Keine Zweifel

Keine Zweifel

Pferdeausbildung stellt uns generell vor knifflige Aufgaben. Egal ob wir ein junges Pferd ausbilden, ob wir ein älteres Pferd umschulen oder dem Senior eine schonende und durchdachte Gymnastik angedeihen wollen – wir Pferdemenschen werden uns immer den Kopf zermartern, ob unser Tun wohl richtig ist. Und was mir besonders gut gefällt – selbst wenn wir unter Anleitung ausbilden, dann fragen wir erst recht nach. 

Der Inspektor Columbo feiert sein Comeback

Der schrullige Inspektor Columbo hat für den Tatverdächtigen immer noch eine Frage parat. Wenn mich meine Schüler Löcher in den Bauch fragen, dann freut mich das heute. Früher habe ich mich das selbst nicht getraut. 

Die Angaben meiner Reitlehrer waren doch mit Sicherheit richtig, nie hätte ich an der Kompetenz gezweifelt, wenn diverse Schleifen und Pokale doch Aufschluss über die Sattelfestigkeit des Trainers gaben. 

Das wurde mit dem Suchen und Finden der Akademischen Reitkunst anders. Jede Frage hat praktisch neue Fragen aufgeworfen. Jeder Reiter hat einen kleinen „Inspektor Columbo“ in sich, der Löcher in den Bauch fragt. 

Wer mit dem Inspektor Columbo nichts anfangen kann – der schrullige Detektiv mit italienischen Wurzeln hat seit 1968 zahlreiche TV-Seher in den Bann gezogen. Dargestellt von Peter Falk war es schwer, Columbos Charme, aber auch seinem unverbesserlichen Spürsinn zu widerstehen. Typisch für ihn ist, die „letzte Frage“, die bei jedem Aufeinandertreffen von Inspektor und Tatverdächtigen, letzteren in die Weißglut treibt. 

Pferdeausbildung mit Sicherheit

Kann man mit Sicherheit sämtliche Fehler ausschließen und alles perfekt machen in der Pferdeausbildung? 

Nein! Das kann man nicht und wird man auch nicht können!

Pferdeausbildung ist ein sehr individueller Prozess. Wenn ich meine Gedanken hier in meinem Blog oder im Podcast formuliere, dann denke ich immer an ein ganz spezielles Pferd. Entweder an meine eigenen zwei Stuten oder die zwei Lipizzaner Herren, die mich vor so manche Aufgabe stellen. Ich teile mit euch die Freude. Vor der geteilten Freude nehme ich mit meinen Schülern gemeinsam auch viele Hürden und wir lösen Probleme. 

Wann immer ich über eine Lösung in der Pferdeausbildung berichten kann, dann ist diese Lösung freilich aus der Arbeit, aus dem Tüfteln, aus der Erfahrung und aus den Antworten meiner Pferde heraus entstanden. 

Klar gibt es einen Weg und eine Möglichkeit, wie man etwa mit dem Jungpferd beginnen sollte. 

Am Anfang steht der Beziehungsaufbau, die Bindung, die zwischen Ausbilder und Pferd entstehen soll, steht im Zentrum. Man lernt sich kennen und registriert die kleinen Feinheiten, die das Gegenüber ausmachen. Steht man gerne nahe zusammen? Oder legt der Partner Wert auf einen größeren Abstand? Gibt man einander Sicherheit? Gibt es favorisierte Kraulstellen? Kann das Pferd schon ein wenig zuhören? All diese Indizien geben auch darüber Aufschluss, wie sich unser vierbeiniger Schüler im Klassenzimmer verhalten wird. 

Kann die weitere Ausbildung immer nach Schema F verlaufen? 

Schon alleine anhand meiner vier Pferde muss ich diese Frage verneinen: 

Als  Tarabaya, genannt Tabby 4 Jahre alt war, mochte sie sich unbedingt bewegen. Wir haben am Boden hauptsächlich an der Longe gearbeitet, Bodenarbeit in Frontposition war aufgrund des überwiegenden Schubes und des Temperaments schwierig – auch wegen unseres ungleichen Größenverhältnisses. Das pompöse Auftreten meiner Fuchsstute war jedoch gepaart mit einer großen Unsicherheit. Tabby musste immer davon überzeugt werden, dass die gestellte Aufgabe zu bewältigen ist. 

Ganz das Gegenteil ist Conversano Aquileja I, genannt Konrad. Konrad war von Anfang an sehr selbstbewusst und überzeugt, jede Aufgabe mit Leichtigkeit lösen zu können. Super neugierig und stolz wie Oskar wuchs das Selbstbewusstsein freilich auch mit jeder gelösten Herausforderung. Ähnlich ist das bei Maestoso Amena. Amena fragte im Alter von 3 Jahren jedoch etwas häufiger als Konrad nach, wenn er sich ob der Sinnhaftigkeit gewisser Übungen (Abspritzen am Waschplatz für die Säuberung und Kühlung des Schimmeltiers) überzeugen muss. 

Pina Colada möchte alles richtig machen, muss aber oft gebremst werden, wenn sie sich in einer Sache „verrennt“. Dann wird sie hektisch – und sie nimmt gerne gewisse Aufgaben vorweg und kann nicht auf den Reiter warten. Hier ist es schwierig, das introvertierte Pinchen ausreichend zu bestärken, gleichzeitig aber nicht im vorauseilenden Gehorsam zu bestätigen. 

Mental gesehen ist die Ausbildung bei jedem Pferd anders – physisch kann sich die Ausbildung einer Sekundarhilfe für das Kruppeherein in der Bodenarbeit ähnlich gestalten, da der Weg aber so individuell ist und eben auch den „Spirit“ des Pferdes mit einbezieht, kann es eben kein Schema F geben. 

Aus jeder noch so kleinen Sackgasse lernen wir jedoch als Ausbilder unserer Pferde dazu. Und – wenn wir in kleinen Schritten vorgehen, dann machen wir auch nicht so viel „kaputt“. 

Daher ist die korrekte Vorbereitung das Um und Auf in der Pferdeausbildung. Wenn wir schon vorher einen guten Plan geschmiedet haben, dann können wir im Zweifel etwaige Sackgassen und Stolpersteine aus dem Weg räumen. 

Konkrete Fragen – konkrete Antworten

  • Welche Schwierigkeiten und Hürden könnten auf mich zukommen, wenn ich mein Pferd an den Kappzaum gewöhne? Welchen Kappzaum würde ich aufgrund dieser Vorstellung auswählen?
  • Wie werde ich mein Pferd an den Kappzaum gewöhnen? 
  • Wie werde ich die ersten Führübungen am Kappzaum gestalten?
  • Wo stehe ich? 
  • Wo steht mein Pferd?
  • Welches Tempo wähle ich?
  • Welches Tempo sollten wir durchhalten? 
  • Wie stelle ich mir ein gemeinsames Anhalten und vorwärts angehen vor? 

Diese und viele weitere Fragen im Detail ausgearbeitet, unterstützen bei der Ausbildung. 

Darf ich dem Trainer widersprechen? 

Die meisten Pferdeleute lassen sich von einem Trainer unterstützen. Das ist super. Super ist auch, wenn man den Trainer löchern darf. Ich habe mit Anfang 20 mein Bauchgefühl häufig runter geschluckt und es mir mit der Begründung „Der weiß schon was er macht“ äußerst leicht gemacht, meinem Pferd dafür einige Hindernisse in den Weg gestellt. 

Heute fragen mich meine Schüler Löcher in den Bauch. Das ist gut so. Und manchmal waren wir auch nicht sofort einer Meinung. Mittlerweile nehme ich das Bauchgefühl meiner Schüler sehr ernst. Ich versuche immer eine noch bessere Erklärung zu finden, noch bessere Bilder zu zeichnen und bin offen für die Ideen meiner Schüler. 

Manchmal kann es für den Trainer auch schwierig sein, über die „stille Post“ Anregungen und Ideen des Ostheopathen oder Chiropraktikers übermittelt zu bekommen – noch dazu, wenn man sich nicht kennt und nicht über die Arbeit des Anderen bescheid weiß. 

Hier hilft es aber, sich mit den Kollegen zu vernetzen und sich über die betreffenden Pferde auszutauschen. 

Für die Pferdeausbildung ist es ein großer Vorteil, wenn sich Besitzer (dessen Bauchgefühl), Experten für den Bewegungsapparat und Trainer absprechen. 

Wie viel Abwechslung braucht ein Pferd?

Auch das ist individuell. Mein Konrad braucht mit seinen fünf Jahren viel Abwechslung, aber Beständigkeit im „Fach“. Das heißt wir wechseln zwischen Bodenarbeit, Longieren, ein bisschen Reiten, Spaziergänge im Wald usw. ab. Die Inhalte im Fach Bodenarbeit variieren aber nicht ständig. Hier geht es um Kontinuität, Konzentration und Verlässlichkeit im Lernen der Hilfengebung. Tabby und Pina sind heute, Ende 2019 14 und 16 Jahre alt. Sie sind Routinen gewohnt und schätzen das auch. Amena ist happy, wenn man etwas mit ihm macht. Egal was. Mein Bauchgefühl sagt aber auch: Zu häufige Wiederholungen machen den grauen Jungspund mürbe. 

Die Beziehungsarbeit wird dem Bauch schon einen guten Tipp einflüstern – wichtig ist jedoch hier nicht uneingeschränkt von sich auf das Pferd zu schließen. Sehr oft war die Aussage des Besitzers:

„Mein Pferd langweilt sich so schnell“.

Eigentlich eine Aussage, die besser eher auf den Zweibeiner, als auf den Vierbeiner zutraf. 

Also einfach testen und hinhören. 

Mein Jungspund Konrad beispielsweise kommt sofort angerannt, wenn wir am Vortag etwas ganz tolles gemacht haben (Seiner Meinung nach ist Versammeln etwas ganz feines, da fühlt er sich stolz. Konditionstraining in Punkto Ausdauer findet er absolut unnötig und langweilig). 

Konrad gibt mir also die Antwort über die Qualität der letzten Stunde. 

Und ansonsten gibt es auch in den folgenden Beiträgen noch ein paar Tipps: 

Bin ich zu langsam für die Ausbildung? 

Wer gibt die Ausbildung vor? Das Pferd! Und sicherlich keine Profis von der Bande. Wer sich selbst auch mehr Zeit nehmen möchte, der möge das tun!

Wir müssen ja nirgends ankommen, außer Zeit schön zu verbringen. Ein Pferd kann komplett weit am Boden ausgebildet sein. Beim Reiten ist man eher bei den ersten Schritten – auch das ist möglich – und fragt man das Pferd – das freilich kein Endziel vor Auge hat, wird alles gut sein so wie es ist.

Was ist wann dran? 

Ich versuche einen kleinen Abriß zu starten: 

  • Beziehungsarbeit
  • Elementare Führübungen
  • Erarbeiten der Sekundarhilfen in der Bodenarbeitsposition 
  • Erarbeiten von Stellung und Biegung
  • Erarbeitung der Formgebung der Oberlinie
  • Verfeinerung der Sekundarhilfen in der Bodenarbeitsposition
  • Longieren
  • Arbeit mit den Seitengängen
  • Arbeit mit den Schwungrichtungen (vorwärts abwärts und vorwärts aufwärts sowie versale und traversale Schwungrichtungen) 

Das wäre mal so der Abriss für den Beginn am Boden, den ich mit meinen Schülern und auch im Bodenarbeitskurs durchlaufe!

Kann ich schon anfangen Kruppeherein beizubringen? 

Meine Pferde lernen alle sehr früh die zeigende Gertenhilfe über dem Rücken kennen.
Die Pferde lernen verstehen, dass ich gerne eine gleichmässige Balance zwischen den Schultern, wenn das äußere Hinterbein zum Schwerpunkt tritt. Das wäre mal so das Endprodukt. 

Allerdings nagle ich die Pferde freilich nicht am Endprodukt fest – wir erarbeiten das ganz spielerisch, zunächst noch am Halfter, da ist mir eine Formgebung der Oberlinie noch gar nicht wichtig. Je besser das Pferd dann die zeigende Gertenhilfe versteht, umso eher kann ich dann Formgebung hinzufügen und dies dann nach und nach in verschiedene Übungsfolgen mitnehmen und auch im praktischen Gebrauch erproben – wie beispielsweise beim Einparken an der Aufstiegshilfe. 

Zweifel ist gut, Kontrolle besser

Jeder Pferdeausbilder wird Zweifel haben. Jeder sollte dem Bauchgefühl nachgehen und die Botschaften, die leise eingeflüstert werden überprüfen. Und Unterstützung durch den Profi ist natürlich auch immer ratsam – dann fühlt man sich auch nicht so alleine. 

Weil eine Stallgemeinschaft Gleichgesinnter oft schwierig herzustellen ist, wenn man im Niemandsland unterwegs ist und auch der Trainer nicht um die Ecke wohnt, habe ich ein ganz besonderes Herzensprojekt umgesetzt. Wenn du mehr darüber wissen möchtest – klicke hier

Die Fragen für den heutigen Beitrag, den du übrigens auch in Kürze nachhören kannst, kamen per Mail von einer Newsletter-Abonnentin an mich. 🙂

Du kannst dir auch jederzeit sehr gerne ein bestimmtes Blog-Thema von mir wünschen. 

Ich schreibe sehr gerne für dich! 

Alles Liebe

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In deinen Augen

In deinen Augen

In der Bodenarbeit geht es darum, eine gemeinsame Kommunikation mit dem Pferd zu entwickeln. Pferd und Mensch lernen eine gemeinsame Sprache.

An dieser Stelle ein Hinweis in eigener Sache. Es gibt ein Online Kurs-Projekt von „Einfach Reiten“, das im Dezember startet und sich ausschließlich dem Thema „Bodenarbeit“ widmet. Neugierig? Dann klicke hier

Und nicht immer funktionieren die Dinge so, wie der zweibeinige Pädagoge dies geplant hat. Miteinander sprechen, bedeutet nicht im Umkehrschluss einander zu verstehen. 

Aus menschlicher Sicht können wir Reiter ohne Luft zu holen, ohne Punkt und Komma sofort gut aufzählen, was nicht gut gelaufen ist, aber wie würde ein Pferd unsere Einwirkung interpretieren? 

Kommunikation als Einbahnstraße? 

Kommunikation ist keine Einbeinstraße, entweder man kommuniziert miteinander und wird verstanden – oder man wird nicht verstanden. 

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick

Wenn wir jedoch die Kommunikation mit dem Pferd genauer unter die Lupe nehmen, wird eine Sache besonders spannend. Wir als Mensch, als Reiter, als Ausbilder, als Freund unseres Pferdes, als Kümmerer und Sorgentante – wir haben in jedem Fall eine Intention. Vielleicht sind wir auch getrieben von einem Terminkalender, Zeitdruck, von unserem Ehrgeiz, vom Ehrgeiz anderer („das Pferd sollte doch endlich etwas können), Erwartungen und Verpflichtungen. 

Das Pferd ist. Meistens ist es gut so, wie es ist.

Wenn ich aber Sätze höre, wie…

„Der ver….dich doch nur.“ „Der will nicht“. „Der führt dich an der Nase herum“. 

Diverse Reiter

…dann ist mein unmittelbarer Gedanke: 

Das Pferd hat keine geplante Absicht für die eine Stunde, die wir am Tag mit ihm verbringen

(oder auch längere Zeit). Das Pferd sitzt nicht morgens in der Box und überlegt sich einen Plan für die Zeit von 15 bis 16 Uhr. Wir schon. Und bei der Umsetzung kann uns auch die eigene Intention, so gut sie gemeint ist, im Wege stehen. 

Ich verwende ja gerne immer wieder Bilder aus der Schauspielerei. Wenn wir die Arbeit mit dem Pferd von außen betrachten, einen Schritt „aus der Szene gehen“. Wie war die Rollenverteilung und Darbietung?
Wer hatte die Hauptrolle? Wer die Nebenrolle? Wer war aktiv? Wer war passiv? Welches Gefühl hat mein Gegenüber in mir ausgelöst. 

Und so kann es schon spannend sein, sich eine Szene aus dem Theater vorzustellen, wobei ein Akteur eine absolut absichtsvoll geleitete, zielbehaftete Kommunikationsstrategie an den Tag legt. Sein Gegenüber ist quasi nur aufs Zuhören beschränkt. Im besten Fall soll der Zuhörer auf das Gesagte reagieren und etwas umsetzen. Aber wie oft fragt der Akteur nach der Meinung des Gegenüber? 

Ein Versuch nachvollziehbarer Kommunikation

Anhand der folgenden Übungen wollen wir Kommunikation von allen Seiten beleuchten. 

Basis-Führübungen

Ziel: Mensch und Pferd laufen nebeneinander. Das Pferd ist mit Halfter und Führseil, Strick oder Longe ausgestattet, der Reiter hält eine Gerte als verlängerten Arm bereit. Möglichst gemeinsam anzugehen und gemeinsam anzuhalten wäre das Ziel. Der Reiter führt sein Pferd einmal auf der linken Hand und einmal auf der Rechten Hand, dabei läuft er leicht versetzt neben der inneren Schulter des Pferdes. 

Was schief läuft aus Reitersicht? 

Der Mensch marschiert los und das Pferd kommt nicht mit. Warum ist das Pferd zurück geblieben? Der Reiter wundert sich, hat er doch extra viel Energie zum Angehen aufgebracht. 

Umgekehrt ist es natürlich auch möglich, dass der Reiter angehen möchte, das Pferd jedoch den Turbo zündet und am Menschen vorbei sprintet. Der Reiter bleibt mit einem großen Fragezeichen im Gesicht stehen. 

Was ist schief gegangen aus Pferdesicht? 

Die Sache fängt ja schon auf der Weide an. Plötzlich war „sie“ da. Man wurde nicht gefragt, ob man mit nach oben zum Stall wollte, man wurde einfach überrumpelt. Dabei bin ich eigentlich der Typ, der lieber bei seiner Herde bleibt. Ich fühle mich ohne meine Pferdefreunde eher unsicher und bin schüchtern. Wird mir dann gerne als „zickige Stute“ umgehängt. Weil ich dem Weg nicht so ganz traue und mich nur ganz schwer von meinen Freunden trenne, bleibe ich öfter mal am Weg von der Weide stehen. Ich spüre Druck am Halfter, das ist sehr unangenehm. Ich verspanne in der Muskulatur und fühle mich gedrängt.

Nach dem Putzen und der Fellpflege sind wir am Platz. Kaum am Platz angekommen ein Ruck am Kappzaum und ich soll stehen. Ehe ich noch drüber nachdenken soll, marschiert der Zweibeiner los und zupft an der Longe. Ich bleibe zurück und weiß überhaupt nicht, was jetzt von mir erwartet wird. Wie sich herausstellt war ich zu langsam und sollte mitkommen. Vorgestern gab es für das Stehen am Platz irrsinnig viel Bestätigung und Lob, heute hat es der Mensch unglaublich eilig, darauf kann ich mich kaum einstellen. 

Jetzt lege ich einen Zahn zu, aber ich merke, so ganz glücklich ist der Zweibeiner nicht über das Tempo. Ich soll halten und werde aber förmlich aus der Bahn geschleudert, ich komme nicht neben dem Menschen zu Stehen…

  • einerseits, weil der Mensch dies völlig überraschend von mir verlangt
  • anererseits, weil ich noch so viel Energie in mir spüre, dass ich gezwungen bin, die Energie um den Menschen Kreiselnd auslaufen zu lassen

Die enge Wendung „schleudert“ meine Hinterhand nach außen. Das ist zwar machbar, aber ich fuße nicht ganz plan, spüre eine Drehbewegung in Knie und Sprunggelenk. Das sollte so nicht sein. Irgendwann verliert der Mensch die Geduld und ein Ruck geht durch das Führseil. Ich reiße den Kopf nach oben, noch immer war ich am Marschieren und nun „bremst“ meine Halswirbelsäule den Bewegungsfluss. Ich fühle mich unwohl und verspannt, ich habe weder die Anweisungen noch die Zurechtweisung verstanden. 

Wenn wir außerdem nebeneinander laufen, kann ich die Signale des Menschen nie gut einordnen. Einmal ist der Mensch direkt neben meiner Schulter, einmal etwas weiter vorne am Hals, manchmal sogar direkt neben der Nase. Dann fühle ich mich stark gebremst und traue mir nicht zu, in flottem Tempo weiter zu laufen. Ich verstehe auch nicht, warum ich einmal vorwärts gehen soll, einmal bremsen – diese Wechsel immer nach ein paar Schritten. So komme ich nie wirklich in einen Bewegungsfluss – egal ob dieser flotter oder langsamer ausgeführt werden soll. Der Mensch ist links neben mir unterwegs. Abgesehen von der ständig wechselnden Position zeigen die Zehenspitzen des Menschen und der Oberkörper mal in meine Richtung, mal dreht sich der Zweibeiner von mir weg. Mir ist nicht klar, in welche Richtung ich gehen soll. Wende ich mich dem Menschen zu, dann wird meine Schulter nach außen getrieben, suche ich mehr Distanz passt es auch wieder nicht! Es ist verdammt schwer, meinen Menschen zu lesen. Zwischendurch gib es ein emotionales Feuerwerk. Habe ich etwas richtig gemacht? Mit lauter Stimme und Gekreische, wird mein Hals geklopft. Dabei schmerzt es noch immer von dem ruckartigen Kontakt mit dem Seil. Ich kenne mich immer weniger aus. Scheinbar gelingt es mir nie, die Zeichen des Menschen richtig zu deuten. 

Was läuft richtig aus Pferdesicht? 

Wir stehen nebeneinander. Der Mensch steht neben mir. Ich kann ihn seitlich neben mir gut beobachten und sehen. Ich kann auch die Intention des Menschen gut interpretieren. Jetzt lehnt sich der Mensch nach vorne und belastet die Zehenspitzen, ich fühle mich mitgenommen, eingeladen, es gleich zu tun. Gemeinsam gehen wir an und spazieren nebeneinander her. Ich mag es nicht, allzu schnell zu gehen. Ich bin schon etwas älter, brauche ein wenig Zeit mich einzulaufen. Der Mensch weiß das und stellt sich auf mein Tempo ein. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich kann Vertrauen fassen. Auf mich wird gehört, meine Meinung zählt. Früher war ich temperamentvoller, da ist der Mensch auch gerne etwas flotter neben mir gelaufen. Man hört mir zu und ich höre auch gerne zu: Wenn der Mensch zulegt, beeile ich mich mit zu kommen. Ich bekomme viel positives Feedback, wenn ich die Zeichen und Signale des Menschen auf eine gewisse Art interpretiere. Wenn wir ganz gleichzeitig angehen und stehen bleiben, dann bekomme ich am meisten Lob. Das gibt mir ebenso Vertrauen und Selbstsicherheit. Ich kann mich gut an der Richtung orientieren, der Mensch läuft eine klare Linie, ich weiß wo wir hingehen und ich kann gut herauslesen, wann wir stehen bleiben werden. Der Mensch atmet aus, ganz bewusst, die Energie wird scheinbar eingezogen. Wenn die Atmung den Menschen scheinbar zusammen sinken lässt, dann bleibe ich stehen. Ach ja, Atmung ist ein gutes Stichwort. Ich habe das Gefühl der Mensch atmet sehr gleichmässig und geregelt. Das gibt mir auch mentale Sicherheit. Wenn gesprochen wird, dann leise und mit einer ruhigen Stimme, auch das mag ich. 

Es liegt im Auge des Betrachters

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Diese richtet sich an das innere Auge des Ausbilders. Wenn sich der Reiter wirklich ein klares Bild zurecht legt, wie er die Zeit mit seinem Pferd verbringen wird – und damit ist die Zeit gemeint, in der Zwei- und Vierbeiner gemeinsam etwas lernen wollen, dann wird es ratsam sein, sich auch über dieses „Wollen“ Gedanken zu machen. 

Auch das Pferd muss wollen, es muss mitmachen, verstehen wollen. Es muss einen Sinn hinter dem gemeinsamen Tun entdecken. 

Ist die Stunde pädagogisch wertvoll geplant, dann lassen sich die einzelnen Inhalte leicht umsetzen. Im Falle der Führübungen bedeutet dies, jede einzelne Bewegung bewusst zu planen und umzusetzen. 

Bewusst den Platz, das Klassenzimmer zu betreten. Bewusst hinzuhören, ob das Pferd bereit ist, zuzuhören. Ist es mit den Gedanken, Augen und Ohren eher „draußen“ auf der Weide bei seinen Freunden, dann müssen wir zunächst seine Aufmerksamkeit gewinnen. 

Haben wir dieses Etappenziel erreicht, dann können wir uns auf ein gemeinsames Angehen und Stehenbleiben fokussieren. Das Ziel ist, wirklich gemeinsam los zu marschieren und gemeinsam stehen zu bleiben. Hier darf das Pferd nicht überfallen werden – auch mit unserer Körpersprache können wir das Pferd im wahrsten Sinne des Wortes „anbrüllen“. 

In unserem Alltag benutzen wir unsere Körpersprache nur noch sehr gering. Logisch, wenn wir sagen oft „A“, meinen aber „B“. Dazu zwingt uns schon die berufliche Etikette. Unser Körper findet diese Gaukelei übrigens auch nicht sonderlich prickelnd. Stress äußert sich dann auch häufig in körperlichen Beschwerden, vom Magenzwicken angefangen bis hin zur Übelkeit. Je besser wir im Alltag mit uns selbst umgehen, umso besser können wir auch mit unseren Pferden kommunizieren. 

Sich bewusst in seinem Körper zu bewegen, Bewusstsein für Ausdruck zu gewinnen, hier schließt sich der Kreislauf, denn ein klares Bild über die geplante Bewegung hilft enorm bei der Umsetzung. 

Was wäre wenn? 

Was ist zu tun, wenn Pferd und Mensch nicht gleichzeitig in Bewegung kommen? War hier der Mensch zu voreilig? Wurde die geplante Bewegung nicht bewusst eingeleitet? War das Pferd möglicherweise gar nicht bei der Sache? War der Mensch in seinen Bewegungen zu überrumpelnd? 

Auch wenn die Sache nicht läuft, wie geplant, ist es hilfreich, sich über die möglichen Korrekturen Gedanken zu machen. Und das am besten schon vorab, damit man bei einer Panne nicht panisch und hektisch reagiert. 

Was tun, wenn das Pferd nicht mitkommt? Warten, weiter den Schwerpunkt nach vorne verlagern und ein wenig Energie mit dem verlängerten Arm (Gerte) in Richtung Hinterhand schicken. Das Gefühl schulen, hinsichtlich der Frage: Kann ich überhaupt wahrnehmen, ob das Pferd bei mir ist, gleichzeitig angeht? 

Was tun, wenn das Pferd überholt? Am besten selbst einen Zahn zulegen, wenn man die „gemeinsame Blase“ sonst verlässt. Nur auf Höhe der Schulter kann ich sanft durch ein paar Wellen am Seil, die jedoch nie in einem Ruck enden dürfen durchparieren. Auch die Gerte kann etwas vor das Pferd gebracht werden, der verlängerte Arm trägt somit zur Entschleunigung bei. Das kleinste Reagieren auf das Zurücknehmen des eigenen Körpers und die vermehrte Belastung der Fersen wird sofort vom Mensch bestätigt. Das Pferd hat gut zugehört. 

Was, wenn das Pferd zu langsam ist? Würde ich mir selbst empfehlen ständig zu treiben? Vermutlich nicht. Warum fällt es mir selbst schwer, hier um ein ordentliches Vorwärts zu bitten? 

Es gibt viele Variationen und Möglichkeiten für das „Was wäre wenn Spiel“. Je ausführlicher alle Eventualitäten vor dem Training betrachtet werden, umso situationselastischer kann der Reiter als Ausbilder seines Pferdes reagieren. 

In diesem Beispiel mag die Ansicht des Pferdes äußerst trivial abgebildet sein. Man muss nicht alle Situationen, die nicht rund laufen in ganz spezifische Fachbegriffe wie „Hypophysen“, „Sympathikus“ und „Parasymphatikus“ zerlegen. Dann wird es noch komplizierter, die Dinge zu verstehen. Wir können uns die Dinge auch oft einfacher vorstellen – dadurch erhalten wir eine ziemlich konkrete Vorstellung über die eigenen Unklarheiten in Punkto Körpersprache und Kommunikation. Und letztlich ist alles Kommunikation. Vom Boden bis zum Ritt im Sattel. 

Wenn du mehr über meinen Onlinekurs zum Thema Bodenarbeit wissen möchtest, dann klicke hier


Ich höre auf zu reiten

Ich höre auf zu reiten

Ich reite verdammt gerne. Seit meiner Kindheit. Aber wenn ich recht überlege, dann war das Reiten eigentlich nie der Grund dafür, mit Pferden zusammen zu sein. 

In diesem Blogartikel geht es um die Frage:

  • Müssen wir tatsächlich reiten?
  • Welche Möglichkeiten gibt es in Punkto Bodenarbeit
  • Warum wir unsere Pferde nicht mehr reiten können

Wie alles begann

Seit meinem fünften Lebensjahr reite ich. Die Faszination für Pferde lässt mich seit mehr als 33 Jahren nicht mehr los. Vermutlich hat alles schon viel früher angefangen. Ich habe als Kind unzählige Pferde gezeichnet. Immer und immer wieder. Ich hatte das riesige Glück direkt neben einem Trakehnergestüt groß zu werden. Stundenlang habe ich sehr zum Leidwesen meiner Mutter auf dem Misthaufen verbracht. Nicht weil ich eine olfaktorische Leidenschaft für Pferdemist entwickelt hatte, sondern weil man vom Misthaufen aus die Pferdeweiden überblicken konnte und auch in die kleine Reithalle schauen konnte. Fasziniert habe ich bei den Reitstunden zugesehen oder wenn die Jungpferde auf der Weide tobten. 

Das Zusammensein mit Pferden war am Wichtigsten. Das Reiten war eigentlich Nebensache. Trotzdem kann ich mich noch ganz genau erinnern, wie sich die Bewegungen der Stute „Kaldea“ angefühlt haben. Das erste große Pferd, auf dem ich meine erste richtige Reitstunde hatte. Ein Abbild Kaldeas sollte mir später wieder begegnen. Als ich das Buch „Reiten auf Kandare“ von Bent Branderup viele Jahre später in den Händen hielt, war es doch fast Kaldea, die auf dem Titelbild in einer wunderbaren Levade vom Cover strahlte. Wie ich später herausfand, war die Stute Kaskade, genannt „Miss Ellie“ tatsächlich über die Stutenfamilie der Kassette mit Kaldea verwandt gewesen. Die Pferdewelt gleicht doch einem Dorf. So habe ich auch mein kleines „gallisches Dorf“ gefunden – in der Familie rund um die Akademische Reitkunst wurde ich fündig. 

Seit 2008 beschäftige ich mich intensiv mit der Akademischen Reitkunst nachdem ich auf meinem Weg mit den Pferden nach den unbeschwerten Jahren in meiner Kindheit und Jugend mit den Trakehnerpferden dann doch auch einige Sackgassen und unüberwindbare Engstellen entdeckt hatte. Ich habe in der Akademischen Reitkunst nicht nur das Reiten neu entdeckt, sondern auch eine ganz andere Welt kennen lernen dürfen, die ich heute auch an viele Pferde und Menschen als Trainer weiter geben darf. 

Am Boden der Tatsachen

Als ich die Akademische Reitkunst kennen lernte, lernte ich auch die Arbeit am Boden kennen. Heute haben wir viele verschiedene Facetten am Boden zur Verfügung. Was sich hier in den letzten Jahren der Akademischen Reitkunst getan hat, versetzt mich noch heute ins Staunen. Ein weiterer Pluspunkt der Gemeinschaft innerhalb der Ritterschaft ist der offene und wertschätzende Umgang miteinander und der Austausch, von dem wir alle profitieren. So habe ich zu Beginn primär die Handarbeit neben dem Pferd kennen gelernt, damals aber noch nicht einhändig geführt mit der Hand über dem Widerrist, sondern beidhändig, eine Hand nahe am Trensenring, oder am Kappzaum, eine Hand am Widerrist. Mittlerweile gibt es Bodenarbeit von vorne geführt in der Frontposition, die eben schon angesprochen Handarbeit von innen und von außen geführt, die sehr differenzierte Art zu Longieren im Fortgeschrittenen Longieren, wo von der Arbeit mit den Seitengängen bis zur Levade der Fantasie quasi keine Grenzen gesetzt sind. Weiter geht es mit dem Crossover, der von der Bodenarbeit, zur Handarbeit, zum Longieren auch noch die Möglichkeit eröffnet, einen fließenden Übergang in die Langzügelposition zu arbeiten und daraus wieder entweder innen oder außen neben dem Pferd weiter zu arbeiten.

Mehr über den Crossover kannst du hier nachlesen!

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Seit Mai 2017 begleitet mich mein junger Lipizzaner Conversano Aquileja genannt Konrad. Mit Konrad war der Start wunderschön. Neben ihm muss ich einfach immer strahlen und glücklich sein. Konrads selbstbewusstes, geerdetes Auftreten, sein unheimlich sozialer Umgang mit anderen Pferden hat mich in den Bann geschlagen – und ebenso hat sich der Umgang in der Arbeit gestaltet. Keine Aufgabe war Konrad zu schwer, immer war er mit voller Energie und Eifer dabei, wehe nur, es wurde langweilig. Ich habe es sehr genossen mein Pferd in der Boden- und Longenarbeit genau zu beobachten. Konrad ist vom Stockmaß her das „kleinste“ meiner Pferde. Er ist zwar noch etwas gewachsen, trotzdem geht sich mit ihm Handarbeit besser aus, als mit meiner großen Pina, bei der ich Mühe habe, die Zügelhand, einhändig geführt über dem Widerrist zu halten. Konrad fand jedoch Longieren weitaus besser – ich hatte auch lange Zeit das Gefühl, dass es ihm besser gefiel mich zu spiegeln und parallel mit etwas Abstand zueinander zu tanzen. Wenn etwas gut gelungen ist, hat er sich stolz aufgerichtet und überprüft, ob es wohl genug Publikum gibt. 

Erst zwei Jahre später hat er wirklich Begeisterung für die Handarbeit gezeigt. Handarbeit ist ein tolles Tool, um das Pferd auf das Reiten vorzubereiten. Mit dem Reiten halte wir es nach wie vor sehr kurz und selten. Ich kann die wenigen Reiteinheiten tatsächlich noch abzählen und bin nach wie vor sehr gerne am Boden unterwegs. Dort gelingt die Kommunikation auf Augenhöhe besser. Aus dem Sattel heraus finde ich ein unmittelbares Lob und vor Freude „Ausrasten“ wenn etwas richtig toll gelingt noch immer schwer – vor allem, wenn es darum geht den Flow zu erhalten. Ich kann Konrad freilich spüren und heute, wo ich diese Zeilen schreibe hatten wir wieder ein sehr schönes Reiterlebnis miteinander. 

Vielleicht ist es aber auch diese innige Beziehung, die wir vom Boden aus geschaffen haben, die in mir die Frage aufkommen hat lassen – ob ich auch ohne Reiten glücklich wäre. Die Antwort lautet klar und deutlich Ja. Aber das hat auch sehr viel mit dem Feedback zu tun, das mir Konrad gibt. Auch unser Youngster Amena zeigt sich begeistert und gibt mir und meiner Kollegin Julia Kiegerl bei der Arbeit ein unheimlich schönes Feedback. 

Muss man wirklich Reiten? 

Natürlich muss man nicht. Ich reite für mein Leben gerne, aber trotzdem kam mir im heurigen Jahr immer wieder die „Sinnfrage“. 

Und in einer Sinnkrise kann man gerne bei den „Besten“ nachschlagen: 

„Das edle Pferd ist nicht nur das zum Reitdienst geeignetste Tier, sondern das am vielseitigsten begabte Geschöpf in der ganzen Tierwelt“.

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht sagt also, das Pferd sei am geeignetsten, um darauf zu reiten. Aber wie sieht es tatsächlich mit der Eignung des Pferdes als Reitpferd aus? 

Spannend ist freilich immer die Auseinandersetzung mit Biomechanik und Anatomie. 

Fakt ist: Wir sitzen auf einem Tier, das stark vorhandlastig ist. Fakt ist, wir sitzen auf einem Pferd, das über kein Schlüsselbein verfügt. Fakt ist, der Brustkorb sackt mit der zusätzlichen Belastung durch das Reitergewicht stark ab. Und daher ist Fakt, dass wir dem Pferd eine ordentliche Ausbildung  zukommen lassen müssen, damit es uns überhaupt (er)trägt. 

„Die richtige Dressur ist daher eine naturgemäße Gymnastik für das Pferd, durch die seine Kräfte gestählt, seine Glieder gelenkig gemacht werden. Durch sie werden die kräftigen Teile zugunsten der schwächeren zu größerer Tätigkeit angehalten, diese durch allmähliche Übung gestärkt, und verborgene Kräfte, die aus natürlichem Hang zur Bequemlichkeit vom Pferd zurückgehalten werden, hervorgerufen, wodurch endlich volkommene Harmonie im Zusammenwirken der einzelnen Glieder mit ihren Kräften entsteht, die das Pferd befähigt, auf die leisesten Hilfen seines Reiters solche geregelten und schönen Bewegungen andauernd und zwanglos auszuführen, die es aus eigenem Antrieb nur in Augenblicken der Erregung flüchtig zeigt.“

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht geht also davon aus, dass wir Pferde reiten können – und zwar auch jene, die körperlich nicht ideal gebaut sind: 

„Der Reiter muss daher seine Kunst hauptsächlich auf schwache und ungünstig, ja fehlerhaft gebaute Pferde verwenden, und bei diesen die Dressur zur Heilgymnastik erheben. Wie diese Kunst in unserer Zeit so große Anerkennung gefunden hat, dass Verkrümmungen des menschlichen Körpers oder krankhafte Zustände einzelner Glieder nicht durch eiserne Maschinen, sondern nur durch entsprechende gymnastische Übungen geheilt oder vermindert werden können, so kann der Bereiter bei recht klarem Verständnis seiner Kunst viele natürliche Mängel und Übelstände beim Pferd beseitigen und bei solchen Fehlern und Gebrechen, die ihm durch Missbrauch oder Unverstand früherer Reiter beigebracht sind, oft wahre Wunder wirken, indem er sie durch entsprechende Richtung des Pferdekörpers oft gründlich zu heilen vermag, nachdem alle tierärztliche Helfe vergebens angewendet war.“

Gustav Steinbrecht

Gustav Steinbrecht beschreibt also, was möglich ist durch profunde Ausbildung. Ausbildung muss nicht unbedingt vom Sattel aus stattfinden, die Basis wird ohnehin bestenfalls vom Boden geschaffen. Bodenarbeit wirkt sich effektiv auf den Pferdekörper aus – aber auch auf die Menschen

Die Auswirkungen der Bodenarbeit

Es gibt da zwei Seiten – einerseits höre ich immer wieder von Schülern, der Rest der (vorwiegend reitenden) Stallgemeinschaft würde das „Laufen vor dem Pferd“, das „zu Fuß gehen“ einfach nicht verstehen. Ein Pferd sei doch zum Reiten da? Andererseits gibt es Schüler, die ihr Pferd nicht mehr reiten – entweder soll das Pferd aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr geritten werden oder aber der Reiter darf aus physischen Gründen nicht mehr in den Sattel steigen. 

Für beide Fälle bietet die Bodenarbeit mit ihren vielfaltigen Facetten eine wunderbare Möglichkeit, miteinander eine Kommunikation zu entwickeln und zu tanzen. Und in manchen Fällen wurde durch gezielte Bodenarbeit ein Comeback im Sattel sogar wieder möglich. Manche Zweibeiner verzichten dann aber sogar aufs Reiten. Sie haben so viel Freude an der gemeinsamen Sprache mit dem Pferd gefunden, so macht das „gemeinsame Projekt“ am Boden so viel Freude, dass sie sich trotzdem nicht in den Sattel schwingen. Ganz böse Zungen würden dann behaupten, sie trauten sich nicht mehr zu reiten. Na und? Und selbst wenn. Wer schreibt uns denn vor, dass man ein Pferd unbedingt zu reiten habe? Und noch spannender die Frage: Warum muss man eine solche Entscheidung überhaupt kommentieren? 

„Was macht die Entscheidung eines anderen mit mir, warum „muss“ ich hier meine Meinung kund tun? Spricht die Entscheidung des anderen, nicht zu reiten einen Punkt bei mir selbst an, der mir offenkundig nicht bewusst war?“

Ich frage mich oft, wie die Ausbildung meiner Stute Barilla verlaufen wäre, hätte ich auf meinen aktuellen Werkzeugkoffer der Akademischen Reitkunst aus der Bodenarbeit zurück greifen können, die eben 2008 bei weitem noch nicht so detailliert war, wie heute. Ich schaue mit Vorfreude in die Zukunft, denn es kommen sicherlich noch einige Variationen und Möglichkeiten hinzu. 

Ich weiß, dass ich jedenfalls mit gutem Gewissen in den Sattel meiner Pferde steigen darf (mit Ausnahme Amena, der ist beim Schreiben dieser Zeilen gerade mal drei Jahre alt und wird sicherlich noch mehr als ein Jahr am Boden der Tatsachen verbringen) – aber nicht muss. Und ich freue mich, dass ich heute auch bewusster über das Reiten nachdenke. 

Seit 1986 sitze ich regelmässig im Sattel – und das habe ich bisher eigentlich noch nie in Frage gestellt. 

Reiten = Verpflichtung

Als Reiter ist es jedoch meine Pflicht, mich mit den physischen und mentalen Begebenheiten auseinander zu setzen. Das bedeutet in erster Linie Wert zu legen auf eine gute Haltung. Eine Haltung, in der das Pferd seiner Natur entsprechend Bewegungsmöglichkeiten vorfindet. Das Pferd verbringt in der Natur zahlreiche Stunden mit der Nase am Boden. Es sucht nach Nahrung und legt eine gehörige Wegstrecke zurück. Es lebt im Herdenverband und darf seine sozialen Kontakte auch ausleben. Meine Pferde leben ausnahmslos in Gruppenhaltung. Sie befinden sich mehr als 12 Stunden täglich auf einem Paddock Trail mit ganzjährig zugänglichen Allwetterwiesen und Weiden im Sommer. Haltung im Privatleben bedeutet eben nicht nur die Haltungsform (Box, Paddock, Trail, Koppelgang) gut durchdacht auszuwählen, sondern auf die natürliche Körperhaltung des Pferdes anzustimmen. 

Dazu gehört weiter ein Verständnis für Biomechanik, Verständnis für Psychologie und Pädagogik, sowie ein laufender Aktualitätsbezug. Erst vor kurzem bin ich in sozialen Medien über eine Studie gestolpert, die sich mit der „progressiven Rückbildung der Nackenplatte beim domestizierten Pferd“ beschäftigt hat. Kurz gesagt: Bei der Studie wurden 88 domestizierte Pferde sowie weitere 10 Tiere aus der Familie der Equiden (Esel, Zebra) seziert. Das Resultat: Die Nackenplatte ist nicht mehr so, wie in den Lehrbüchern skizziert zu sehen. Für den Reiter insofern interessant, da der Nackenplatte eine wesentliche Funktion hinsichtlich der Tragekompetenz des Pferdes zugeschrieben wird. 

Man darf gespannt sein, ob sich unsere Kenntnisse über das Reiten in den nächsten Jahren zunehmend in die Richtung entwickeln, deutlich weniger häufig in den Sattel zu steigen. Müssen wir unser Reiten anpassen oder kann die Zucht wieder zu den ursprünglichen Pferdetypen zurück finden, deren Biomechanik maßgeblich bei der Verfassung noch heute aktueller Reitvorschriften beteiligt war? 

Wenn wir uns viele Fragen stellen, dann reiten wir vielleicht nicht immer Einfacher – aber möglicherweise bewusster – und wir entwickeln uns stetig weiter 🙂 

PS: Wie geht es dir beim Lesen dieser Zeilen? Hat du dir diese „Sinnfrage“ auch schon öfter gestellt? Ich freue mich über dein Feedback per Mail oder du hinterlässt mir hier einen Kommentar. 

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Noch Fragen? Ja bitte!

Noch Fragen? Ja bitte!

Uns Reitern ist eine Sache wohl bewusst. Ein Leben reicht wohl nicht aus, um Reiten zu lernen. Trotzdem lassen wir uns nicht entmutigen und stellen mitunter fest – unser Gegenüber plagen dieselben Fragen.

Seit August ist mein Newsletter wieder aktiv und was mich freut vor allem interaktiv.  Eine Leserin aus der Schweiz hat mir zahlreiche Fragen gemailt, die ich in der heutigen Ausgabe meines VLOGS sehr gerne beantworte.

10 spannende Fragen wurden an mich geschickt – angefangen vom optimalen Start, zur Schulung des Reitersitzes, zu Ausbildungskonzepten, Wiederholungen, dem Streben nach Perfektion und Fragen, die uns als Ausbilder unserer Pferde beschäftigen – all diese Fragen habe ich im folgenden Video beantwortet

Viele Fragen, die meine Schüler häufig beschäftigen, also hautnah aus der Praxis beantworte ich auch laufend in meinem

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Du kannst natürlich auch gerne ein paar Fragen an mich schicken für meine nächste VLOG Ausgabe!

Alles Liebe und Reite Einfach 😉

Bodenarbeit mit den Alten Meistern

Bodenarbeit mit den Alten Meistern

Nach der Grunderziehung kommt das Pferd in die Grundschule. Bodenarbeit, Longieren, erste Gymnastik – welche Ideen hatten die alten Meister dazu? Und wie würden sich Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) zu diesem Thema in einem heutigen Gespräch untereinander austauschen? Für die Ausgabe der Feinen Hilfen, Nummer 17 habe ich die alten Meister zu einer fiktiven Gesprächsrunde gebeten:

Steinbrecht: Meine Herren, immer wieder werde ich gefragt, wie die Grundausbildung eines jungen Reitpferdes vonstattengeht. Dabei ziele ich in erster Linie auf die Erarbeitung einer gemeinsamen Kommunikation. Das junge Pferd muss die Art der Verständigung erst erlernen und mit den Hilfen bekannt gemacht werden, bevor man von ihm überhaupt Gehorsam fordern kann. Gewohnheit, Gewöhnung und Wiederholungen sind hier wichtige Maßeinheiten bei der Ausbildung, die sinnvollerweise zuerst als Bodenarbeit zu beginnen hat. Die Anforderungen müssen sich meiner Ansicht nach ganz deutlich in Grenzen halten und alle Veranlassungen, die zum Widerstand und zu Widersetzlichkeiten führen könnten, vermeiden, bis das Pferd die Wünsche des Reiters verstanden hat.

Pluvinel: Ich sehe, wir sind uns in der Art der Ausbildung sehr ähnlich, mein lieber Steinbrecht, da wir den Kopf des Pferdes in allererster Linie ansprechen.

Steinbrecht: Genau, denn die gemeinsame Sprache, die wir in der Bodenarbeit erarbeiten, dient dazu, die Einwirkung auf das Pferd zuerst vom Boden und später vom Sattel aus zu verfeinern. Stärkere Hilfen sollten so möglichst selten werden.

Guérinière: Ebenso wie übertriebene Hilfsmittel und Strafen eingesetzt werden sollten. Für die gemeinsame Erarbeitung der Kommunikation sind Kappzaum, Longe und Peitsche die ersten und einzigen Hilfsmittel, die man auf einem ebenen Platz benutzen darf, um jungen Pferden, die noch nicht geritten werden, die Grundlagen beizubringen.

Steinbrecht: Ich stimme Ihnen zu, Monsieur. Man longiere das junge Pferd zunächst und lege ihm aber auch noch einen einfachen Gurt und eine Wassertrense an. Man lasse das Pferd auf beiden Seiten in Bewegung kommen. Dabei bin ich aber nachsichtig, was das Einhalten einer genauen Gangart oder die Linie des Zirkels anbelangt. Noch an keine Biegung seines Körpers gewöhnt, wird es stets das Bestreben haben, in gerader Linie den Zirkel zu verlassen und daher bald nach innen bald nach außen abweichen. Diesem Bestreben muss die übereinstimmende Arbeit von Longe und Peitsche in ruhiger Weise entgegen wirken, bis es gelernt hat, sichere Anlehnung an die Leine zu nehmen und deren Führung Folge zu leisten.

Guérinière: Ich erinnere mich, dass Sie auch hier zwei Personen für die Arbeit mit dem jungen Pferd empfehlen. Einer davon hält die Longe, der andere die Peitsche. Derjenige der die Longe hält, muss im Mittelpunkt des Kreises stehen, auf dem er das Pferd schließlich traben lässt. Der Peitschenführer folgt dem Pferd von hinten und treibt es durch leichte Schläge auf die Kruppe – besser aber auf den Boden – vorwärts. Ist ein Pferd 3 bis 4 Mal auf einer Hand herumgelaufen und gehorsam gewesen, so lässt man es anhalten und lobt es. Nachdem man es hat verschnaufen lassen, lässt man es auf der anderen Hand traben und verfährt genauso.

Pluvinel: Sie wählen hier sofort den Trab, werter Guérinière?

Guérinière: Ja, denn der Trab ist ohne Zweifel die Grundlage aller Übungen, um ein Pferd gewandt und gehorsam zu machen. Dabei wird der Körper des Pferdes im Gleichgewicht gehalten, da zwei Beine in der Luft sich beugen, zwei Beine währenddessen auf dem Boden ruhen und damit den Körper stützen. Dadurch bekommen die Beine in der Luft Leichtigkeit und somit ergibt sich der erste Grad von Biegsamkeit in allen Teilen des Körpers.

So gut jedoch eine Sache vom Grundsatz her sein kann, warne ich vor Übertreibungen, denn man darf trotzdem keinen Missbrauch damit treiben, indem man ein Pferd bis zur Ewigkeit traben lässt.

Steinbrecht: Drängt nun unser junges Pferd nach innen, so muss die Peitsche gegen die innere Schulter gerichtet werden, um es hinaus zu schicken. Drängt es aber auf der anderen Hand gearbeitet nach außen, so hat sich der Longenführer passiv zu verhalten und nur darüber zu wachen, dass es nicht ins Stocken gerät. Die Arbeit an der Longe ist als Vorbereitung für die Übungen unter dem Reiter sehr zweckmäßig und in vielen Fällen unentbehrlich. Das rohe Pferd wird dadurch zunächst vertrauter mit dem Menschen gemacht, in der leichtesten Weise an Arbeit, Aufmerksamkeit und Gehorsam gewöhnt und gewinnt bereits an Biegsamkeit und Gewandtheit, insoweit dies seiner natürlichen Schiefe entsprechend möglich ist. Für das Einhalten der korrekten Kreislinie wird dem Pferd bereits einiges abverlangt.

Guérinière: Da gebe ich Ihnen recht. Damit der Trab an der Longe noch nützlicher für Balance und Formgebung wird, muss man sich als Longenführer stets bemühen, den Kopf des Pferdes mit der Longe nach innen zu stellen und gleichzeitig mit der Peitsche die Kruppe hinauszutreiben und sie einen größeren Kreis beschreiben lassen als die Schultern. Ich werde nicht müde zu betonen, welch hohen Stellenwert somit ein leichtes Schulterherein bereits in der frühen Ausbildung des Pferdes einnehmen kann.

Pluvinel: Ich lasse das rohe Pferd als erstes diese Übung machen: Zuvor habe ich ihm zur Gewöhnung bereits ein Gebiss ins Maul gelegt. Außerdem trägt das Pferd einen Kappzaum, der von mir entwickelt wurde. Er ist aus zwei verschiedenen Seilen hergestellt, die sich gut an die Pferdenase anpassen lassen. Beide Seile sind gleich lang und werden von einem Mann gehalten. Ein zweiter Ausbilder geht seitlich vom Pferd mit einer Peitsche, um damit das Pferd vorwärts zu treiben. Es soll sich am Seil mit nach außen gestellter Kruppe bewegen. Dabei achte ich penibel auf das innere Hinterbein, das wir auf dieser Kreislinie vermehrt unter den Leib des Pferdes zum Schwerpunkt hin treten lassen. Auf diese Weise zeigt der Kopf des Pferdes immer nach innen in die Volte hinein, das Pferd ist nach innen gestellt. Durch diese Ausbildung wird dem Pferd die gute Gewohnheit gelehrt, auf den vor ihm liegenden Hufschlag zu schauen. Ich betone, dass diese ersten Übungen immer um den einzelnen Pilaren ausgeübt werden.

Steinbrecht: Ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Pilarenarbeit. Erzählen Sie mehr, Monsieur…

Pluvinel: Nach den ersten Übungen um den einzelnen Pilaren binde ich das Pferd nun zwischen zwei Pilaren an. Ich stelle mich hinter das Pferd und bringe ihm bei, sich ruhig seitwärts hin und her zu bewegen. Zwischen zwei Pilaren ausgebunden lernt unser junges Pferd nun, sich auf Aufforderungen von Gerte und/oder Peitsche in Schritt, Trab und später Galopp zu bewegen und auch seitwärts hin und her zu treten. Der besondere Vorteil liegt in der Korrektur: wenn das Pferd dabei ausweichen möchte, korrigiert es sich durch den aushaltenden Kappzaum selbst und geht dabei präziser und genauer vor, als es ein menschlicher Ausbilder je könnte.

Guérinière: Stellen Sie als Pädagoge schwierige oder leichtere Aufgaben voran?

Pluvinel: Ich, mein geschätzter Guérinière, halte es für sehr gut, mit dem Pferd als erstes Dinge zu üben, die ihm sehr schwer fallen. So finde ich eine Vorgehensweise, die vorwiegend mit dem Kopf, also mit dem Geist des Pferdes arbeitet. Der Körper wird somit nicht überfordert. Der Ausbilder muss dabei den Arbeitseifer hüten, denn die Gutwilligkeit des Pferdes darf unter keinen Umständen erstickt werden.

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Sprich mit mir

Sprich mit mir

Wir können nicht nicht kommunizieren, sagte der bekannte Kommunikationsforscher Paul Watzlawick.

Manchmal fällt es jedoch schwer, zwischen den Zeilen zu lesen. 

Mitte September 2019: Ich bin mit Tarabaya in der Halle und unzufrieden. „Tabby“ ist nicht so wie ich sie kenne. 

Der „rote Gummiball“ wurde sie mal von einem Stallbetreiber genannt, von der Züchterin ist mir ganz einprägsam die steirische Beschreibung „heißer Ofen“ in Erinnerung geblieben. In diesen Tagen ist Tarabaya überhaupt kein heißer Ofen. 

Mühsam und zäh drehen wir unsere Runden. Ich habe das Gefühl, die Hinterbeine so gar nicht ansprechen zu können. Wir sind beide irgendwie frustriert. 

Muss das Pferd lahm sein für Schmerzen?

Tabby ist nicht lahm, aber fürchterlich zäh. Ich rufe den Tierarzt an und vereinbare einen Termin. Am nächsten Tag hole ich Tabby vom Trail und sehe sofort: Links vorne stimmt etwas nicht. Das Fesselgelenk ist angeschwollen, bei warmen Wetter laufen bei Tabby gerne mal die Beine an, aber diesmal ist es anders. 

Ich habe mir in den Tagen davor schon viel ausgemalt. Von Arthrose über Spat und weitere mögliche Befunde. Alles geisterte in meinem Kopf herum. 

Rein äußerlich betrachtet hatte Tabby „nur“ wieder zugenommen, ansonsten schien alles in Ordnung. 

Und doch hat sich jede Bewegung nicht wie üblich und gewohnt angefühlt. 

Wo tut es denn weh? 

Leider können sich unsere Pferde nicht unmittelbar mitteilen. Wie oft schon bin ich mit Kopfschmerzen, Verspannungen, Blähungen oder sonstigen Beschwerden aufgewacht und hätte mir (gerade bei regnerischem Novemberwetter) gerne die Decke über den Kopf gezogen und wäre liegen geblieben. Wie oft bemühen sich unsere Pferde eigentlich für uns, obwohl das Auge tränt, die Bronchien beleidigt sind oder die Hufe fühlig? 

Nicht umsonst wird in der älteren Reitliteratur auch immer wieder der Reitertakt angesprochen – also das Taktgefühl für das Pferd. 

….ein solches Talent besitzt Reitertakt, das ist die besondere Veranlagung, im gegebenen Moment gerade das Richtige, durch den Bewegungsmechanismus und den seelischen Zustand des Pferdes Gebotene zu tun oder das Falsche zu unterlassen….paßt nicht ganz wunderbar der Ausspruch des geistvollen Italieners Alvisi hierher, der sagt: „Der gute Reiter ist ein Psychologe, der sich und sein Pferd kennt. Aber er ist auch sein Arzt: behandelt er es falsch, so verschlimmert er das Übel, das heißt er verstärkt die Fehler“….

Waldemar Seunig, Von der Koppel zur Kapriole

Die Dressur für das Pferd…

Als ich Tarabaya kennen lernte, war mir nur eines wichtig: Mich zu verlieben. Ich hatte meine Stute Barilla gerade verloren und ich wollte mir mit der Suche nach einem neuen Pferd keine Zeit lassen. Als mein Trakehner Kobold fünfjährig völlig überraschend starb, brach für mich eine Welt zusammen. Erst vier Jahre nach Kobolds Tod habe ich Barilla getroffen. Durch Barilla konnte ich erahnen, was eine schonende und gut durchdachte Ausbildung für ein Pferd tatsächlich kann. 

Tarabaya erinnerte mich immens an die Pferde, mit denen ich groß geworden war. 

Sie beeindruckte durch spektakuläre Gänge und Ausstrahlung. Die spektakulären Gänge im Seitenbild waren jedoch von hinten betrachtet eine Sache für sich. Tabby trabte, als hätte sie ein Faß zwischen den Beinen, zur  Breitbeinigkeit kam noch ein Drehen in den Knie- und Sprunggelenken dazu.
Ich war überzeugt, die Akademische Reitkunst würde Tabby in dieser Hinsicht gut helfen. 

Das ist auch sicherlich passiert. Es hat aber eine Zeit lang gedauert!

Als Tabby mir eben Mitte September 2019 so gar nicht gefällt, gehe ich davon aus, dass uns der Tierarzt ganz sicher den Verdacht auf Arthrosen in den Hinterbeinen bestätigen wird. 

Dies ist nicht der Fall. Eine andere Schwäche drückt nicht nur sprichwörtlich auf den Schuh. Seit einigen Jahren gibt es den Befund, dass bei Tabby durch ihre zehenenge Fehlstellung an den Vorderhufen Verkalkungen am Hufknorpel vorliegen. Die ungünstige Hufform, die den Huf sehr schief werden lässt, wirkt sich auf die Sohle, wie auf innere Strukturen aus. Immer wieder war Tabby lahm, für wirklich lange Zeit hat uns dann der Megasus Horserunner geholfen. Tabby hatte wieder Freude an der Bewegung und zum Glück auch wieder abgespeckt. Mehr dazu kann man hier nachlesen.

Die gute und die schlechte Nachricht

Ich nehme die Diagnose mit einem lachenden und weinenden Auge entgegen. Nichts war auffällig. Tabby war nicht lahm – akut ist aber trotzdem am betroffenen Fuß eine Entzündung der Sehnenscheide und eine Fesselgelenksentzündung diagnostiziert. Tabby ist sehr darauf bedacht nie eine Schwäche zu zeigen. Daher war die Entzündung nicht so offensichtlich. 

Und an dieser Stelle kommt die Akademische Reitkunst ins Spiel. Ich kenne natürlich mein Pferd durch und durch. Ich bin zum Analytiker kleinster Bewegungen geworden. Ich weiß genau, wo Tabbys Hinterbeine auffußen, ich fühle, wie sie die Hinterhufe belastet, sind die Vorderbeine auf der gerittenen Linie, oder kreuzt das innere Vorderbein nach außen? Ist der Rücken wirklich da? Schwingt Tabby zur nachgiebigen Hand? All das ist einerseits Routine, andererseits eine jahrelange Gefühlsschulung. Auch wenn keine Lahmheit sicht- oder hörbar war. Ich war eben zu 100 Prozent davon überzeugt, dass etwas nicht stimmt. Auch weil Tabby sehr in sich gekehrt und ruhig war. Im Grunde möchte sie auch immer alles richtig machen. Gelingt etwas nicht sofort, dann ärgert sie sich, ehrgeizig wie sie ist. Diesmal wollte sie gerne mitmachen, konnte aber nicht. 

Meine Reise zur Akademischen Reitkunst hat mich sicher fühlen lassen, wo etwas nicht stimmt.

Die schlechte Nachricht: Die zehenenge Stellung war im Alter, als ich Tabby kennen lernte nicht mehr zu korrigieren. Wir werden hier also immer wieder mit Problemen rechnen müssen – aber darauf gewappnet lässt sich das Training, die Hufbearbeitung, Fütterung (wieder müssen wir dringend abspecken) darauf abstimmen. 

Pferde sind Nutztiere?

Vor einiger Zeit habe ich den Satz gehört: „Pferde sind für mich…Nutztiere“. Dieser Satz kam in einem Podcast vor und zunächst dachte ich: Wie kann man das nur so kalt, objektiv auf den Tisch knallen. Aber es stimmt: Wir „nutzen“ Pferde, als Freunde, als Seelenklempner, für unsere Freizeit, um Zeit schön zu verbringen, um uns reiterlich fort zu bilden, um dazu zu lernen. Pferde erden uns und geben uns Kraft, wir werden in unserer Kommunikation feiner – nicht umsonst boomt das Pferd auch in Punkto Coaching egal ob eine eigene Neuausrichtung gesucht wird oder ein Führungskräftetraining. 

Da meine Pferde quasi für mich da sind, habe ich es mir zur Pflicht gemacht, ihnen ganz aufmerksam zuzuhören – und das betrifft eben bei Weitem nicht das Training. 

Ich bin sehr froh, dass Tabby nicht lange gebraucht hat, um mir zu sagen, wo der Schuh drückt. 

Und ich bin dankbar, dass ich in der Akademischen Reitkunst einen Weg der Kommunikation gefunden habe und diesen auch vermitteln darf – nicht nur was eine feine Hilfengebung anbelangt, sondern auch was das, was zwischen den Zeilen steht anbelangt. Wenn ein Pferd heute so und morgen anders auf eine Hilfe reagiert, dann sind immer physische und mentale Komponenten in Betracht zu ziehen. 


Lassen wir die Pferde zu uns sprechen, dann Reiten wir Einfach 😉 


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