Ich höre auf zu reiten

Ich höre auf zu reiten

Ich reite verdammt gerne. Seit meiner Kindheit. Aber wenn ich recht überlege, dann war das Reiten eigentlich nie der Grund dafür, mit Pferden zusammen zu sein. 

In diesem Blogartikel geht es um die Frage:

  • Müssen wir tatsächlich reiten?
  • Welche Möglichkeiten gibt es in Punkto Bodenarbeit
  • Warum wir unsere Pferde nicht mehr reiten können

Wie alles begann

Seit meinem fünften Lebensjahr reite ich. Die Faszination für Pferde lässt mich seit mehr als 33 Jahren nicht mehr los. Vermutlich hat alles schon viel früher angefangen. Ich habe als Kind unzählige Pferde gezeichnet. Immer und immer wieder. Ich hatte das riesige Glück direkt neben einem Trakehnergestüt groß zu werden. Stundenlang habe ich sehr zum Leidwesen meiner Mutter auf dem Misthaufen verbracht. Nicht weil ich eine olfaktorische Leidenschaft für Pferdemist entwickelt hatte, sondern weil man vom Misthaufen aus die Pferdeweiden überblicken konnte und auch in die kleine Reithalle schauen konnte. Fasziniert habe ich bei den Reitstunden zugesehen oder wenn die Jungpferde auf der Weide tobten. 

Das Zusammensein mit Pferden war am Wichtigsten. Das Reiten war eigentlich Nebensache. Trotzdem kann ich mich noch ganz genau erinnern, wie sich die Bewegungen der Stute „Kaldea“ angefühlt haben. Das erste große Pferd, auf dem ich meine erste richtige Reitstunde hatte. Ein Abbild Kaldeas sollte mir später wieder begegnen. Als ich das Buch „Reiten auf Kandare“ von Bent Branderup viele Jahre später in den Händen hielt, war es doch fast Kaldea, die auf dem Titelbild in einer wunderbaren Levade vom Cover strahlte. Wie ich später herausfand, war die Stute Kaskade, genannt „Miss Ellie“ tatsächlich über die Stutenfamilie der Kassette mit Kaldea verwandt gewesen. Die Pferdewelt gleicht doch einem Dorf. So habe ich auch mein kleines „gallisches Dorf“ gefunden – in der Familie rund um die Akademische Reitkunst wurde ich fündig. 

Seit 2008 beschäftige ich mich intensiv mit der Akademischen Reitkunst nachdem ich auf meinem Weg mit den Pferden nach den unbeschwerten Jahren in meiner Kindheit und Jugend mit den Trakehnerpferden dann doch auch einige Sackgassen und unüberwindbare Engstellen entdeckt hatte. Ich habe in der Akademischen Reitkunst nicht nur das Reiten neu entdeckt, sondern auch eine ganz andere Welt kennen lernen dürfen, die ich heute auch an viele Pferde und Menschen als Trainer weiter geben darf. 

Am Boden der Tatsachen

Als ich die Akademische Reitkunst kennen lernte, lernte ich auch die Arbeit am Boden kennen. Heute haben wir viele verschiedene Facetten am Boden zur Verfügung. Was sich hier in den letzten Jahren der Akademischen Reitkunst getan hat, versetzt mich noch heute ins Staunen. Ein weiterer Pluspunkt der Gemeinschaft innerhalb der Ritterschaft ist der offene und wertschätzende Umgang miteinander und der Austausch, von dem wir alle profitieren. So habe ich zu Beginn primär die Handarbeit neben dem Pferd kennen gelernt, damals aber noch nicht einhändig geführt mit der Hand über dem Widerrist, sondern beidhändig, eine Hand nahe am Trensenring, oder am Kappzaum, eine Hand am Widerrist. Mittlerweile gibt es Bodenarbeit von vorne geführt in der Frontposition, die eben schon angesprochen Handarbeit von innen und von außen geführt, die sehr differenzierte Art zu Longieren im Fortgeschrittenen Longieren, wo von der Arbeit mit den Seitengängen bis zur Levade der Fantasie quasi keine Grenzen gesetzt sind. Weiter geht es mit dem Crossover, der von der Bodenarbeit, zur Handarbeit, zum Longieren auch noch die Möglichkeit eröffnet, einen fließenden Übergang in die Langzügelposition zu arbeiten und daraus wieder entweder innen oder außen neben dem Pferd weiter zu arbeiten.

Mehr über den Crossover kannst du hier nachlesen!

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Seit Mai 2017 begleitet mich mein junger Lipizzaner Conversano Aquileja genannt Konrad. Mit Konrad war der Start wunderschön. Neben ihm muss ich einfach immer strahlen und glücklich sein. Konrads selbstbewusstes, geerdetes Auftreten, sein unheimlich sozialer Umgang mit anderen Pferden hat mich in den Bann geschlagen – und ebenso hat sich der Umgang in der Arbeit gestaltet. Keine Aufgabe war Konrad zu schwer, immer war er mit voller Energie und Eifer dabei, wehe nur, es wurde langweilig. Ich habe es sehr genossen mein Pferd in der Boden- und Longenarbeit genau zu beobachten. Konrad ist vom Stockmaß her das „kleinste“ meiner Pferde. Er ist zwar noch etwas gewachsen, trotzdem geht sich mit ihm Handarbeit besser aus, als mit meiner großen Pina, bei der ich Mühe habe, die Zügelhand, einhändig geführt über dem Widerrist zu halten. Konrad fand jedoch Longieren weitaus besser – ich hatte auch lange Zeit das Gefühl, dass es ihm besser gefiel mich zu spiegeln und parallel mit etwas Abstand zueinander zu tanzen. Wenn etwas gut gelungen ist, hat er sich stolz aufgerichtet und überprüft, ob es wohl genug Publikum gibt. 

Erst zwei Jahre später hat er wirklich Begeisterung für die Handarbeit gezeigt. Handarbeit ist ein tolles Tool, um das Pferd auf das Reiten vorzubereiten. Mit dem Reiten halte wir es nach wie vor sehr kurz und selten. Ich kann die wenigen Reiteinheiten tatsächlich noch abzählen und bin nach wie vor sehr gerne am Boden unterwegs. Dort gelingt die Kommunikation auf Augenhöhe besser. Aus dem Sattel heraus finde ich ein unmittelbares Lob und vor Freude „Ausrasten“ wenn etwas richtig toll gelingt noch immer schwer – vor allem, wenn es darum geht den Flow zu erhalten. Ich kann Konrad freilich spüren und heute, wo ich diese Zeilen schreibe hatten wir wieder ein sehr schönes Reiterlebnis miteinander. 

Vielleicht ist es aber auch diese innige Beziehung, die wir vom Boden aus geschaffen haben, die in mir die Frage aufkommen hat lassen – ob ich auch ohne Reiten glücklich wäre. Die Antwort lautet klar und deutlich Ja. Aber das hat auch sehr viel mit dem Feedback zu tun, das mir Konrad gibt. Auch unser Youngster Amena zeigt sich begeistert und gibt mir und meiner Kollegin Julia Kiegerl bei der Arbeit ein unheimlich schönes Feedback. 

Muss man wirklich Reiten? 

Natürlich muss man nicht. Ich reite für mein Leben gerne, aber trotzdem kam mir im heurigen Jahr immer wieder die „Sinnfrage“. 

Und in einer Sinnkrise kann man gerne bei den „Besten“ nachschlagen: 

„Das edle Pferd ist nicht nur das zum Reitdienst geeignetste Tier, sondern das am vielseitigsten begabte Geschöpf in der ganzen Tierwelt“.

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht sagt also, das Pferd sei am geeignetsten, um darauf zu reiten. Aber wie sieht es tatsächlich mit der Eignung des Pferdes als Reitpferd aus? 

Spannend ist freilich immer die Auseinandersetzung mit Biomechanik und Anatomie. 

Fakt ist: Wir sitzen auf einem Tier, das stark vorhandlastig ist. Fakt ist, wir sitzen auf einem Pferd, das über kein Schlüsselbein verfügt. Fakt ist, der Brustkorb sackt mit der zusätzlichen Belastung durch das Reitergewicht stark ab. Und daher ist Fakt, dass wir dem Pferd eine ordentliche Ausbildung  zukommen lassen müssen, damit es uns überhaupt (er)trägt. 

„Die richtige Dressur ist daher eine naturgemäße Gymnastik für das Pferd, durch die seine Kräfte gestählt, seine Glieder gelenkig gemacht werden. Durch sie werden die kräftigen Teile zugunsten der schwächeren zu größerer Tätigkeit angehalten, diese durch allmähliche Übung gestärkt, und verborgene Kräfte, die aus natürlichem Hang zur Bequemlichkeit vom Pferd zurückgehalten werden, hervorgerufen, wodurch endlich volkommene Harmonie im Zusammenwirken der einzelnen Glieder mit ihren Kräften entsteht, die das Pferd befähigt, auf die leisesten Hilfen seines Reiters solche geregelten und schönen Bewegungen andauernd und zwanglos auszuführen, die es aus eigenem Antrieb nur in Augenblicken der Erregung flüchtig zeigt.“

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht geht also davon aus, dass wir Pferde reiten können – und zwar auch jene, die körperlich nicht ideal gebaut sind: 

„Der Reiter muss daher seine Kunst hauptsächlich auf schwache und ungünstig, ja fehlerhaft gebaute Pferde verwenden, und bei diesen die Dressur zur Heilgymnastik erheben. Wie diese Kunst in unserer Zeit so große Anerkennung gefunden hat, dass Verkrümmungen des menschlichen Körpers oder krankhafte Zustände einzelner Glieder nicht durch eiserne Maschinen, sondern nur durch entsprechende gymnastische Übungen geheilt oder vermindert werden können, so kann der Bereiter bei recht klarem Verständnis seiner Kunst viele natürliche Mängel und Übelstände beim Pferd beseitigen und bei solchen Fehlern und Gebrechen, die ihm durch Missbrauch oder Unverstand früherer Reiter beigebracht sind, oft wahre Wunder wirken, indem er sie durch entsprechende Richtung des Pferdekörpers oft gründlich zu heilen vermag, nachdem alle tierärztliche Helfe vergebens angewendet war.“

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht beschreibt also, was möglich ist durch profunde Ausbildung. Ausbildung muss nicht unbedingt vom Sattel aus stattfinden, die Basis wird ohnehin bestenfalls vom Boden geschaffen. Bodenarbeit wirkt sich effektiv auf den Pferdekörper aus – aber auch auf die Menschen

Die Auswirkungen der Bodenarbeit

Es gibt da zwei Seiten – einerseits höre ich immer wieder von Schülern, der Rest der (vorwiegend reitenden) Stallgemeinschaft würde das „Laufen vor dem Pferd“, das „zu Fuß gehen“ einfach nicht verstehen. Ein Pferd sei doch zum Reiten da? Andererseits gibt es Schüler, die ihr Pferd nicht mehr reiten – entweder soll das Pferd aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr geritten werden oder aber der Reiter darf aus physischen Gründen nicht mehr in den Sattel steigen. 

Für beide Fälle bietet die Bodenarbeit mit ihren vielfaltigen Facetten eine wunderbare Möglichkeit, miteinander eine Kommunikation zu entwickeln und zu tanzen. Und in manchen Fällen wurde durch gezielte Bodenarbeit ein Comeback im Sattel sogar wieder möglich. Manche Zweibeiner verzichten dann aber sogar aufs Reiten. Sie haben so viel Freude an der gemeinsamen Sprache mit dem Pferd gefunden, so macht das „gemeinsame Projekt“ am Boden so viel Freude, dass sie sich trotzdem nicht in den Sattel schwingen. Ganz böse Zungen würden dann behaupten, sie trauten sich nicht mehr zu reiten. Na und? Und selbst wenn. Wer schreibt uns denn vor, dass man ein Pferd unbedingt zu reiten habe? Und noch spannender die Frage: Warum muss man eine solche Entscheidung überhaupt kommentieren? 

„Was macht die Entscheidung eines anderen mit mir, warum „muss“ ich hier meine Meinung kund tun? Spricht die Entscheidung des anderen, nicht zu reiten einen Punkt bei mir selbst an, der mir offenkundig nicht bewusst war?“

Ich frage mich oft, wie die Ausbildung meiner Stute Barilla verlaufen wäre, hätte ich auf meinen aktuellen Werkzeugkoffer der Akademischen Reitkunst aus der Bodenarbeit zurück greifen können, die eben 2008 bei weitem noch nicht so detailliert war, wie heute. Ich schaue mit Vorfreude in die Zukunft, denn es kommen sicherlich noch einige Variationen und Möglichkeiten hinzu. 

Ich weiß, dass ich jedenfalls mit gutem Gewissen in den Sattel meiner Pferde steigen darf (mit Ausnahme Amena, der ist beim Schreiben dieser Zeilen gerade mal drei Jahre alt und wird sicherlich noch mehr als ein Jahr am Boden der Tatsachen verbringen) – aber nicht muss. Und ich freue mich, dass ich heute auch bewusster über das Reiten nachdenke. 

Seit 1986 sitze ich regelmässig im Sattel – und das habe ich bisher eigentlich noch nie in Frage gestellt. 

Reiten = Verpflichtung

Als Reiter ist es jedoch meine Pflicht, mich mit den physischen und mentalen Begebenheiten auseinander zu setzen. Das bedeutet in erster Linie Wert zu legen auf eine gute Haltung. Eine Haltung, in der das Pferd seiner Natur entsprechend Bewegungsmöglichkeiten vorfindet. Das Pferd verbringt in der Natur zahlreiche Stunden mit der Nase am Boden. Es sucht nach Nahrung und legt eine gehörige Wegstrecke zurück. Es lebt im Herdenverband und darf seine sozialen Kontakte auch ausleben. Meine Pferde leben ausnahmslos in Gruppenhaltung. Sie befinden sich mehr als 12 Stunden täglich auf einem Paddock Trail mit ganzjährig zugänglichen Allwetterwiesen und Weiden im Sommer. Haltung im Privatleben bedeutet eben nicht nur die Haltungsform (Box, Paddock, Trail, Koppelgang) gut durchdacht auszuwählen, sondern auf die natürliche Körperhaltung des Pferdes anzustimmen. 

Dazu gehört weiter ein Verständnis für Biomechanik, Verständnis für Psychologie und Pädagogik, sowie ein laufender Aktualitätsbezug. Erst vor kurzem bin ich in sozialen Medien über eine Studie gestolpert, die sich mit der „progressiven Rückbildung der Nackenplatte beim domestizierten Pferd“ beschäftigt hat. Kurz gesagt: Bei der Studie wurden 88 domestizierte Pferde sowie weitere 10 Tiere aus der Familie der Equiden (Esel, Zebra) seziert. Das Resultat: Die Nackenplatte ist nicht mehr so, wie in den Lehrbüchern skizziert zu sehen. Für den Reiter insofern interessant, da der Nackenplatte eine wesentliche Funktion hinsichtlich der Tragekompetenz des Pferdes zugeschrieben wird. 

Man darf gespannt sein, ob sich unsere Kenntnisse über das Reiten in den nächsten Jahren zunehmend in die Richtung entwickeln, deutlich weniger häufig in den Sattel zu steigen. Müssen wir unser Reiten anpassen oder kann die Zucht wieder zu den ursprünglichen Pferdetypen zurück finden, deren Biomechanik maßgeblich bei der Verfassung noch heute aktueller Reitvorschriften beteiligt war? 

Wenn wir uns viele Fragen stellen, dann reiten wir vielleicht nicht immer Einfacher – aber möglicherweise bewusster – und wir entwickeln uns stetig weiter 🙂 

PS: Wie geht es dir beim Lesen dieser Zeilen? Hat du dir diese „Sinnfrage“ auch schon öfter gestellt? Ich freue mich über dein Feedback per Mail oder du hinterlässt mir hier einen Kommentar. 

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Noch bei Sinnen?

Noch bei Sinnen?

Das Pferd hat Probleme die Hufe zu geben, das Pferd fürchtet sich vorm Fliegenspray, das Pferd kann nicht durch die Lamellen beim Paddock laufen, das Pferd lässt sich nicht verladen. Das Pferd reißt sich an der Longe los. 

Nein, hier kommt jetzt nicht der nächste Verhaltenstherapeut ins Spiel, sondern die Ergotherapie. Aber reden wir zuerst über meinen Konrad und Pfernetzt. 

Vor zwei Jahren habe ich Ruth Katzenberger-Schmelcher bei „Pfernetzt“ kennen gelernt. Pfernetzt war ein zweitägiges Event rund um verschiedene Pferde-Themen. Ruth war mit dem Team „Shetty Sport“ vor Ort, ich habe über die Akademische Reitkunst referiert. Man war sich sofort sympathisch und besonders spannend im laufenden Austausch fand ich Ruths Erzählungen rund um die Ergotherapeuten Ausbildung für Pferde, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester Yvonne gestartet hat.

Als ich meinen Lipizzaner Konrad auf der Weide beobachtet habe, ist mir die Sache mit der Ergotherapie wieder eingefallen. Ergotherapie arbeitet mit den drei Basis-Sinnen der Pferde, das heißt es geht um das taktile, das propriozeptive und das vestibuläre Sinnessystem. Über diese Sinne findet laufend Kommunikation an Nervensystem und Gehirn statt – und so entscheidet sich auch, wie Pferde in verschiedenen Situationen handeln. Das taktile System ist für die Wahrnehmung der Oberflächensensibilität zuständig, das propriozeptive System teilt dem Pferd auf beispielsweise unebenem Untergrund mit, wie die Gelenke zueinander stehen, es ordnet im weiteren Sinne die Bewegung und sorgt dafür, dass sich das Pferd auf diesem Untergrund zurecht findet, das vestibuläre System ist ein enger Mitarbeiter, schließlich kümmert es sich um das Gleichgewicht

Ergotherapie kümmert sich bei Mensch und Pferd um die Schulung der Basissinne. Aus der Humanergotherapie weiß man, dass der Therapeut vorwiegend daran arbeitet, die Handlungsfähigkeit des Patienten und somit dessen Alltag zu verbessern – und das klappt auch mit einigen Adaptionen für Pferde. 

Ich habe mich daher riesig gefreut, dass ich das Buch von Ruth Katzeberger-Schmelcher und Yvonne Katzenberger noch vor der Veröffentlichung lesen durfte und – wenn ich möchte, darf ich euch darüber erzählen. Weil mir das Buch so gut gefallen hat, kann ich dazu nur sagen:

Und wie ich möchte!!

Warum mich die Ergotherapie für Pferde interessiert? 

Einerseits habe ich in den Gesprächen mit Ruth und Yvonne zahlreiche Gemeinsamkeiten in der täglichen Arbeit mit Pferden festgestellt. Arbeitet die Akademische Reitkunst ebenso mit Balance und Schwerpunktverlagerungen, geht es nicht nur um ein gesundes Reitpferd – dass sich die Bewegungskompetenz auch ins vierbeinige Privatleben übertragen lässt, ist eine weitere spannende Parallele.
Zurück zu Konrad – mein Lipizzaner ist auf den unendlichen Alm-Weiden im steirischen Piber groß geworden. Bergauf bergab wurden seine Basis Sinne geschult, das propriozeptive System hat verhindert, dass sich Konrad beim wilden Galopp bergab über Stock und Stein vertritt, das taktile System wurde mit Sicherheit im Umgang in der großen Männer WG geschult und das Gleichgewicht ebenso, schließlich steht den heranwachsenden Lipizzanern ein riesiges Areal in den steirischen Bergen zur Verfügung. 

Aktuell wohnt Konrad im Offenstall. Die gut geschulten Sinne meines Pferdes wollte ich auch weiterhin gut erhalten – und neben den großzügigen Weiden, deren Untergrund mal flach, mal steiler, mal weich, mal steinig ist, steht uns freilich auch das Training der Akademischen Reitkunst zur Verfügung. Und der Wald. Allerdings wird im Wald gerade fleissig gearbeitet und aufgrund der Forstarbeiten ist unsere wurzelige, anspruchsvolle Kletterrunde gesperrt. Und aktuell macht auch der Regen Outdoor Aktivitäten schwer.

Perfekt, dass ich das Buch von Ruth und Yvonne in die Finger bekommen habe – und darüber möchte ich euch sehr gerne nun mehr erzählen: 

Worum gehts in dem Buch

Zunächst werden die Grundlagen und die Basissinne aus der Ergotherapie vorgestellt. Und das durchaus anspruchsvoll. Das Buch richtet sich an den interessierten Pferdebesitzer wie auch an potenzielle, angehende Ergotherapeuten. Dafür gibt es viele Anregungen, den Stall ergotherapeutisch zu adaptieren, Therapiepläne, Fallbeispiele und Lösungen. 

Ziel ist es die Wahrnehmung des Pferdes zielgerichtet hinsichtlich aller drei Basissinne zu schulen. 

„So wird dem Pferd beispielsweise mit Hilfe von Massagebällen und -rollen, Wippen, Matten, Polstern, Podesten oder der gezielten Anordnung von Bodenstangen eine Bandbreite an Sinneserfahrungen ermöglicht. Die Vermittlung dieser Sinneserfahrungen soll dem Pferd bei der Verarbeitung und Integration von taktilen, proprziozeptiven und vestibulären Reizen helfen“. 

Ergotherapie für Pferde, Ruth Katzenberger-Schmelcher, Yvonne Katzenberger

Das klingt kompliziert? 

„Ergotherapie für Pferde“ ist durchaus anspruchsvoll, aber nicht zu kompliziert geschrieben. Der Tipp für angehende Therapeuten den Kunden nicht durch grobes „Fachchinesisch“ zu überfordern, fand ich absolut wertvoll. Gerade in der jüngsten Zeit boomen Ausbildungen für Ostheopathie, Physiotherapie oder Cranio Sakraler Therapie in der Pferdebranche. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass viele Trainer absichtlich „Fachchinesisch“ sprechen, um die eigene Kompetenz hervorzukehren. Mir persönlich ist es aber wichtig, dass meine Schüler alle Inhalte absolut nachvollziehen und auch nacharbeiten können. Nicht umsonst habe ich meinen Blog „Einfach Reiten“ genannt. Ein guter Therapeut muss auch komplexe Sachverhalte einfach runter brechen können und dem Reiter bildhaft erklären können, warum welche Trainingsempfehlung oder Therapie skizziert wird. Das ist Ruth und Yvonne jedenfalls auch mit ihrem Buch gelungen. 

Training oder Therapie

„Ergotherapie für Pferde“ stellt eine kreative Bandbreite an Übungen für Pferde vor, die sich ganz an die Basissinne richten. Tücher, Bänder, Massagerollen, Massagebälle, bunter Stangensalat, verschiedene Untergründe zum Drüberlaufen und vieles mehr. Ich war wirklich positiv überrascht von den vielen Ideen und Inspirationen, die im Buch gegeben werden – und diese lassen sich auch ganz sicher ohne großen Materialaufwand umsetzen!

Was passiert wenn…

„Das einzige Pferd, das sich so verhält wie im Lehrbuch, steht im Lehrbuch drin“. 

Diesen Satz kennen meine Schüler zur Genüge, wenn wir darüber diskutieren, dass das eigene Pferd ja völlig anders ist. 

Hier gefällt mir auch der Ansatz der beiden Autorinnen für angehende Therapeuten – und ich möchte auch hinzufügen für Reiter beziehungsweise die unter sich fachsimpelnde Stallgemeinschaft: 

„Im Bezug auf die Beobachtung des Pferdes sollte der Therapeut auch darauf achten, nicht in eine Stereotypisierung zu verfallen. Menschen haben bestimmte Vorstellungen von den Vertretern bestimmter Pferderasse“. 

Ergotherapie für Pferde, Ruth Katzenberger-Schmelcher, Yvonne Katzenberger

Hier pochen die Autorinnen auf die notwendige Neutralität dem jeweiligen Pferd gegenüber. 

Zahlreiche Übungen 

Ich habe im Buch zahlreiche Übungen gefunden, die in der kommenden grauen Jahreszeit das Training der Propriozeption für meine Lipizzaner Youngster bestimmt abwechslungsreich und durchdacht gestaltet. Aber auch für das Training an sich finden sich spannende Erklärungen für interessierte Reiter. 

So werden beispielsweise die Grundgangarten des Pferdes unter die Lupe genommen, wobei dem Schritt – Stichwort Propriozeption  eine grundlegende Eigenschaft attestiert wird. Der Schritt reagiert nämlich am schnellsten auf propriozeptive Dysbalancen. Muskuläre Verspannungen und Taktfehler werden sichtbar, gerade im Schritt müssen die Propriozeptoren Höchstarbeit leisten. Für den Reiter, der sein Pferd schonend und durchdacht gymnastizieren möchte bietet das Buch also auch noch allerhand Erklärungen, passend zur Trainingslehre. 

Das Pferd aus dem Lehrbuch

Zurück zu unserem „Musterbeispiel“. Leider gibt es eben nur ein Pferd, das sich so verhält wie im Lehrbuch. Und das steht im Lehrbuch drin. Damit auch alle Eventualitäten berücksichtigt werden können, gehen Ruth und Yvonne bei sämtlichen Übungen auf sämtliche Facetten ein. 

Zunächst wird jede Übung hinsichtlich der Funktion für das Pferd genau beschrieben. Die Anwendungsbereiche werden thematisiert – und selbstverständlich werden auch Kontraindikationen gennant – wenn das Pferd beispielsweise einen akuten Spatschub hat oder unter Rehe leidet, sollten gewisse Übungen nicht durchgeführt werden. Ruth und Yvonne nennen auch Alternativen, wenn die Übung für das Pferd zu anspruchsvoll ist oder – wenn die Übung so gut gelingt, dass der Schwierigkeitsgrad gesteigert werden kann. In großen Infoboxen wird auch sehr übersichtlich dargestellt, worauf man besondere Rücksicht nehmen muss und wie lange die Arbeit mit dem Pferd dauern sollte. Ist für den Aufbau eines Übungsparcours viel Zeit einzuplanen? Dann gibt es auch weniger zeitintensive Übungen, die ohne große Vorbereitungszeit umgesetzt werden können. 

Ich habe sehr viele spannende Übungen in „Ergotherapie für Pferde“ entdeckt und gratuliere Ruth und Yvonne sehr herzlich zu diesem gelungenen Buch. 

Für alle, die ich nun neugierig gemacht habe: Mehr Infos zum Buch gibt es unter folgendem Link.

Mit Ruth habe ich auch mal einen Podcast zum Thema Ergotherapie aufgenommen . Die Folge gibt es hier zum Nachhören!

Schulen wir die Basissinne unseres Pferdes, dann Reiten wir Einfach 😉 


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RIP Herbert

RIP Herbert

Wie kann man sein Pferd abseits des Trainings dem jeweiligen Muskeltyp entsprechend unterstützen?

Am Sonntag stand beim Kurs mit Annika Keller das Thema „Massage“ im Vordergrund. 

Von Muskeln und Mäusen…

Herbert ist 22 Jahre alt, grundsätzlich könnte er ein athletischer Typ sein. Er lebt gemütlich mit seiner Familie, nennen wir sie mal Bindegewebe im Ort Körper, genauer im kleinen Dorf Gluteus. 

Auf Herbert werden wir später in der sehr anschaulichen Theorie mit Annika noch zurück kommen. 

Bewegung ist aller Anfang

Bevor wir uns aber in der langen Theorieeinheit am Sonntag dem Thema Massage widmen, beantwortet Annika Fragen der Teilnehmer. Beispielsweise wird anhand einer Frage zur Hyperflexion das Erlernen eines Bewegungsmusters diskutiert. Bewegungsmuster können, so schildert es Annika über einen langen Zeitraum antrainiert sein, sie können aber durch Nutzung verschiedener Verhaltensmuster oder unter Zwang erzeugt werden. Der Körper reagiert auf die Bewegungsmuster entweder durch Ausweichmechanismen oder durch Kompensation. 

Eine Bewegung, die erzwungen und nicht durch Eigendynamik entwickelt wird, wirkt sich negativ auf den gesamten Körper aus. 

Wir Reiter haben daher einen wichtigen Job: Vereinfacht gesagt bedeutet das, wir müssen den Inhalt reiten und nicht die Lektion. Biomechanisch betont gesagt: Werde dir als Reiter immer bewusst, warum du überhaupt welche Bewegungskompetenz beim Pferd ausbilden möchtest. 

Wertschätzung bis in die Zelle

„Alles wird gut“. Tatsächlich? Rund um die Akademische Reitkunst haben wir das Glück mit vielen Menschen zu tun zu haben, die sich mit dem Wohlbefinden des Pferdes auseinander setzen.

Gesundheit ist unschätzbar wertvoll. Ich habe irgendwo mal aufgeschnappt, dass es für Springpferde eine gewisse Anzahl an Sprüngen in ihrem Leben gibt – wird dann quasi über die Kilometerleistung geritten, dann wirkt sich das negativ auf den Körper (und oft auf den Geist aus). Damit soll jetzt nicht das Springreiten kritisiert werden, sondern die Frage erörtert werden, ob Schäden tatsächlich durch beispielsweise ostheopatische Behandlungen oder den Chiropraktiker „wieder gut“ gemacht werden können. 

Annika erklärt an dieser Stelle, dass sich Zellen nach einer bestimmten Zeit an ein Bewegungsmuster erinnern können, – gute wie schlechte. Auch eine für den Körper „schlechte“ Bewegung, die 17 Jahre lang trainiert wird, kann vom Pferd in diesem Fall als Überlebensnotwendig interpretiert werden. 

Wie kann man also die Negativspirale durchbrechen. Training, das der individuellen Biomechanik und der Geschichte des jeweiligen Pferdes entspricht ist eine Seite der Medaille, die andere ist mit Sicherheit Zeit. Heilung bedeutet demnach nicht: „Plötzlich ist wieder alles gut“. 

Heilung mit ostheopatischer Unterstützung bedeutet dem Körper bei dessen Neuordnung Hilfestellung zu geben. Und dadurch zum Beispiel mit Verletzungen und deren Auswirkungen umgehen zu können.

Warum können wir eigentlich reiten? 

Nachdem wir über mögliche Verspannungen, Schutzmechanismen usw, beim Pferd diskutiert hatten und auch die Frage erörtert hatten, ob Dehnungshaltung bei einem festgehaltenen Rücken überhaupt sinnvoll ist, wenn das Pferd sich mental und physisch nicht lösen kann, kam natürlich die Frage auf: Wie ist es überhaupt möglich, dass wir auf einem Pferd sitzen und es reiten können? 

Beim Reiten wünschen wir uns auf keinen Fall eine negative Umkehr des normalen Bewegungsempfindens. Wir möchten nicht, dass das Pferd kompensiert noch eine Schutzhaltung für unser Vergnügen einnimmt. 

Ein gutes Privatleben steht an erster Stelle

Für Pferde bedeutet das – jede kleine Blockade oder Festigkeit kann sich leichter lösen, wenn das Pferd in einer möglichst artgerechten Haltung leben darf. Auch wenn das Pferd nicht geritten wird, kann es zu Blockaden oder einer Steifheit kommen, allerdings lösen sich bei einem guten Privatleben die meisten Probleme von selbst – auch so wie bei uns. 

Es heißt im Leben nicht umsonst, man darf sich nicht zuviel aufladen. Umgekehrt bedeutet das – wir müssen dem Pferd zeigen, wie es sich mit uns Menschen auf dem Buckel zurecht findet. 

Ein Pferd, das nicht geritten wird, hält sich anders als ein Reitpferd. Die Haltung des Reitpferdes ist etwas, das wir aktiv mit dem Pferd verändern können – das ist auch der einzige Grund, warum wir Pferde reiten können – weil sie sich eben als Reitpferde anders halten können. Und wie wir diese Haltung kommunizieren – das ist Sache der Reitkunst. 

Die Wirbelsäule – ein Jungbrunnen

Alle ursprünglichen Aktivitäten wie Yoga, Pilates oder Heilmassage beschäftigen sich mit der Beweglichkeit der Wirbelsäule. Und das nicht umsonst – denn von der Beweglichkeit der Wirbelsäule hängt viel ab, wie der Rest unseres Körpers später funktioniert. Jedes Organ wird von der Wirbelsäule aus ange“funkt“ und alle Extremitäten werden von ihr aus gesteuert. Verletzt sich ein Pferd am Bein hat dies eben auch eine Auswirkung auf die Wirbelsäule. 

Wir brauchen also eine dreidimensionale Bewegung in der Wirbelsäule damit wir überhaupt reiten können. Und dann brauchen wir natürlich eine entsprechende Bewegungsqualität. Und an Bewegung sind auch immer Muskeln beteiligt. 

Die Sache mit Herbert

Der gesamte Körper besteht aus Bindegewebe, aber jedes Bindegewebe hat seine ganz eigene Form und Aufgabe. Die Muskelfaser Herbert hat letzten Sonntag also zwei Stunden Yoga gemacht. Und plötzlich schrecken alle Zuhörer, die gebannt gelauscht hatten hoch. Herbert? Wer ist nun Herbert? 

Annika hat ein sehr bildhaftes Beispiel für uns parat. Herbert ist eine Muskelfaser, die eben letzten Sonntag zwei Stunden Yoga gemacht hat. Herbert war beim Training echt am Limit. Nun gut, das ist noch untertrieben: Das Yoga hat Herbert getötet. Eine massive Überanstrengung von Fasern kann zu deren Absterben führen. Diese Muskelfasern bleiben als Abfallprodukte zurück. Nun grübelt das ganze Auditorium. Was ist der Unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Muskelkater. Und wer sollte auf wen hören? Der Mensch, der als Personal Trainer sein Pferd motiviert und anfeuert oder sollte sich das Pferd mehr Gehör verschaffen, wenn der „Trainer“ nicht hört, dass es einfach nicht mehr kann? Und ist es zum Zeitpunkt dieser Message bereits zu spät für „Herbert“, die kleine Muskelfaser. 

Bewusst gesund

Gesundheit und gute Bewegung hat also, einmal mehr mit viel Achtsamkeit und Bewusstsein zu tun. Annikas Theorievortrag hat sich mit sämtlichen Fragen beschäftigt, vor allem aber, wie wir aus einem Pferd ein Reitpferd machen – und wie wir die Ausbildung durch Massage begleiten können. 

Dass Massage kein Kraftakt sein muss, das haben wir dann in der Übung der verschiedenen Druckstufen an uns selbst ausprobiert. Dann ging es an die Pferde, denen wir auch hier gut zuhören müssen. Magst du diese Druckstufe? Wo und an welcher Körperzone bist du empfindlich? Entspannt standen unsere Pferde in der Halle und ließen sich durch Annikas Erklärungen nicht stören. Für jedes Pferd hatte sie auch einen individuellen Vorschlag für die Massagegriffe bereit. Fazit: ein sehr gelungenes Kurswochenende!

Irgendwie war es dann ganz komisch, die Frau Kollegin zum Flughafen zu bringen, schließlich hatten Annika und ich eine intensive Arbeitswoche. Zum Glück nicht unser letztes Treffen – schließlich wollen wir für euch etwas ganz spezielles basteln 😉 

Meine Empfehlung: Wer die Gelegenheit hat, bei einem Kurs mit Annika teilzunehmen, lasse sich die Chance nicht entgehen! 

Mehr Informationen über Annika gibt es auf ihrer Website

Einen Podcast zum Nachhören gibt es hier

Denke an die Zellen – besonders an Herbert, dann Reitest du Einfach 😉 

Von Delfinen und Bulldoggen

Von Delfinen und Bulldoggen

 Kursbericht mit Annika Keller

Herbstliches Kaiserwetter, eine riesige Portion steirisches Kernöl auf dem Salat für reichlich Energie und gute Laune. So ließe sich der Kurs bzw. die Tage mit Annika Keller beschreiben. Aber für alle, die es verpasst haben oder neugierig geworden sind, gibt es nun doch eine ausführliche Beschreibung 😉

Analyse, Planen, Denken, Handeln 

Ein Kurs mit Annika Keller, das bedeutet viel biomechanischen Input und eine individuelle Herangehensweise. Individuell ist die Akademische Reitkunst allemal. Um es auch für alle Lernenden spannend zu machen, sind bei unseren Kursen immer ganz unterschiedliche Pferde dabei. Spannend war natürlich Annikas Herangehensweise bei folgenden Themen: 

  • Was tun bei Kissing Spines und diversen Arthrose Diagnosen in der Halswirbelsäule? 
  • Was tun bei einem Pferd, das die Zehen schleifen lässt, gleichzeitig gibt es keine adäquate Befundung durch einen Veterinär? 
  • Was tun, wenn der Pferdekörper durch diverse Trächtigkeiten in Anspruch genommen wurde?
  • Was tun, wenn das Pferd den Widerrist schlecht anheben kann? 
  • Was tun, wenn das Pferd mit den Hinter- und Vorderbeinen ein starkes Kreuzen, ähnlich einem Seiltänzer zeigt?
  • Was tun, wenn die Energie immer wieder „ausgeht“. 
  • Was tun, wenn das Pferd mit einem Hinterbein weniger leicht unter die Masse tritt und somit kurz-lang tritt? 
  • Was tun, wenn sich eine diffuse Lahmheit zeigt, wenn der Rückenschwung nicht ordentlich durchs Pferd kann?
  • Was tun bei der Diagnose Spat? 

Zunächst wurden alle Teilnehmer ausführlich unter die Lupe genommen. Annikas Analyse zeigte auch deutlich: Wo zeigt die innere Lupe des Pferdes hin? Welche Körperlichen und mentalen Aspekte stehen im Vordergrund? Worauf richten wir häufig unsere Augen und tun wir das überhaupt zurecht? 

Die Überprüfung in der Praxis

In den ersten Praxiseinheiten wurde dann die Beschreibung der Reiter genau überprüft. Für das Kürzer oder Länger treten waren die Themen „Innen und außen“ eine große Sache. Tritt ein Hinterbein kürzer – dann fühlt es sich häufig als äußeres Hinterbein wohler, lässt sich aber als inneres Hinterbein besser korrigieren, weil dabei am Vorgriff gearbeitet wird.

Ein Hoch an dieser Stelle auf die Seitengänge und möglichen Variationen, die uns hier zur Verfügung stehen.
Für die Reiter bedeutete das: ein äußerer Schenkel kann jederzeit zum inneren werden. Wechsel zwischen Renvers und Schulterherein oder Renvers und Gerade gebogen in die jeweilige Bewegungsrichtung spricht das jeweilige Hinterbein gezielt an und fördert die Geschmeidigkeit und den Vorgriff – vor allem im Übergang zwischen den Seitengängen und wenn wir nach einer guten Mitte suchen.

Wie so oft im Leben – eine gute Mitte sorgt für Balance, Losgelassenheit und hilft auch ein gutes Tempo sowie einen guten Takt zu finden. 

Reitest du noch auf einem Problem herum? 

Wir Reiter sind ja dermaßen gut darin, Probleme zu formulieren bzw. klar zu sagen, was man nicht spürt, was man aber gerne hätte. Oft korrigieren wir aber daher auch ganz schnell an falscher Stelle. Das heißt eine Korrektur mit dem indirekten Zügel wird ganz rasch gewählt, macht die Sache aber nicht unbedingt besser. Annika plädierte daher in ihrem Praxisunterricht immer wieder den „Rumpf des Pferdes anzusprechen und aktiv zu reiten“.  Fällt das Pferd auf dem Zirkel oder auf einer geraden Linie nach innen, dann fällt die Nase der Bewegungsrichtung hinterher. Die Korrektur wird am besten über den inneren Schenkel und den direkten äußeren Schenkel eingeleitet. Immer der Nase nach – dieses Sprichwort lässt sich also nur dann korrekt aufs Reiten übertragen, wenn die Hinterbeine die Richtung der Nase vorgeben. 

In den Praxiseinheiten wurde daher schnell klar, was mit innen oder außen und einer inneren oder äußeren Hilfengebung sowie einer diagonalen HIlfengebung gemeint ist. Gemeinsam konnten wir erspüren, warum „abgekürzte oder modernere Formulierungen“ zwar inhaltlich richtig, aber nicht immer so leicht verständlich und daher in der Umsetzung problematisch sein können.

Ist es immer ein Seitengang, der uns hilft? Nein, manchmal reicht auch schon das Gefühl aus, oder anders gesagt die Überprüfung. Kann ich mir vorstellen, jederzeit auf der rechten Hand in einen Renvers zu wechseln? Würde dann mein innerer Zügel stark beansprucht oder eher leicht bleiben? Bräuchte ich den indirekten Zügel überhaupt? Oder habe ich das Gefühl, ich kann den Renvers einleiten, indem ich die Hinterbeine und damit den Rumpf des Pferdes dirigiere? 

Sich selbst auf die Finger klopfen

Wir streben nach Harmonie und Perfektion. Manchmal arbeiten wir aber nicht an dem Thema, das eigentlich dran wäre. So lösen wir das Pferd abwärts, auch wenn wir uns näher mit der Ursache beschäftigen müssten, warum das Pferd jetzt nicht korrekt über den Rücken ging. Die Hand kann dann vermeintlich eine Sache beschönigen, aber die Ursache nicht abstellen. 

Hier spielt uns der dringende Wunsch nach Perfektion einen Streich und verhindert, dass wir eine Leidenschaft für Ursachenforschung entwickeln. So ist es spannend heraus zu finden, ob das Hinterbein nicht vorkommen kann, weil vielleicht sogar eine übermäßige Dehnung Lastaufnahme verhindert. Es kann aber auch sein, dass die äußeren Hilfen nicht klar genug sind. Oder oder oder. Reiten kann so spannend sein, an erster Stelle steht aber das genaue Zuhören und Analysieren. Häufig wollen wir eben etwas reparieren, obwohl wir noch gar nicht wissen, was passiert ist und welches Werkzeug wir brauchen, Hauptsache es fühlt sich wieder einigermaßen rund unter uns an. Dass dabei schon mal ein Hinterbein nach hinten raus gedrückt wird und nicht mehr tragen kann, das ist uns gar nicht so bewusst. 

Von Delfinen und Bulldoggen

Annika hatte immer ein passendes Bild für den jeweiligen Reiter und die Zuschauer parat. Ist ein Pferd vom Muskeltonus eher eine Bulldogge oder ein Windhund? Oder erinnert uns dieses Pferd an einen freundlichen Golden Retriever? Und wenn das Pferd nun eher über einen weichen oder einen festen Muskeltonus verfügt, wie müssen wir dann in der Arbeit vorgehen. 

Meine zwei Warmblutstuten sind genau einmal fest im Tonus (Tarabaya) einmal eher weich (Pina Colada). Für die Arbeit mit Tabby ergibt sich, dass wir die Beweglichkeit insgesamt weich und geschmeidiger bekommen wollen. Das gelingt mir einerseits sehr gut über den Sitz, andererseits heißt das natürlich auch viel an mentaler Losgelassenheit zu arbeiten. Die Trainingsempfehlung für weiche Pferde wie Pina von Annika wäre zb in der Boden- oder Handarbeit zu beginnen und hier auch – selbstverständlich je nach Können und Veranlagung des Pferdes Versammlung für eine verbesserte Straffheit und Körperhaltung zu nutzen. Im Falle von Pina helfen hier sicherlich fleißige Übergänge zwischen Piaffe und Galopp an der Hand und ein besonderes Augenmerk auf ein korrektes Heben des Widerrists insbesondere bei der Schulparade. 

Tipp: Manchmal kann auch musikalische Untermalung helfen, die notwendige Energie im eigenen Körper zu finden und auf das Pferd zu übertragen! 

Für Warmblutstute Amira gab es beispielsweise das Bild eines aus dem Wasser springenden Delfins für die Verbesserung der Galoppade. Delfine, die ins Wasser eintauchen und das mitten im goldenen Herbst. Die Macht der inneren Bilder ist einfach unglaublich. Von der Vorstellung des Reiters ans Pferd übertragen sind die nächsten Galoppsprünge bergauf ganz toll gelungen. 

Kraft aus der Massage? 

Das Motto des Pferdes war ja „Pferde gesund reiten und fit halten durch gezielte Massage“. Nachdem am Samstag die Praxis beim Reiten auf dem Programm stand, wobei gezielt an Energie, Energierichtung und Schiefe gearbeitet wurde, ging es am Sonntag um die Möglichkeit, die Pferde mit einer Massage gezielt zu unterstützen. Dass es dabei nicht um kraftvolle Massage ging, darum geht es im nächsten Blogbeitrag! 

Weiterlesen über Schiefe

Weiterlesen über Schulterherein

Weiterlesen über Kruppeherein

Weiterlesen über Renvers

Fazit: Annika Keller sorgt nicht nur mit guten inneren Bildern für sofort umsetzbare Ergebnisse, ihr ehrlicher und fundierter Unterricht macht Spaß, holt den Schüler ab und ermutigt auch an Schwierigkeiten zu arbeiten!

Prädikat: Sehr empfehlenswert! 

Branderups Querverweise

Branderups Querverweise

Ein Pferd ist immer ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd ist auch nur ein Mensch. 

Bent Branderup

Bent Branderups Theorievorträge sind absolut genial. 

Immer gespickt mit neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung. Was aber sehr ins Herz geht sind die vielen Weisheiten und Anekdoten von Bent. 

Best of Branderup II

Wie soll ein Pferd fußen? 

„Betrachten wir das Auge des Pferdes, dann hat sich die Evolution etwas sehr gescheites einfallen lassen. Pferde können ganz genau sehen, wo der Vorderfuß auffußt. Pferde gibt es länger als den modernen Menschen – und wir bilden uns ein, das Pferd über eine falsche Schwungrichtung über die Karpalgelenke zu schicken. Idealerweise muss der Hinterfuß in die Spur des Vorderfußes kommen. Wenn das Pferd sieht, wo es den Vorderfuß setzt und sieht, wo es sicher ist, dann kann der Hinterfuß nachkommen. Das Pferd ist geländesicher. Hätte die Evolution dies nicht so eingerichtet, wäre das Pferd nicht überlebenssicher. Auch die Formgebung der Hufe muss von der Evolution gut ausgedacht sein, schließlich gibt es in der Wildnis keine Hufpfleger. Und was sehen wir in der Reitbahn? Sieht der Boden nach dem Reiten aus wie ein Handgranatenübungsfeld, dann waren die Hufschniederschläge des Pferdes garantiert falsch.“

Bent Branderup

Zum Turnierreiten

„Wir müssen jede Lektion für das Pferd nutzen und nicht umgekehrt. Wir dürfen uns nicht nach einer gewissen Anzahl an Punkten richten, die man fürs Reiten bekommt. Wir haben aber eine Reitweise erfunden, wo quasi alle das gleiche Pferd reiten müssen, um Punkte zu bekommen. Es können aber auch nicht zwei Balletttänzer den Schwanensee in einer gleichen Weise tanzen. Es müsste darum gehen, die natürliche Fähigkeit des Pferdes nicht zu verderben, sondern die natürlichen Fähigkeiten zu optimieren. Das wäre eigentlich ein Olympiasieg“. 

Bent Branderup

Über Seitengänge

„Wir interessieren uns gar nicht für Seitengänge. Wir interessieren uns ja eigentlich fürs Geraderichten. Wenn man die Seitengänge nicht kann, dann kann man auch nicht geraderichten, das sagte schon Pluvinel“. 

Bent Branderup

„Durch richtige Seitengänge wollen wir die Füße dort hin bringen, so dass wir die Gelenke der Hinterhand unbeschwert beugen können. Die Pardade soll dann das Gefühl von Abwesenheit jeglichen Widerstands sein.“

Bent Branderup

Über Hilfszügel

„Wenn wir die Wirbelsäule steif machen durch Ausbinder, dann reduzieren wir ja die Bewegung der Wirbelsäule und die Beckentätigkeit. Dann leidet ja auch der Vorgriff. Ausbinder sind einfach keine menschlichen Hände, sondern nur menschliche Dummheit“. 

Bent Branderup

Über Glaubenskriege in der Reiterei

„Wir können keine Lehre entwickeln, wo es hießt: man macht es so und alles andere wäre falsch. Es gibt ja auch keine zwei gleichen Pferde. Wir brauchen selbstständig denkende Ausbilder, man muss schließlich verstehen, um zu denken. Man muss als Reiter immer erst verstehen, was man tut, warum man es tut und wann.“

Bent Branderup

Warum wir reiten?

„Man muss nicht mehr reiten, man darf. Es gibt auch keinen Zweck über bunte Stangen zu hüpfen. Der einzige Zweck ist uns geblieben – und der nennt sich Zeit schön zu verbringen. Die Zeit, die wir schön verbringen können wir aber auch inhaltsreich verbringen, indem wir selbst besser darin werden, Pferde auszubilden. Deswegen empfinde ich ein Reiterleben als weggeworfen, wenn man 40 Jahre reitet und keine Ahnung hat und nur transportiert werden will. Das ist ja als wenn man jahrelang einen Italienisch Kurs besucht und dann kann man in Rom noch immer keinen Cafe bestellen.“

Bent Branderup

Gib es einen magischen Knopf zum Reiten? 

„Menschen sind visuell und manuell. Daher wollen wir alles mit den Händen machen. Es gibt aber keine Hebel und Zahnräder, die beim Reiten ineinander passen. Es gibt Pädagogik. Und es geht darum eine gemeinsame Sprache zu erlernen.“ 

Bent Branderup

So sitzen und nicht anderes? 

„Daumenregeln stimmen meistens, aber nicht immer, daher muss man auch beim Sitz verstehen, warum die Regeln stimmen und warum die nicht stimmen – vor allem, warum es jetzt gerade anders ist. Generell gibt es eine Daumenregel nicht über der inneren Hüfte einzuknicken.“

Bent Branderup

„Wir sprechen von einem Dreipunktesitz zwischen den beiden Gesäßknochen und dem Schambein. Das Steißbein wäre auch noch da, hätten wir aber wirklich einen Schweif – im Englischen sprechen wir ja von Tailbone – dann würde der Schweif auf der Innenseite der Wirbelreihe des Pferdes runter hängen (wenn wir auf dem Pferd sitzen). Das gleiche gilt für das Schambein. Schambein und Steißbein geben also die Biegung des Pferdes wider.“

Bent Branderup

„Das Pferd soll den Menschen spiegeln und nicht nur von Absatz und Hand in die Lektion geritten werden. Die Sekundärhilfen kommen nur dann zur Geltung, wenn das Pferd den Menschen nicht spiegelt“. 

Bent Branderup

Über die Formgebung

„Erst wenn die Form mit Leichtigkeit da ist, erst dann kann man Ausdauer kriegen, sonst bekommt man eher Ausdauer in der falschen Muskulatur“. 

Bent Branderup

Über die Kunst

„Passage ist eine Entwicklung der Rumpfträger des Pferdes. Es geht darum, wie ein Künstler mit den Elementen der Reitkunst hantieren zu können. Der Maler hantiert mit Nuancen, aber es gibt ja eigentlich nicht so viele Farben. Er kann aber mit diesen wenigen Farben alle Gemälde auf der Welt machen, wenn er ein guter Handwerker ist. Balance, Losgelassenheit, Formgebung, Tempo, Takt und Schwung sind unsere Elemente, die wir als Reiter für die Kunst benötigen und für unser Handwerk“. 

Bent Branderup


„Der größte Irrtum in der Geschichte der Reitkunst ist, dass es erlaubt wäre mit Gewicht in der Hand zu reiten. Der Unterkiefer der Pferde ist nicht dicker als die Kante einer Cafetasse. Dort Gewicht auflegen zu wollen ist eine horrende Idee der Reitkunst. Es gibt auch historische Pferdekiefer wo wir Schäden finden, aber in den modern gerittenen Pferden finden wir die meisten Schäden“. 

Bent Branderup

Warum es sich lohnt, zu warten in der Ausbildung

„Der Brustkobr des Pferdes ist eerst mit sieben Jahren ausgewachsen. Daher habe ich so wunderbare Zeit, die ich mit dem jungen PFerd am Boden verbringen kann. Ein Muskel kann sich nicht korrekt entwickeln, wenn der Knochen dazu noch nicht ausreichend vorhanden ist, schließlich ist er der Haftungspunkt für den Muskel. Dieser Haftungspunkt muss ausgewachsen sein, damit das Pferd Rumpfmuskulatur und damit Rumpfträger entwickeln kann. Manche Pferde können uns leicht tragen, andere brauchen dafür eine enorme Ausbildung.“ 

Bent Branderup

„Ein geschmeidiges Pferd und ein ungeschulter Hintern fühlt sich an wie ein Aal, der in alle Richtungen weg geht. Das ist dann aber kein Pferdefehler sondern ein Ausbildungsfehler“. 

Bent Branderup

Weitere Zitate gibt es im „Best of Branderup“ Teil 1 zum Nachlesen.

Bent Branderup kommt 2020 wieder nach Österreich.
Verpasse nicht die beiden folgenden Termine:

  • 18. und 19. April, Equimotion, Sandberg bei Mannersdorf (nahe Wien)
  • 4. und 5. Juli, Horse Resort am Sonnenhof, Hart bei Graz

    Interesse an einem Zuschauerplatz? Dann schreib uns eine Mail

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