Sprich mit mir

Sprich mit mir

Wir können nicht nicht kommunizieren, sagte der bekannte Kommunikationsforscher Paul Watzlawick.

Manchmal fällt es jedoch schwer, zwischen den Zeilen zu lesen. 

Mitte September 2019: Ich bin mit Tarabaya in der Halle und unzufrieden. „Tabby“ ist nicht so wie ich sie kenne. 

Der „rote Gummiball“ wurde sie mal von einem Stallbetreiber genannt, von der Züchterin ist mir ganz einprägsam die steirische Beschreibung „heißer Ofen“ in Erinnerung geblieben. In diesen Tagen ist Tarabaya überhaupt kein heißer Ofen. 

Mühsam und zäh drehen wir unsere Runden. Ich habe das Gefühl, die Hinterbeine so gar nicht ansprechen zu können. Wir sind beide irgendwie frustriert. 

Muss das Pferd lahm sein für Schmerzen?

Tabby ist nicht lahm, aber fürchterlich zäh. Ich rufe den Tierarzt an und vereinbare einen Termin. Am nächsten Tag hole ich Tabby vom Trail und sehe sofort: Links vorne stimmt etwas nicht. Das Fesselgelenk ist angeschwollen, bei warmen Wetter laufen bei Tabby gerne mal die Beine an, aber diesmal ist es anders. 

Ich habe mir in den Tagen davor schon viel ausgemalt. Von Arthrose über Spat und weitere mögliche Befunde. Alles geisterte in meinem Kopf herum. 

Rein äußerlich betrachtet hatte Tabby „nur“ wieder zugenommen, ansonsten schien alles in Ordnung. 

Und doch hat sich jede Bewegung nicht wie üblich und gewohnt angefühlt. 

Wo tut es denn weh? 

Leider können sich unsere Pferde nicht unmittelbar mitteilen. Wie oft schon bin ich mit Kopfschmerzen, Verspannungen, Blähungen oder sonstigen Beschwerden aufgewacht und hätte mir (gerade bei regnerischem Novemberwetter) gerne die Decke über den Kopf gezogen und wäre liegen geblieben. Wie oft bemühen sich unsere Pferde eigentlich für uns, obwohl das Auge tränt, die Bronchien beleidigt sind oder die Hufe fühlig? 

Nicht umsonst wird in der älteren Reitliteratur auch immer wieder der Reitertakt angesprochen – also das Taktgefühl für das Pferd. 

….ein solches Talent besitzt Reitertakt, das ist die besondere Veranlagung, im gegebenen Moment gerade das Richtige, durch den Bewegungsmechanismus und den seelischen Zustand des Pferdes Gebotene zu tun oder das Falsche zu unterlassen….paßt nicht ganz wunderbar der Ausspruch des geistvollen Italieners Alvisi hierher, der sagt: „Der gute Reiter ist ein Psychologe, der sich und sein Pferd kennt. Aber er ist auch sein Arzt: behandelt er es falsch, so verschlimmert er das Übel, das heißt er verstärkt die Fehler“….

Waldemar Seunig, Von der Koppel zur Kapriole

Die Dressur für das Pferd…

Als ich Tarabaya kennen lernte, war mir nur eines wichtig: Mich zu verlieben. Ich hatte meine Stute Barilla gerade verloren und ich wollte mir mit der Suche nach einem neuen Pferd keine Zeit lassen. Als mein Trakehner Kobold fünfjährig völlig überraschend starb, brach für mich eine Welt zusammen. Erst vier Jahre nach Kobolds Tod habe ich Barilla getroffen. Durch Barilla konnte ich erahnen, was eine schonende und gut durchdachte Ausbildung für ein Pferd tatsächlich kann. 

Tarabaya erinnerte mich immens an die Pferde, mit denen ich groß geworden war. 

Sie beeindruckte durch spektakuläre Gänge und Ausstrahlung. Die spektakulären Gänge im Seitenbild waren jedoch von hinten betrachtet eine Sache für sich. Tabby trabte, als hätte sie ein Faß zwischen den Beinen, zur  Breitbeinigkeit kam noch ein Drehen in den Knie- und Sprunggelenken dazu.
Ich war überzeugt, die Akademische Reitkunst würde Tabby in dieser Hinsicht gut helfen. 

Das ist auch sicherlich passiert. Es hat aber eine Zeit lang gedauert!

Als Tabby mir eben Mitte September 2019 so gar nicht gefällt, gehe ich davon aus, dass uns der Tierarzt ganz sicher den Verdacht auf Arthrosen in den Hinterbeinen bestätigen wird. 

Dies ist nicht der Fall. Eine andere Schwäche drückt nicht nur sprichwörtlich auf den Schuh. Seit einigen Jahren gibt es den Befund, dass bei Tabby durch ihre zehenenge Fehlstellung an den Vorderhufen Verkalkungen am Hufknorpel vorliegen. Die ungünstige Hufform, die den Huf sehr schief werden lässt, wirkt sich auf die Sohle, wie auf innere Strukturen aus. Immer wieder war Tabby lahm, für wirklich lange Zeit hat uns dann der Megasus Horserunner geholfen. Tabby hatte wieder Freude an der Bewegung und zum Glück auch wieder abgespeckt. Mehr dazu kann man hier nachlesen.

Die gute und die schlechte Nachricht

Ich nehme die Diagnose mit einem lachenden und weinenden Auge entgegen. Nichts war auffällig. Tabby war nicht lahm – akut ist aber trotzdem am betroffenen Fuß eine Entzündung der Sehnenscheide und eine Fesselgelenksentzündung diagnostiziert. Tabby ist sehr darauf bedacht nie eine Schwäche zu zeigen. Daher war die Entzündung nicht so offensichtlich. 

Und an dieser Stelle kommt die Akademische Reitkunst ins Spiel. Ich kenne natürlich mein Pferd durch und durch. Ich bin zum Analytiker kleinster Bewegungen geworden. Ich weiß genau, wo Tabbys Hinterbeine auffußen, ich fühle, wie sie die Hinterhufe belastet, sind die Vorderbeine auf der gerittenen Linie, oder kreuzt das innere Vorderbein nach außen? Ist der Rücken wirklich da? Schwingt Tabby zur nachgiebigen Hand? All das ist einerseits Routine, andererseits eine jahrelange Gefühlsschulung. Auch wenn keine Lahmheit sicht- oder hörbar war. Ich war eben zu 100 Prozent davon überzeugt, dass etwas nicht stimmt. Auch weil Tabby sehr in sich gekehrt und ruhig war. Im Grunde möchte sie auch immer alles richtig machen. Gelingt etwas nicht sofort, dann ärgert sie sich, ehrgeizig wie sie ist. Diesmal wollte sie gerne mitmachen, konnte aber nicht. 

Meine Reise zur Akademischen Reitkunst hat mich sicher fühlen lassen, wo etwas nicht stimmt.

Die schlechte Nachricht: Die zehenenge Stellung war im Alter, als ich Tabby kennen lernte nicht mehr zu korrigieren. Wir werden hier also immer wieder mit Problemen rechnen müssen – aber darauf gewappnet lässt sich das Training, die Hufbearbeitung, Fütterung (wieder müssen wir dringend abspecken) darauf abstimmen. 

Pferde sind Nutztiere?

Vor einiger Zeit habe ich den Satz gehört: „Pferde sind für mich…Nutztiere“. Dieser Satz kam in einem Podcast vor und zunächst dachte ich: Wie kann man das nur so kalt, objektiv auf den Tisch knallen. Aber es stimmt: Wir „nutzen“ Pferde, als Freunde, als Seelenklempner, für unsere Freizeit, um Zeit schön zu verbringen, um uns reiterlich fort zu bilden, um dazu zu lernen. Pferde erden uns und geben uns Kraft, wir werden in unserer Kommunikation feiner – nicht umsonst boomt das Pferd auch in Punkto Coaching egal ob eine eigene Neuausrichtung gesucht wird oder ein Führungskräftetraining. 

Da meine Pferde quasi für mich da sind, habe ich es mir zur Pflicht gemacht, ihnen ganz aufmerksam zuzuhören – und das betrifft eben bei Weitem nicht das Training. 

Ich bin sehr froh, dass Tabby nicht lange gebraucht hat, um mir zu sagen, wo der Schuh drückt. 

Und ich bin dankbar, dass ich in der Akademischen Reitkunst einen Weg der Kommunikation gefunden habe und diesen auch vermitteln darf – nicht nur was eine feine Hilfengebung anbelangt, sondern auch was das, was zwischen den Zeilen steht anbelangt. Wenn ein Pferd heute so und morgen anders auf eine Hilfe reagiert, dann sind immer physische und mentale Komponenten in Betracht zu ziehen. 


Lassen wir die Pferde zu uns sprechen, dann Reiten wir Einfach 😉 


Der Traum von Leichtigkeit

Der Traum von Leichtigkeit

 Als ich vor über 10 Jahren zur Akademischen Reitkunst kam, war es gerade die Leichtigkeit, die mich so unendlich fasziniert hatte. Jahrelang plagte ich mich mit meiner Stute Barilla. Ich hatte damals unwissend den Schub verstärkt und mein Pferd permanent auf die Hand geritten. Gefühlt hatte ich eine Tonne in der Hand, es fühlte sich alles so unendlich schwer an und das wirkte sich zuletzt auch auf unsere Beziehung aus. 

Doch zum Glück sollte es anders kommen. Durch eine Freundin kam ich zur Akademischen Reitkunst und ihren Schilderungen von Leichtigkeit konnte ich nicht glauben. Erst als ich Eva und ihren Warmblüter Anton in einer Piaffe miteinander tanzen sah, da wußte ich: Das will ich auch. Wobei es mir weniger um die Piaffe ging, als um die feine Verbindung zwischen den Beiden. Der Zügel lose und so gar nicht straff, die Verbindung zwischen Mensch und Pferd ebenso leicht und tänzerisch. Eine wunderbar geformte Oberlinie.

Also zog ich aus, um die Leichtigkeit mit Barilla zu finden. 

Leichtigkeit ist nicht gleich Leichtigkeit 

In der Akademischen Reitkunst arbeiten wir an Leichtigkeit oder besser gesagt an Balance. Wenn wir doch viel Gewicht in der Hand spüren, dann hat das Pferd seinen Schwerpunkt zu stark auf die Vorhand verlagert, es sucht in der Reiterhand nach einem „fünften Bein“, um sich abzustützen. Wenn das passiert, dann wird das Gewicht förmlich auf die Schultern geworfen, ein echtes Schwingen der Wirbelsäule aus der Hinterhand ist dann nicht mehr gegeben. Ein Teufelskreis entsteht, denn unsere erste Reaktion – und durchaus menschlich? Wir wollen das unschöne Gefühl vor uns, vor dem Reiter mit der Hand reparieren, sind wir doch im Alltag auch äußerst „Handlastig“ und alles, was wir fühlen, manifestiert sich zuerst „vor“ uns. Wir sind es zu Beginn unserer Reise auch noch nicht gewohnt nach „hinten“ in die Hinterhand des Pferdes zu spüren. Die Hand wirkt dann rückwärts und „würgt“ den Rückenschwung noch mal ganz deutlich ab, wenn die Wirbelsäule durch unsere „Reparaturmaßnahmen“ komprimiert wird. Der Hinterfuß wird dann auch nicht besser nach vorne kommen sondern nach hinten raus gedrückt. 

Wann ist Leichtigkeit „echt“? 

Mit der Tätigkeit der Hinterhand steht und fällt quasi ein gutes Ergebnis. Wenn das Pferd seinen Hinterfuß nach vorne unter die Masse, also unter den Schwerpunkt setzt, dann kann es den Brustkorb heben. Die Schultern und die Führung zwischen den Schultern wird leicht, das Pferd kann seinen Hals und Kopf gut tragen und somit wird es auch leicht, den Reiter zu tragen. 

Wir arbeiten also mit Balance, mentaler und physischer Losgelassenheit, Durchlässigkeit, Tempo und Takt und tasten uns nach und nach an die Formgebung heran. Egal ob wir das Pferd zur Dehnungshaltung einladen möchten oder später an mehr Aufrichtung arbeiten, das Pferd darf nie durch die Reiterhand in eine Form gepresst werden. 

Ist Leichtigkeit immer richtig? 

Nein. Leider. 

Es gibt verschiedene Formen von falscher Leichtigkeit. 

Sehr häufig treffe ich auf Pferde, die sich auf den ersten Blick rein optisch in eine schöne Position begeben, die Formgebung des Halses scheint korrekt, wenn aber die Reiterhand zur Dehnung einlädt und der Reiter das Pferd zum Rausstrecken des Halses auffordert, dann passiert….nichts. Das Pferd bleibt in der zuvor beschrieben Haltung und traut der Hand nicht. Die Ursache für dieses Phänomen kann ein zusammengezogener oder ein steifer Hals sein. 

Daher ist eine der ersten Übungen, die ich am Boden umsetze, das Prinzip der nachgiebigen Hand vorzustellen. Dabei löse ich das Pferd noch gar nicht abwärts, sondern frage mal sanft am Kappzaum oder am Halfter nach, ob das Pferd den Kopf einfach mal zur Seite nehmen möchte. Kommt es meiner vorsichtigen Frage nach, dann nehme ich die Hand unmittelbar weg vom Halfter oder Kappzaum in meinen Bereich und lobe das Pferd. Ich frage also nach, ob meine Hand etwas formen darf, kommt das Pferd meiner Bitte nach, dann ist die Hand sofort nachgiebig. Das Verständnis und Vertrauen in eine nachgiebige Hand ist für die weitere Ausbildung ein riesiges Plus. 

Mit meiner Stute Pina habe ich lange an einer korrekten Dehnungshaltung gearbeitet. Mit Trense oder gebisslos kein Problem – das bloße Gewicht der Kandare reichte beim ersten Mal schon aus, dass sie die Nase hinter der Senkrechten positionierte und im Rücken fest wurde. Freilich – das Problem wäre so oder so da gewesen. Als wir nach einer passenden Kandare suchten, wurde es nur offensichtlich, woran wir eigentlich noch arbeiten mussten. 

Wir haben also akribisch an einer guten Verbindung gearbeitet. Schwierig ist es natürlich, eine solche Leichtigkeit von einer korrekten Leichtigkeit zu unterscheiden. Was uns hier auch geholfen hat, war die Ausbildung in der Handarbeitsposition von außen geführt. Nun konnte ich die Tätigkeit der Hinterhand ganz eindeutig observieren und spüren, was in der Hand ankam und was eben nicht ankam. Zusätzlich war es angenehm, Pina quasi im Blick behalten zu können und die Einschätzung dessen, was ich in der Hand fühlte wurde zunehmend deutlicher. So konnte ich auch im Sattel besser beurteilen, ob Leichtigkeit echt und harmonisch oder eben nicht korrekt war. 

Kein Pferd verhält sich wie das andere. Die Beobachtung von Monumenten und Statuen in so manchem historischen Innenstadzentrum lädt auf eine Spurensuche in Punkto „Aufgerollter Hals“ ein. Dabei scheint das Pferd stolz und aufgerichtet, der Unterhals ist jedoch deutlich auszumachen und der Brustkorb ist zwischen den Schulterblättern abgesunken. 

Was ist zu hoch? Was ist zu tief?

Grundsätzlich gilt – aus jeder Position muss ein vorwärts reiten und eine Einladung zur Dehnungsbereitschaft mit einem bereitwilligen „Ja“ beantwortet werden. Kein Pferd gleicht dem anderen, daher kann für das eine Pferd eine tiefere Kopfhaltung möglich sein, für das nächste Pferd hätte dies eine Blockierung des korrekten Rückenschwungs zur Folge. 

Und die Zäumung? 

„Pferde, die sich zu stark beizäumen oder aufsetzen: In beiden Fällen muss man dem Pferd ein mildes Mundstück geben, weil ein scharfes Mundstück es noch mehr zum Aufsetzen bringt, denn es verfällt in diesen Fehler nur, um den Zwang des Mundstückes zu entgehen. Kurze Bäume in Verbindung mit einem dem inneren Bau des Mauls angepasstes Mundstück sind für solche Pferde zweckmässig. Bei Pferden, die sich zu stark beizäumen und auf der Brust aufsetzen hilft eine Unterlegtrense.“

François Robichon de la Guérinière

Guérinière betont jedoch, dass es nicht ausreicht, dem Pferd eine vernünftige Zäumung zu verpassen. Damit schließt sich der Kreis zum erneuten Plädoyer die Reiterhand umfassend auszubilden und das Gefühl zu schulen, denn….

„….ohne eine gute Hand und viel Einfühlungsvermögen des Reiters bleibt auch die am besten angepasste Zäumung nutzlos. Nur durch Reitkunst, bei der geeignete Lektionen mit einer Zäumung, die dem Maul des Pferdes nicht wehtut, sinnvoll angewendet werden, wird man bei der Ausbildung des Pferdes Erfolg haben.“

François Robichon de la Guérinière

Reisen wir von Frankreich weiter nach Deutschland zu Udo Bürger

Er attestiert Pferden mit Anlehnungsproblemen auch Probleme mit Tempo und Takt. 

„….dabei machen sich die Pferde im Gang selbstständig, verhalten sich oder eilen und stürmen ohne die Hilfen zu beachten, die (Bein)Folge wird unregelmässig, sie üben Resistenz. ….In diesem Sinne fängt jede Korrektur der Anlehnung beim Gang an. Erst muss der reine Gang in freiem Vortritt bei absolut passiver Anlehnung in Ordnung sein, ehe der Reiter sich mit den Zügeln eine Einwirkung hinsichtlich Durchlässigkeit erlauben darf“. 

Udo Bürger

Anlehnung und Gewicht in der Hand? 

Ist Gewicht in der Hand immer negativ? Grundsätzlich streben wir wie gesagt danach, dass sich das Pferd durch die Tätigkeit aus der Hinterhand selbst gut tragen kann und auch uns dahingehend gut mitnimmt. Wenn es jedoch zu Gewicht in der Hand kommt – okay. Wie? Hat sie jetzt okay gesagt? Ja, denn ohne diese Information in unserer Hand wissen wir ja nicht, was wir eigentlich korrigieren wollen und wo unsere Hausübung liegt. Das heißt freilich nicht, dass wir dieses Ergebnis für immer haben wollen – ein bisschen Gewicht in der Hand ist allerdings ein offensichtlicheres Indiz für die gestellte Hausübung, falsche Leichtigkeit ist manchmal schwieriger zu entlarven. Das Pferd muss lernen, zur Hand des Reiters zu suchen. Die Schulung echter Leichtigkeit entsteht aus der Schulung der Hinterhand gepaart mit dem richtigen Reitergefühl. 

Ausbilden mit Leichtigkeit? 

Ja, manchmal gibt es Hürden. Leichtigkeit muss daher auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Wer den Weg zur Akademischen Reitkunst sucht und startet, der stolpert rasch in der Bodenarbeit über Leichtigkeit. Völlig unvoreingenommen tasten wir uns an neue Inhalte heran und sind verblüfft, wie einfach alles von der Hand geht. Und dann? Dann kommt später der Umstieg vom Boden in den Sattel und sie ist dahin, die Leichtigkeit. Es wird also Hürden und Schwierigkeiten geben, aber diese schulen auch unsere Ausdauer zu lernen und zu üben. Manchmal erklimmen wir in der Ausbildung von unserem Pferd und uns selbst scheinbar mühelos mehrere Treppenstufen, manchmal verharren wir auf einer Stufe. Nicht immer ist alles leicht – damit wir unbeschwert und losgelassen trainieren können, müssen wir auch unsere eigene Ausdauer schulen – und das bezieht sich auf Körper und Geist. Daher gehört zur echten Leichtigkeit auch, dass wir uns selbst physisch und mental fit halten. 

Arbeiten wir an echter Leichtigkeit, dann Reiten wir Einfach. 😉


Schneller oder langsamer?

Schneller oder langsamer?

Wie viel Vorwärts für das junge Pferd? Das ist für viele Reiter die Gretchenfrage. Den ersten Teil rund um dieses spannende Thema kannst du HIER nochmal nachlesen. 

Der Veterinärmediziner Udo Bürger  sagt zu diesem Thema: 

„Ein Pferd, von dem man aber sagt, es sei ein gerittenes Pferd, das muss gehen gelernt haben. Das geformte anerzogene und ausgelernte Gehen muss ihm zur Gewohnheit werden. Man darf sogar von der Kunst zu gehen können sprechen, ohne damit zu übertreiben. Im Grunde ist die ganze Ausbildung des Reitpferdes eine Schule im Gehen. Die Beherrschung der Gliedmaßen im richtigen Gehen ist die Grundlage des Gangs in allen Gangarten.“

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Können unsere Pferde nicht gehen?

Konkret geht es um die angestrebte Einheit von Mensch und Pferd. Und für uns Menschen hießt das: 

Die Beschäftigung mit den Hinterbeinen

Hier schreiben beispielsweise Guérinière und Seunig viel darüber, den natürlichen Gang des Pferdes zu erhalten. Bürger schlägt in dieselbe Kerbe und beschreibt den natürlichen Gang als taktmässig und mahnt daher den Reiter unbedingt auf den Rhythmus des Ganges zu achten. 

Rhythm is a dancer…

Rhythmus ist so eine Sache. Mit dem Metronom zu reiten ist vielleicht manchmal zu eintönig. Eine spannende Sache ist die Arbeit und Inspiration durch Musik.
Wie klar ist der Rhythmus? Hat das Pferd einen klaren Takt oder lässt es sich aus dem Rhythmus bringen. Bei einem jungen Pferd habe ich den Rhythmus schon in der Boden- und Longenarbeit beobachtet. Folgt dieser der Musik oder hat das Pferd Schwierigkeiten einen bestimmten Rhythmus einzuhalten? Wie geht es mir eigentlich selbst, wenn ich mich zum Rhythmus einer Musik bewege? Kann ich den Rhythmus halten? Auch eine spannende Frage, wenn es um die eigene Ausdauer geht. Ändert sich der Rhythmus, wenn wir unsere Position in den Sattel verlegen? Einige junge Pferde werden vielleicht den Rhythmus steigern, andere werden sich verhalten – und andere wieder perfekt vom Boden ausgebildet und auf das Reiten vorbereitet werden sich nicht anders, als wie beim gemeinsamen Tanz am Boden verhalten. Wenn wir mit verschiedenen Rhythmen spielen – und hier eignet sich die Bodenarbeit eben auch ganz hervorragend, beispielsweise beim Longieren, denn beobachten wir unser Pferd und finden heraus, welcher Rhythmus dem natürlichen Gang des Pferdes entspricht.  

Große schleppende Tritte sind ein Übel, das von schlaffer Kondition und Energielosigkeit zeugt. Aus kurzen energischen Tritten aber kann der Reiter viel herausholen, sofern die Kraft der Muskeln sichtbar wird. In der Umformung zum Schwung werden sie für jede Leistung lang genug; Sie erleichtern dem weniger Geübten die Arbeit und geben ihm die Chance bei den trittverlängernden Übungen viel zu lernen. Aber die Kraft muss da sein. Kurze gebundene Tritte dagegen, gepaart mit mangelnder Bewegungsfreudigkeit sprechen dafür, dass Hemmungen vorhanden sind, deren Gründe entweder im Körperbau oder in schmerzhaften Zuständen an den Beinen oder im Rücken zu suchen sind. 

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

In unserer neuen Position vom Sattel aus, zeigen wir unserem Jungpferd nochmal alle Hilfen, die wir vom Boden aus erarbeitet haben nochmal. 

Da die Schenkelhilfe in der Bodenarbeit durch die Gerte ersetzt wurde, ist mir eine Übung mit physischem Kontakt sehr wichtig. Dafür gehe ich direkt neben meinem Pferd und lege meine Handfläche in die Sattellage. Ich kann meine Handfläche auch in etwa dort ablegen, wo später mein Oberschenkel aufliegt. Nun denke ich ans Tanzen. Wenn ein Tanzpaar auch ohne Begleitung durch Musik von einem Walzer in einen Cha-cha-cha wechseln kann, dann bedeutet das Einheit, Verbindung, Spüren, Geben und Nehmen von Energie. Kann ich also, über meine Intention, über meinen Körper, wenn ich neben meinem Pferd gemächlich laufe die Energie steigern zu einem flotteren Schritttempo, oder gar zu einem Trab, oder vielleicht zu ein paar Galoppsprüngen? In der Frontosition in der Bodenarbeit vor dem Pferd aber auch in der Longenposition ersetzt die Gerte immer den inneren Schenkel (oder natürlich auch den äußeren Schenkel). Daher spiele ich gerne mit der Energie über den physischen Kontakt – so als kleine „Zwischenstufe“ bevor ich mich das erste Mal auf den Rücken meines Jungpferdes wage. 

Wenn Pferde also verhalten auf den direkten, vortreibenden Schenkel reagieren und damit nichts anzufangen wissen, dann können diese Übungen zur Energieübertragung eine wichtige Lücke in der Ausbildung schließen. 

Wenn das Pferd im Schritt unterwegs ist, denke ich an den idealen Rhythmus, den wir in der Bodenarbeit schon entdeckt hatten und versuche diesen zu fördern – falls nicht ohnehin schon vorhanden. 

Was, wenn der Gang unnatürlich wird? 

Bad news, der Fehler sitzt immer im Sattel. Sobald wir zu sehr eingreifen, sobald wir mit unseren Händen etwas herstellen wollen, was noch nicht ist, wird sich die natürliche Gangfolge verändern. 

Hier kommt erneut das viel zitierte Reitergefühl ins Spiel. Wenn es um Hinterbeine geht, dann müssen wir fühlen und interpretieren können, wann das Hinterbein in der Spielbeinphase ist, wann es als Standbein arbeitet und ob es hier eben gerade aufgefußt ist, oder schon wieder am Abschieben. 

Möglicherweise bietet das Pferd kürzere Tritte an, wenn es die Streckstellung, also wenn es sich vom Boden abschiebt verlängert, der Vorgriff wird aber dabei geringer. Möglicherweise macht das Pferd auch kleine Schritte nach vorne, es kommt mit dem Hinterfuß also nicht in Richtung Schwerpunkt. Das Pferd kann auch aus dem Takt kommen, ungleich fußen, eilig werden, sich zäh anfühlen. Die Möglichkeiten sind vielseitig. 

Der direkte Schenkel, also der vortreibende Schenkel steht somit auf dem Stundenplan. Dabei ist es eben wichtig, dass der Reiter den individuellen, natürlichen Gang des Pferdes im Gefühl hat. Verhält sich das Pferd im Vergleich zur Bodenarbeit? Oder wird es eilig? 

„Das erste Stadium der Ausbildung ist mehr Erziehung als Ausbildung. Aus dem freien natürlichen Gang wird das Pferd durch die treibende Hilfe zum fleißigen Gang angeregt. Geht es fleißig und entschieden vorwärts, dann streckt es sich von selbst und sucht die Zügelanlehnung, die ihm auch gegeben werden soll“.

Udo Bürger, der Reiter formt das Pferd

Zu Beginn halte ich die gerittenen Einheiten sehr kurz. Ich beobachte: Bleibt die Balance erhalten, bleibt das Pferd losgelassen, bleiben Tempo und Takt gleichmässig? Beginnt das Pferd sich ein wenig zu strecken? Dann bin ich mit einer meiner ersten Einheiten voll und ganz zufrieden und steige ab, um mein Pferd auf Augenhöhe ordentlich zu feiern. 

Mit der Zeit steigern wir die Zeit im Sattel, ganz allmählich kommt alles Weitere hinzu, immer die Qualität von Rhythmus, Takt und Tempo prüfend. Es ist nicht immer leicht, das individuelle Tempo des Pferdes zu bestimmen. Manchmal fühlt sich ein Ergebnis ganz gut an, eine Videoaufnahme zur Analyse zeigt jedoch beispielsweise – plötzlich wurden die Vorderbeine rückständig. Zuviel Schub, das Pferd ist nun stark auf die Schultern gefallen. 

Die Gehfreude ist auch „draußen“ sicherlich einfacher zu erhalten. 1995 habe ich meinen Trakehner Wiesenkobold vorwiegend im Gelände und mit Unterstützung im Team Teaching (mit dabei war ein erfahrenes Pferd und dessen Reiter) angeritten. 

Und das mit dem Gelände möchte ich auch weiter so halten. 

„Wie wir wissen sind es die gleichen Muskelgruppen, denen die Hankenbiegung und die Schubkraft obliegt. Daraus erklärt sich die Erfahrung, dass der Wechsel zwischen Reitbahn und Geländereiten mit Klettern für die Entwicklung der Hinterhand am förderlichsten ist. Beides ergänzt sich, das eine ist eine Geschichlichkeitsgymnastik und das andere Kraftsport für die Pferde. Beides ist notwendig“.

Udo Bürger, Der Reiter formt das Pferd. 

Wenn du mehr zum Thema Vorwärts wissen möchtest, dann lege ich dir den Podcast mit Ursula Ursprung ans Herz. 

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Übergänge

Übergänge

Am vergangenen Wochenende war ich zu Gast bei meiner Kollegin Kristina Winholz in Radebeul bei Dresden für einen Tageskurs sowie gegenseitigen Austausch. 

 Am Samstag war ich gespannt auf viele neue Gesichter beim Tageskurs. Und wie immer lasse ich gerne ein spezielles Thema wählen und richte mich nach den Wünschen der Zuschauer.
Thema unseres Wochenendes waren Übergänge. Übergänge sind ein ganz tolles Projekt, wenn wir uns mit dem Fühlen und Verstehen auseinander setzen wollen. 

Warum reiten wir eigentlich Übergänge? 

Es gibt viele gute Gründe um Übergänge zu reiten!

  1.  Der Werkzeugkoffer der Hilfengebung ist diffizil . JedesWerkzeug an sich hat schon seine Tücken, in den Übergängen schulen wir vor allem die Koordinierung der Hilfengebung.
  2. Die Durchlässigkeit des Pferdes wird durch Übergänge verbessert
  3. Die Losgelassenheit des Pferdes wird verbessert
  4. Der Reiter bekommt eine bessere Bewegungsvorstellung des Pferdes
  5. Schulung von Paraden bei Mensch und Pferd
  6. Das Pferd muss seinen Bewegungsablauf ebenso koordinieren
  7. Fitness und Gymnastizierung durch unterschiedliche Rückentätigkeit und unterschiedliche Schwinungsrichtungen in den Grundgangarten 
  8. Übergänge als Überprüfung der Qualität der Ausbildung und Kommunikation
  9. Variationen in der Formgebung vom vorwärts-abwärts zum vorwärts-aufwärts zur relativen Aufrichtung in Relation zur Tätigkeit der Hinterhand
  10. Prüfstein für Gleichgewicht und Geschmeidigkeit
  11. Übergänge fördern die Geschicklichkeit und bereiten für höhere Aufgaben vor
  12. Übergänge fördern die Versammlung
  13. Verbesserung der Tragkraft
  14. Beherrschung der Schubkraft
  15. Entwicklung der Federkraft

Am Anfang ist immer die Theorie

Es gibt verschiedene Arten von Übergängen. Grob eingeteilt unterscheide ich zwischen Übergängen von einer Gangart in eine andere Gangart und Übergänge innerhalb einer Gagnart. Darüber hinaus gibt es auch mehrstufige Übergänge, Übergänge in den Schwungrichtungen und Übergänge zwischen den Schulgangarten. 

Wer sich mit den Übergängen auseinandersetzt, muss sich mit den Bewegungsphasen in allen Grundgangarten befassen:

Schritt

Der Schritt besteht als Viertakt aus einer Folge an aneinander gereihten Schritten. 8 Phasen der Vorwärtsbewegung sind für den Schritt maßgeblich, wobei zwischen Dreibeinstütze und Zweibeinstütze abgewechselt wird. Die Fußfolge ist dabei diagonal und gleichseitig. 

Trab

Der Trab ist eine Bewegung im Zweitakt mit vier Phasen und einem Moment der freien Schwebe. Ein Diagonales Beinpaar wird jeweils gleichzeitig vorwärts bewegt und aufgesetzt. 

Galopp

Der Galopp ist eine Bewegung im Dreitakt mit sechs Phasen. Die Fußfolge ist zB im Linksgalopp: Das Pferd landet nach der Schwebphase am rechten Hinterbein, das ist der erste hörbare Takt, kurz darauf fußen links hinten und rechts vorne diagonal und gleichzeitig (ansonsten wäre der Galopp in seinem Takt nicht korrekt) auf. Das ist der zweite hörbare Takt. Bevor das linke Vorderbein auffusst löst sich das rechte Hinterbein vom Boden, gefolgt vom diagonalen Beinpaar links hinten, rechts vorne. Dies hören wir als den dritten Takt, gefolgt von einer erneuten Schwebephase.

Übergänge zwischen den Gangarten

Hier unterschieden wir zwischen 

  1. Übergänge von einer niedrigen in eine höhere Gangart und von einer höheren Gangart in eine niedrigere Gangart. 
  2. Einstufige oder mehrstufige Übergänge (diese werden gerne auch als leichte oder schwere Übergänge bezeichnet) – wenn vom Halt in den Trab oder Schritt in den Galopp oder vom Schulhalt in die Piaffe ein Übergang erfolgt. 
  3. Übergänge zwischen den verschiedenen Schwungrichtungen (versal, traversal) kombiniert mit verschiedenen Gagnarten
  4. Übergänge zwischen den Schulgangarten

Übergänge beobachten

Wer kennt das nicht? Man lernt einen simplen Tanz in einer Gruppe und stolpert förmlich immer wieder über die eigenen Füße, wenn sich der Rhythmus und Takt ändern. Pferde sind im Gegensatz zu uns keine Bewegungslegastheniker. Pferde können fließend vom Zweitakt in den Dreitakt wechseln, sie schaffen vielseitige Übergänge in allen möglichen Variationen – und behalten dabei immer eine gute Figur. Vor allem wenn wir uns Übergänge in der Natur ansehen. 

Das Pferd bewegt sich in der Natur möglichst ökonomisch und folgt dem Verhalten der Herde, Übergänge werden genutzt, wenn Pferde Freude an der Bewegung haben und miteinander spielen. Wenn wir die Übergänge in der Natur beobachten, dann wird uns auch das korrekte Timing für unsere Hilfengebung bewusst. Auf meinem Kurs habe ich an dieser Stelle Aufnahmen von Konrad gezeigt in Slow-Motion, wobei wir uns hier genau angesehen haben, wann das Pferd wie, welches Bein für den Übergang setzt. Besonders spannend ist dabei die Frage: Wenn Konrad aus dem Galopp in den Trab oder Schritt wechselt – in welcher der oben genannten Phasen wird die neue Gangart eingeleitet?

Übergänge spüren

Die Auseinandersetzung mit einem Thema kann nie alleine in der Theorie erfolgen. Daher haben wir auf diesem Kurs auch eine Menge an praktischen Übungen ausprobiert. Dabei konnten wir untersuchen, wie groß unser eigenes Energielevel sein muss, um vom einen Übergang in den nächsten zu kommen? 

Wie fühlt es außerdem an, wenn der eigene Abschubmoment verstärkt wird oder die Verstärkung in der Spielbeinphase zum Tragen kommt? Einfach gesagt – wir haben ausprobiert. wie sich treibende Hilfen in bestimmten Momenten anfühlen. 

Bei der nächsten Übung haben wir unsere eigene Energieübertragung besser wahrgenommen. Geben wir besser Energie weiter, oder sind wir besser im Aufnehmen von Energie? 

Selbst mal im Schritt, Trab und Galopp zu laufen machte die Wahrnehmung von Entschleunigung und Beschleunigung noch deutlicher – mit welchem Bein legen wir zu, mit welchem Bein bremsen wir? 

Wenn wir uns reiterlich mit Übergängen auseinander setzen wollen, dann brauchen wir Wissen und Gefühl für den Bewegungsablauf sowie die Beinfolgen. Wenn wir wissen, wann welches Hinterbein wo unterwegs ist, dann können wir auch die Übergänge leichter und flüssiger einleiten und tatsächlich beginnen, die neue Gangart zu reiten und nicht mit der alten Gangart einfach aufhören. 

Nun haben wir einfache und mehrstufige Übergänge in der Theorie genau untersucht. Was macht das Pferd bei einem Übergang vom Stehen in den Schritt, vom Schritt in den Trab und vom Trab in den Galopp. 

Wenn wir genau wissen, wie Bewegung eingeleitet wird, dann können wir auch die beste Phase für das Einleiten von Bewegung aus der niederen Gangart in die höhere Gangart bestimmen. Übergänge „von unten nach oben“, fühlen sich meist leichter an. Beschleunigung oder Taktveränderung von einer niedrigen in eine höhere Gangart ist für viele Reiter kein Problem. Kniffleiger ist es bei den Übergängen von einer höheren Gangart in eine niedrigere Gangart. 

Hier  hilft uns die Beobachtung, um das Timing für den Übergang zu optimieren. 

Auch bei mehrstufigen Übergängen müssen wir das Hinterbein beispielsweise im Schritt das äußere Hinterbein ansprechen. das die gewünschte Gangart einleiten soll – und beim Übergang von der höheren in die niedrigere Gangart orientieren wir uns wieder an der natürlichen Bewegungsfolge. Wie arrangiert sich das Pferd selbst, wenn es vom Galopp in den Schritt durchpariert? 

Bleib bei mir!

Eine für Reiter spannende Angelegenheit sind auch Übergänge innerhalb einer Gangrt, die uns helfen können die Balance, Durchlässigkeit, Losgelassenheit, Tempo, Takt und Schwung sowie die Formgebung zu verbessern und in ihrer Qualität zu überprüfen. Das heißt, Übergänge innerhalb einer Gangart sind auch immer Thema für den Reitersit. Bleibt das Pferd „am Sitz“, oder läuft es eher davon, wenn der Reiter etwas zulegt? 

Die Tücken der Übergänge

Herausforderungen und Prüfsteine in Punkto Übergänge gibt es für Reiter und Pferd unzählige. In Theorie und Praxis haben wir die verschiedenen „Wenn…..dann“ Momente durchgedacht und dann auch in der Praxis versucht umzusetzen. 

Mal haben wir vor allem am Fluss gearbeitet, wenn wir einen Übergang in eine Seitwärtsbewegung abgefragt haben. Mal war generell Entspannung und Losgelassenheit bei Übergängen zwischen Schritt und Trab Thema. Wir haben daran gearbeitet, den perfekten Moment zum Antraben oder durchparieren zu entdecken und die Hilfen aufgedröselt – mal mit mehr Fokus auf lösende Paraden oder mehr Fokus auf die Bewegung aus dem Becken des Reiters. Es war auf jeden Fall spannend.

Das Werkzeug zeigen, nicht den Weg

Der Austausch am Sonntag mit Kristina war wie immer spannend. Kristina hört immer aufmerksam zu, überlegt und trifft mit ihren Gedanken oft genau den Punkt!!! Ich freue mich sehr, dass wir uns hier gegenseitig so unterstützen konnten. Völlig wertfrei. Denn selbst als Ausbilder – wir bleiben auch immer Lernende.

Ich freue mich, dass ich in der Akademischen Reitkunst so viele Menschen treffe, die mir aufgeschlossen und neugierig begegnen.


PS: Unterstützen wir uns und lernen wir voneinander – dann Reiten wir Einfach – auch Übergänge 🙂

Wieviel Vorwärts? Teil 1

Wieviel Vorwärts? Teil 1

Wie viel Vorwärts darf es denn sein für das junge Pferd? Wenn es um das korrekte Vorwärts geht, dann scheiden sich die Geister, dann gibt es immer wieder Stoff für lebhafte Diskussionen, vor allem, wenn es um das Thema „Vorwärts und Jungpferd“ geht. 

Mit meiner Trakehnerstute Tabby hatte ich, als sie vier Jahre alt war, die spannende Herausforderung breitbeinig fußende Hinterbeine zu sortieren. Die Aufgabe lautete weiter übermässigen Schub zu kontrollieren und dabei aber nicht die Gehlust abzuwürgen wie einen Motor in der ersten Fahrstunde. Mein Lipizzaner Konrad (Conversano Aquileja) ist das komplette Gegenteil. Viel Veranlagung zu Tragen, viel Veranlagung für Versammlung. Hier ist die Schwierigkeit ebenso ein korrektes Vorwärts zu etablieren aber aus einer ganz anderen Ausgangslage. Spannend!! 

Die Tipps der Alten Meister

Aktuelle Herausforderungen – da lassen sich die Alten Meister immer wieder gerne befragen. 

François Robichon de la Guérinière arbeitete vor allem im Trab. Er nutzte den Zweitakt, um den Vorwärtsdrang gezielt zu kontrollieren – sowohl „stürmischen“ wie auch „faulen“ Pferden kam die Arbeit im Trab zu Gute. Der Schritt wurde in den ersten Schritten der Ausbildung freilich auch hinzugezogen, vor allem um den Bewegungsapparat schonend aufzubauen. 

„Durch den Trab, der die natürlichste Gangart ist, macht man das Pferd leicht in der Hand, ohne das Maul zu verderben und seine Körperteile frei beweglich, ohne diesen zu schaden….Der Zweitakt, bei dem zwei Beine in der Luft und zwei am Boden sind, verschafft den Spielbeinen eine Leichtigkeit, sich zu heben, gehoben zu bleiben sowie vorwärts zu greifen und ergibt dadurch den ersten Grad von Biegsamkeit in allen Teilen des Körpers“. 

François Robichon de la Guérinière

Früher sagte man gewandt, gehorsam und biegsam. Heute sprechen wir von Balance, Losgelassenheit, Durchlässigkeit und Formgebung, selbstverständlich sprechen wir auch von Tempo und Takt, dazu mehr aber später. 

„Ein Pferd, dessen Körper nicht vollkommen frei und biegsam ist, kann dem Willen des Menschen nicht mit Leichtigkeit und Eleganz gehorchen. Durch die Biegsamkeit wird das Pferd zwangsläufig gelehrig, denn es kostet das Pferd dann keine Mühe, das zu tun, was man von ihm verlangt“.

François Robichon de la Guérinière

Womit beginnen? 

2017  kam mein junger Lipizzaner Konrad zu mir, 2018 folgte der junge Amena, ebenfalls Lipizzaner. Wie halte ich es nun mit der Ausbildung meiner Jungpferde?

Am Anfang steht die Beziehungspflege, das gegenseitige Kennenlernen steht an erster Stelle. Ich fasse in einem kurzen Abriss zusammen, wie es dann weiter geht:

Wir verbringen viel Zeit miteinander, tasten uns an erste Führübungen heran. Dazu gehört eine parallele Position neben dem Pferd, eine Frontposition vor dem Pferd und mit steigender Verbindung probieren wir auch aus, wie es ist etwas weiter hinten, neben der inneren Hüfte des Pferdes zu laufen oder seitlich auf mehr Distanz.

Mir ist dabei wichtig, dass wir uns synchronisieren. Darunter verstehe ich, die Einhaltung des gewünschten Abstands, so dass sich Pferd und Mensch wohl fühlen und eine gemeinsame Ausrichtung hinsichtlich der Energie. Können wir also wirklich zusammen bleiben, wenn wir das Tempo steigern oder drosseln? Das ist auch eine wichtige Basis für spätere Aufgaben. Nach und nach erkunden wir die formgebende Arbeit.

„Arbeit“ steht bei meinen Youngstern zwar hoch im Kurs, denn sie sind immer super motiviert. Aber diese Motivation erhalte ich auch gezielt, indem ich die Denkaufgaben abwechslungsreich und spielerisch gestalte und viel draußen unterwegs bin. Die Schulzeit ist sehr kurz gehalten, wenn es darum geht neue Inhalte zu verstehen, zu lernen und zu erinnern. Die Formgebende Arbeit kommt hier in der Bodenarbeit relativ rasch auf den Stundenplan, wenn die Basisübungen absolviert sind.

Wir arbeiten an Stellung und Biegung und dann bestimmt das jeweilige Pferd natürlich das Lerntempo. Konrad und Amena haben sehr rasch verstanden, was ich mit einem inneren oder äußeren Schenkel meine und was die Gerte an der inneren oder äußeren Halsseite angelegt bedeutet. Dann kamen spielerisch erste Seitengänge wie Schulterherein, Kruppeherein, später Traversalen, Pirouetten und Renvers hinzu. An der Longe verfeinern wir die Arbeit auf Distanz und wiederholen alle Inhalte in den drei Grundgangarten. Sich zu versammeln fällt den Buben leicht und sie haben viel Freude dabei – daher nehme ich Vorschläge und Angebote an – bin aber in Anbetracht der körperlichen Entwicklung stets vorsichtig, auch wenn meine Lipizzaner meinen „sie könnten Bäume ausreißen“. 

1994 – mein erstes Jungpferd

Eine Reise zurück in die Vergangenheit. 1994 habe ich meinen Trakehner „Wiesenkobold“ angeritten. Führübungen waren damals auch am Stundenplan aber sicher nicht in der heute gelebten Akribie. Wir sind auch viel spazieren gegangen und haben uns damals mit Longenarbeit befasst. Dann kam nach einem halben Jahr der große Moment. Ich bin aufgesessen und erstmal gestanden.

Kobold war zwar an der Longe gut mit Stimme und Gertensignalen vertraut, aber von oben konnte er alles nicht so recht zuordnen. Ich wollte los reiten und habe meinen Schenkel benutzt. Er hat an meinen Stiefeln geleckt. Ich habe dann meinen Vater und seinen Schimmel als Stützpädagogen hinzu geholt. Auf einer großen Galoppwiese sind wir dann dem Schimmel und seinem Reiter gefolgt. So konnte ich meinen Co-Trainer bitten mal anzutraben oder später mal anzugaloppieren. Kobold lief hinterher und hat schon bald verstanden, was meine Hilfen bedeuten, die er natürlich zu Beginn rätselhaft fand, aber sich in der Übersetzung am Schimmel orientierte. Der Schimmel etwas kurzbeiniger und vom Temperament her nicht der „eiligste“ half Kobold sich zu sortieren – nach und nach konnten wir aber das Tempo steigern und gemütlich nebeneinander her traben. Ich außen, mein Vater innen. Auch so haben wir schon erste Übungen zur Synchronität eingebaut. Aber diesmal mit einem „Führpferd“. 

Und heute? 

Heute war das erste Aufsteigen auf meinen Konrad denkbar unspektakulär. Durch die sehr genaue und viel länger dauernde Vorbereitung, nämlich gut zwei Jahre bis wir wirklich mal „geritten“ sind, war bei Konrad sofort ein Grundverständnis da für meine Hilfengebung. 

Kehren wir zur Eingangsfrage zurück, wie viel Vorwärts braucht man nun? 

Guérinière spricht von zwei Pferdetypen: 

„Die einen halten ihre Kräfte zurück und sind meist leicht in der Hand, die anderen fallen auseinander und schlendern nachlässig weg, wobei sie meist schwer in der Hand sind oder gegen die Hand drücken und die Nase wegstrecken…..

Pferde, die keine besondere Gehfreude zeigen und sich verhalten rät Gueriniere in einen „gestreckten und beherzten Trab zu versetzen, um ihnen Schultern und Hanken zu zu lösen. Im Falle der anderen, die von Natur aus auf der Hnad liegen, indem sie die Nase wegstrecken, muss der Trab erhabener und verkürzter sein, damit man sie vorbereitet sich beisammen zu halten. Sowohl im einen wie auch im anderen Fall müssen die Pferde aber in einem gleichmässigen und steten Trab gehalten werden, ohne dass die Hinterbeine nachschleppen. Sie sollen hierbein von Anfang bis zum Ende mit dem gleichen Schwung gehen, dürfen andererseits aber nicht zu lange getrabt werden.“

François Robichon de la Guérinière

Guérinière liefert somit einen sehr klaren Rat, wie das korrekte Vorwärts etabliert werden kann. 

Und das Tempo? 

Neben Guérinière spricht sich auch Waldemar Seunig für ein gleichmässiges Tempo im Trab aus, betont hier aber vor allem auch den Takt. 

„Der Takt kann dem Willen des Reiters und dem Dressurgrad des Pferdes entsprechend geregelt, also richtig, er kann aber auch zu langsam sein, wenn sich die Tritte in zwar gleichmässigen, aber zu lange dauernden Abständen folgen, oder er kann zu eilig sein, wenn die gleichmässigen zeitlichen Abstände der Tritte zu rasch aufeinanderfolgen. ….Das Pferd verliert den Takt in dem Augenblick, als dieses Gleichmaß verloren geht, die Bewegung also aufhört im physikalischen Sinne eine gleichförmige zu sein, wobei das Pferd dann ins Eilen gerät oder sich zu verhalten beginnt.“

Waldemar Seunig

Balance, Losgelassenheit, Durchlässigkeit – Was kommt zuerst? Die Frage nach der Henne und dem Ei kann so nicht beantwortet werden. Ein gleichmässiger Takt ist ganz sicher auch neben der Losgelassenheit die Grundlage für Gleichgewicht und Formgebung und steht auch am Anfang einer jeden Ausbildung. Ohne Losgelassenheit aber keinen Takt, ohne Balance keine Formgebung und und und. 

Seunig beschreibt ebenso wie Guérinière die Longenarbeit als Grundpfeiler der Ausbildung. Er betont, dass das Pferd zwanglos laufen soll, sich nach Möglichkeit bereits treiben lässt – und – es soll ein natürliches Tempo finden: 

„Hat es beim Longieren seinen natürlichen Trab, in einem Tempo, das es sich selbst sucht, ohne zu eilen, wobei es gleichlange Schritte macht, in einer Haltung, die es von selbst annimmt wird in diesem Trab zunächst auf der linken, dann auf der rechten und dann wieder auf der linken Hand longiert.“ 

Seunig

Alles über den Rücken 

Für die gewünschte Formgebung wünschen wir uns die Hergabe des Rückens. Auch hier betont Seunig, dass man dieses Ziel vor allem im natürlichen Trab erarbeitet, 

„..dem Gangmaß, das sich das Pferd selbst wählt und in dem man es mit ganz loser Zügelanlehnung gehen lässt“

Waldemar Seunig

Aber gleichzeitig betont er die Zügelanlehnung niemals zur Stütze werden zu lassen – das Pferd darf die Reiterhand also nicht als fünftes Bein zu missbrauchen lernen. 

Die Ruhe des Trabes verhindert, dass das Pferd aus der Balance und somit auf die Vorhand kommt. Auch betont hier Seunig die gleichmässige Fußsetzung, die dann den Takt begünstigt. 

„In einem verstärkten Trabtempo oder gar im Galopp wäre ihm das Selbstragen erschwert, es würde entweder ins Eilen geraten oder müßte, um im Tempo bleiben zu können und nicht das Gleichgewicht nach vorne zu verlieren, aus Angst vor schmerzhaften Zügelanzügen mit den Vorderbeinen stemmen, nicht nur auffangend stützen und dadurch Schaden an sehnen und Gelenken leiden.“

Waldemar Seunig

Seunig nennt das erste Ausbildungsstadium die „Periode des natürlichen Trabes“, mahnt aber gleichzeitig Ruhe und Zwanglosigkeit ganz oben auf den Stundenplan zu stellen. Das Pferd mit geräumigem Gang darf nicht verhalten werden, faule Pferde sollen nur soweit angetrieben werden, so dass sie sich nicht verhalten. Das Pferd soll nur so viel tun, damit es in der geforderten Gangart bleibt, dementsprechend spricht Seunig von einem geringen Energielevel.  

Einmal mehr zeigt sich. Ob 1733 bei Guérinière oder 1943 bei Seunig. Pferdeausbildung ist immer individuell. Die Frage nach dem „natürlichen Trab“ kann also nur das Pferd selbst beantworten. Und in dieser Hinsicht ist es sicherlich nützlich, wenn man sich vom Boden aus gut kennt und als Reiter den natürlichen Trab bereits observieren und fühlen konnte – selbst wenn man noch nicht auf dem Rücken seines Jungpferdes Platz genommen hat. 

Achte den natürlichen Trab, dann Reitest du Einfach 🙂


Sei von Anfang an mit dabei…

Sei von Anfang an mit dabei…

Die heurige Sommerakademie war die Beste aller Zeiten….

Immer wenn ich frisch inspiriert von einer Reise nach Hause komme, dann versuchen wir uns an der Umsetzung. Diesmal „klein“ Amena und ich in einer frühen Morgenstunde zum Thema Freiarbeit.

Zum Zeitpunkt der Aufnahmen ist Maestoso Amena drei Jahre alt, er kennt schon ein bisschen Boden- und Longenarbeit. Der Ansatz der Freiarbeit gibt uns eine neue Position, um die schon bekannte Kommunikation zu verfeinern. Amena macht das bei seinen ersten Versuchen ganz toll. Ich bin riesig stolz auf unseren Nachwuchs:

Auf der Suche nach Inspiration?

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