Noch bei Sinnen?

Noch bei Sinnen?

Das Pferd hat Probleme die Hufe zu geben, das Pferd fürchtet sich vorm Fliegenspray, das Pferd kann nicht durch die Lamellen beim Paddock laufen, das Pferd lässt sich nicht verladen. Das Pferd reißt sich an der Longe los. 

Nein, hier kommt jetzt nicht der nächste Verhaltenstherapeut ins Spiel, sondern die Ergotherapie. Aber reden wir zuerst über meinen Konrad und Pfernetzt. 

Vor zwei Jahren habe ich Ruth Katzenberger-Schmelcher bei „Pfernetzt“ kennen gelernt. Pfernetzt war ein zweitägiges Event rund um verschiedene Pferde-Themen. Ruth war mit dem Team „Shetty Sport“ vor Ort, ich habe über die Akademische Reitkunst referiert. Man war sich sofort sympathisch und besonders spannend im laufenden Austausch fand ich Ruths Erzählungen rund um die Ergotherapeuten Ausbildung für Pferde, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester Yvonne gestartet hat.

Als ich meinen Lipizzaner Konrad auf der Weide beobachtet habe, ist mir die Sache mit der Ergotherapie wieder eingefallen. Ergotherapie arbeitet mit den drei Basis-Sinnen der Pferde, das heißt es geht um das taktile, das propriozeptive und das vestibuläre Sinnessystem. Über diese Sinne findet laufend Kommunikation an Nervensystem und Gehirn statt – und so entscheidet sich auch, wie Pferde in verschiedenen Situationen handeln. Das taktile System ist für die Wahrnehmung der Oberflächensensibilität zuständig, das propriozeptive System teilt dem Pferd auf beispielsweise unebenem Untergrund mit, wie die Gelenke zueinander stehen, es ordnet im weiteren Sinne die Bewegung und sorgt dafür, dass sich das Pferd auf diesem Untergrund zurecht findet, das vestibuläre System ist ein enger Mitarbeiter, schließlich kümmert es sich um das Gleichgewicht

Ergotherapie kümmert sich bei Mensch und Pferd um die Schulung der Basissinne. Aus der Humanergotherapie weiß man, dass der Therapeut vorwiegend daran arbeitet, die Handlungsfähigkeit des Patienten und somit dessen Alltag zu verbessern – und das klappt auch mit einigen Adaptionen für Pferde. 

Ich habe mich daher riesig gefreut, dass ich das Buch von Ruth Katzeberger-Schmelcher und Yvonne Katzenberger noch vor der Veröffentlichung lesen durfte und – wenn ich möchte, darf ich euch darüber erzählen. Weil mir das Buch so gut gefallen hat, kann ich dazu nur sagen:

Und wie ich möchte!!

Warum mich die Ergotherapie für Pferde interessiert? 

Einerseits habe ich in den Gesprächen mit Ruth und Yvonne zahlreiche Gemeinsamkeiten in der täglichen Arbeit mit Pferden festgestellt. Arbeitet die Akademische Reitkunst ebenso mit Balance und Schwerpunktverlagerungen, geht es nicht nur um ein gesundes Reitpferd – dass sich die Bewegungskompetenz auch ins vierbeinige Privatleben übertragen lässt, ist eine weitere spannende Parallele.
Zurück zu Konrad – mein Lipizzaner ist auf den unendlichen Alm-Weiden im steirischen Piber groß geworden. Bergauf bergab wurden seine Basis Sinne geschult, das propriozeptive System hat verhindert, dass sich Konrad beim wilden Galopp bergab über Stock und Stein vertritt, das taktile System wurde mit Sicherheit im Umgang in der großen Männer WG geschult und das Gleichgewicht ebenso, schließlich steht den heranwachsenden Lipizzanern ein riesiges Areal in den steirischen Bergen zur Verfügung. 

Aktuell wohnt Konrad im Offenstall. Die gut geschulten Sinne meines Pferdes wollte ich auch weiterhin gut erhalten – und neben den großzügigen Weiden, deren Untergrund mal flach, mal steiler, mal weich, mal steinig ist, steht uns freilich auch das Training der Akademischen Reitkunst zur Verfügung. Und der Wald. Allerdings wird im Wald gerade fleissig gearbeitet und aufgrund der Forstarbeiten ist unsere wurzelige, anspruchsvolle Kletterrunde gesperrt. Und aktuell macht auch der Regen Outdoor Aktivitäten schwer.

Perfekt, dass ich das Buch von Ruth und Yvonne in die Finger bekommen habe – und darüber möchte ich euch sehr gerne nun mehr erzählen: 

Worum gehts in dem Buch

Zunächst werden die Grundlagen und die Basissinne aus der Ergotherapie vorgestellt. Und das durchaus anspruchsvoll. Das Buch richtet sich an den interessierten Pferdebesitzer wie auch an potenzielle, angehende Ergotherapeuten. Dafür gibt es viele Anregungen, den Stall ergotherapeutisch zu adaptieren, Therapiepläne, Fallbeispiele und Lösungen. 

Ziel ist es die Wahrnehmung des Pferdes zielgerichtet hinsichtlich aller drei Basissinne zu schulen. 

„So wird dem Pferd beispielsweise mit Hilfe von Massagebällen und -rollen, Wippen, Matten, Polstern, Podesten oder der gezielten Anordnung von Bodenstangen eine Bandbreite an Sinneserfahrungen ermöglicht. Die Vermittlung dieser Sinneserfahrungen soll dem Pferd bei der Verarbeitung und Integration von taktilen, proprziozeptiven und vestibulären Reizen helfen“. 

Ergotherapie für Pferde, Ruth Katzenberger-Schmelcher, Yvonne Katzenberger

Das klingt kompliziert? 

„Ergotherapie für Pferde“ ist durchaus anspruchsvoll, aber nicht zu kompliziert geschrieben. Der Tipp für angehende Therapeuten den Kunden nicht durch grobes „Fachchinesisch“ zu überfordern, fand ich absolut wertvoll. Gerade in der jüngsten Zeit boomen Ausbildungen für Ostheopathie, Physiotherapie oder Cranio Sakraler Therapie in der Pferdebranche. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass viele Trainer absichtlich „Fachchinesisch“ sprechen, um die eigene Kompetenz hervorzukehren. Mir persönlich ist es aber wichtig, dass meine Schüler alle Inhalte absolut nachvollziehen und auch nacharbeiten können. Nicht umsonst habe ich meinen Blog „Einfach Reiten“ genannt. Ein guter Therapeut muss auch komplexe Sachverhalte einfach runter brechen können und dem Reiter bildhaft erklären können, warum welche Trainingsempfehlung oder Therapie skizziert wird. Das ist Ruth und Yvonne jedenfalls auch mit ihrem Buch gelungen. 

Training oder Therapie

„Ergotherapie für Pferde“ stellt eine kreative Bandbreite an Übungen für Pferde vor, die sich ganz an die Basissinne richten. Tücher, Bänder, Massagerollen, Massagebälle, bunter Stangensalat, verschiedene Untergründe zum Drüberlaufen und vieles mehr. Ich war wirklich positiv überrascht von den vielen Ideen und Inspirationen, die im Buch gegeben werden – und diese lassen sich auch ganz sicher ohne großen Materialaufwand umsetzen!

Was passiert wenn…

„Das einzige Pferd, das sich so verhält wie im Lehrbuch, steht im Lehrbuch drin“. 

Diesen Satz kennen meine Schüler zur Genüge, wenn wir darüber diskutieren, dass das eigene Pferd ja völlig anders ist. 

Hier gefällt mir auch der Ansatz der beiden Autorinnen für angehende Therapeuten – und ich möchte auch hinzufügen für Reiter beziehungsweise die unter sich fachsimpelnde Stallgemeinschaft: 

„Im Bezug auf die Beobachtung des Pferdes sollte der Therapeut auch darauf achten, nicht in eine Stereotypisierung zu verfallen. Menschen haben bestimmte Vorstellungen von den Vertretern bestimmter Pferderasse“. 

Ergotherapie für Pferde, Ruth Katzenberger-Schmelcher, Yvonne Katzenberger

Hier pochen die Autorinnen auf die notwendige Neutralität dem jeweiligen Pferd gegenüber. 

Zahlreiche Übungen 

Ich habe im Buch zahlreiche Übungen gefunden, die in der kommenden grauen Jahreszeit das Training der Propriozeption für meine Lipizzaner Youngster bestimmt abwechslungsreich und durchdacht gestaltet. Aber auch für das Training an sich finden sich spannende Erklärungen für interessierte Reiter. 

So werden beispielsweise die Grundgangarten des Pferdes unter die Lupe genommen, wobei dem Schritt – Stichwort Propriozeption  eine grundlegende Eigenschaft attestiert wird. Der Schritt reagiert nämlich am schnellsten auf propriozeptive Dysbalancen. Muskuläre Verspannungen und Taktfehler werden sichtbar, gerade im Schritt müssen die Propriozeptoren Höchstarbeit leisten. Für den Reiter, der sein Pferd schonend und durchdacht gymnastizieren möchte bietet das Buch also auch noch allerhand Erklärungen, passend zur Trainingslehre. 

Das Pferd aus dem Lehrbuch

Zurück zu unserem „Musterbeispiel“. Leider gibt es eben nur ein Pferd, das sich so verhält wie im Lehrbuch. Und das steht im Lehrbuch drin. Damit auch alle Eventualitäten berücksichtigt werden können, gehen Ruth und Yvonne bei sämtlichen Übungen auf sämtliche Facetten ein. 

Zunächst wird jede Übung hinsichtlich der Funktion für das Pferd genau beschrieben. Die Anwendungsbereiche werden thematisiert – und selbstverständlich werden auch Kontraindikationen gennant – wenn das Pferd beispielsweise einen akuten Spatschub hat oder unter Rehe leidet, sollten gewisse Übungen nicht durchgeführt werden. Ruth und Yvonne nennen auch Alternativen, wenn die Übung für das Pferd zu anspruchsvoll ist oder – wenn die Übung so gut gelingt, dass der Schwierigkeitsgrad gesteigert werden kann. In großen Infoboxen wird auch sehr übersichtlich dargestellt, worauf man besondere Rücksicht nehmen muss und wie lange die Arbeit mit dem Pferd dauern sollte. Ist für den Aufbau eines Übungsparcours viel Zeit einzuplanen? Dann gibt es auch weniger zeitintensive Übungen, die ohne große Vorbereitungszeit umgesetzt werden können. 

Ich habe sehr viele spannende Übungen in „Ergotherapie für Pferde“ entdeckt und gratuliere Ruth und Yvonne sehr herzlich zu diesem gelungenen Buch. 

Für alle, die ich nun neugierig gemacht habe: Mehr Infos zum Buch gibt es unter folgendem Link.

Mit Ruth habe ich auch mal einen Podcast zum Thema Ergotherapie aufgenommen . Die Folge gibt es hier zum Nachhören!

Schulen wir die Basissinne unseres Pferdes, dann Reiten wir Einfach 😉 


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RIP Herbert

RIP Herbert

Wie kann man sein Pferd abseits des Trainings dem jeweiligen Muskeltyp entsprechend unterstützen?

Am Sonntag stand beim Kurs mit Annika Keller das Thema „Massage“ im Vordergrund. 

Von Muskeln und Mäusen…

Herbert ist 22 Jahre alt, grundsätzlich könnte er ein athletischer Typ sein. Er lebt gemütlich mit seiner Familie, nennen wir sie mal Bindegewebe im Ort Körper, genauer im kleinen Dorf Gluteus. 

Auf Herbert werden wir später in der sehr anschaulichen Theorie mit Annika noch zurück kommen. 

Bewegung ist aller Anfang

Bevor wir uns aber in der langen Theorieeinheit am Sonntag dem Thema Massage widmen, beantwortet Annika Fragen der Teilnehmer. Beispielsweise wird anhand einer Frage zur Hyperflexion das Erlernen eines Bewegungsmusters diskutiert. Bewegungsmuster können, so schildert es Annika über einen langen Zeitraum antrainiert sein, sie können aber durch Nutzung verschiedener Verhaltensmuster oder unter Zwang erzeugt werden. Der Körper reagiert auf die Bewegungsmuster entweder durch Ausweichmechanismen oder durch Kompensation. 

Eine Bewegung, die erzwungen und nicht durch Eigendynamik entwickelt wird, wirkt sich negativ auf den gesamten Körper aus. 

Wir Reiter haben daher einen wichtigen Job: Vereinfacht gesagt bedeutet das, wir müssen den Inhalt reiten und nicht die Lektion. Biomechanisch betont gesagt: Werde dir als Reiter immer bewusst, warum du überhaupt welche Bewegungskompetenz beim Pferd ausbilden möchtest. 

Wertschätzung bis in die Zelle

„Alles wird gut“. Tatsächlich? Rund um die Akademische Reitkunst haben wir das Glück mit vielen Menschen zu tun zu haben, die sich mit dem Wohlbefinden des Pferdes auseinander setzen.

Gesundheit ist unschätzbar wertvoll. Ich habe irgendwo mal aufgeschnappt, dass es für Springpferde eine gewisse Anzahl an Sprüngen in ihrem Leben gibt – wird dann quasi über die Kilometerleistung geritten, dann wirkt sich das negativ auf den Körper (und oft auf den Geist aus). Damit soll jetzt nicht das Springreiten kritisiert werden, sondern die Frage erörtert werden, ob Schäden tatsächlich durch beispielsweise ostheopatische Behandlungen oder den Chiropraktiker „wieder gut“ gemacht werden können. 

Annika erklärt an dieser Stelle, dass sich Zellen nach einer bestimmten Zeit an ein Bewegungsmuster erinnern können, – gute wie schlechte. Auch eine für den Körper „schlechte“ Bewegung, die 17 Jahre lang trainiert wird, kann vom Pferd in diesem Fall als Überlebensnotwendig interpretiert werden. 

Wie kann man also die Negativspirale durchbrechen. Training, das der individuellen Biomechanik und der Geschichte des jeweiligen Pferdes entspricht ist eine Seite der Medaille, die andere ist mit Sicherheit Zeit. Heilung bedeutet demnach nicht: „Plötzlich ist wieder alles gut“. 

Heilung mit ostheopatischer Unterstützung bedeutet dem Körper bei dessen Neuordnung Hilfestellung zu geben. Und dadurch zum Beispiel mit Verletzungen und deren Auswirkungen umgehen zu können.

Warum können wir eigentlich reiten? 

Nachdem wir über mögliche Verspannungen, Schutzmechanismen usw, beim Pferd diskutiert hatten und auch die Frage erörtert hatten, ob Dehnungshaltung bei einem festgehaltenen Rücken überhaupt sinnvoll ist, wenn das Pferd sich mental und physisch nicht lösen kann, kam natürlich die Frage auf: Wie ist es überhaupt möglich, dass wir auf einem Pferd sitzen und es reiten können? 

Beim Reiten wünschen wir uns auf keinen Fall eine negative Umkehr des normalen Bewegungsempfindens. Wir möchten nicht, dass das Pferd kompensiert noch eine Schutzhaltung für unser Vergnügen einnimmt. 

Ein gutes Privatleben steht an erster Stelle

Für Pferde bedeutet das – jede kleine Blockade oder Festigkeit kann sich leichter lösen, wenn das Pferd in einer möglichst artgerechten Haltung leben darf. Auch wenn das Pferd nicht geritten wird, kann es zu Blockaden oder einer Steifheit kommen, allerdings lösen sich bei einem guten Privatleben die meisten Probleme von selbst – auch so wie bei uns. 

Es heißt im Leben nicht umsonst, man darf sich nicht zuviel aufladen. Umgekehrt bedeutet das – wir müssen dem Pferd zeigen, wie es sich mit uns Menschen auf dem Buckel zurecht findet. 

Ein Pferd, das nicht geritten wird, hält sich anders als ein Reitpferd. Die Haltung des Reitpferdes ist etwas, das wir aktiv mit dem Pferd verändern können – das ist auch der einzige Grund, warum wir Pferde reiten können – weil sie sich eben als Reitpferde anders halten können. Und wie wir diese Haltung kommunizieren – das ist Sache der Reitkunst. 

Die Wirbelsäule – ein Jungbrunnen

Alle ursprünglichen Aktivitäten wie Yoga, Pilates oder Heilmassage beschäftigen sich mit der Beweglichkeit der Wirbelsäule. Und das nicht umsonst – denn von der Beweglichkeit der Wirbelsäule hängt viel ab, wie der Rest unseres Körpers später funktioniert. Jedes Organ wird von der Wirbelsäule aus ange“funkt“ und alle Extremitäten werden von ihr aus gesteuert. Verletzt sich ein Pferd am Bein hat dies eben auch eine Auswirkung auf die Wirbelsäule. 

Wir brauchen also eine dreidimensionale Bewegung in der Wirbelsäule damit wir überhaupt reiten können. Und dann brauchen wir natürlich eine entsprechende Bewegungsqualität. Und an Bewegung sind auch immer Muskeln beteiligt. 

Die Sache mit Herbert

Der gesamte Körper besteht aus Bindegewebe, aber jedes Bindegewebe hat seine ganz eigene Form und Aufgabe. Die Muskelfaser Herbert hat letzten Sonntag also zwei Stunden Yoga gemacht. Und plötzlich schrecken alle Zuhörer, die gebannt gelauscht hatten hoch. Herbert? Wer ist nun Herbert? 

Annika hat ein sehr bildhaftes Beispiel für uns parat. Herbert ist eine Muskelfaser, die eben letzten Sonntag zwei Stunden Yoga gemacht hat. Herbert war beim Training echt am Limit. Nun gut, das ist noch untertrieben: Das Yoga hat Herbert getötet. Eine massive Überanstrengung von Fasern kann zu deren Absterben führen. Diese Muskelfasern bleiben als Abfallprodukte zurück. Nun grübelt das ganze Auditorium. Was ist der Unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Muskelkater. Und wer sollte auf wen hören? Der Mensch, der als Personal Trainer sein Pferd motiviert und anfeuert oder sollte sich das Pferd mehr Gehör verschaffen, wenn der „Trainer“ nicht hört, dass es einfach nicht mehr kann? Und ist es zum Zeitpunkt dieser Message bereits zu spät für „Herbert“, die kleine Muskelfaser. 

Bewusst gesund

Gesundheit und gute Bewegung hat also, einmal mehr mit viel Achtsamkeit und Bewusstsein zu tun. Annikas Theorievortrag hat sich mit sämtlichen Fragen beschäftigt, vor allem aber, wie wir aus einem Pferd ein Reitpferd machen – und wie wir die Ausbildung durch Massage begleiten können. 

Dass Massage kein Kraftakt sein muss, das haben wir dann in der Übung der verschiedenen Druckstufen an uns selbst ausprobiert. Dann ging es an die Pferde, denen wir auch hier gut zuhören müssen. Magst du diese Druckstufe? Wo und an welcher Körperzone bist du empfindlich? Entspannt standen unsere Pferde in der Halle und ließen sich durch Annikas Erklärungen nicht stören. Für jedes Pferd hatte sie auch einen individuellen Vorschlag für die Massagegriffe bereit. Fazit: ein sehr gelungenes Kurswochenende!

Irgendwie war es dann ganz komisch, die Frau Kollegin zum Flughafen zu bringen, schließlich hatten Annika und ich eine intensive Arbeitswoche. Zum Glück nicht unser letztes Treffen – schließlich wollen wir für euch etwas ganz spezielles basteln 😉 

Meine Empfehlung: Wer die Gelegenheit hat, bei einem Kurs mit Annika teilzunehmen, lasse sich die Chance nicht entgehen! 

Mehr Informationen über Annika gibt es auf ihrer Website

Einen Podcast zum Nachhören gibt es hier

Denke an die Zellen – besonders an Herbert, dann Reitest du Einfach 😉 

Von Delfinen und Bulldoggen

Von Delfinen und Bulldoggen

 Kursbericht mit Annika Keller

Herbstliches Kaiserwetter, eine riesige Portion steirisches Kernöl auf dem Salat für reichlich Energie und gute Laune. So ließe sich der Kurs bzw. die Tage mit Annika Keller beschreiben. Aber für alle, die es verpasst haben oder neugierig geworden sind, gibt es nun doch eine ausführliche Beschreibung 😉

Analyse, Planen, Denken, Handeln 

Ein Kurs mit Annika Keller, das bedeutet viel biomechanischen Input und eine individuelle Herangehensweise. Individuell ist die Akademische Reitkunst allemal. Um es auch für alle Lernenden spannend zu machen, sind bei unseren Kursen immer ganz unterschiedliche Pferde dabei. Spannend war natürlich Annikas Herangehensweise bei folgenden Themen: 

  • Was tun bei Kissing Spines und diversen Arthrose Diagnosen in der Halswirbelsäule? 
  • Was tun bei einem Pferd, das die Zehen schleifen lässt, gleichzeitig gibt es keine adäquate Befundung durch einen Veterinär? 
  • Was tun, wenn der Pferdekörper durch diverse Trächtigkeiten in Anspruch genommen wurde?
  • Was tun, wenn das Pferd den Widerrist schlecht anheben kann? 
  • Was tun, wenn das Pferd mit den Hinter- und Vorderbeinen ein starkes Kreuzen, ähnlich einem Seiltänzer zeigt?
  • Was tun, wenn die Energie immer wieder „ausgeht“. 
  • Was tun, wenn das Pferd mit einem Hinterbein weniger leicht unter die Masse tritt und somit kurz-lang tritt? 
  • Was tun, wenn sich eine diffuse Lahmheit zeigt, wenn der Rückenschwung nicht ordentlich durchs Pferd kann?
  • Was tun bei der Diagnose Spat? 

Zunächst wurden alle Teilnehmer ausführlich unter die Lupe genommen. Annikas Analyse zeigte auch deutlich: Wo zeigt die innere Lupe des Pferdes hin? Welche Körperlichen und mentalen Aspekte stehen im Vordergrund? Worauf richten wir häufig unsere Augen und tun wir das überhaupt zurecht? 

Die Überprüfung in der Praxis

In den ersten Praxiseinheiten wurde dann die Beschreibung der Reiter genau überprüft. Für das Kürzer oder Länger treten waren die Themen „Innen und außen“ eine große Sache. Tritt ein Hinterbein kürzer – dann fühlt es sich häufig als äußeres Hinterbein wohler, lässt sich aber als inneres Hinterbein besser korrigieren, weil dabei am Vorgriff gearbeitet wird.

Ein Hoch an dieser Stelle auf die Seitengänge und möglichen Variationen, die uns hier zur Verfügung stehen.
Für die Reiter bedeutete das: ein äußerer Schenkel kann jederzeit zum inneren werden. Wechsel zwischen Renvers und Schulterherein oder Renvers und Gerade gebogen in die jeweilige Bewegungsrichtung spricht das jeweilige Hinterbein gezielt an und fördert die Geschmeidigkeit und den Vorgriff – vor allem im Übergang zwischen den Seitengängen und wenn wir nach einer guten Mitte suchen.

Wie so oft im Leben – eine gute Mitte sorgt für Balance, Losgelassenheit und hilft auch ein gutes Tempo sowie einen guten Takt zu finden. 

Reitest du noch auf einem Problem herum? 

Wir Reiter sind ja dermaßen gut darin, Probleme zu formulieren bzw. klar zu sagen, was man nicht spürt, was man aber gerne hätte. Oft korrigieren wir aber daher auch ganz schnell an falscher Stelle. Das heißt eine Korrektur mit dem indirekten Zügel wird ganz rasch gewählt, macht die Sache aber nicht unbedingt besser. Annika plädierte daher in ihrem Praxisunterricht immer wieder den „Rumpf des Pferdes anzusprechen und aktiv zu reiten“.  Fällt das Pferd auf dem Zirkel oder auf einer geraden Linie nach innen, dann fällt die Nase der Bewegungsrichtung hinterher. Die Korrektur wird am besten über den inneren Schenkel und den direkten äußeren Schenkel eingeleitet. Immer der Nase nach – dieses Sprichwort lässt sich also nur dann korrekt aufs Reiten übertragen, wenn die Hinterbeine die Richtung der Nase vorgeben. 

In den Praxiseinheiten wurde daher schnell klar, was mit innen oder außen und einer inneren oder äußeren Hilfengebung sowie einer diagonalen HIlfengebung gemeint ist. Gemeinsam konnten wir erspüren, warum „abgekürzte oder modernere Formulierungen“ zwar inhaltlich richtig, aber nicht immer so leicht verständlich und daher in der Umsetzung problematisch sein können.

Ist es immer ein Seitengang, der uns hilft? Nein, manchmal reicht auch schon das Gefühl aus, oder anders gesagt die Überprüfung. Kann ich mir vorstellen, jederzeit auf der rechten Hand in einen Renvers zu wechseln? Würde dann mein innerer Zügel stark beansprucht oder eher leicht bleiben? Bräuchte ich den indirekten Zügel überhaupt? Oder habe ich das Gefühl, ich kann den Renvers einleiten, indem ich die Hinterbeine und damit den Rumpf des Pferdes dirigiere? 

Sich selbst auf die Finger klopfen

Wir streben nach Harmonie und Perfektion. Manchmal arbeiten wir aber nicht an dem Thema, das eigentlich dran wäre. So lösen wir das Pferd abwärts, auch wenn wir uns näher mit der Ursache beschäftigen müssten, warum das Pferd jetzt nicht korrekt über den Rücken ging. Die Hand kann dann vermeintlich eine Sache beschönigen, aber die Ursache nicht abstellen. 

Hier spielt uns der dringende Wunsch nach Perfektion einen Streich und verhindert, dass wir eine Leidenschaft für Ursachenforschung entwickeln. So ist es spannend heraus zu finden, ob das Hinterbein nicht vorkommen kann, weil vielleicht sogar eine übermäßige Dehnung Lastaufnahme verhindert. Es kann aber auch sein, dass die äußeren Hilfen nicht klar genug sind. Oder oder oder. Reiten kann so spannend sein, an erster Stelle steht aber das genaue Zuhören und Analysieren. Häufig wollen wir eben etwas reparieren, obwohl wir noch gar nicht wissen, was passiert ist und welches Werkzeug wir brauchen, Hauptsache es fühlt sich wieder einigermaßen rund unter uns an. Dass dabei schon mal ein Hinterbein nach hinten raus gedrückt wird und nicht mehr tragen kann, das ist uns gar nicht so bewusst. 

Von Delfinen und Bulldoggen

Annika hatte immer ein passendes Bild für den jeweiligen Reiter und die Zuschauer parat. Ist ein Pferd vom Muskeltonus eher eine Bulldogge oder ein Windhund? Oder erinnert uns dieses Pferd an einen freundlichen Golden Retriever? Und wenn das Pferd nun eher über einen weichen oder einen festen Muskeltonus verfügt, wie müssen wir dann in der Arbeit vorgehen. 

Meine zwei Warmblutstuten sind genau einmal fest im Tonus (Tarabaya) einmal eher weich (Pina Colada). Für die Arbeit mit Tabby ergibt sich, dass wir die Beweglichkeit insgesamt weich und geschmeidiger bekommen wollen. Das gelingt mir einerseits sehr gut über den Sitz, andererseits heißt das natürlich auch viel an mentaler Losgelassenheit zu arbeiten. Die Trainingsempfehlung für weiche Pferde wie Pina von Annika wäre zb in der Boden- oder Handarbeit zu beginnen und hier auch – selbstverständlich je nach Können und Veranlagung des Pferdes Versammlung für eine verbesserte Straffheit und Körperhaltung zu nutzen. Im Falle von Pina helfen hier sicherlich fleißige Übergänge zwischen Piaffe und Galopp an der Hand und ein besonderes Augenmerk auf ein korrektes Heben des Widerrists insbesondere bei der Schulparade. 

Tipp: Manchmal kann auch musikalische Untermalung helfen, die notwendige Energie im eigenen Körper zu finden und auf das Pferd zu übertragen! 

Für Warmblutstute Amira gab es beispielsweise das Bild eines aus dem Wasser springenden Delfins für die Verbesserung der Galoppade. Delfine, die ins Wasser eintauchen und das mitten im goldenen Herbst. Die Macht der inneren Bilder ist einfach unglaublich. Von der Vorstellung des Reiters ans Pferd übertragen sind die nächsten Galoppsprünge bergauf ganz toll gelungen. 

Kraft aus der Massage? 

Das Motto des Pferdes war ja „Pferde gesund reiten und fit halten durch gezielte Massage“. Nachdem am Samstag die Praxis beim Reiten auf dem Programm stand, wobei gezielt an Energie, Energierichtung und Schiefe gearbeitet wurde, ging es am Sonntag um die Möglichkeit, die Pferde mit einer Massage gezielt zu unterstützen. Dass es dabei nicht um kraftvolle Massage ging, darum geht es im nächsten Blogbeitrag! 

Weiterlesen über Schiefe

Weiterlesen über Schulterherein

Weiterlesen über Kruppeherein

Weiterlesen über Renvers

Fazit: Annika Keller sorgt nicht nur mit guten inneren Bildern für sofort umsetzbare Ergebnisse, ihr ehrlicher und fundierter Unterricht macht Spaß, holt den Schüler ab und ermutigt auch an Schwierigkeiten zu arbeiten!

Prädikat: Sehr empfehlenswert! 

Branderups Querverweise

Branderups Querverweise

Ein Pferd ist immer ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd ist auch nur ein Mensch. 

Bent Branderup

Bent Branderups Theorievorträge sind absolut genial. 

Immer gespickt mit neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung. Was aber sehr ins Herz geht sind die vielen Weisheiten und Anekdoten von Bent. 

Best of Branderup II

Wie soll ein Pferd fußen? 

„Betrachten wir das Auge des Pferdes, dann hat sich die Evolution etwas sehr gescheites einfallen lassen. Pferde können ganz genau sehen, wo der Vorderfuß auffußt. Pferde gibt es länger als den modernen Menschen – und wir bilden uns ein, das Pferd über eine falsche Schwungrichtung über die Karpalgelenke zu schicken. Idealerweise muss der Hinterfuß in die Spur des Vorderfußes kommen. Wenn das Pferd sieht, wo es den Vorderfuß setzt und sieht, wo es sicher ist, dann kann der Hinterfuß nachkommen. Das Pferd ist geländesicher. Hätte die Evolution dies nicht so eingerichtet, wäre das Pferd nicht überlebenssicher. Auch die Formgebung der Hufe muss von der Evolution gut ausgedacht sein, schließlich gibt es in der Wildnis keine Hufpfleger. Und was sehen wir in der Reitbahn? Sieht der Boden nach dem Reiten aus wie ein Handgranatenübungsfeld, dann waren die Hufschniederschläge des Pferdes garantiert falsch.“

Bent Branderup

Zum Turnierreiten

„Wir müssen jede Lektion für das Pferd nutzen und nicht umgekehrt. Wir dürfen uns nicht nach einer gewissen Anzahl an Punkten richten, die man fürs Reiten bekommt. Wir haben aber eine Reitweise erfunden, wo quasi alle das gleiche Pferd reiten müssen, um Punkte zu bekommen. Es können aber auch nicht zwei Balletttänzer den Schwanensee in einer gleichen Weise tanzen. Es müsste darum gehen, die natürliche Fähigkeit des Pferdes nicht zu verderben, sondern die natürlichen Fähigkeiten zu optimieren. Das wäre eigentlich ein Olympiasieg“. 

Bent Branderup

Über Seitengänge

„Wir interessieren uns gar nicht für Seitengänge. Wir interessieren uns ja eigentlich fürs Geraderichten. Wenn man die Seitengänge nicht kann, dann kann man auch nicht geraderichten, das sagte schon Pluvinel“. 

Bent Branderup

„Durch richtige Seitengänge wollen wir die Füße dort hin bringen, so dass wir die Gelenke der Hinterhand unbeschwert beugen können. Die Pardade soll dann das Gefühl von Abwesenheit jeglichen Widerstands sein.“

Bent Branderup

Über Hilfszügel

„Wenn wir die Wirbelsäule steif machen durch Ausbinder, dann reduzieren wir ja die Bewegung der Wirbelsäule und die Beckentätigkeit. Dann leidet ja auch der Vorgriff. Ausbinder sind einfach keine menschlichen Hände, sondern nur menschliche Dummheit“. 

Bent Branderup

Über Glaubenskriege in der Reiterei

„Wir können keine Lehre entwickeln, wo es hießt: man macht es so und alles andere wäre falsch. Es gibt ja auch keine zwei gleichen Pferde. Wir brauchen selbstständig denkende Ausbilder, man muss schließlich verstehen, um zu denken. Man muss als Reiter immer erst verstehen, was man tut, warum man es tut und wann.“

Bent Branderup

Warum wir reiten?

„Man muss nicht mehr reiten, man darf. Es gibt auch keinen Zweck über bunte Stangen zu hüpfen. Der einzige Zweck ist uns geblieben – und der nennt sich Zeit schön zu verbringen. Die Zeit, die wir schön verbringen können wir aber auch inhaltsreich verbringen, indem wir selbst besser darin werden, Pferde auszubilden. Deswegen empfinde ich ein Reiterleben als weggeworfen, wenn man 40 Jahre reitet und keine Ahnung hat und nur transportiert werden will. Das ist ja als wenn man jahrelang einen Italienisch Kurs besucht und dann kann man in Rom noch immer keinen Cafe bestellen.“

Bent Branderup

Gib es einen magischen Knopf zum Reiten? 

„Menschen sind visuell und manuell. Daher wollen wir alles mit den Händen machen. Es gibt aber keine Hebel und Zahnräder, die beim Reiten ineinander passen. Es gibt Pädagogik. Und es geht darum eine gemeinsame Sprache zu erlernen.“ 

Bent Branderup

So sitzen und nicht anderes? 

„Daumenregeln stimmen meistens, aber nicht immer, daher muss man auch beim Sitz verstehen, warum die Regeln stimmen und warum die nicht stimmen – vor allem, warum es jetzt gerade anders ist. Generell gibt es eine Daumenregel nicht über der inneren Hüfte einzuknicken.“

Bent Branderup

„Wir sprechen von einem Dreipunktesitz zwischen den beiden Gesäßknochen und dem Schambein. Das Steißbein wäre auch noch da, hätten wir aber wirklich einen Schweif – im Englischen sprechen wir ja von Tailbone – dann würde der Schweif auf der Innenseite der Wirbelreihe des Pferdes runter hängen (wenn wir auf dem Pferd sitzen). Das gleiche gilt für das Schambein. Schambein und Steißbein geben also die Biegung des Pferdes wider.“

Bent Branderup

„Das Pferd soll den Menschen spiegeln und nicht nur von Absatz und Hand in die Lektion geritten werden. Die Sekundärhilfen kommen nur dann zur Geltung, wenn das Pferd den Menschen nicht spiegelt“. 

Bent Branderup

Über die Formgebung

„Erst wenn die Form mit Leichtigkeit da ist, erst dann kann man Ausdauer kriegen, sonst bekommt man eher Ausdauer in der falschen Muskulatur“. 

Bent Branderup

Über die Kunst

„Passage ist eine Entwicklung der Rumpfträger des Pferdes. Es geht darum, wie ein Künstler mit den Elementen der Reitkunst hantieren zu können. Der Maler hantiert mit Nuancen, aber es gibt ja eigentlich nicht so viele Farben. Er kann aber mit diesen wenigen Farben alle Gemälde auf der Welt machen, wenn er ein guter Handwerker ist. Balance, Losgelassenheit, Formgebung, Tempo, Takt und Schwung sind unsere Elemente, die wir als Reiter für die Kunst benötigen und für unser Handwerk“. 

Bent Branderup


„Der größte Irrtum in der Geschichte der Reitkunst ist, dass es erlaubt wäre mit Gewicht in der Hand zu reiten. Der Unterkiefer der Pferde ist nicht dicker als die Kante einer Cafetasse. Dort Gewicht auflegen zu wollen ist eine horrende Idee der Reitkunst. Es gibt auch historische Pferdekiefer wo wir Schäden finden, aber in den modern gerittenen Pferden finden wir die meisten Schäden“. 

Bent Branderup

Warum es sich lohnt, zu warten in der Ausbildung

„Der Brustkobr des Pferdes ist eerst mit sieben Jahren ausgewachsen. Daher habe ich so wunderbare Zeit, die ich mit dem jungen PFerd am Boden verbringen kann. Ein Muskel kann sich nicht korrekt entwickeln, wenn der Knochen dazu noch nicht ausreichend vorhanden ist, schließlich ist er der Haftungspunkt für den Muskel. Dieser Haftungspunkt muss ausgewachsen sein, damit das Pferd Rumpfmuskulatur und damit Rumpfträger entwickeln kann. Manche Pferde können uns leicht tragen, andere brauchen dafür eine enorme Ausbildung.“ 

Bent Branderup

„Ein geschmeidiges Pferd und ein ungeschulter Hintern fühlt sich an wie ein Aal, der in alle Richtungen weg geht. Das ist dann aber kein Pferdefehler sondern ein Ausbildungsfehler“. 

Bent Branderup

Weitere Zitate gibt es im „Best of Branderup“ Teil 1 zum Nachlesen.

Bent Branderup kommt 2020 wieder nach Österreich.
Verpasse nicht die beiden folgenden Termine:

  • 18. und 19. April, Equimotion, Sandberg bei Mannersdorf (nahe Wien)
  • 4. und 5. Juli, Horse Resort am Sonnenhof, Hart bei Graz

    Interesse an einem Zuschauerplatz? Dann schreib uns eine Mail
Alles seitwärts?

Alles seitwärts?

Vergangenes Wochenende war wieder mal „Bent Time“ angesagt. Im goldig-herbstlichen Ainring bei Salzburg drehte sich alles um Seitengänge. Wobei Drehung das absolut falsche Wort ist. 

Für alle, die es verpasst haben, gibt es meine Zusammenfassung vom Kurs: 

Seitwärts in der Theorie

„Eigentlich geht es gar nicht um seitwärts in den Seitengängen sondern um Balanceverschiebung und ob vier Beine eine korrekte Schwungrichtung wider spiegeln“. 

Bent Branderup

Mit diesen Worten eröffnete Bent Branderup die erste Theorieeinheit. Und praktisch ging es auch gleich weiter. Wer Bewegung verstehen möchte, muss sich mit der Schwerkraft auseinander setzen. Wenn wir einen Seitengang versal (Schulterherein) oder traversal (Kruppeherein) arbeiten, dann sollen die Pferdebeine die korrekte Schwungrichtung der Schwerpunktverlagerung spiegeln. Problematisch ist allerdings, wenn man gegen die Gesetze der Schwerkraft und der Biomechanik verstößt und Knochen in eine falsche Winkelung bringt. Dann ist die Belastung nicht korrekt, Seitengänge können dann für das Pferd Schäden in Knochen, Gelenken usw. verursachen. Wird das junge Pferd dazu während des Wachstums falsch belastset, dann können sich früh Arnthrosen bilden. 

„Der Tierarzt sagt, man soll das Pferd geradeaus auf hartem Boden reiten. Dies ist das veterinärmedizninische Attest an uns Reiter, eigentlich gar nicht reiten zu können“.

Bent Branderup

Das Problem sind also die Scherkräfte, die man aufs Gelenk bringt, wenn man Seitengänge falsch verstanden umsetzt. Der Motor, respektive die Kraft für die Bewegung wird immer aus der Hinterhand erzeugt. Wenn wir Pferde ausbilden, fangen wir laut Bent Branderup allerdings am falschen Ende an. Wir beschäftigen uns gerne mit Kopf, Hals und Schulter, dabei wird die Energie aus der Hinterhand erzeugt.

„Viele Ausbilder werden allerdings schon den Motor kaputt machen, bevor sie überhaupt mit der Arbeit beginnen. Wer die Hinterhand zur Dysfunktion bringt, kann nicht weiter arbeiten“.

Bent Branderup

Bent Branderup zeichnet nun in seinem für ihn typischen Stil in mehreren Farben Becken, Hüftgelenk, Knie, Sprunggelenk, Fesselkopf und Hinterhuf auf ein großes Flipchart. Nun geht es darum, die  Hinterfüße zu ihrer Funktion unter die Körpermasse zu bringen. Wie immer gibt es auch viele Erläuterungen aus der Geschichte:

„Reite die Hinterbeine des Pferdes nach vorne und gib ihm dem Pferd eine Parade, so dass es die Gelenke der Hinterhand beugt.“

Xenophon

„So fragt König Louis XIII. seinen Lehrmeister Pluvinel: „Warum reiten wir all diese Seitengänge“. „Um gerade richten zu können“, antwortet Lehrmeister Pluvinel.“

Bent Branderup

Woher kommt der Vorgriff? 

Wie fußt das Pferd nach vorne? Greifen die Hinterbeine tatsächlich unter die Masse? Auffällig ist das Hüftgelenk für die biomechanische Reise – denn das Hüftgelenk hebt den Fuß nach vorne. Wer ist also für den Vorgriff zuständig? Das Knie kann es nicht sein, denn es führt den Fuß nach hinten. Das Sprunggelenk dispensiert die Bewegung aus dem Kniegelenk. Der Mensch kann im Gegensatz zum Pferd Knie und Sprunggelenk separat bewegen, das Pferd kann dies nicht. Hier sind Knie- und Sprunggelenke durch die Spannsägenkonstruktion in einer engen Zusammenarbeit verbunden. Das Hüftgelenk alleine kann auch nicht dafür zuständig sein, wie das Pferd den Hinterfuß zu Boden setzt, das gesamte Becken Becken muss aktiv werden. Pferde, die allerdings nicht im Becken aktiv genug sind und die Hinterfüße durch Streckstellung von Knie- und Sprunggelenk absetzen, werden es mit Hankenbeugung und korrektem Vorgriff schwer haben. 

Bent Branderup erklärt genau, wie die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule aus einem aktiven Becken entsteht. Das Becken soll sich nach vorne-unten bewegen – und zwar deutlich. Dies wäre unter anderem ein Qualitätsmerkmal in der Blickschulung in Punkto Vorgriff.

„Diese vor- und runter Bewegung des Beckens führt zu einer Tätigkeit im Rücken, die wir Reiter dann als Schwung bezeichnen. Friedrich von Krane erwähnt diesen Begriff der dreidimensionalen Schwingung als erster in der LIteratur.“

Bent Branderup

Besonders betont Bent Branderup auch sein Auge hinsichtlich des Schulterblattes des Pferdes zu schulen. Was macht das Schulterblatt in der Arbeit in den Seitengängen. Die Tätigkeit der linken Hüfte sollte sich automatisch auf die rechte Schulter übertragen. 

Nun wird es praktisch – Branderup demonstriert vor dem Publikum den eigenen Rückenschwung. Wir als Menschen sind Traber, schwingen also auch diagonal. Wenn wir uns in Seitengängen ausprobieren, dann überträgt sich der Rückenschwung auch auf unsere Arme. Bleibt die Schwungrichtung zu den „Hinterbeinen“ passend, dann schwingen auch die Arme in die entsprechende Richtung. 

Wenn wir Seitengänge observieren, dann sollen alle vier Beine des Pferdes eine versale, traversale oder renversale Schwungrichtung zeichnen. Fehlerhaft ist also, wenn ein Beinpaar versal und eines renversal unterwegs ist. 

Die unterschiedlichen Schwungrichtungen machen es für unser Auge möglich zwischen einem Schenkelgänger und einem Rückengänger zu unterscheiden. Balancerichtung muss sich also auch über den Rücken übertragen. Wird aber die Körpermasse förmlich auf den Brukstkorb geschoben, dann muss die Schultermuskulatur den Brustkorb schwer auffangen, die Schwungübertragung und ein lockeres Vorschwingen der Vorderbeine aus der Schulter heraus wird blockiert. 

Da Pferde kein Schlüsselbein haben, übernimmt die so genannten thorakale Muskelschlinge einen Haufen Arbeit. Hier skizziert Bent Branderup die Auswirkung von Zucht und Selektion auf das Pferd. 

„In dem Moment, wo der Brustkorb zu schwer in der Muskulatur hängt, wird die Schulter die Schwingung des Rückens blockieren und aus dem Rückengänger wird ein Schenkelgänger. Das passiert ziemlich leicht, wenn wir auf dem Pferd sitzen, daher haben wir um diesem Phänomen entgegen zu wirken größere und mächtigere Schultern beim Pferd gezüchtet. Quarter Horses haben beispielsweise riesige Schulterblätter. Viel Gewebe kann nun helfen den Brustkorb zu tragen. Weil das Pferd aber mehr Thoraxschlinge bekommt, hat es davon aber nicht bessere Ellenbogen- oder Karpalgelenke. Auch die Hufrolle wurde in dieser Zuchtselektion nicht besser. Im Gegenteil. Wir sehen in der Folge viele Hufrollenbefunde, Verschleißerscheinungen an den Ellenbogen oder Knickbeine. Wenn wir die Pferde auf der Vorhand reiten, dann haben die Tiere ganz sicher Verschleißerscheinungen an der Vorhand. Wir können also ein Schulterblatt größer züchten, aber die Stabilität der Gelenke darunter ist nicht automatisch mit verbessert.“

Bent Branderup

Weiter erklärt Bent Branderup, dass die menschlichen Karpalgelenke eine Drehbewegung schaffen, die Karpalgelenke des Pferdes können das allerdings nicht. Die natürliche Bewegung des Karpalgelenks ist Beugung – daher ist es so wichtig, dass wir in den Seitengängen nicht gegen die Karpalgelenke arbeiten. 

Und noch ein Stichwort zu den schon angesprochenen Schulterblättern

„Je kleiner und aufrechter das Schulterblatt ist, umso mehr kann es sich auf dem Rippenbogen bewegen. Je länger und waagrechter das Schulterblatt ist, umso weniger kann es von der Schwungrichtung abweichen. Daher werden falsche Seitengänge noch problematischer.“

Bent Branderup

Schwierig in der Vorstellung? Dann hat Bent Branderup gleich ein passendes Bild parat. Der Spanier im alten Typ mit viel Campaneo. Unter Campaneo (übersetzt bedeutet es übrigens Glockenspielergang) versteht man eine hohe Knieaktion des Vorderbeins mit einem seitlichen Ausschwingen der Vorderbeine. Campaneo wurde eigentlich als Gangfehler bezeichnet, im Stierkampf macht es diesem Pferd jedoch ein rasches Abweichen von der ursprünglichen Schwungrichtung möglich. Pferde mit einem flachem Brustkorb und flachem Schulterblatt können nur sehr wenig von dieser Schwungrichtugn abweichen. Das unterstreicht warum man Pferde vom alten Spanischen Schlag im Stierkampf oder Rinderarbeit gebrauchen konnte, den Trakehner eher weniger. 

Die Reise der Biomechanik ist jedoch noch nicht zu Ende. Nun spricht Bent Branderup von der Halswirbelsäule, konkret von der Mobilität im sechsten und siebten Halswirbel. Urpferde, Zebras oder andere, nennen wir sie mal „ursprüngliche“ Equiden haben hier eine starke Bandverbindung nach unten für jeden Halswirbel, während die modernen Reitpferde diese Verbindung verloren haben. 

Auch dies führt Bent Branderup als weiteren Grund auf, warum es sich lohnt so pingelig mit den Seitengängen zu arbeiten. 

Woher kommt die Entschleunigung?

Weiter wird nun über Vorgriff und Rückschub diskutiert. Der Huf der Hinterhand des Pferdes muss korrekt auffußen und seine Kräfte ungehindert durch die Körpermasse fließen lassen. Dreht der Fesselkopf des Pferdes nach außen weg, dann ist die korrekte Krafterzeugung verloren gegangen. Auch wenn das Pferd auf der falschen Stelle auffußt ist keine korrekte Beeinflussung der Körpermasse gegeben. 

Für den Reiter bedeutet das unbedingt den Unterschied zwischen vorwärts und rückwärts zu verstehen. Ist das vorgreifende Hinterbein gut gehoben und gut im Vorgriff, dann wird das Pferd den Rücken runden, wenn aber der stehende Hinterfuß quasi dominant ist, dann fällt der Rücken weg. Optisch können wir dies an der fehlerhaften Nickbewegung des Pferdes festmachen.  

„Wenn der rückwärts schiebende Fuß dominant ist, dann sehen wir die Nickbewegung nach hinten oben – daher heißt es ja auch in der Literatur „an die Hand herantreten und über den Rücken gehen“. Akademisch gesehen wollen wir gerne, dass das Hinterbein exakt unter dem Schwerpunkt des Reiters auffusst. Wir wollen, dass Schwerpunkt von Reiter und Pferd zusammenpassen. Haben wir ein Pferd, das von Natur auf dort auffusst, dann wird es einfacher auszubilden sein. Bei manchen Pferden brauchen wir aber die Seitengänge, um es überhaupt zu einem Reitpferd zu machen“.

Bent Branderup

Der Hinterfuß muss gewisse Kräfte erzeugen – die erste und wichtigste Sache ist dabei die Teilnahme an der Entschleunigung. Man stelle sich vor auf einem trabenden Pferd zu sitzen. Der Trab hat eine Schwebephase und nun wollen wir aber entschleunigen – was wird wohl bequemer sein. Die Entschleunigung in der Hinterhand einzuleiten oder in der Vorhand zu bremsen? 

Wenn das Pferd auf die Schulter fällt, ist es freilich nicht nur für den Reiter, sondern auch für sich selbst unbequem. Bent Branderup nimmt uns mit auf eine Reise zur Tragkraft, zur Schubkraft und zur Federkraft, die mit letzterer stark verwandt ist. 

Für den Reiter ist es wichtig, ein Verständnis für den Schwerpunkt des Pferdes zu entwickeln – daher ist auch die Bodenarbeit so ideal, weil wir genau sehen können, was das Pferd mit den Informationen des Reiters tatsächlich macht. 

„Alles, was man tut, muss man sehen – es gibt nichts, was nicht schief gehen kann. Das Problem der Gegenwart liegt darin, dass viele Menschen nach dem Prinzip leben: Fake it, till you make it. Das ist völlig falsch, denn dann wird man ja nur Meister des Täuschens. Unser Motto sollte daher lauten „Fail it till you nail it“. Das korrekte Ergebnis ergibt sich also nur durch die Perspektive auf den Fehler. Wenn wir keine Fehler machen dürfen, dann können wir falsch und richtig ja gar nicht beurteilen“. 

Bent Branderup

Fehler und Problemlösungen wurden dann auch in den Praxiseinheiten aufgespürt. Seitengänge zum Geraderichten, Spüren von Schwungrichtungen und Formgebung der Oberlinie standen im Vordergrund. 

Verliebe dich in den Fehler – dann reitest du Einfach. 

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