verhindert, dass sich Konrad beim wilden Galopp bergab über Stock und Stein vertritt, das taktile System wurde mit Sicherheit im Umgang in der großen Männer WG geschult und das Gleichgewicht ebenso, schließlich steht den heranwachsenden Lipizzanern ein riesiges Areal in den steirischen Bergen zur Verfügung. 

Aktuell wohnt Konrad im Offenstall. Die gut geschulten Sinne meines Pferdes wollte ich auch weiterhin gut erhalten – und neben den großzügigen Weiden, deren Untergrund mal flach, mal steiler, mal weich, mal steinig ist, steht uns freilich auch das Training der Akademischen Reitkunst zur Verfügung. Und der Wald. Allerdings wird im Wald gerade fleissig gearbeitet und aufgrund der Forstarbeiten ist unsere wurzelige, anspruchsvolle Kletterrunde gesperrt. Und aktuell macht auch der Regen Outdoor Aktivitäten schwer.

Perfekt, dass ich das Buch von Ruth und Yvonne in die Finger bekommen habe – und darüber möchte ich euch sehr gerne nun mehr erzählen: 

Worum gehts in dem Buch

Zunächst werden die Grundlagen und die Basissinne aus der Ergotherapie vorgestellt. Und das durchaus anspruchsvoll. Das Buch richtet sich an den interessierten Pferdebesitzer wie auch an potenzielle, angehende Ergotherapeuten. Dafür gibt es viele Anregungen, den Stall ergotherapeutisch zu adaptieren, Therapiepläne, Fallbeispiele und Lösungen. 

Ziel ist es die Wahrnehmung des Pferdes zielgerichtet hinsichtlich aller drei Basissinne zu schulen. 

„So wird dem Pferd beispielsweise mit Hilfe von Massagebällen und -rollen, Wippen, Matten, Polstern, Podesten oder der gezielten Anordnung von Bodenstangen eine Bandbreite an Sinneserfahrungen ermöglicht. Die Vermittlung dieser Sinneserfahrungen soll dem Pferd bei der Verarbeitung und Integration von taktilen, proprziozeptiven und vestibulären Reizen helfen“. 

Ergotherapie für Pferde, Ruth Katzenberger-Schmelcher, Yvonne Katzenberger

Das klingt kompliziert? 

„Ergotherapie für Pferde“ ist durchaus anspruchsvoll, aber nicht zu kompliziert geschrieben. Der Tipp für angehende Therapeuten den Kunden nicht durch grobes „Fachchinesisch“ zu überfordern, fand ich absolut wertvoll. Gerade in der jüngsten Zeit boomen Ausbildungen für Ostheopathie, Physiotherapie oder Cranio Sakraler Therapie in der Pferdebranche. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass viele Trainer absichtlich „Fachchinesisch“ sprechen, um die eigene Kompetenz hervorzukehren. Mir persönlich ist es aber wichtig, dass meine Schüler alle Inhalte absolut nachvollziehen und auch nacharbeiten können. Nicht umsonst habe ich meinen Blog „Einfach Reiten“ genannt. Ein guter Therapeut muss auch komplexe Sachverhalte einfach runter brechen können und dem Reiter bildhaft erklären können, warum welche Trainingsempfehlung oder Therapie skizziert wird. Das ist Ruth und Yvonne jedenfalls auch mit ihrem Buch gelungen. 

Training oder Therapie

„Ergotherapie für Pferde“ stellt eine kreative Bandbreite an Übungen für Pferde vor, die sich ganz an die Basissinne richten. Tücher, Bänder, Massagerollen, Massagebälle, bunter Stangensalat, verschiedene Untergründe zum Drüberlaufen und vieles mehr. Ich war wirklich positiv überrascht von den vielen Ideen und Inspirationen, die im Buch gegeben werden – und diese lassen sich auch ganz sicher ohne großen Materialaufwand umsetzen!

Was passiert wenn…

„Das einzige Pferd, das sich so verhält wie im Lehrbuch, steht im Lehrbuch drin“. 

Diesen Satz kennen meine Schüler zur Genüge, wenn wir darüber diskutieren, dass das eigene Pferd ja völlig anders ist. 

Hier gefällt mir auch der Ansatz der beiden Autorinnen für angehende Therapeuten – und ich möchte auch hinzufügen für Reiter beziehungsweise die unter sich fachsimpelnde Stallgemeinschaft: 

„Im Bezug auf die Beobachtung des Pferdes sollte der Therapeut auch darauf achten, nicht in eine Stereotypisierung zu verfallen. Menschen haben bestimmte Vorstellungen von den Vertretern bestimmter Pferderasse“. 

Ergotherapie für Pferde, Ruth Katzenberger-Schmelcher, Yvonne Katzenberger

Hier pochen die Autorinnen auf die notwendige Neutralität dem jeweiligen Pferd gegenüber. 

Zahlreiche Übungen 

Ich habe im Buch zahlreiche Übungen gefunden, die in der kommenden grauen Jahreszeit das Training der Propriozeption für meine Lipizzaner Youngster bestimmt abwechslungsreich und durchdacht gestaltet. Aber auch für das Training an sich finden sich spannende Erklärungen für interessierte Reiter. 

So werden beispielsweise die Grundgangarten des Pferdes unter die Lupe genommen, wobei dem Schritt – Stichwort Propriozeption  eine grundlegende Eigenschaft attestiert wird. Der Schritt reagiert nämlich am schnellsten auf propriozeptive Dysbalancen. Muskuläre Verspannungen und Taktfehler werden sichtbar, gerade im Schritt müssen die Propriozeptoren Höchstarbeit leisten. Für den Reiter, der sein Pferd schonend und durchdacht gymnastizieren möchte bietet das Buch also auch noch allerhand Erklärungen, passend zur Trainingslehre. 

Das Pferd aus dem Lehrbuch

Zurück zu unserem „Musterbeispiel“. Leider gibt es eben nur ein Pferd, das sich so verhält wie im Lehrbuch. Und das steht im Lehrbuch drin. Damit auch alle Eventualitäten berücksichtigt werden können, gehen Ruth und Yvonne bei sämtlichen Übungen auf sämtliche Facetten ein. 

Zunächst wird jede Übung hinsichtlich der Funktion für das Pferd genau beschrieben. Die Anwendungsbereiche werden thematisiert – und selbstverständlich werden auch Kontraindikationen gennant – wenn das Pferd beispielsweise einen akuten Spatschub hat oder unter Rehe leidet, sollten gewisse Übungen nicht durchgeführt werden. Ruth und Yvonne nennen auch Alternativen, wenn die Übung für das Pferd zu anspruchsvoll ist oder – wenn die Übung so gut gelingt, dass der Schwierigkeitsgrad gesteigert werden kann. In großen Infoboxen wird auch sehr übersichtlich dargestellt, worauf man besondere Rücksicht nehmen muss und wie lange die Arbeit mit dem Pferd dauern sollte. Ist für den Aufbau eines Übungsparcours viel Zeit einzuplanen? Dann gibt es auch weniger zeitintensive Übungen, die ohne große Vorbereitungszeit umgesetzt werden können. 

Ich habe sehr viele spannende Übungen in „Ergotherapie für Pferde“ entdeckt und gratuliere Ruth und Yvonne sehr herzlich zu diesem gelungenen Buch. 

Für alle, die ich nun neugierig gemacht habe: Mehr Infos zum Buch gibt es unter folgendem Link.

Mit Ruth habe ich auch mal einen Podcast zum Thema Ergotherapie aufgenommen . Die Folge gibt es hier zum Nachhören!

Schulen wir die Basissinne unseres Pferdes, dann Reiten wir Einfach 😉 


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RIP Herbert

RIP Herbert

Wie kann man sein Pferd abseits des Trainings dem jeweiligen Muskeltyp entsprechend unterstützen?

Am Sonntag stand beim Kurs mit Annika Keller das Thema „Massage“ im Vordergrund. 

Von Muskeln und Mäusen…

Herbert ist 22 Jahre alt, grundsätzlich könnte er ein athletischer Typ sein. Er lebt gemütlich mit seiner Familie, nennen wir sie mal Bindegewebe im Ort Körper, genauer im kleinen Dorf Gluteus. 

Auf Herbert werden wir später in der sehr anschaulichen Theorie mit Annika noch zurück kommen. 

Bewegung ist aller Anfang

Bevor wir uns aber in der langen Theorieeinheit am Sonntag dem Thema Massage widmen, beantwortet Annika Fragen der Teilnehmer. Beispielsweise wird anhand einer Frage zur Hyperflexion das Erlernen eines Bewegungsmusters diskutiert. Bewegungsmuster können, so schildert es Annika über einen langen Zeitraum antrainiert sein, sie können aber durch Nutzung verschiedener Verhaltensmuster oder unter Zwang erzeugt werden. Der Körper reagiert auf die Bewegungsmuster entweder durch Ausweichmechanismen oder durch Kompensation. 

Eine Bewegung, die erzwungen und nicht durch Eigendynamik entwickelt wird, wirkt sich negativ auf den gesamten Körper aus. 

Wir Reiter haben daher einen wichtigen Job: Vereinfacht gesagt bedeutet das, wir müssen den Inhalt reiten und nicht die Lektion. Biomechanisch betont gesagt: Werde dir als Reiter immer bewusst, warum du überhaupt welche Bewegungskompetenz beim Pferd ausbilden möchtest. 

Wertschätzung bis in die Zelle

„Alles wird gut“. Tatsächlich? Rund um die Akademische Reitkunst haben wir das Glück mit vielen Menschen zu tun zu haben, die sich mit dem Wohlbefinden des Pferdes auseinander setzen.

Gesundheit ist unschätzbar wertvoll. Ich habe irgendwo mal aufgeschnappt, dass es für Springpferde eine gewisse Anzahl an Sprüngen in ihrem Leben gibt – wird dann quasi über die Kilometerleistung geritten, dann wirkt sich das negativ auf den Körper (und oft auf den Geist aus). Damit soll jetzt nicht das Springreiten kritisiert werden, sondern die Frage erörtert werden, ob Schäden tatsächlich durch beispielsweise ostheopatische Behandlungen oder den Chiropraktiker „wieder gut“ gemacht werden können. 

Annika erklärt an dieser Stelle, dass sich Zellen nach einer bestimmten Zeit an ein Bewegungsmuster erinnern können, – gute wie schlechte. Auch eine für den Körper „schlechte“ Bewegung, die 17 Jahre lang trainiert wird, kann vom Pferd in diesem Fall als Überlebensnotwendig interpretiert werden. 

Wie kann man also die Negativspirale durchbrechen. Training, das der individuellen Biomechanik und der Geschichte des jeweiligen Pferdes entspricht ist eine Seite der Medaille, die andere ist mit Sicherheit Zeit. Heilung bedeutet demnach nicht: „Plötzlich ist wieder alles gut“. 

Heilung mit ostheopatischer Unterstützung bedeutet dem Körper bei dessen Neuordnung Hilfestellung zu geben. Und dadurch zum Beispiel mit Verletzungen und deren Auswirkungen umgehen zu können.

Warum können wir eigentlich reiten? 

Nachdem wir über mögliche Verspannungen, Schutzmechanismen usw, beim Pferd diskutiert hatten und auch die Frage erörtert hatten, ob Dehnungshaltung bei einem festgehaltenen Rücken überhaupt sinnvoll ist, wenn das Pferd sich mental und physisch nicht lösen kann, kam natürlich die Frage auf: Wie ist es überhaupt möglich, dass wir auf einem Pferd sitzen und es reiten können? 

Beim Reiten wünschen wir uns auf keinen Fall eine negative Umkehr des normalen Bewegungsempfindens. Wir möchten nicht, dass das Pferd kompensiert noch eine Schutzhaltung für unser Vergnügen einnimmt. 

Ein gutes Privatleben steht an erster Stelle

Für Pferde bedeutet das – jede kleine Blockade oder Festigkeit kann sich leichter lösen, wenn das Pferd in einer möglichst artgerechten Haltung leben darf. Auch wenn das Pferd nicht geritten wird, kann es zu Blockaden oder einer Steifheit kommen, allerdings lösen sich bei einem guten Privatleben die meisten Probleme von selbst – auch so wie bei uns. 

Es heißt im Leben nicht umsonst, man darf sich nicht zuviel aufladen. Umgekehrt bedeutet das – wir müssen dem Pferd zeigen, wie es sich mit uns Menschen auf dem Buckel zurecht findet. 

Ein Pferd, das nicht geritten wird, hält sich anders als ein Reitpferd. Die Haltung des Reitpferdes ist etwas, das wir aktiv mit dem Pferd verändern können – das ist auch der einzige Grund, warum wir Pferde reiten können – weil sie sich eben als Reitpferde anders halten können. Und wie wir diese Haltung kommunizieren – das ist Sache der Reitkunst. 

Die Wirbelsäule – ein Jungbrunnen

Alle ursprünglichen Aktivitäten wie Yoga, Pilates oder Heilmassage beschäftigen sich mit der Beweglichkeit der Wirbelsäule. Und das nicht umsonst – denn von der Beweglichkeit der Wirbelsäule hängt viel ab, wie der Rest unseres Körpers später funktioniert. Jedes Organ wird von der Wirbelsäule aus ange“funkt“ und alle Extremitäten werden von ihr aus gesteuert. Verletzt sich ein Pferd am Bein hat dies eben auch eine Auswirkung auf die Wirbelsäule. 

Wir brauchen also eine dreidimensionale Bewegung in der Wirbelsäule damit wir überhaupt reiten können. Und dann brauchen wir natürlich eine entsprechende Bewegungsqualität. Und an Bewegung sind auch immer Muskeln beteiligt. 

Die Sache mit Herbert

Der gesamte Körper besteht aus Bindegewebe, aber jedes Bindegewebe hat seine ganz eigene Form und Aufgabe. Die Muskelfaser Herbert hat letzten Sonntag also zwei Stunden Yoga gemacht. Und plötzlich schrecken alle Zuhörer, die gebannt gelauscht hatten hoch. Herbert? Wer ist nun Herbert? 

Annika hat ein sehr bildhaftes Beispiel für uns parat. Herbert ist eine Muskelfaser, die eben letzten Sonntag zwei Stunden Yoga gemacht hat. Herbert war beim Training echt am Limit. Nun gut, das ist noch untertrieben: Das Yoga hat Herbert getötet. Eine massive Überanstrengung von Fasern kann zu deren Absterben führen. Diese Muskelfasern bleiben als Abfallprodukte zurück. Nun grübelt das ganze Auditorium. Was ist der Unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Muskelkater. Und wer sollte auf wen hören? Der Mensch, der als Personal Trainer sein Pferd motiviert und anfeuert oder sollte sich das Pferd mehr Gehör verschaffen, wenn der „Trainer“ nicht hört, dass es einfach nicht mehr kann? Und ist es zum Zeitpunkt dieser Message bereits zu spät für „Herbert“, die kleine Muskelfaser. 

Bewusst gesund

Gesundheit und gute Bewegung hat also, einmal mehr mit viel Achtsamkeit und Bewusstsein zu tun. Annikas Theorievortrag hat sich mit sämtlichen Fragen beschäftigt, vor allem aber, wie wir aus einem Pferd ein Reitpferd machen – und wie wir die Ausbildung durch Massage begleiten können. 

Dass Massage kein Kraftakt sein muss, das haben wir dann in der Übung der verschiedenen Druckstufen an uns selbst ausprobiert. Dann ging es an die Pferde, denen wir auch hier gut zuhören müssen. Magst du diese Druckstufe? Wo und an welcher Körperzone bist du empfindlich? Entspannt standen unsere Pferde in der Halle und ließen sich durch Annikas Erklärungen nicht stören. Für jedes Pferd hatte sie auch einen individuellen Vorschlag für die Massagegriffe bereit. Fazit: ein sehr gelungenes Kurswochenende!

Irgendwie war es dann ganz komisch, die Frau Kollegin zum Flughafen zu bringen, schließlich hatten Annika und ich eine intensive Arbeitswoche. Zum Glück nicht unser letztes Treffen – schließlich wollen wir für euch etwas ganz spezielles basteln 😉 

Meine Empfehlung: Wer die Gelegenheit hat, bei einem Kurs mit Annika teilzunehmen, lasse sich die Chance nicht entgehen! 

Mehr Informationen über Annika gibt es auf ihrer Website

Einen Podcast zum Nachhören gibt es hier

Denke an die Zellen – besonders an Herbert, dann Reitest du Einfach 😉 

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