Warum am Boden der Tatsachen bleiben, wenn man vom gleichmässigen Galopp über Wiesen und Felder geträumt hat? Ist man denn überhaupt noch ein Reiter, wenn man rückwärts durch den Hallensand stapft? Was sind eigentlich die Vorteile von Bodenarbeit? 

Miteinander Sprechen

Es ist eigentlich egal ob wir flüstern oder sprechen, ob wir singen oder tanzen. Fakt ist: Wir sind Menschen und sprechen wie Menschen. Ein Reiter ohne Pferd ist auch nur ein Mensch. Ein Pferd bleib immer ein Pferd. Bodenarbeit dient also in erster Linie dazu, eine gemeinsame Sprache zwischen Mensch und Pferd zu entwickeln. 

Viele Reiter verbinden daher Bodenarbeit unweigerlich mit „Erziehungsarbeit“, oder „Horsemanship“

Frontposition
Julia und Moon in der Frontposition

Was sind die Charakteristika unserer Bodenarbeit? 

  1. Vor der Bodenarbeit kommt die Beziehungspflege
  2. Die Position vor dem Pferd 
  3. Die Ausbildung des Menschen als „Inspektor Columbo“
  4. Lernen lernen
  5. Formen
  6. Bewegen
  7. Kommunizieren
  8. In Verbindung bringen 
  9. Stärken stärken
  10. Gesundheitsgymnastik

1. Vor der Bodenarbeit kommt die Beziehungspflege

Ich habe bereits eingangs erwähnt, dass Bodenarbeit häufig mit Erziehungsfragen, Verhaltenstraining, Geschicklichkeit oder Gelassenheitstraining in Verbindung gebracht wird. Bevor unsere gymnastizierende Bodenarbeit am Stundenplan steht, geht es überhaupt um die Entwicklung einer Beziehung. Sich gegenseitig kennen lernen, herausfinden, wie der andere tickt, dabei können bereits wichtige Informationen gewonnen werden. Dazu möchte ich gerne ein Beispiel geben. Wie verhält sich das (junge) Pferd, wenn es nicht angebunden am Putzplatz stehen soll? Scharrt es nervös mit den Hufen, kann es nicht am Platz stehen? Ein Schritt vor? Zwei Schritte zurück? Dreht es sich um? Oder steht es auch so ganz brav am Platz, kann sich entspannen? Wie verhält sich das Pferd, wenn wir es mit unseren Händen berühren?
Weiß der Mensch bereits gut über die verschiedenen Druckstärken bescheid, die das Pferd angenehm oder eher unangenehm empfindet? Tastet der Reiter das Pferd öfter mit den Händen ab oder benutzt der Reiter gleich die Bürste? Ist das Pferd empfindlich, wenn man es mit Mähnen- oder Fliegenspray einsprüht? Was ist dann suspekt? Die Flasche? Das Geräusch, das beim Sprühen gemacht wird? Oder die kleinen Tropfen, die aufs Fell gesprüht werden. 

Geraderichten
Im Geraderichten

Das Pferd ist ein Erlebnis, das wir mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Wir sind gerne mit Pferden zusammen, denn sie erden uns. Wir verlassen gerne die verstopften Straßen und genießen die reine Luft im Stall, ja sogar der ganz besondere Stallgeruch ist maßgeblich daran beteiligt, ob wir uns tatsächlich erden und erholen oder nicht. Wir können die Pferde sehen, riechen und berühren. Wir genießen unsere Pferde mit allen Sinnen und so gilt es auch herauszufinden, welche Sinne das Pferd primär nutzt bzw. welche Sinne es bei der kleinen Übung „frei stehen am Putzplatz“ aus dem mentalen und physischen Gleichgewicht werfen. 

Diese Informationen sind später auch in der Ausbildung von besonderer Bedeutung. Wenn wir bei solchen Kleinigkeiten vermitteln können, dass wir dem Pferd nicht schaden, ganz im Gegenteil, ihm Wohlwollen und Angenehmes entgegen bringen, dann haben wir es als Schüler auf unserer Seite. 

Das Pferd lernt uns nicht erst im Klassenzimmer als Pädagogen kennen. Schon bei der Beziehungspflege werden die Rollen vergeben. 

Wer ist mein Pferd als Schüler?

Ein aufmerksamer Zuhörer? Jemand, der schnell die Geduld verliert und Abwechslung braucht? Jemand der lieber fünf Wiederholungen ganz langsam vorgekaut bekommt oder am besten nur an einer Aufgabe tüftelt? Lässt sich unser Schüler ablenken? Möchte der Schüler dem zweibeinigen Lehrer sehr nahe sein oder schaut sich unser Pferd alles lieber aus Distanz an? 

Und welche Rolle nehmen wir Menschen ein? 

Bin ich ein Lehrer, der mit Engelsgeduld Inhalte immer und immer wieder erklären kann? 

Traversale
Julia und Moon in der Traversale

Habe ich Verständnis dafür, dass mein kleiner Grundschüler noch leicht von äußerlichen Einflüssen abgelenkt ist? 

Habe ich Verständnis für seine Bedürfnisse? Unternehme ich alles mögliche, damit mein Pferd gerne zuhört? Sorge ich dafür, dass es ein ausgewogenes Privatleben hat? Das bedeutet ausreichend Auslauf, Zugang zu Futter und Wasser und das wichtigste: Vierbeinige Freunde, nämlich Pferde? 

Geht es in der Stunde nur um meine Erwartungen oder darf mein Schüler auch zu Wort kommen? 



Nehme ich die Bedürfnisse meines Pferdes ernst? Bestehe ich darauf, dass mein Pferd immer zuhört, oder nehme ich Signale wie Scharren, Gähnen, Wegdrehen, Wälzen wollen als Ungehorsam oder als mögliche andere Signale wahr? 

Bevor es also tatsächlich an die Inhalte der Bodenarbeit geht, werden die Rollen und ihre Beziehung zueinander genauestens erörtert. 

Übrigens – das macht auch ein Buch zum Bestseller oder einen Film zum Kassenschlager – wenn die Rollen geklärt und die Beziehungen zueinander für den Leser oder Seher sehr klar sind. 

Von der Bühne und den verschiedenen Rollen zu den 

2. Positionen vor dem Pferd 

Die Bodenarbeit in der Akademischen Reitkunst hat die Besonderheit, da wir uns vor dem Pferd befinden. 

Bevor wir uns vor dem Pferd platzieren sind wir freilich noch neben dem Pferd unterwegs. Wir erkunden, wie gut wir im Zusammensein tatsächlich sind. Sind wir in der Lage gemeinsam mit unserem Pferd anzugehen und anzuhalten. Wie gut sind wir in Punkto Körpersprache „sycnrhonisiert“? Achten wir einander und die eigenen Grenzen? Weiß jeder über den persönlichen Raum des Partners bescheid? Gibt es bei der gemeinsamen Bewegung eine Partnerschaft oder eine Vorherrschaft? 

Traversale rechts gestellt
Traversale rechts gestellt

In den Basisführübungen erarbeiten wir uns eine Basis-Kommunikation, wobei hier die wichtigsten Elemente wie: Gemeinsames Angehen, gemeinsames Stehenbleiben, vorwärts und rückwärts erarbeitet werden. 

Es folgt die Position vor dem Pferd. Nun nimmt der Mensch direkt vor dem Pferd Aufstellung. Welchen Vorteil hat diese Positionierung? Zunächst hat der Reiter einen sehr guten Überblick vor dem Pferd. 

Im so genannten „Folgen“ versuchen wir eine Parallelität zwischen Mensch und Pferd zu etablieren. Der Mensch läuft rückwärts, das Pferd folgt. Jetzt geht es wieder um die Frage, ob Pferd und Mensch auf den anderen achten, gibt es Signale in der Körpersprache? Gibt es körperliche Grenzen? Kommt man sich zu nah? Oder ist die Distanz zu groß? Sinn und Zweck der Übung des Folgens ist die Herstellung von Balance zwischen den Schultern. Pferde haben kein Schlüsselbein, der Übergang zwischen Halswirbelsäule und Brustwirbelsäule ist biomechanisch quasi ein heißes Eisen. Beim Folgen ist die Aufgabe möglichst vor dem Menschen zu bleiben und das Gleichgewicht zwischen den Schultern zu finden. Für das Pferd ist es die erste Übung in Punkto Achtsamkeit und Körperwahrnehmung, somit nähern wir uns schön langsam der Beeinflussung der Wirbelsäule. Dafür entwickeln wir als Reiter aber auch einen Kennerblick: 

3. Die Ausbildung des Menschen als Inspektor Columbo

In der Frontposition hat der Mensch vor dem Pferd einen sehr guten Überblick. Er kann das Pferd vom Genick bis zum Widerrist (je nach Körpergröße und den zueinander passenden Verhältnissen) gut überblicken. Der Reiter lernt zu fühlen und Fragen an das Pferd zu stellen. Als Ausbilder müssen wir nach und nach bewerten können, wie das Pferd seine Beine platziert, wie es um die Qualität von innerer und äußerer Balance bestellt ist. Nicht immer können wir in Punkto Bewegungsqualität sofort eingreifen, schließlich sind wir als Menschen meist Lehrende und Lernende zugleich, aber es hilft immens ein gutes Gefühl für Bewegung zu entwickeln, die Dinge zu sehen und einzuordnen. Fußt das Pferd mit allen Hufen plan auf? Ist eine Drehbewegung in einem Gelenk oder mehreren wahrnehmbar? Verschiebt sich die Balance immer zu einer Seite? Wie könnte man eine Frage an das Pferd stellen? Welche Bewegungsmuster würde man gerne verbessern. Wenn wir eine genaue Vorstellung davon entwickeln können, wie sich unser Pferd bewegen soll, wie ein korrektes Untertreten der Hinterbeine aussehen könnte, dann kann man auch klare Vorstellungen darüber entwickeln, wie die Inhalte in eine Unterrichtsstunde verpackt werden können. 

4. Lernen lernen 

Am Putzplatz haben wir unser Pferd bereits observiert und einen ersten Eindruck von unserem Schüler gewonnen. Nun lernt das Pferd zu lernen und der Reiter kann seine vorangegangene Analyse nutzen. Wo sind die Stärken des Pferdes? Haben wir ein Pferd, das sich in Bewegung gut loslassen und und mitmachen kann? Kann unser Pferd sehr konzentriert am Platz stehen? 

Ist es gut jeden Tag ein paar Minuten zu wiederholen oder kann sich unser Pferd schon recht lange am Stück konzentrieren und ist motiviert dabei? Unser Feedback ist das Wichtigste. Wenn wir uns nicht aufrichtig freuen über kleine Fortschritte, wird es immer schwer sein das Pferd zu motivieren. Die besten Pädagogen haben einen Weg gefunden, ihre Fragen geschickt zu verpacken, so dass der Schüler ganz einfach auf die Lösung kommt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Weg zur 

5. Formgebung

Wir stehen vor dem Pferd und bewegen seinen Kopf mal nach links, mal nach rechts. Hergabe des Genicks bedeutet immer Hingabe. Ein Fluchttier wird sich uns aber nicht sofort vertrauensvoll hingeben, vor allem wenn es den Druck am Genickriemen spürt und nicht interpretieren kann. Also kann die Hand des Reiters über die Longe und den Kappzaum die Frage stellen, ob das Pferd den Hals einfach mal zur Seite nehmen könnte. Das kann es ganz einfach, schließlich ist die Bewegung der Halswirbelsäule für unseren Schüler eine ganz einfache Sache. Wir stellen also eine lösbare Aufgabe und bekommen meist mehr als erhofft: Die meisten Pferde werden nicht nur eine seitliche Bewegung anbieten, sondern relativ rasch abwärts „suchen“. Als Pädaoge können wir uns nun aufrichtig freuen – das Pferd hat die Lösung für die nächste Aufgabe selbst gefunden. 

Bodenarbeit
Bodenarbeit bedeutet Kommunikation

Durch unsere Freude und das Lob lernt das Pferd rasch, dass es sich lohnt, im Klassenzimmer stehen zu bleiben und mitzuarbeiten. Nun können wir dem Pferd nach und nach zeigen, was es bedeutet, wenn wir es am Kappzaum anfassen, den Kopf in eine bestimmte Position bringen. Wir arbeiten allmählich an Stellung und Biegung und spielen auch schön langsam mit der Veränderung des Schwerpunkts. Das Pferd lernt sich hier auch besser wahrnehmen und zu lösen. 

6. Bewegen

Nun können wir unsere ersten erarbeiteten Schritte in die Bewegung mitnehmen. Der Reiter lernt Biegung aus Bewegung heraus zu formen und überprüft, ob die Stellung korrekt und das Gefühl der Hand leicht bleiben kann. In der Bewegung überprüfen wir die Elemente: Balance, Losgelassenheit, Durchlässigkeit, Tempo, Takt, Form und Geraderichtung. Fürs gerade richten brauchen wir allerdings ein weiteres Werkzeug – wir brauchen eine gemeinsame Sprache. 

7. Kommnunikation

Das Pferd lernt nun eine Hilfengebung kennen. Wir schaffen einen gemeinsamen Rahmen. Gemeinsam lernen wir die Bedeutung der Schenkelhilfen kennen. Das Pferd lernt den inneren,  um sich herum biegenden Schenkel kennen, den vorwärtstreibenden, direkten Schenkel, den äußeren von sich weg biegenden Schenkel, sowie die indirekten Zügelhilfen am Hals. Schenkel- und Zügelhilfen werden in der Bodenarbeit mittels der so genannten Sekundarhilfe Gerte erklärt. 

8. In Verbindung bringen

Kennt ihr noch das Kinderspiel „Ich packe meinen Koffer“? Dabei zählen die Spieler alle Utensilien auf, die sie für den Urlaub in ihren Koffer packen. Jeder Spieler muss alle Inhalte wiederholen. Ein Spiel rund ums Begriffe finden und merken. So ähnlich geht es unserem Pferd. Zur Dehnung der Oberlinie, Formgebung über den Rücken, packe ich meinen Koffer und nehme ein inneres Hinterbein mit. Und einen inneren um sich herum biegenden Schenkel. Und einen Brustkorb, der innen runter rotiert, wenn das innere Hinterbein abfusst. Ich packe meinen Koffer und nehme mit einen Takt – mal höhere Frequenz, mal niedrigere Frequenz; was ich hier auch noch mitnehme ist mentale und physische Losgelassenheit….das Spiel lässt sich ewig fortsetzen. Alle bislang gelernten Inhalte lassen sich nun in Verbindung bringen und miteinander kombinieren. 

Longieren
Von der Seitlichen Führposition geht es zum Longieren

Manchmal, um die Kommunikation zu überprüfen, mal um zu korrigieren und eben gerade zu richten. 

9 Stärken stärken

Im Laufe der Ausbildung zeigt sich nun, was das Pferd besonders gut versteht, welche Inhalte es leicht ausführen kann. Was es leicht kann – das verstärke – oder mache es dir stets zu Nutze, reite nicht ständig auf dem Fehler herum. 

10. Gesundheitsgymnastik

Wir haben nun ein breites Repertoire an Hilfengebung. Unser Pferd hat eine bestimmte Formgebung kennen gelernt, im Schritt können wir variieren zwischen vorwärts aufwärts und vorwärts abwärts. Wir können ein inneres und ein äußeres Hinterbein vermehrt ansprechen. In Lektionen gesprochen: Wir arbeiten ein Schulterherein, Travers, Traversale, Renvers. Jede Lektion hat eben einen entsprechenden Inhalt, dieser dient dazu das Pferd kräftiger, geschmeidiger, stabiler und beweglicher zu machen. Als Vorbereitung fürs Anreiten, als Reha-Programm nach einer Verletzung, Seniorengymnastik, zwischendurch zur Verbesserung der Kommunikation, zur Wiederholung kommunikativer Inhalte, wenn die Erarbeitung aus dem Sattel stockt. 

Bodenarbeit hat so viele Facetten neben der Frontposition gibt es noch die Möglichkeit

  • Das Pferd in der Handarbeitsposition zu schulen
  • Longenarbeit
  • Crossover 
  • Langer Zügel

Mehr dazu aber in den nächsten Beiträgen oder live am 7. Februar ab 17 Uhr am Horse Resort am Sonnenhof. Hier werden Anna Eichinger, Julia Kiegerl, und Viktoria Portugal gemeinsam die Facetten der Bodenarbeit vorstellen. Neugierig? Es gibt noch freie Plätze; Anmeldungen sind noch möglich per Mail an Viktoria