RIP Herbert

RIP Herbert

Wie kann man sein Pferd abseits des Trainings dem jeweiligen Muskeltyp entsprechend unterstützen?

Am Sonntag stand beim Kurs mit Annika Keller das Thema „Massage“ im Vordergrund. 

Von Muskeln und Mäusen…

Herbert ist 22 Jahre alt, grundsätzlich könnte er ein athletischer Typ sein. Er lebt gemütlich mit seiner Familie, nennen wir sie mal Bindegewebe im Ort Körper, genauer im kleinen Dorf Gluteus. 

Auf Herbert werden wir später in der sehr anschaulichen Theorie mit Annika noch zurück kommen. 

Bewegung ist aller Anfang

Bevor wir uns aber in der langen Theorieeinheit am Sonntag dem Thema Massage widmen, beantwortet Annika Fragen der Teilnehmer. Beispielsweise wird anhand einer Frage zur Hyperflexion das Erlernen eines Bewegungsmusters diskutiert. Bewegungsmuster können, so schildert es Annika über einen langen Zeitraum antrainiert sein, sie können aber durch Nutzung verschiedener Verhaltensmuster oder unter Zwang erzeugt werden. Der Körper reagiert auf die Bewegungsmuster entweder durch Ausweichmechanismen oder durch Kompensation. 

Eine Bewegung, die erzwungen und nicht durch Eigendynamik entwickelt wird, wirkt sich negativ auf den gesamten Körper aus. 

Wir Reiter haben daher einen wichtigen Job: Vereinfacht gesagt bedeutet das, wir müssen den Inhalt reiten und nicht die Lektion. Biomechanisch betont gesagt: Werde dir als Reiter immer bewusst, warum du überhaupt welche Bewegungskompetenz beim Pferd ausbilden möchtest. 

Wertschätzung bis in die Zelle

„Alles wird gut“. Tatsächlich? Rund um die Akademische Reitkunst haben wir das Glück mit vielen Menschen zu tun zu haben, die sich mit dem Wohlbefinden des Pferdes auseinander setzen.

Gesundheit ist unschätzbar wertvoll. Ich habe irgendwo mal aufgeschnappt, dass es für Springpferde eine gewisse Anzahl an Sprüngen in ihrem Leben gibt – wird dann quasi über die Kilometerleistung geritten, dann wirkt sich das negativ auf den Körper (und oft auf den Geist aus). Damit soll jetzt nicht das Springreiten kritisiert werden, sondern die Frage erörtert werden, ob Schäden tatsächlich durch beispielsweise ostheopatische Behandlungen oder den Chiropraktiker „wieder gut“ gemacht werden können. 

Annika erklärt an dieser Stelle, dass sich Zellen nach einer bestimmten Zeit an ein Bewegungsmuster erinnern können, – gute wie schlechte. Auch eine für den Körper „schlechte“ Bewegung, die 17 Jahre lang trainiert wird, kann vom Pferd in diesem Fall als Überlebensnotwendig interpretiert werden. 

Wie kann man also die Negativspirale durchbrechen. Training, das der individuellen Biomechanik und der Geschichte des jeweiligen Pferdes entspricht ist eine Seite der Medaille, die andere ist mit Sicherheit Zeit. Heilung bedeutet demnach nicht: „Plötzlich ist wieder alles gut“. 

Heilung mit ostheopatischer Unterstützung bedeutet dem Körper bei dessen Neuordnung Hilfestellung zu geben. Und dadurch zum Beispiel mit Verletzungen und deren Auswirkungen umgehen zu können.

Warum können wir eigentlich reiten? 

Nachdem wir über mögliche Verspannungen, Schutzmechanismen usw, beim Pferd diskutiert hatten und auch die Frage erörtert hatten, ob Dehnungshaltung bei einem festgehaltenen Rücken überhaupt sinnvoll ist, wenn das Pferd sich mental und physisch nicht lösen kann, kam natürlich die Frage auf: Wie ist es überhaupt möglich, dass wir auf einem Pferd sitzen und es reiten können? 

Beim Reiten wünschen wir uns auf keinen Fall eine negative Umkehr des normalen Bewegungsempfindens. Wir möchten nicht, dass das Pferd kompensiert noch eine Schutzhaltung für unser Vergnügen einnimmt. 

Ein gutes Privatleben steht an erster Stelle

Für Pferde bedeutet das – jede kleine Blockade oder Festigkeit kann sich leichter lösen, wenn das Pferd in einer möglichst artgerechten Haltung leben darf. Auch wenn das Pferd nicht geritten wird, kann es zu Blockaden oder einer Steifheit kommen, allerdings lösen sich bei einem guten Privatleben die meisten Probleme von selbst – auch so wie bei uns. 

Es heißt im Leben nicht umsonst, man darf sich nicht zuviel aufladen. Umgekehrt bedeutet das – wir müssen dem Pferd zeigen, wie es sich mit uns Menschen auf dem Buckel zurecht findet. 

Ein Pferd, das nicht geritten wird, hält sich anders als ein Reitpferd. Die Haltung des Reitpferdes ist etwas, das wir aktiv mit dem Pferd verändern können – das ist auch der einzige Grund, warum wir Pferde reiten können – weil sie sich eben als Reitpferde anders halten können. Und wie wir diese Haltung kommunizieren – das ist Sache der Reitkunst. 

Die Wirbelsäule – ein Jungbrunnen

Alle ursprünglichen Aktivitäten wie Yoga, Pilates oder Heilmassage beschäftigen sich mit der Beweglichkeit der Wirbelsäule. Und das nicht umsonst – denn von der Beweglichkeit der Wirbelsäule hängt viel ab, wie der Rest unseres Körpers später funktioniert. Jedes Organ wird von der Wirbelsäule aus ange“funkt“ und alle Extremitäten werden von ihr aus gesteuert. Verletzt sich ein Pferd am Bein hat dies eben auch eine Auswirkung auf die Wirbelsäule. 

Wir brauchen also eine dreidimensionale Bewegung in der Wirbelsäule damit wir überhaupt reiten können. Und dann brauchen wir natürlich eine entsprechende Bewegungsqualität. Und an Bewegung sind auch immer Muskeln beteiligt. 

Die Sache mit Herbert

Der gesamte Körper besteht aus Bindegewebe, aber jedes Bindegewebe hat seine ganz eigene Form und Aufgabe. Die Muskelfaser Herbert hat letzten Sonntag also zwei Stunden Yoga gemacht. Und plötzlich schrecken alle Zuhörer, die gebannt gelauscht hatten hoch. Herbert? Wer ist nun Herbert? 

Annika hat ein sehr bildhaftes Beispiel für uns parat. Herbert ist eine Muskelfaser, die eben letzten Sonntag zwei Stunden Yoga gemacht hat. Herbert war beim Training echt am Limit. Nun gut, das ist noch untertrieben: Das Yoga hat Herbert getötet. Eine massive Überanstrengung von Fasern kann zu deren Absterben führen. Diese Muskelfasern bleiben als Abfallprodukte zurück. Nun grübelt das ganze Auditorium. Was ist der Unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Muskelkater. Und wer sollte auf wen hören? Der Mensch, der als Personal Trainer sein Pferd motiviert und anfeuert oder sollte sich das Pferd mehr Gehör verschaffen, wenn der „Trainer“ nicht hört, dass es einfach nicht mehr kann? Und ist es zum Zeitpunkt dieser Message bereits zu spät für „Herbert“, die kleine Muskelfaser. 

Bewusst gesund

Gesundheit und gute Bewegung hat also, einmal mehr mit viel Achtsamkeit und Bewusstsein zu tun. Annikas Theorievortrag hat sich mit sämtlichen Fragen beschäftigt, vor allem aber, wie wir aus einem Pferd ein Reitpferd machen – und wie wir die Ausbildung durch Massage begleiten können. 

Dass Massage kein Kraftakt sein muss, das haben wir dann in der Übung der verschiedenen Druckstufen an uns selbst ausprobiert. Dann ging es an die Pferde, denen wir auch hier gut zuhören müssen. Magst du diese Druckstufe? Wo und an welcher Körperzone bist du empfindlich? Entspannt standen unsere Pferde in der Halle und ließen sich durch Annikas Erklärungen nicht stören. Für jedes Pferd hatte sie auch einen individuellen Vorschlag für die Massagegriffe bereit. Fazit: ein sehr gelungenes Kurswochenende!

Irgendwie war es dann ganz komisch, die Frau Kollegin zum Flughafen zu bringen, schließlich hatten Annika und ich eine intensive Arbeitswoche. Zum Glück nicht unser letztes Treffen – schließlich wollen wir für euch etwas ganz spezielles basteln 😉 

Meine Empfehlung: Wer die Gelegenheit hat, bei einem Kurs mit Annika teilzunehmen, lasse sich die Chance nicht entgehen! 

Mehr Informationen über Annika gibt es auf ihrer Website

Einen Podcast zum Nachhören gibt es hier

Denke an die Zellen – besonders an Herbert, dann Reitest du Einfach 😉 

Von Delfinen und Bulldoggen

Von Delfinen und Bulldoggen

 Kursbericht mit Annika Keller

Herbstliches Kaiserwetter, eine riesige Portion steirisches Kernöl auf dem Salat für reichlich Energie und gute Laune. So ließe sich der Kurs bzw. die Tage mit Annika Keller beschreiben. Aber für alle, die es verpasst haben oder neugierig geworden sind, gibt es nun doch eine ausführliche Beschreibung 😉

Analyse, Planen, Denken, Handeln 

Ein Kurs mit Annika Keller, das bedeutet viel biomechanischen Input und eine individuelle Herangehensweise. Individuell ist die Akademische Reitkunst allemal. Um es auch für alle Lernenden spannend zu machen, sind bei unseren Kursen immer ganz unterschiedliche Pferde dabei. Spannend war natürlich Annikas Herangehensweise bei folgenden Themen: 

  • Was tun bei Kissing Spines und diversen Arthrose Diagnosen in der Halswirbelsäule? 
  • Was tun bei einem Pferd, das die Zehen schleifen lässt, gleichzeitig gibt es keine adäquate Befundung durch einen Veterinär? 
  • Was tun, wenn der Pferdekörper durch diverse Trächtigkeiten in Anspruch genommen wurde?
  • Was tun, wenn das Pferd den Widerrist schlecht anheben kann? 
  • Was tun, wenn das Pferd mit den Hinter- und Vorderbeinen ein starkes Kreuzen, ähnlich einem Seiltänzer zeigt?
  • Was tun, wenn die Energie immer wieder „ausgeht“. 
  • Was tun, wenn das Pferd mit einem Hinterbein weniger leicht unter die Masse tritt und somit kurz-lang tritt? 
  • Was tun, wenn sich eine diffuse Lahmheit zeigt, wenn der Rückenschwung nicht ordentlich durchs Pferd kann?
  • Was tun bei der Diagnose Spat? 

Zunächst wurden alle Teilnehmer ausführlich unter die Lupe genommen. Annikas Analyse zeigte auch deutlich: Wo zeigt die innere Lupe des Pferdes hin? Welche Körperlichen und mentalen Aspekte stehen im Vordergrund? Worauf richten wir häufig unsere Augen und tun wir das überhaupt zurecht? 

Die Überprüfung in der Praxis

In den ersten Praxiseinheiten wurde dann die Beschreibung der Reiter genau überprüft. Für das Kürzer oder Länger treten waren die Themen „Innen und außen“ eine große Sache. Tritt ein Hinterbein kürzer – dann fühlt es sich häufig als äußeres Hinterbein wohler, lässt sich aber als inneres Hinterbein besser korrigieren, weil dabei am Vorgriff gearbeitet wird.

Ein Hoch an dieser Stelle auf die Seitengänge und möglichen Variationen, die uns hier zur Verfügung stehen.
Für die Reiter bedeutete das: ein äußerer Schenkel kann jederzeit zum inneren werden. Wechsel zwischen Renvers und Schulterherein oder Renvers und Gerade gebogen in die jeweilige Bewegungsrichtung spricht das jeweilige Hinterbein gezielt an und fördert die Geschmeidigkeit und den Vorgriff – vor allem im Übergang zwischen den Seitengängen und wenn wir nach einer guten Mitte suchen.

Wie so oft im Leben – eine gute Mitte sorgt für Balance, Losgelassenheit und hilft auch ein gutes Tempo sowie einen guten Takt zu finden. 

Reitest du noch auf einem Problem herum? 

Wir Reiter sind ja dermaßen gut darin, Probleme zu formulieren bzw. klar zu sagen, was man nicht spürt, was man aber gerne hätte. Oft korrigieren wir aber daher auch ganz schnell an falscher Stelle. Das heißt eine Korrektur mit dem indirekten Zügel wird ganz rasch gewählt, macht die Sache aber nicht unbedingt besser. Annika plädierte daher in ihrem Praxisunterricht immer wieder den „Rumpf des Pferdes anzusprechen und aktiv zu reiten“.  Fällt das Pferd auf dem Zirkel oder auf einer geraden Linie nach innen, dann fällt die Nase der Bewegungsrichtung hinterher. Die Korrektur wird am besten über den inneren Schenkel und den direkten äußeren Schenkel eingeleitet. Immer der Nase nach – dieses Sprichwort lässt sich also nur dann korrekt aufs Reiten übertragen, wenn die Hinterbeine die Richtung der Nase vorgeben. 

In den Praxiseinheiten wurde daher schnell klar, was mit innen oder außen und einer inneren oder äußeren Hilfengebung sowie einer diagonalen HIlfengebung gemeint ist. Gemeinsam konnten wir erspüren, warum „abgekürzte oder modernere Formulierungen“ zwar inhaltlich richtig, aber nicht immer so leicht verständlich und daher in der Umsetzung problematisch sein können.

Ist es immer ein Seitengang, der uns hilft? Nein, manchmal reicht auch schon das Gefühl aus, oder anders gesagt die Überprüfung. Kann ich mir vorstellen, jederzeit auf der rechten Hand in einen Renvers zu wechseln? Würde dann mein innerer Zügel stark beansprucht oder eher leicht bleiben? Bräuchte ich den indirekten Zügel überhaupt? Oder habe ich das Gefühl, ich kann den Renvers einleiten, indem ich die Hinterbeine und damit den Rumpf des Pferdes dirigiere? 

Sich selbst auf die Finger klopfen

Wir streben nach Harmonie und Perfektion. Manchmal arbeiten wir aber nicht an dem Thema, das eigentlich dran wäre. So lösen wir das Pferd abwärts, auch wenn wir uns näher mit der Ursache beschäftigen müssten, warum das Pferd jetzt nicht korrekt über den Rücken ging. Die Hand kann dann vermeintlich eine Sache beschönigen, aber die Ursache nicht abstellen. 

Hier spielt uns der dringende Wunsch nach Perfektion einen Streich und verhindert, dass wir eine Leidenschaft für Ursachenforschung entwickeln. So ist es spannend heraus zu finden, ob das Hinterbein nicht vorkommen kann, weil vielleicht sogar eine übermäßige Dehnung Lastaufnahme verhindert. Es kann aber auch sein, dass die äußeren Hilfen nicht klar genug sind. Oder oder oder. Reiten kann so spannend sein, an erster Stelle steht aber das genaue Zuhören und Analysieren. Häufig wollen wir eben etwas reparieren, obwohl wir noch gar nicht wissen, was passiert ist und welches Werkzeug wir brauchen, Hauptsache es fühlt sich wieder einigermaßen rund unter uns an. Dass dabei schon mal ein Hinterbein nach hinten raus gedrückt wird und nicht mehr tragen kann, das ist uns gar nicht so bewusst. 

Von Delfinen und Bulldoggen

Annika hatte immer ein passendes Bild für den jeweiligen Reiter und die Zuschauer parat. Ist ein Pferd vom Muskeltonus eher eine Bulldogge oder ein Windhund? Oder erinnert uns dieses Pferd an einen freundlichen Golden Retriever? Und wenn das Pferd nun eher über einen weichen oder einen festen Muskeltonus verfügt, wie müssen wir dann in der Arbeit vorgehen. 

Meine zwei Warmblutstuten sind genau einmal fest im Tonus (Tarabaya) einmal eher weich (Pina Colada). Für die Arbeit mit Tabby ergibt sich, dass wir die Beweglichkeit insgesamt weich und geschmeidiger bekommen wollen. Das gelingt mir einerseits sehr gut über den Sitz, andererseits heißt das natürlich auch viel an mentaler Losgelassenheit zu arbeiten. Die Trainingsempfehlung für weiche Pferde wie Pina von Annika wäre zb in der Boden- oder Handarbeit zu beginnen und hier auch – selbstverständlich je nach Können und Veranlagung des Pferdes Versammlung für eine verbesserte Straffheit und Körperhaltung zu nutzen. Im Falle von Pina helfen hier sicherlich fleißige Übergänge zwischen Piaffe und Galopp an der Hand und ein besonderes Augenmerk auf ein korrektes Heben des Widerrists insbesondere bei der Schulparade. 

Tipp: Manchmal kann auch musikalische Untermalung helfen, die notwendige Energie im eigenen Körper zu finden und auf das Pferd zu übertragen! 

Für Warmblutstute Amira gab es beispielsweise das Bild eines aus dem Wasser springenden Delfins für die Verbesserung der Galoppade. Delfine, die ins Wasser eintauchen und das mitten im goldenen Herbst. Die Macht der inneren Bilder ist einfach unglaublich. Von der Vorstellung des Reiters ans Pferd übertragen sind die nächsten Galoppsprünge bergauf ganz toll gelungen. 

Kraft aus der Massage? 

Das Motto des Pferdes war ja „Pferde gesund reiten und fit halten durch gezielte Massage“. Nachdem am Samstag die Praxis beim Reiten auf dem Programm stand, wobei gezielt an Energie, Energierichtung und Schiefe gearbeitet wurde, ging es am Sonntag um die Möglichkeit, die Pferde mit einer Massage gezielt zu unterstützen. Dass es dabei nicht um kraftvolle Massage ging, darum geht es im nächsten Blogbeitrag! 

Weiterlesen über Schiefe

Weiterlesen über Schulterherein

Weiterlesen über Kruppeherein

Weiterlesen über Renvers

Fazit: Annika Keller sorgt nicht nur mit guten inneren Bildern für sofort umsetzbare Ergebnisse, ihr ehrlicher und fundierter Unterricht macht Spaß, holt den Schüler ab und ermutigt auch an Schwierigkeiten zu arbeiten!

Prädikat: Sehr empfehlenswert! 

Branderups Querverweise

Branderups Querverweise

Ein Pferd ist immer ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd ist auch nur ein Mensch. 

Bent Branderup

Bent Branderups Theorievorträge sind absolut genial. 

Immer gespickt mit neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung. Was aber sehr ins Herz geht sind die vielen Weisheiten und Anekdoten von Bent. 

Best of Branderup II

Wie soll ein Pferd fußen? 

„Betrachten wir das Auge des Pferdes, dann hat sich die Evolution etwas sehr gescheites einfallen lassen. Pferde können ganz genau sehen, wo der Vorderfuß auffußt. Pferde gibt es länger als den modernen Menschen – und wir bilden uns ein, das Pferd über eine falsche Schwungrichtung über die Karpalgelenke zu schicken. Idealerweise muss der Hinterfuß in die Spur des Vorderfußes kommen. Wenn das Pferd sieht, wo es den Vorderfuß setzt und sieht, wo es sicher ist, dann kann der Hinterfuß nachkommen. Das Pferd ist geländesicher. Hätte die Evolution dies nicht so eingerichtet, wäre das Pferd nicht überlebenssicher. Auch die Formgebung der Hufe muss von der Evolution gut ausgedacht sein, schließlich gibt es in der Wildnis keine Hufpfleger. Und was sehen wir in der Reitbahn? Sieht der Boden nach dem Reiten aus wie ein Handgranatenübungsfeld, dann waren die Hufschniederschläge des Pferdes garantiert falsch.“

Bent Branderup

Zum Turnierreiten

„Wir müssen jede Lektion für das Pferd nutzen und nicht umgekehrt. Wir dürfen uns nicht nach einer gewissen Anzahl an Punkten richten, die man fürs Reiten bekommt. Wir haben aber eine Reitweise erfunden, wo quasi alle das gleiche Pferd reiten müssen, um Punkte zu bekommen. Es können aber auch nicht zwei Balletttänzer den Schwanensee in einer gleichen Weise tanzen. Es müsste darum gehen, die natürliche Fähigkeit des Pferdes nicht zu verderben, sondern die natürlichen Fähigkeiten zu optimieren. Das wäre eigentlich ein Olympiasieg“. 

Bent Branderup

Über Seitengänge

„Wir interessieren uns gar nicht für Seitengänge. Wir interessieren uns ja eigentlich fürs Geraderichten. Wenn man die Seitengänge nicht kann, dann kann man auch nicht geraderichten, das sagte schon Pluvinel“. 

Bent Branderup

„Durch richtige Seitengänge wollen wir die Füße dort hin bringen, so dass wir die Gelenke der Hinterhand unbeschwert beugen können. Die Pardade soll dann das Gefühl von Abwesenheit jeglichen Widerstands sein.“

Bent Branderup

Über Hilfszügel

„Wenn wir die Wirbelsäule steif machen durch Ausbinder, dann reduzieren wir ja die Bewegung der Wirbelsäule und die Beckentätigkeit. Dann leidet ja auch der Vorgriff. Ausbinder sind einfach keine menschlichen Hände, sondern nur menschliche Dummheit“. 

Bent Branderup

Über Glaubenskriege in der Reiterei

„Wir können keine Lehre entwickeln, wo es hießt: man macht es so und alles andere wäre falsch. Es gibt ja auch keine zwei gleichen Pferde. Wir brauchen selbstständig denkende Ausbilder, man muss schließlich verstehen, um zu denken. Man muss als Reiter immer erst verstehen, was man tut, warum man es tut und wann.“

Bent Branderup

Warum wir reiten?

„Man muss nicht mehr reiten, man darf. Es gibt auch keinen Zweck über bunte Stangen zu hüpfen. Der einzige Zweck ist uns geblieben – und der nennt sich Zeit schön zu verbringen. Die Zeit, die wir schön verbringen können wir aber auch inhaltsreich verbringen, indem wir selbst besser darin werden, Pferde auszubilden. Deswegen empfinde ich ein Reiterleben als weggeworfen, wenn man 40 Jahre reitet und keine Ahnung hat und nur transportiert werden will. Das ist ja als wenn man jahrelang einen Italienisch Kurs besucht und dann kann man in Rom noch immer keinen Cafe bestellen.“

Bent Branderup

Gib es einen magischen Knopf zum Reiten? 

„Menschen sind visuell und manuell. Daher wollen wir alles mit den Händen machen. Es gibt aber keine Hebel und Zahnräder, die beim Reiten ineinander passen. Es gibt Pädagogik. Und es geht darum eine gemeinsame Sprache zu erlernen.“ 

Bent Branderup

So sitzen und nicht anderes? 

„Daumenregeln stimmen meistens, aber nicht immer, daher muss man auch beim Sitz verstehen, warum die Regeln stimmen und warum die nicht stimmen – vor allem, warum es jetzt gerade anders ist. Generell gibt es eine Daumenregel nicht über der inneren Hüfte einzuknicken.“

Bent Branderup

„Wir sprechen von einem Dreipunktesitz zwischen den beiden Gesäßknochen und dem Schambein. Das Steißbein wäre auch noch da, hätten wir aber wirklich einen Schweif – im Englischen sprechen wir ja von Tailbone – dann würde der Schweif auf der Innenseite der Wirbelreihe des Pferdes runter hängen (wenn wir auf dem Pferd sitzen). Das gleiche gilt für das Schambein. Schambein und Steißbein geben also die Biegung des Pferdes wider.“

Bent Branderup

„Das Pferd soll den Menschen spiegeln und nicht nur von Absatz und Hand in die Lektion geritten werden. Die Sekundärhilfen kommen nur dann zur Geltung, wenn das Pferd den Menschen nicht spiegelt“. 

Bent Branderup

Über die Formgebung

„Erst wenn die Form mit Leichtigkeit da ist, erst dann kann man Ausdauer kriegen, sonst bekommt man eher Ausdauer in der falschen Muskulatur“. 

Bent Branderup

Über die Kunst

„Passage ist eine Entwicklung der Rumpfträger des Pferdes. Es geht darum, wie ein Künstler mit den Elementen der Reitkunst hantieren zu können. Der Maler hantiert mit Nuancen, aber es gibt ja eigentlich nicht so viele Farben. Er kann aber mit diesen wenigen Farben alle Gemälde auf der Welt machen, wenn er ein guter Handwerker ist. Balance, Losgelassenheit, Formgebung, Tempo, Takt und Schwung sind unsere Elemente, die wir als Reiter für die Kunst benötigen und für unser Handwerk“. 

Bent Branderup


„Der größte Irrtum in der Geschichte der Reitkunst ist, dass es erlaubt wäre mit Gewicht in der Hand zu reiten. Der Unterkiefer der Pferde ist nicht dicker als die Kante einer Cafetasse. Dort Gewicht auflegen zu wollen ist eine horrende Idee der Reitkunst. Es gibt auch historische Pferdekiefer wo wir Schäden finden, aber in den modern gerittenen Pferden finden wir die meisten Schäden“. 

Bent Branderup

Warum es sich lohnt, zu warten in der Ausbildung

„Der Brustkobr des Pferdes ist eerst mit sieben Jahren ausgewachsen. Daher habe ich so wunderbare Zeit, die ich mit dem jungen PFerd am Boden verbringen kann. Ein Muskel kann sich nicht korrekt entwickeln, wenn der Knochen dazu noch nicht ausreichend vorhanden ist, schließlich ist er der Haftungspunkt für den Muskel. Dieser Haftungspunkt muss ausgewachsen sein, damit das Pferd Rumpfmuskulatur und damit Rumpfträger entwickeln kann. Manche Pferde können uns leicht tragen, andere brauchen dafür eine enorme Ausbildung.“ 

Bent Branderup

„Ein geschmeidiges Pferd und ein ungeschulter Hintern fühlt sich an wie ein Aal, der in alle Richtungen weg geht. Das ist dann aber kein Pferdefehler sondern ein Ausbildungsfehler“. 

Bent Branderup

Weitere Zitate gibt es im „Best of Branderup“ Teil 1 zum Nachlesen.

Bent Branderup kommt 2020 wieder nach Österreich.
Verpasse nicht die beiden folgenden Termine:

  • 18. und 19. April, Equimotion, Sandberg bei Mannersdorf (nahe Wien)
  • 4. und 5. Juli, Horse Resort am Sonnenhof, Hart bei Graz

    Interesse an einem Zuschauerplatz? Dann schreib uns eine Mail
Alles seitwärts?

Alles seitwärts?

Vergangenes Wochenende war wieder mal „Bent Time“ angesagt. Im goldig-herbstlichen Ainring bei Salzburg drehte sich alles um Seitengänge. Wobei Drehung das absolut falsche Wort ist. 

Für alle, die es verpasst haben, gibt es meine Zusammenfassung vom Kurs: 

Seitwärts in der Theorie

„Eigentlich geht es gar nicht um seitwärts in den Seitengängen sondern um Balanceverschiebung und ob vier Beine eine korrekte Schwungrichtung wider spiegeln“. 

Bent Branderup

Mit diesen Worten eröffnete Bent Branderup die erste Theorieeinheit. Und praktisch ging es auch gleich weiter. Wer Bewegung verstehen möchte, muss sich mit der Schwerkraft auseinander setzen. Wenn wir einen Seitengang versal (Schulterherein) oder traversal (Kruppeherein) arbeiten, dann sollen die Pferdebeine die korrekte Schwungrichtung der Schwerpunktverlagerung spiegeln. Problematisch ist allerdings, wenn man gegen die Gesetze der Schwerkraft und der Biomechanik verstößt und Knochen in eine falsche Winkelung bringt. Dann ist die Belastung nicht korrekt, Seitengänge können dann für das Pferd Schäden in Knochen, Gelenken usw. verursachen. Wird das junge Pferd dazu während des Wachstums falsch belastset, dann können sich früh Arnthrosen bilden. 

„Der Tierarzt sagt, man soll das Pferd geradeaus auf hartem Boden reiten. Dies ist das veterinärmedizninische Attest an uns Reiter, eigentlich gar nicht reiten zu können“.

Bent Branderup

Das Problem sind also die Scherkräfte, die man aufs Gelenk bringt, wenn man Seitengänge falsch verstanden umsetzt. Der Motor, respektive die Kraft für die Bewegung wird immer aus der Hinterhand erzeugt. Wenn wir Pferde ausbilden, fangen wir laut Bent Branderup allerdings am falschen Ende an. Wir beschäftigen uns gerne mit Kopf, Hals und Schulter, dabei wird die Energie aus der Hinterhand erzeugt.

„Viele Ausbilder werden allerdings schon den Motor kaputt machen, bevor sie überhaupt mit der Arbeit beginnen. Wer die Hinterhand zur Dysfunktion bringt, kann nicht weiter arbeiten“.

Bent Branderup

Bent Branderup zeichnet nun in seinem für ihn typischen Stil in mehreren Farben Becken, Hüftgelenk, Knie, Sprunggelenk, Fesselkopf und Hinterhuf auf ein großes Flipchart. Nun geht es darum, die  Hinterfüße zu ihrer Funktion unter die Körpermasse zu bringen. Wie immer gibt es auch viele Erläuterungen aus der Geschichte:

„Reite die Hinterbeine des Pferdes nach vorne und gib ihm dem Pferd eine Parade, so dass es die Gelenke der Hinterhand beugt.“

Xenophon

„So fragt König Louis XIII. seinen Lehrmeister Pluvinel: „Warum reiten wir all diese Seitengänge“. „Um gerade richten zu können“, antwortet Lehrmeister Pluvinel.“

Bent Branderup

Woher kommt der Vorgriff? 

Wie fußt das Pferd nach vorne? Greifen die Hinterbeine tatsächlich unter die Masse? Auffällig ist das Hüftgelenk für die biomechanische Reise – denn das Hüftgelenk hebt den Fuß nach vorne. Wer ist also für den Vorgriff zuständig? Das Knie kann es nicht sein, denn es führt den Fuß nach hinten. Das Sprunggelenk dispensiert die Bewegung aus dem Kniegelenk. Der Mensch kann im Gegensatz zum Pferd Knie und Sprunggelenk separat bewegen, das Pferd kann dies nicht. Hier sind Knie- und Sprunggelenke durch die Spannsägenkonstruktion in einer engen Zusammenarbeit verbunden. Das Hüftgelenk alleine kann auch nicht dafür zuständig sein, wie das Pferd den Hinterfuß zu Boden setzt, das gesamte Becken Becken muss aktiv werden. Pferde, die allerdings nicht im Becken aktiv genug sind und die Hinterfüße durch Streckstellung von Knie- und Sprunggelenk absetzen, werden es mit Hankenbeugung und korrektem Vorgriff schwer haben. 

Bent Branderup erklärt genau, wie die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule aus einem aktiven Becken entsteht. Das Becken soll sich nach vorne-unten bewegen – und zwar deutlich. Dies wäre unter anderem ein Qualitätsmerkmal in der Blickschulung in Punkto Vorgriff.

„Diese vor- und runter Bewegung des Beckens führt zu einer Tätigkeit im Rücken, die wir Reiter dann als Schwung bezeichnen. Friedrich von Krane erwähnt diesen Begriff der dreidimensionalen Schwingung als erster in der LIteratur.“

Bent Branderup

Besonders betont Bent Branderup auch sein Auge hinsichtlich des Schulterblattes des Pferdes zu schulen. Was macht das Schulterblatt in der Arbeit in den Seitengängen. Die Tätigkeit der linken Hüfte sollte sich automatisch auf die rechte Schulter übertragen. 

Nun wird es praktisch – Branderup demonstriert vor dem Publikum den eigenen Rückenschwung. Wir als Menschen sind Traber, schwingen also auch diagonal. Wenn wir uns in Seitengängen ausprobieren, dann überträgt sich der Rückenschwung auch auf unsere Arme. Bleibt die Schwungrichtung zu den „Hinterbeinen“ passend, dann schwingen auch die Arme in die entsprechende Richtung. 

Wenn wir Seitengänge observieren, dann sollen alle vier Beine des Pferdes eine versale, traversale oder renversale Schwungrichtung zeichnen. Fehlerhaft ist also, wenn ein Beinpaar versal und eines renversal unterwegs ist. 

Die unterschiedlichen Schwungrichtungen machen es für unser Auge möglich zwischen einem Schenkelgänger und einem Rückengänger zu unterscheiden. Balancerichtung muss sich also auch über den Rücken übertragen. Wird aber die Körpermasse förmlich auf den Brukstkorb geschoben, dann muss die Schultermuskulatur den Brustkorb schwer auffangen, die Schwungübertragung und ein lockeres Vorschwingen der Vorderbeine aus der Schulter heraus wird blockiert. 

Da Pferde kein Schlüsselbein haben, übernimmt die so genannten thorakale Muskelschlinge einen Haufen Arbeit. Hier skizziert Bent Branderup die Auswirkung von Zucht und Selektion auf das Pferd. 

„In dem Moment, wo der Brustkorb zu schwer in der Muskulatur hängt, wird die Schulter die Schwingung des Rückens blockieren und aus dem Rückengänger wird ein Schenkelgänger. Das passiert ziemlich leicht, wenn wir auf dem Pferd sitzen, daher haben wir um diesem Phänomen entgegen zu wirken größere und mächtigere Schultern beim Pferd gezüchtet. Quarter Horses haben beispielsweise riesige Schulterblätter. Viel Gewebe kann nun helfen den Brustkorb zu tragen. Weil das Pferd aber mehr Thoraxschlinge bekommt, hat es davon aber nicht bessere Ellenbogen- oder Karpalgelenke. Auch die Hufrolle wurde in dieser Zuchtselektion nicht besser. Im Gegenteil. Wir sehen in der Folge viele Hufrollenbefunde, Verschleißerscheinungen an den Ellenbogen oder Knickbeine. Wenn wir die Pferde auf der Vorhand reiten, dann haben die Tiere ganz sicher Verschleißerscheinungen an der Vorhand. Wir können also ein Schulterblatt größer züchten, aber die Stabilität der Gelenke darunter ist nicht automatisch mit verbessert.“

Bent Branderup

Weiter erklärt Bent Branderup, dass die menschlichen Karpalgelenke eine Drehbewegung schaffen, die Karpalgelenke des Pferdes können das allerdings nicht. Die natürliche Bewegung des Karpalgelenks ist Beugung – daher ist es so wichtig, dass wir in den Seitengängen nicht gegen die Karpalgelenke arbeiten. 

Und noch ein Stichwort zu den schon angesprochenen Schulterblättern

„Je kleiner und aufrechter das Schulterblatt ist, umso mehr kann es sich auf dem Rippenbogen bewegen. Je länger und waagrechter das Schulterblatt ist, umso weniger kann es von der Schwungrichtung abweichen. Daher werden falsche Seitengänge noch problematischer.“

Bent Branderup

Schwierig in der Vorstellung? Dann hat Bent Branderup gleich ein passendes Bild parat. Der Spanier im alten Typ mit viel Campaneo. Unter Campaneo (übersetzt bedeutet es übrigens Glockenspielergang) versteht man eine hohe Knieaktion des Vorderbeins mit einem seitlichen Ausschwingen der Vorderbeine. Campaneo wurde eigentlich als Gangfehler bezeichnet, im Stierkampf macht es diesem Pferd jedoch ein rasches Abweichen von der ursprünglichen Schwungrichtung möglich. Pferde mit einem flachem Brustkorb und flachem Schulterblatt können nur sehr wenig von dieser Schwungrichtugn abweichen. Das unterstreicht warum man Pferde vom alten Spanischen Schlag im Stierkampf oder Rinderarbeit gebrauchen konnte, den Trakehner eher weniger. 

Die Reise der Biomechanik ist jedoch noch nicht zu Ende. Nun spricht Bent Branderup von der Halswirbelsäule, konkret von der Mobilität im sechsten und siebten Halswirbel. Urpferde, Zebras oder andere, nennen wir sie mal „ursprüngliche“ Equiden haben hier eine starke Bandverbindung nach unten für jeden Halswirbel, während die modernen Reitpferde diese Verbindung verloren haben. 

Auch dies führt Bent Branderup als weiteren Grund auf, warum es sich lohnt so pingelig mit den Seitengängen zu arbeiten. 

Woher kommt die Entschleunigung?

Weiter wird nun über Vorgriff und Rückschub diskutiert. Der Huf der Hinterhand des Pferdes muss korrekt auffußen und seine Kräfte ungehindert durch die Körpermasse fließen lassen. Dreht der Fesselkopf des Pferdes nach außen weg, dann ist die korrekte Krafterzeugung verloren gegangen. Auch wenn das Pferd auf der falschen Stelle auffußt ist keine korrekte Beeinflussung der Körpermasse gegeben. 

Für den Reiter bedeutet das unbedingt den Unterschied zwischen vorwärts und rückwärts zu verstehen. Ist das vorgreifende Hinterbein gut gehoben und gut im Vorgriff, dann wird das Pferd den Rücken runden, wenn aber der stehende Hinterfuß quasi dominant ist, dann fällt der Rücken weg. Optisch können wir dies an der fehlerhaften Nickbewegung des Pferdes festmachen.  

„Wenn der rückwärts schiebende Fuß dominant ist, dann sehen wir die Nickbewegung nach hinten oben – daher heißt es ja auch in der Literatur „an die Hand herantreten und über den Rücken gehen“. Akademisch gesehen wollen wir gerne, dass das Hinterbein exakt unter dem Schwerpunkt des Reiters auffusst. Wir wollen, dass Schwerpunkt von Reiter und Pferd zusammenpassen. Haben wir ein Pferd, das von Natur auf dort auffusst, dann wird es einfacher auszubilden sein. Bei manchen Pferden brauchen wir aber die Seitengänge, um es überhaupt zu einem Reitpferd zu machen“.

Bent Branderup

Der Hinterfuß muss gewisse Kräfte erzeugen – die erste und wichtigste Sache ist dabei die Teilnahme an der Entschleunigung. Man stelle sich vor auf einem trabenden Pferd zu sitzen. Der Trab hat eine Schwebephase und nun wollen wir aber entschleunigen – was wird wohl bequemer sein. Die Entschleunigung in der Hinterhand einzuleiten oder in der Vorhand zu bremsen? 

Wenn das Pferd auf die Schulter fällt, ist es freilich nicht nur für den Reiter, sondern auch für sich selbst unbequem. Bent Branderup nimmt uns mit auf eine Reise zur Tragkraft, zur Schubkraft und zur Federkraft, die mit letzterer stark verwandt ist. 

Für den Reiter ist es wichtig, ein Verständnis für den Schwerpunkt des Pferdes zu entwickeln – daher ist auch die Bodenarbeit so ideal, weil wir genau sehen können, was das Pferd mit den Informationen des Reiters tatsächlich macht. 

„Alles, was man tut, muss man sehen – es gibt nichts, was nicht schief gehen kann. Das Problem der Gegenwart liegt darin, dass viele Menschen nach dem Prinzip leben: Fake it, till you make it. Das ist völlig falsch, denn dann wird man ja nur Meister des Täuschens. Unser Motto sollte daher lauten „Fail it till you nail it“. Das korrekte Ergebnis ergibt sich also nur durch die Perspektive auf den Fehler. Wenn wir keine Fehler machen dürfen, dann können wir falsch und richtig ja gar nicht beurteilen“. 

Bent Branderup

Fehler und Problemlösungen wurden dann auch in den Praxiseinheiten aufgespürt. Seitengänge zum Geraderichten, Spüren von Schwungrichtungen und Formgebung der Oberlinie standen im Vordergrund. 

Verliebe dich in den Fehler – dann reitest du Einfach. 

Sommerakademie 2019

Sommerakademie 2019

„Das wird die beste Sommerakademie aller Zeiten“, freut sich Bent Branderup, als wir uns Ende Juni bei uns in Graz über die bevorstehende Veranstaltung im August 2019 unterhalten. 

Ich erwidere: „Das sagst du jedes Mal“. Und natürlich gab es jedes Mal ein besonderes Highlight für mich!

Das erste Mal ist immer Besonders, dann gab es schöne Arbeit zu sehen, einen ganz tollen Ritt, eine Demo-Unterrichtseinheit von meinem Kollegen oder einen spannenden Vortrag rund um das Thema Biomechanik. Man lernt neue Freunde kennen und trifft Vertraute wieder. Kurz – jede Sommerakademie ist etwas Besonderes. Diese hier war tatsächlich sehr speziell. 

Mittwoch – und los geht es!

Nach einer „ziemlich“ stressfreien Flugreise (Dass man am Gate als letzte, fehlende Person aufgerufen wird ist schon fast Tradition für mich in Frankfurt) kamen wir heuer zu dritt in Dänemark an. Viktoria Portugal und ich wurden heuer erstmals verstärkt durch Julia Kiegerl. So waren wir quasi eine kleine, aber feine Delegation aus Österreich. 

Traditionell beginnt die Sommerakademie mit der Öffentlichen Abendarbeit, bei der Bent Branderup und Kathrin Branderup-Tannous ihre Arbeit präsentieren, darüber hinaus sind auch Gäste geladen, diesmal Quint Schneider und Marius Schneider. Quint stellte uns zwei seiner Deckhengste der Frederiksborger Rasse vor. Seinen Dantes kannte ich ja bereits aus Erzählungen und Fotos, toll, dieses eindrucksvolle Pferd einmal auch live zu sehen. Beide Hengste kamen quasi direkt von den Deckeinsätzen und es spricht sicherlich auch sehr für die Rasse und ihre Verbundenheit zu ihrem Menschen, dass sich die beiden Herren in der Gegenwart so vieler weiterer Pferde, Stuten wie Hengste so eindrucksvoll präsentierten. Das spricht für die Rasse und die Basisarbeit rund um die Kommunikation.

Bent war mit seinem Trio: Thysson, Dorado und Swan mit dabei. Frederiksborger Thysson begeisterte viele Zuschauer mit seinem Können zwischen den Pilaren, die „nächste Generation“ – PRE Swan und Dorado tanzten zur Klängen der Musik, die äußerst passend gewählt war. Swan, wie immer äußerst temperamentvoll und Dorado mit einem irrsinnig feinen Taktgefühl verzauberten das Publikum. 

Kathrin präsentierte ihre zwei Buben Nebo und Indus. Bei Nebo ging es vorrangig um das Thema Schulterkontrolle in der Boden- und Longenarbeit, mit dem Ziel den Rückenschwung korrekt in die leichte Vorhand zu übertragen. Wie immer war ihre Arbeit völlig unprätentiös und ehrlich auf den Punkt gebracht. Ein großes Kompliment an die Familie Branderup für ihre schöne Präsentation. 

Voll auf den Punkt, passend zur Musik, harmonisch und energetisch zugleich präsentierten sich Marius Schneider und sein Aramis in einer schönen Choreografie in Punkto Bodenarbeit, gepaart mit viel Freiarbeit. Man hätte vermutlich eine Stecknadel in den Hallenboden fallen gehört, so gebannt waren alle Zuschauer von der Darbietung der Beiden. 

Die Abendarbeit vom Mittwoch war wirklich ein toller Start in die Sommerakademie 2019. 

Donnerstag – Auf den Zahn gefühlt

Donnerstag Morgen präsentierten Bent und Kathrin erneut ihre Arbeit mit den Pferden, mit dabei waren auch Cara und Tableau, diesmal jedoch mit viel Hintergrundinformation und der Möglichkeit für viele Rückfragen. 

Am Nachmittag gab es einen Vortrag von Dr. Sandra Engels über die Entwicklung des Pferdeschädels und der Zähne – vom Urpferdchen bis zu unseren heutigen Equiden. Es gab auch viel anschauliches Material zum Abtasten und für ein besseres Verständnis, warum sich Pferdezähne so und nicht anders entwickelt und angepasst haben. 

Pferde brauchen heute große Zähne zur Futterverwertung, darum wurde der Kopf im Laufe der Evolution deutlich größer. Ponyköpfe bei sehr kleinen Tieren wirken oft skurril groß und nicht ganz passend im Verhältnis – der Kopf kann aber aufgrund der Größe der Zähne nicht noch kleiner werden – dies hätte natürlich auch wieder Folgen für die Pferde, für ihr Wohlbefinden, für ihre Psyche und natürlich für die Fähigkeit Futter zu verwerten und zu verdauen. 

Im Anschluss an den Vortrag gab es eine Demonstration von Kathrine Thygesen Buur – ebenfalls zum Thema Schwung. Kathrine arbeitet stark mit Bildern. Stets sucht sie nach den Stärken in der Bewegungskompetenz ihrer Pferde und versucht gleichzeitig den Fokus nicht auf die Schwächen zu legen. Dabei nutzt Kathrine Körpersprache. Was mir besonders gefällt, ist eben den Fokus auf die Stärken des Pferdes zu legen. Wie sich der Mensch in die Bewegung des Pferdes einbringen kann – ein äußerst spannendes Thema. 

Der krönende Abschluss des Tages: Annika Keller hatte zu einer sehr anschaulichen Präsentation geladen. Nicht immer lässt sich alles in Worte fassen – daher gibt es diesmal was zur „Nachschau“: 

Ich freue mich übrigens riesig auf Annika, die Ende Oktober bei uns in Graz zu Gast sein wird. Zum dritten Mal können wir aus Annikas Wissen rund um die Biomechanik schöpfen – und für die kalte Jahreszeit gibt es auch noch ein paar Wellnessideen für unsere Pferde – nämlich einen Massageschwerpunkt

Freitag – Wie es sein soll! 

Ein unglaublich spannender Tag erwartete uns am Freitag. Imke Eisenschmidt wurde von Rebecca Dahlgren unterrichtet. Rebecca zeigte die ersten Schritte vom Boden wie vom Sattel zum Thema Freiarbeit. Imke konnte Rebeccas Input sehr feinfühlig umsetzen – später hat Rebecca dann noch mehr zum Thema Reiten mit ihrem äußerst sympathischen „Bubble“ demonstriert. 

Pia Haas und Quint Schneider hatten ebenso eine gemeinsame Unterrichtseinheit mit Quints Palomino Frederiksborger rund um das Thema Sitz. Auch Kathrine Thygesen Buur und Annett Hofmann tauchten in Kathrines Thema ein: Körperarbeit und positiv verstärken, was bereits gut läuft. 

Das Highlight des Tages war aber sicherlich die Demo von Christofer Dahlgren und Marius Schneider. Die beiden Meister der Akademischen Reitkunst demonstrierten vor allem eines: Zusammenarbeit. Einmal im Jahr treffen sich die Beiden zum Training bei Bent, dabei wird gemeinsam getüftelt, überlegt und die Arbeit gegenseitig besprochen. Beide hatten zuletzt mit ihren Pferden am Thema Galopp gearbeitet und natürlich waren sie auf unterschiedliche Schwierigkeiten und Themenschwerpunkt gestoßen – jeder hatte einen unterschiedlichen Weg bzw. Herangehensweise gewählt – beide kamen sehr schön an das von ihnen definierte Ziel – der wertschätzende und offene Umgang zwischen den Beiden – genau so wünsche ich mir einen kollegialen Austausch unter Reitern aller Sparten. 

Dies wurde auch gleich bei der Sommerakademie gelebt. Parelli Instruktor David Lichman aus den USA war in Dänemark zu Gast tauschte sich intensiv mit der Ritterschaft aus. Ich habe mich sehr gefreut, David wieder zu sehen, hatte ich nach einer Empfehlung von Christofer das Vergnügen seine feine Pädagogik letzten September kennen zu lernen. 

Zurück zum Team Dahlgren-Schneider. Ich denke, ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage, wir hätten noch den ganzen Nachmittag den beiden Herren beim Fachsimpeln zuhören können. Äußerst Unterhaltsam und auch zum einen oder anderen Scherz aufgelegt brachten sie uns natürlich Theorie und Praxis näher – vor allem aber die Erinnerung, dass der Weg manchmal voller Hürden, gleichzeitig aber voller Spaß sein kann! 

Genau so soll Austausch sein. Ein riesiges Dankeschön dafür! 

Enthusiasmus ist einfach ansteckend – und dafür sorgte auch Stine Larsen mit ihrem wie immer anschaulichen Vortrag rund um das Thema Biomechanik. Probleme im Kiefergelenk –  übrigens bei 99 Prozent der Pferde häufig der Fall, Zahnhaken, Kaurichtung, Verspannungen, Knochenplatten, Kaumuskulatur und korrekte Fohlenhaltung. Stine streifte in ihrem Vortrag so viele Themen, die für die Ausbildung von Pferden relevant ist. Kiefer gut, alles gut – könnte man meinen. Auch in dieser Hinsicht freue ich mich riesig auf den Vortrag und Massageinput von Annika Keller, der die Teilnehmer sicherlich auch in Punkto Bewusstsein und Achtsamkeit über Prozesse und Vorgänge im Pferdekörper schärft. 

Ansehnlich demonstrierte Stine jedenfalls, wie Körperarbeit zu prompten Verbesserungen in Punkto Biomechanik führt. Du kannst das auch ausprobieren: Beuge dich nach vorne, um mit der Handfläche den Boden bei gestreckten Knien zu erreichen. Wie weit kommt man nach unten? Wie verändert sich das Ergebnis nach einer fünf Minuten Massage von Kopf und Nacken? 

Verblüffend? Ich weiß 😉 

Freitag gab es dann zum Abschluss noch den Brainpool zum Thema Rückenschwung. Dabei wurde der korrekte und falsche Rückenschwung erörtert, der Rückenschwung beim Reiten, Schwungrichtungen und vieles mehr. Es war tatsächlich spannend und hervorragend begleitet durch meine Kollegin Ylvies Fros. 

Nach dem Abendessen fanden wir uns erneut zum Fachsimpeln in der Halle wider. Der Tag war so kurzweilig. 

Wie immer hat man ständig das Gefühl, nicht alle Gespräche auf der Sommerakademie unter zu bringen, man bräuchte für das Zusammentreffen mit lieben Kollegen aus vielen Ländern einfach mehr Zeit. Da in sozialen Medien und auch oft im „echten Leben“ mehr das Trennende als das Verbindende in den Vordergrund gestellt wird, war die Sommerakademie ein Balsam in Punkto Wertschätzung und Austausch. 

Ein riesiges Dankeschön an Bent Branderup und Kathrin Branderup-Tannous für ihre Gastfreundschaft! Ein riesiges Dankeschön an das Backup-Team, die die Sommerakademie so toll organisatorisch umsetzen. 

Und natürlich ein riesiges Dankeschön an alle Kollegen, die hier ihre Arbeit präsentieren und uns zum Reflektieren und Nachdenken bringen. 

Willkommen 

Samstag, letzter Tag – und ein großer Tag für alle, die neu mit dabei sind. Diesmal war Julia Kiegerl zum ersten Mal mit dabei. Ich begleite Julia seit 2014 vom ersten Schritt in Punkto Akademischer Reitkunst an. Inzwischen ist eine tolle Freundschaft und ein kollegialer Austausch entstanden. Julia und ich unterstützen uns auch oft gegenseitg, so haben wir gemeinsam die Ausbildung von Tierschutzpferd Kea übernommen, die dann auch neue Besitzer gefunden hat und Julia ist im „Team Amena“, unterstützt mich also auch bei der Ausbildung meines Jungpferdes Maestoso Amena. Heuer hat auch Julias Schülerin Tanja eine schöne Arbeit bei ihrem ersten Kurs mit Bent gezeigt und konnte die Boden- und Longenarbeitsprüfung ablegen. Julia ist ein wertvolles Mitglied im „Einfach Reiten Team“ – gemeinsam leben wir im Team ebenso einen wertschätzenden und bereichernden Austausch, der uns in unserer täglichen Arbeit mit unseren Schülern auch weiter bringt. 

Ich freue mich auf die nächste Sommerakademie 2020. Das ist dann sicherlich die beste Sommerakademie aller Zeiten! 

Fotocredit: Celine Rieck

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Kursbericht: Sitz, Teil II

Kursbericht: Sitz, Teil II

Sommer am Sonnenhof. Das bedeutet traditionell Besuch von Bent Branderup. Der heurige Sommerkurs stand ganz unter dem Motto „Primäre Hiflengebung – Reitersitz“.

In der ersten Theorieeinheit ging es vor allem um Biomechanik von Mensch und Pferd. In der zweiten Einheit knüpfte Bent Branderup gleich an seinen Vortrag vom Vormittag an: 


„Wir haben heute Morgen über die Physiologie des Sitzes gesprochen. Wir haben uns auch die Biomechanik des Pferdes angeschaut. Im Bereich zwischen 14. und 16. Brustwirbel gibt es einen Wirbel der genau senkrecht steht – davor zeigen die Dornfortsätze nach hinten in Richtung Schweif und hinter dem so genannten Umkehrwirbel zeigen die Wirbel in Richtung des Schädels. Wir stellen uns also vor, dieser Wirbel würde im Idealfall immer zum Schwerpunkt des Reiterkörpers zeigen. In dem Moment, wo der Wirbel nicht mehr in Richtung Sitz zeigt, ist das Pferd aus dem Sitz des Reiters gefallen. Wir Reiter müssen also spüren, wo das Pferd aus dem Sitz fällt. Können wir hier mit der Vorder- oder Rückseite des Oberschenkels korrigieren? Ist das Pferd über die innere Schulter aus dem Sitz gefallen – dann kann die Hand über dem Widerrist als Korrektiv gesehen werden.“

Bent fasst hier nochmal die Praxiseinheiten des Vormittags zusammen. Mal haben wir mit dem  Bosalzügel die Balance korrigiert in der Handarbeit. Mal waren es Zehenspitzen-Drehnungen und Bügeltritte, die die Balance wieder hergestellt haben. Mal war es die Arbeit mit der Vorder- oder Rückseite des Oberschenkels, mal die Parade aus dem Oberkörper, mal die Parade von vorne geführt in der Bodenarbeit. 

Auf dem Pferd soll der Reiter immer als erstes Entspannung suchen und dann einzelne Übergänge im Sitz finden. Möchte der Reiter den Schwerpunkt mehr nach vorne, mehr nach hinten verlagern, mal eine versale Schwungrichtung erarbeiten, mal eine traversalartige Schwungrichtung erspüren – in all diese Übergänge muss das Pferd mitkommen, sonst hat der Sitz nicht geholfen. 

Vom Planen und Forschen 

„Wenn etwas nicht nach Plan klappt, dann greifen wir gerne zu Plan A oder Plan B. Das Problem mit Plan A und Plan B: beide erfordern vom Reiter, dass dieser das Endprodukt aus dem Sitz heraus kennt. Der Reiter muss also wissen, wie sich verschiedene Schwungrichtungen anfühlen müssen, er muss erkennen, ob der Plan überhaupt aufgeht. Wenn wir das Endprodukt nicht kennen und den nicht Sitz vorgeben können, dann können wir gar nicht spüren, ob wir mit Plan A oder Plan B erfolgreich waren.“

Bent Branderup lädt uns an diese Stelle ein, empirisch zu sein. Wir wecken den Forscher in uns, wenn es darum geht, herauszufinden, wie sich der richtige Sitz anfühlt, im Schulterherein, Kruppeherein, im Renvers, Travers, beim Zulegen und Versammeln. Unsere eigene Balancerichtung sollte immer gespiegelt werden durch das Pferd, mit dem Ziel die größt mögliche Harmonie zu schaffen. Wenn wir als Reiter die Balance verändern, dann soll der Hinterfuß des Pferdes „mitkommen“. Im Idealfall kürzt sich die Unterlinie ab, wenn wir den Schwerpunkt nach vorne nehmen und das Hinterbein somit einladen vermehrt nach vorne zu kommen. Die Oberlinie kommt zu einer Dehnung, wir nähern uns aus der Mittelposition durch das zitierte „Hand vor-Bauch vor“ von Egon von Neindorff dem vorwärts-abwärts. 

Wenn wir den Schwerpunkt nach vorne verlagern und der Hinterfuß des Pferdes kommt aber nicht mit, dann hat man das Pferd auf die Schulter geworfen. Bent Branderup schärft uns ein: 

„Daher ist es so wichtig den Unterschied zu verstehen zwischen vorwärts-abwärts und rückwärts abwärts. Das erste Descente bedeutet vorwärts abwärts. Dann kommt das eine oder andere Pferd zu tief, dann müssen wir am besten in der Bodenarbeit die ideale Formgebung der Wirbelsäule finden. In der Praxis ist es wichtig zu sehen, wenn ich eine Parade durch die Hand auslöse, wann diese tatsächlich auf die Hanken einwirkt und wann sie das Pferd auf die Schultern wirft. Daher sehen wir so viele Handstandpiaffen, da die Leute die Pferde mit rückwärts wirkenden Händen auf die Schulter drücken.  Das ist keine Parade sondern eine Blockade der Schulter.“

Sichtbar ist die Handstandpiaffe auch am rückständigen Vorderbein. Fühlbar wird dies auch, wenn das Pferd nicht mehr vorwärts gehen kann, da die Schulter blockiert ist und der Reiter starken Schenkeleinsatz nutzen muss, um überhaupt voran zu kommen aus der Versammlung. 

Bent Branderup kommt nun in seinem Vortrag zur Mittelpositur des Reiters zu sprechen. Diese ist bedingt von der horizontalen Balance des Pferdes. Haben wir ein Pferd im horizontalen Gleichgewicht, dann gehen wir nur mit dem Oberkörper ein wenig nach hinten und belasten das Gesäß nicht vollständig, um das Pferd zu Beginn nicht zu stark in der Lende zu belasten. Wenn wir nun unsere Balance mehr und mehr in Richtung innerer Hüfte des Pferdes nehmen, dann haben wir bei gleicher Formgebung eine Balanceverschiebung. Es geht also um Balanceverschiebungen und nicht um Formverschiebungen.

Hilfen sollen helfen


Wenn sich Hilfen widersprechen, dann zwingt man das Pferd allerdings zum Ungehorsam. Hier kommt die Ausbildung der Reiterhand ins Spiel. Am Besten, man kann das Pferd überhaupt aus dem Sitz versammeln – dann hat man keine Spannung und keinen Widerstand in der Hand. Kommt das Pferd aber in der Parade nicht mit, dann kann die Hand mit dem Pferd kommunizieren. Zuerst wird das Verständnis des Pferdes wieder vom Boden geschult. später auch vom Sattel. 

An dieser Stelle kritisiert Bent Branderup die aktuelle Mode, bzw. die Toleranz der Reiter, Gewicht in der Hand haben zu wollen. Augenöffnend war hier auch die Sektion eines Oldenburger Dressurpferdes in Oslo. Kandare und Trense hatten immense Schäden hinterlassen. Sogar die Backenzähne waren stark abgerieben. 

„Ich hab kein Problem mit Gebissen, ich hab ein Problem mit Händen. Das Gebiss kann keinen Schaden verursachen, aber die Hand schon. Manche Pferde sind klug und gehen hinter der Hand, um ihr Maul zu schonen. Für den Rückenschwung ist dies jedoch auch keinesfalls gesund. Ein großer Irrtum der Gegenwart ist, dass es legal wäre, Gewicht in der Hand zu haben. Der Unterkiefer kann das nicht aushalten. Ich bin also nicht gegen die Verwendung von Gebissen, ich bin für die Ausbildung der Hände. In dem Moment wo wir Gebisslos reiten und der Kappzaum ebenso Druck auswirkt, kann er die Wirbelsäule auch falsch formen. Der Halsring muss auch wo einwirken. Daher – man kann keinen Pfannkuchen machen, ohne ein Ei zu zerschlagen, aber es müssen ja nicht die Splitter in alle Richtungen fliegen und in den Pfannkuchen mit rein kommen.“

Daher legt Bent Branderup auch so viel Wert auf die besondere Schulung der Reiterhand vom Boden aus. Auch das Verständnis für die Hand muss beim Pferd eben erst entwickelt werden. Es muss die Mitteilungen verstehen. Wenn das Pferd die Parade nicht vom Sitz versteht, dann kann die Hand helfen. Zuerst der Sitz, dann die Sekundärhilfe. So die Vorgehensweise, wenn Sekundarhilfen den Sitz unterstützen sollen. 

Schwungrichtungen und Hinterbeine

Ein Hinterfuß kann am Boden stehen oder in der Luft sein. Wir haben also ein Standbein und ein Spielbein. Die Parade timen wir auf den Schwungmoment des HInterbeins. Der Stehende Hinterfuß verrichtet dabei eine Arbeit, die sehr schwer zu sehen ist. Wir müssen unseren Blick auf den Hinterfuß, der sich in der Luft befindet richten. Dieser zeigt vermeintliche Fehler des stehenden Hinterbeins an: Entzieht sich das Spielbein in eine bestimmte Richtung? Möchte es schnell vom Boden weg und schnell wieder zum Standbein werden? Der Fuß darf nicht kurz treten, dann hat die Hand den Hinterfuß abgestoßen, anstelle den Hinterfuß einzuladen, nach vorne zu treten. 

Fazit: Die Art, wie der Hinterfuß der Masse ausweicht, wo das Hinterbein also der Parade ausweicht – diese Art ist also die Entlarvung für den Fehler, der vom Standbein aus produziert wird. Die Ausbildung des Pferdes richtet sich dann individuell nach der Art auszuweichen – wir wissen also so, was wir in der weiteren Schulung verbessern. 

„Der innere Hinterfuß kommt also ach vorne, wir geben eine Parade wenn das Bein wieder auffusst, observieren wir genauer. Wenn das Bein richtig auffußst, dann ändern wir den Takt. Wenn die Paraden auf das innere Hinterbein schön klappen, dann nehmen wir den anderen Moment auf das äußere Hinterbein dazu. Dann können wir mit dem Oberkörper nach hinten gehen in dem Grad der Versammlung, die wir haben wollen. Das Pferd soll immer der Schwerpunktverlagerungen folgen.“

Bent lässt uns aufstehen und mit der Balance spielen. Wir stehen auf unseren Füßen und verschieben unseren Schwerpunkt in Richtung Zehe und wieder in Richtung Absatz. Mal nehmen wir den Schwerpunkt mehr auf den linken Absatz, mal auf den rechten und mal mehr in Richtung Zehenspitzen zu beiden Seiten. Wie wenig Verlagerung des Körperschwerpunkts ist nötig, um diese Balancverschiebung wahrzunehmen? 

„Das Dramatsiche, was ihr entdeckt habt ist Minimalismus. Der Anfänger muss leider so viel tun, damit er spürt, was sich rührt. Je fortgeschrittener man ist, umso kleiner wird alles.“ 

Die Kunst des Gleichgewichts

Bent fasst nun alle möglichen Steifigkeiten in der Hinterhand zusammen. Stimmt die Schwungrichtung und nimmt das Pferd die zweite Parade an, dann kann man langsam die Hankenbeugung zur dritten Parade steigern. In der Literatur erwähnt Bent Branderup, dass immer wieder davon geschrieben wurde „mit dem Gesäß die Hinterhand nieder zu drücken“. Branderup warnt hier jedoch davor, die Pferde in der Lende zu blockieren. Das Pferd geht dann nicht mehr über den Rücken, es macht einen Katzenbuckel und wird steif. Wir brauchen also enorm viel Ausbildung ehe wir eine Parade aus der Lende heraus tatsächlich geben können. 

Das Pferd braucht ebenso viel Ausbildung. Wenn die Wissenschaft konstatiert, dass das Pferd die Knie nicht bewusst beugen kann – dann widerspricht hier die Arbeit im Stand. Hier kommt nicht nur die physische Förderung zu Tage, sondern auch die mentale, die dem Pferd bei dieser ruhigen und langsamen Arbeit entgegen kommt und das Körpergefühl enorm fördert. 

Insgesamt muss sich jedoch die Aktivierung eines Hinterbeins immer nach vorne übertragen auf die Vorhand – besonders in der Versammlung. 

3 Punkte und 6 Schenkelhilfen

Bent Branderup erwähnt nun den 3-Punkte Sitz. er besteht aus den zwei Sitzknochen und dem Schambein. Im Idealfall befindet sich der Umkehrwirbel mittig zwischen den drei Punkten. Sitzt man allerdings zu weit vorne, dann wird es schwer für das Pferd, den Brustkorb hoch zu nehmen. Riskiert man, zu weit hinten zu sitzen, dann drückt man dem Pferd wiederum die Lende weg. 

Nun fasst Bent zum Ende der zweiten Theorieeinheit die 6 Schenkelhilfen für uns zusammen: 

Der innere Schenkel muss in eine abwärts Bewegung gelegt werden, der äußere Schenkel begleitet die aufwärts Bewegung des Brustkorbes. Innerer und äußerer Schenkel sollen sich nicht widersprechen. Der um sich herum biegende Schenkel führt als innerer Schenkel zur korrekten Biegung, unterstützt wird er vom „von sich weg biegenden Schenkel“. Im Stehen lernt das Pferd die ersten biegenden Schenkelhilfen gefolgt vom direkten Schenkel, der das innere und äußere Hinterbein  im Moment des Abfussens nach vorne einlädt. 

„Dann kann es passieren, dass ein äußerer Hinterfuß ausfällt – dann muss man ihn in der Luft befindlich wieder einfangen. Wenn der Hinterfuß in der Luft ist, können wir den Schenkel einsetzen – dann muss er als verwahrender Schenkel, den äußeren Hinterfuß zu seiner Funktion ermahnen. Verwahren kann man auch den inneren Hinterfuß, wenn der breit geht. Es kann aber passieren, dass ein Hinterfuß eng geht. Dass ein innerer Hinterfuß nach außen fällt – so muss der außere Schenkel als umrahmender Schenkel den ausfallenden Fuß in seiner Richtung anpassen. Hier spricht man nicht vom verwahrenden sondern vom umrahmenden Schenkel.“

In den Praxiseinheiten am Nachmittag wurde ausschließlich geritten. Besonders stolz bin ich auf meine Schülerin Julia Kiegerl, die souveräne Arbeit aus dem Sitz zeigte und so ihr Ticket zur heurigen Sommerakademie nach Dänemark lösen darf. Herzliche Gratulation zum „Squire“

Am Nachmittag sattelte ich meinen kleinen Conversano Aquileja I aka Konrad. Ich bin sehr stolz, wie gut Konrad schon einige Details aus dem Sitz versteht, obwohl ich bislang wirklich sehr selten auf seinem Rücken Platz genommen habe. Konrad findet so viel Freude an der gemeinsamen Kommunikation – und er liebt das Publikum. Viel Lob gab es beim Abendessen für meine fleissigen Schüler – und natürlich wurde auch nochmal auf Tanjas Boden und Longenprüfung angestoßen. Ein perfekter Sommerabend, bevor es am Sonntag nochmal ans Arbeiten ging! 

Genießen wir aber auch die schönen Momente, dann reiten wir Einfach 🙂 

Den Kurs zum Nachschauen gibt es hier:

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