Bewegungskompetenz bei Mensch und Pferd. Vor einiger Zeit habe ich mal eine Podcast Folge über die menschliche Fitness veröffentlicht. Wir machen uns so viele Gedanken über die Bewegungskompetenz beim Pferd, dabei bleibt die eigene Bewegung häufig auf der Strecke. Was können wir durchs Seilspringen für die Ausbildung unseres Pferdes lernen 

Bewegungskompetenz: Warum das Leben ein ewiger Kreislauf ist 

Es sind noch fünf Tage zum Kurs mit Bent Branderup und meine linke Hüfte schmerzt. Teilweise kann ich nicht auftreten. Während des Lockdown bin ich auch einmal umgefallen. Einfach so. Kein Kreislaufproblem sondern ein „Kreislauf“-Problem in der Wirbelsäule. 1996 bin ich mit meinem Pferd Kobold und meinem Vater ausreiten. Wir reiten leicht bergab durch einen kleinen Bach, danach kommt es zu einer Steigung. Wallach Felix schreitet mutig voran, wir folgen. Mein Kobold rutscht jedoch am Laub aus, als es bergauf geht. Wir stürzen rücklings in den Bach und ich bleibe unter Kobold liegen. Erstaunlicherweise habe ich keine Schmerzen. Kobold und ich sind uns rasch einig, dass wir noch mit dem Schrecken davon gekommen sind. 

Wie bei vielen Unfällen zeigen sich die Folgeschäden Jahre später. 22 Jahre später werden Probleme in den Bandscheiben bei mir diagnostiziert und zwar zwischen 11. und 12. Brustwirbel und dem 4. und 5. Lendenwirbel. 

Der Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule strahlt in die Hüfte aus und lässt mich am rechten Bein manchmal einknicken. Freilich gehe ich regelmässig zur Physiotherapie und mache zu Hause brav meine Übungen. Ich probiere einige Trainings aus, um mich zusätzlich in Schuss zu halten. 

Körper spüren
Wie oft spüren wir in den eigenen Körper? Wie oft wagen wir eine Analyse? Sehr empfehlenswert, sich die Zeit zu nehmen, wie hier beim Kurs mit Hanna Engström

Ich trainiere Mobilität, Stabilität und Kraft, entdecke dabei, dass meine Gelenke sehr mobil sind, aber ich häufig die falschen Muskelketten aktiviere. Wenn es um Kraftentwicklung geht, dann „versagt“ meine Bauchmuskulatur und ich hebe gerne über den Rücken. Das bleibt freilich nicht ohne Folgen. Einmal übertreibe ich ein Training dermaßen, dass sich meine Rückenmuskeln in der Badewanne anfühlen wie zwei aufgeblasene Schlauchboote. Bewegung ist unmöglich, ich schwöre mir: Niemals wieder Sport. 

Danach bekomme ich ein Training auf der Slackline ausgetüftelt, meine Trainerin Anna zeigt mir, wie ich mittels Übungen an der Balance meine Bauchmuskeln besser ansprechen kann. 

Bewegungskompetenz: die Parallelen zur Reitkunst

Balance – ja da war doch auch was mit dem Pferd. Wenn wir an der eigenen Balance feilen und dadurch die richtigen Muskelketten aktivieren, dann finden wir viele Parallelen zur Bodenarbeit. 

Balance ist die wichtigste Basis, wenn wir über die Elemente der Reitkunst nachdenken. Mentale und physische Balance sind das Fundament, es folgen Losgelassenheit, Durchlässigkeit, Formgebung, Tempo, Takt und Schwung sowie Geraderichtung und Versammlung. Alle Elemente sind miteinander untrennbar verbunden. Keines kann für sich alleine gearbeitet werden. 

In der Bodenarbeit prüfen wir, wie unser Pferd überhaupt steht. Hier finden wir den Vergleich zum Haltungsturnen. Wie stehe wir da? Ist ein Bein etwas mehr belastet? Wo erkennen wir erste Schiefen oder Dysbalancen in der Muskulatur. 

Lässt uns das Pferd in die Wirbelsäule spüren? Dürfen wir die Wirbelsäule formen? 

Die Übung auf der Slackline zeigt mir – der Mensch denkt, die Slackline lenkt und wir sind plötzlich nicht mehr Herr unseres Körpers. Ähnlich geht es vielleicht jungen Pferden, die relativ unvorbereitet unter den Sattel kommen. Wenn das Pferd sich nicht lenken „lässt“, dann liegt es nicht an der Kooperation, sondern an der Balance, die ihm genommen wurde. 

Im Stand ist es schon ohne Reiter eine Herausforderung, das Gewicht auf allen vier Pferdebeinen gleichmässig zu verteilen und zwischen einem Schulterherein und einem Kruppeherein mit vermehrter Lastaufnahme zu spielen. Bewegungskompetenz beginnt mit den feinen Nuancen. Dem Gefühl und der Achtsamkeit, in den eigenen Körper zu spüren. Wer einmal über seine eigenen Grenzen hinaus gegangen ist (so wie ich im Training mit den Schlauchboot-Rückenmuskeln), der weiß, wie bedeutsam die Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper für das Training ist. 

Bewegungskompetenz und Achtsamkeit 

Bodenarbeit: wir stehen vor dem Pferd und fühlen mit dem Kappzaum in den Pferdekörper. Wie stehen wir vor dem Pferd? Wie steht das Pferd? Wie verändern sich die oben genannten Elemente  von Balance bis Geraderichtung, wenn wir mit dem Pferd dann im Schritt unterwegs sind? Wie lange lassen wir uns Zeit, in das Pferd zu spüren und einfach mal hinein zu horchen? Korrigieren wir sofort, wenn wir spüren, dass etwas nicht ganz „rund“ läuft? Und wenn ja, sind wir uns überhaupt bewusst, was wir korrigieren? Besonders wenn wir aufs Pferd steigen, haben wir kaum Geduld für Fehler. Wir möchten uns nicht mit einem unguten Gefühl belasten, da korrigieren wir lieber zuerst, ohne die Ursache Dysbalance aufzuspüren. Ein Beispiel dazu aus er Bodenarbeit: wenn das Pferd auf dem Zirkel unterwegs ist und ständig auf die innere Schulter fällt, dann fächern wir gerne die innere Schulter mit der Gerte an. 

Was passiert? Der innere Vorderfuß kreuzt vor das äußere Vorderbein nach außen aus dem Zirkel heraus. Durch das Überkreuzen kommt der Brustkorb innen höher, das Pferd fällt beim nächsten Schritt schon wieder auf die innere Schulter. 

Ein Trio, das gemeinsam achtsam genau hinhört. Wie fühlt sich Bewegung an? Rund oder eckig? 

Bewegungskompetenz – Wie es sein sollte? 

Nun gehen wir der Sache auf den Grund – warum hat das Pferd die innere Schulter mehr belastet? Weil es eine Außenstellung genommen hat und das innere Hinterbein nicht funktional unter die Körpermasse getreten ist. Die Korrektur lautet also Formgebung sowie Platzierung des inneren Hinterbeins mit Hilfe der um sich herum biegenden und direkten Schenkelhilfe. 

Wenn wir eine Bewegung korrigieren wollen, dann sollten wir uns immer aller Bausteine bewusst werden, die wir zur Korrektur benötigen. 

Bewegungskompetenz: Ich kann nicht mehr 

Seilspringen hört sich so spielerisch an. Als Kinder haben wir das letzte Mal vielleicht eine Springschnur zur Hand genommen – oder vielleicht in unserer Boxkarriere? Ich vermute mal hier weniger Profi Boxer unter meinen Lesern, vielleicht hat der eine oder andere „Rocky“ gesehen, da wurde auch ganz viel am Sprungseil trainiert. 

30 Minuten soll ich also Seilspringen. Ich lese die Zahl 25 am Display des Online Kurses und bin glücklich dass ich nur noch 5 Minuten zu springen habe. Falsch gedacht – ich habe noch 25 Minuten für mein Workout. Zwischendurch sagt mein rechtes „Hinterbein“ „Nein“, verfängt sich immer wieder im Sprungseil und stoppt das Seil hart auf meiner Zehenspitze. Ich möchte das Seil am liebsten in die Ecke pfeffern, wenn es hart gegen meine große Zehe rumst – und nein, ich springe nicht barfuss. 

Ich beiße die restlichen Minuten durch und bin während der Pausen völlig k.o. Ich versuche mich selbst zu ködern, indem ich mir einrede, einfach mal die erste Hälfte des Workouts durchzustehen. Das müsste doch für den Anfang reichen. Mein Lebensgefährte feuert mich an, mach weiter und so viel du halt kannst. 

Meine Stute Tabby hat öfter gesagt: Kann ich nicht. Meine Aufgabe war es genau hinzuhören, ob sie an sich selbst zweifelt, oder ob die Kraft tatsächlich nicht ausreicht. 

Werde ich wieder den Muskelkater meines Lebens haben? Nein, die Arbeit mit dem Springseil lässt mich meinen Körper am nächsten Tag schon spüren, jedoch nicht so schlimm wie beim übertriebenen Training mit der Kettlebell. Hurra. Und beim nächsten Mal Seilspringen schaffe ich schon 15 Minuten durchgehend, ohne völlige Verzweiflung. Meine Sprünge werden besser, ich bin nich mehr so laut (Eine weitere Parallele in Punkto Balance und gelenkschonende Arbeit mit dem Pferd). Beim dritten Mal geht es so gut, dass ich immer seltener mit dem rechten Bein im Seil hängen bleibe. 

Welche Erfahrung nehme ich mir für die Arbeit mit den Pferden mit? Manchmal geht es einfach nicht mehr. Manchmal kann man nicht mehr leisten. Das ist zu akzeptieren. Wie oft haben wir dem Pferd schon gesagt: Einmal geht schon noch. Einmal ist nicht Keinmal. Einmal ist manchmal einmal zu viel. 

In meinem Fall war das Training wirklich für Einsteiger geeignet und ich hatte am nächsten Tag keinen übertriebenen Muskelkater. Demnach vertraue ich den Experten, die das Training für Beginner gut einschätzen können. Sie hatten diesmal recht. 

Und dass beim Training von Tragkraft auch die „Hinterbeine“ müde werden – dass hat mir das Training auch einmal mehr ganz deutlich vor Augen gehalten. 

Ich kann mittlerweile vor und zurück und seitlich sowie am Platz Seilspringen. Von ersten Stolperfallen bis zur Selbstverständlichkeit übers Seil zu springen ist alles dabei. So funktioniert das also mit der Propriozeption sowie der Verbindung der Synapsen. Übung macht tatsächlich den Meister – wobei – vom Meisterseilspringer bin ich weit entfernt. Aber es ist lange her, dass ich ein Bewegungskonzept erprobt habe. 

Eine weitere lustige Erfahrung ist übrigens das Balancetraining auf dem Costaboard. Es macht unheimlich Spaß neue Bewegungsreize zu setzen und zu lernen – aber wie überall im Leben: Übertreibung und Untertreibung sind zu vermeiden. 

Als Reiter und Ausbilder des eigenen Pferdes ist es jedoch eine empfehlenswerte Erfahrung, Bewegungen neu zu lernen – dies hilft in Punkto Achtsamkeit und Einfühlsamkeit dem Pferd gegenüber und ist für die eigene Fitness (Stichwort Handarbeit im Galopp) wärmstens zu empfehlen. 

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