Sprich mit mir

Sprich mit mir

Wir können nicht nicht kommunizieren, sagte der bekannte Kommunikationsforscher Paul Watzlawick.

Manchmal fällt es jedoch schwer, zwischen den Zeilen zu lesen. 

Mitte September 2019: Ich bin mit Tarabaya in der Halle und unzufrieden. „Tabby“ ist nicht so wie ich sie kenne. 

Der „rote Gummiball“ wurde sie mal von einem Stallbetreiber genannt, von der Züchterin ist mir ganz einprägsam die steirische Beschreibung „heißer Ofen“ in Erinnerung geblieben. In diesen Tagen ist Tarabaya überhaupt kein heißer Ofen. 

Mühsam und zäh drehen wir unsere Runden. Ich habe das Gefühl, die Hinterbeine so gar nicht ansprechen zu können. Wir sind beide irgendwie frustriert. 

Muss das Pferd lahm sein für Schmerzen?

Tabby ist nicht lahm, aber fürchterlich zäh. Ich rufe den Tierarzt an und vereinbare einen Termin. Am nächsten Tag hole ich Tabby vom Trail und sehe sofort: Links vorne stimmt etwas nicht. Das Fesselgelenk ist angeschwollen, bei warmen Wetter laufen bei Tabby gerne mal die Beine an, aber diesmal ist es anders. 

Ich habe mir in den Tagen davor schon viel ausgemalt. Von Arthrose über Spat und weitere mögliche Befunde. Alles geisterte in meinem Kopf herum. 

Rein äußerlich betrachtet hatte Tabby „nur“ wieder zugenommen, ansonsten schien alles in Ordnung. 

Und doch hat sich jede Bewegung nicht wie üblich und gewohnt angefühlt. 

Wo tut es denn weh? 

Leider können sich unsere Pferde nicht unmittelbar mitteilen. Wie oft schon bin ich mit Kopfschmerzen, Verspannungen, Blähungen oder sonstigen Beschwerden aufgewacht und hätte mir (gerade bei regnerischem Novemberwetter) gerne die Decke über den Kopf gezogen und wäre liegen geblieben. Wie oft bemühen sich unsere Pferde eigentlich für uns, obwohl das Auge tränt, die Bronchien beleidigt sind oder die Hufe fühlig? 

Nicht umsonst wird in der älteren Reitliteratur auch immer wieder der Reitertakt angesprochen – also das Taktgefühl für das Pferd. 

….ein solches Talent besitzt Reitertakt, das ist die besondere Veranlagung, im gegebenen Moment gerade das Richtige, durch den Bewegungsmechanismus und den seelischen Zustand des Pferdes Gebotene zu tun oder das Falsche zu unterlassen….paßt nicht ganz wunderbar der Ausspruch des geistvollen Italieners Alvisi hierher, der sagt: „Der gute Reiter ist ein Psychologe, der sich und sein Pferd kennt. Aber er ist auch sein Arzt: behandelt er es falsch, so verschlimmert er das Übel, das heißt er verstärkt die Fehler“….

Waldemar Seunig, Von der Koppel zur Kapriole

Die Dressur für das Pferd…

Als ich Tarabaya kennen lernte, war mir nur eines wichtig: Mich zu verlieben. Ich hatte meine Stute Barilla gerade verloren und ich wollte mir mit der Suche nach einem neuen Pferd keine Zeit lassen. Als mein Trakehner Kobold fünfjährig völlig überraschend starb, brach für mich eine Welt zusammen. Erst vier Jahre nach Kobolds Tod habe ich Barilla getroffen. Durch Barilla konnte ich erahnen, was eine schonende und gut durchdachte Ausbildung für ein Pferd tatsächlich kann. 

Tarabaya erinnerte mich immens an die Pferde, mit denen ich groß geworden war. 

Sie beeindruckte durch spektakuläre Gänge und Ausstrahlung. Die spektakulären Gänge im Seitenbild waren jedoch von hinten betrachtet eine Sache für sich. Tabby trabte, als hätte sie ein Faß zwischen den Beinen, zur  Breitbeinigkeit kam noch ein Drehen in den Knie- und Sprunggelenken dazu.
Ich war überzeugt, die Akademische Reitkunst würde Tabby in dieser Hinsicht gut helfen. 

Das ist auch sicherlich passiert. Es hat aber eine Zeit lang gedauert!

Als Tabby mir eben Mitte September 2019 so gar nicht gefällt, gehe ich davon aus, dass uns der Tierarzt ganz sicher den Verdacht auf Arthrosen in den Hinterbeinen bestätigen wird. 

Dies ist nicht der Fall. Eine andere Schwäche drückt nicht nur sprichwörtlich auf den Schuh. Seit einigen Jahren gibt es den Befund, dass bei Tabby durch ihre zehenenge Fehlstellung an den Vorderhufen Verkalkungen am Hufknorpel vorliegen. Die ungünstige Hufform, die den Huf sehr schief werden lässt, wirkt sich auf die Sohle, wie auf innere Strukturen aus. Immer wieder war Tabby lahm, für wirklich lange Zeit hat uns dann der Megasus Horserunner geholfen. Tabby hatte wieder Freude an der Bewegung und zum Glück auch wieder abgespeckt. Mehr dazu kann man hier nachlesen.

Die gute und die schlechte Nachricht

Ich nehme die Diagnose mit einem lachenden und weinenden Auge entgegen. Nichts war auffällig. Tabby war nicht lahm – akut ist aber trotzdem am betroffenen Fuß eine Entzündung der Sehnenscheide und eine Fesselgelenksentzündung diagnostiziert. Tabby ist sehr darauf bedacht nie eine Schwäche zu zeigen. Daher war die Entzündung nicht so offensichtlich. 

Und an dieser Stelle kommt die Akademische Reitkunst ins Spiel. Ich kenne natürlich mein Pferd durch und durch. Ich bin zum Analytiker kleinster Bewegungen geworden. Ich weiß genau, wo Tabbys Hinterbeine auffußen, ich fühle, wie sie die Hinterhufe belastet, sind die Vorderbeine auf der gerittenen Linie, oder kreuzt das innere Vorderbein nach außen? Ist der Rücken wirklich da? Schwingt Tabby zur nachgiebigen Hand? All das ist einerseits Routine, andererseits eine jahrelange Gefühlsschulung. Auch wenn keine Lahmheit sicht- oder hörbar war. Ich war eben zu 100 Prozent davon überzeugt, dass etwas nicht stimmt. Auch weil Tabby sehr in sich gekehrt und ruhig war. Im Grunde möchte sie auch immer alles richtig machen. Gelingt etwas nicht sofort, dann ärgert sie sich, ehrgeizig wie sie ist. Diesmal wollte sie gerne mitmachen, konnte aber nicht. 

Meine Reise zur Akademischen Reitkunst hat mich sicher fühlen lassen, wo etwas nicht stimmt.

Die schlechte Nachricht: Die zehenenge Stellung war im Alter, als ich Tabby kennen lernte nicht mehr zu korrigieren. Wir werden hier also immer wieder mit Problemen rechnen müssen – aber darauf gewappnet lässt sich das Training, die Hufbearbeitung, Fütterung (wieder müssen wir dringend abspecken) darauf abstimmen. 

Pferde sind Nutztiere?

Vor einiger Zeit habe ich den Satz gehört: „Pferde sind für mich…Nutztiere“. Dieser Satz kam in einem Podcast vor und zunächst dachte ich: Wie kann man das nur so kalt, objektiv auf den Tisch knallen. Aber es stimmt: Wir „nutzen“ Pferde, als Freunde, als Seelenklempner, für unsere Freizeit, um Zeit schön zu verbringen, um uns reiterlich fort zu bilden, um dazu zu lernen. Pferde erden uns und geben uns Kraft, wir werden in unserer Kommunikation feiner – nicht umsonst boomt das Pferd auch in Punkto Coaching egal ob eine eigene Neuausrichtung gesucht wird oder ein Führungskräftetraining. 

Da meine Pferde quasi für mich da sind, habe ich es mir zur Pflicht gemacht, ihnen ganz aufmerksam zuzuhören – und das betrifft eben bei Weitem nicht das Training. 

Ich bin sehr froh, dass Tabby nicht lange gebraucht hat, um mir zu sagen, wo der Schuh drückt. 

Und ich bin dankbar, dass ich in der Akademischen Reitkunst einen Weg der Kommunikation gefunden habe und diesen auch vermitteln darf – nicht nur was eine feine Hilfengebung anbelangt, sondern auch was das, was zwischen den Zeilen steht anbelangt. Wenn ein Pferd heute so und morgen anders auf eine Hilfe reagiert, dann sind immer physische und mentale Komponenten in Betracht zu ziehen. 


Lassen wir die Pferde zu uns sprechen, dann Reiten wir Einfach 😉 


Kunst versus Sport?

Kunst versus Sport?

Wer hat nicht schon mal den Satz gehört: 

„Wirkt Reiten schwierig ist es Sport, sieht es leicht aus, ist es Kunst“. 

Mein primärer Gedanke dazu – zustimmend nicken. Bei näherer Betrachtung und vielen Fragen aus er Praxis, sieht die Sache jedoch ein wenig anders aus. 

Kunst oder Sport? 

Der begeisterte Reiter und Tierarzt Udo Bürger befasst sich in seinem Werk „Vollendete Reitkunst“ (1959)  eingehend mit der Frage, ob Reiten denn nun Sport oder Kunst sei. Kurz gesagt: Udo Bürger findet für beide Seiten der Medaille eine Daseinsberechtigung. 

Er sieht Reitkunst als etwas Besonderes:

„….und zwar hat sie von den bildenden Künsten das Formen, das Modellieren des anderen lebenden Wesens, des Pferdekörpers, über Jahr und Tag – von den musischen Künsten und dem Rhythmus, den Tanz“. 

Vollendete Reitkunst, Udo Bürger


Reitkunst lebt eben durch das formende Element der Ästhetik. Daher sieht Bürger Ästhetik und Kunst untrennbar miteinander verbunden. Für den Sport hat er eine andere sehr schöne Definition: 

„Die Routine ohne Gesetze gehört in den Sport“.

Das klingt jetzt beinahe schroff. Ich begegne vielen Reitern auf meinen Kursen und im Unterricht, die sich lieber der Kunst als dem Sport zuwenden wollen. Nicht zuletzt, weil sie keine Wettkämpfe bestreiten wollen und oftmals aus der Sportreiterei kommend, enttäuscht sind von der „Kraftreiterei“ die ihnen dort begegnete. 

Sind wir akademisch aber unsportlich? 

Udo Bürger fasst einige wichtige Merkmale des Sports zusammen: 

Ehrenhaftigkeit, Fairness und Kameradschaftlichkeit, die Anerkennung gleicher Chancen und die Verachtung von Neid und Missgunst. Das wären die Eckpfeiler von Sportsgeist, so wie ihn auch der olympische Gedanke zusammen fasst: Fairness steht an oberster Stelle, Pierre de Coubertin, der Gründer der Spiele formulierte es so:

„Das Wichtigste im Leben ist nicht der Sieg, sondern das Streben nach einem Ziel. Das Wichtigste ist nicht erobert zu haben, sondern gut gekämpft zu haben“. 

Pierre de Coubertin

Das erklärt auch das Motto: Dabei sein ist alles. 

Auch bei Udo Bürger finden wir hier eine schöne Passage: 

„Das Glück des gesunden, starken Menschen liegt immer in einem Tun, in einer Energie, in der Anstrengung und in einer Mutprobe. Die glückhaften Betätigungen sind also nicht nur Vergnügen, es sind die Anstrengungen und Anstrengung ist der wahre Sport. Reizvoll ist aber die Tätigkeit selbst“. 

Vollendete Reitkunst, Udo Bürger

Wie wir zum Reiten kamen? 

Warum reiten wir überhaupt? Denken wir an Udo Bürgers Worte. Reizvoll ist die Tätigkeit selbst. Jeder kann die Frage wohl nur für sich selbst beantworten. Ich bin zum Reiten gekommen, da mich Pferde fasziniert haben. Ich war von Pferden als Kind magisch angezogen. In jeder Zeichnung gab es ein Pferd, auf dem Weihnachtswunschzettel stand natürlich „Pferd“ und natürlich drehte sich jedes Spiel nur um Pferde. Ich hatte das Glück neben einem Trakehnergestüt groß zu werden, also verbrachte ich rasch meine gesamte Freizeit in Kindheit und Jugend im Stall. Es war nicht nur das Reiten, das ich beseelte, sondern das Zusammensein mit Pferden und auch die Stallarbeit. 

Später habe ich dann – so wie die meisten Reiter auch – erfahren, was ich wollte – und vor allem – was ich in der Reiterei nicht wollte. Das Streben nach Harmonie, nach einem wunderbaren Zusammensein mit dem Pferd, das war mein Ziel. 

Aber geht das gänzlich ohne Anstrengung? Im Rahmen meiner Unterrichtstätigkeit erlebe ich oft, dass meine Schüler ins Schnaufen kommen. Das fängt schon bei der Bodenarbeit an, wenn wir rückwärts vor dem Pferd her laufen und die Übersicht behalten müssen (und oftmals auch überhaupt unseren Blick schulen). Weiter geht es im Sattel, wenn sämtliche Körperteile zu Beginn noch nicht so wollen, wie der Kopf es ihnen mitteilt. Körperbeherrschung will gelernt sein. 

In der Theorie lernen wir, dass ein Pferd mit dem Hinterbein in Richtung Schwerpunkt treten muss, denn nur wenn das Pferd dort aufaßt, wird die Kraft – vorausgesetzt, das Pferd fußt gerade, ohne ein Drehen in den Gelenken – korrekt in das Becken und von dort über die Wirbelsäule in Richtung Vorhand übertragen. Beobachten wir, ob Kopf und Ohren eher nach vorne unten federn oder nach hinten oben wippen – werden wir der Qualität der Bewegung gewahr und können unterscheiden, ob das Pferd ein Rückengänger oder Schenkelgänger ist. 

Auch in der Reitkunst lernen wir nie aus und je besser wir unser Handwerk verstehen, umso eher wachsen vielleicht auch die Ambitionen. Nicht selten kam die Frage: „Wie lange dauert das denn nun, mit dem Schulhalt?“ Kunst folgt also auch Gesetzen – nämlich jenen der Biomechanik, wenn es um das Formen des Pferdekörpers geht. Je besser die Tiefenmuskulatur ausgebildet ist, die mit zahlreichen sensorischen und propriozeptiven Nervenzellen ausgestattet ist, umso besser haben wir die Pferde am Sitz, umso eher verstehen sie eine minimale Gewichtsverlagerung. Je besser die Tiefenmuskulatur ausgebildet ist, die besondere Eigenschaften in Punkto Statik hat, umso besser wird auch die Tragkraft, wobei das Beugen der Gelenke natürlich auch abhängig ist von der Bewegungsqualität. Jede Bewegung eines Gelenks ist eingerahmt und gestützt durch Muskulatur. Je nach Art und Beschaffenheit des Gelenks findet Bewegung statt, deren Rahmen vorgegeben ist durch die Zugrichtung der jeweiligen Muskulatur und die Straffheit der umgebenden Bandsysteme. 

Klingt sportlich, oder ? Wollen wir also Tragkraft, einen Schulhalt – was auch immer – dann bedeutet das Training. 

Nur schön sitzen reicht nicht

Erst jüngst formulierte es eine Schülerin ganz treffend: Einfach nur da sitzen und nichts tun und darauf zu warten, dass die Kunst passiert – das ist nicht. 

Meine Stute Tarabaya, von Natur aus in den Vorderbeinen zeheneng und schwankend in der Hüfte, dadurch auch breitbeinig am Schwerpunkt vorbei fußend musste einiges an Mühen auf sich nehmen, um ein Bewegungskonzept zu erlernen, dass die Gelenke schont und der Gesundhaltung dient. 

Für Tabby war das Krafttraining sicherlich auch einigermaßen „sportlich“ zu bewerten. 

Wir lernen auf den Kursen mit Bent Branderup den grünen Bereich unserer Pferde einschätzen zu können, im gelben an der Umfärbung zu grün zu arbeiten und rot zu vermeiden. 

Auch hier gilt es unser Köpfchen zu bemühen, das richtige Konzept für unser Pferd zu finden und nicht nur den Körper in den Vordergrund zu stellen, sondern auch mal den Geist. 

Ja, Schubkraft, damit ist meine Fuchsstute wahrlich ausgestattet. Natürlich war die Verbesserung der Tragkraft unser Thema. Anders gesagt: Ich habe Tabby dadurch viel zeigen müssen, was noch nicht geht, woran sie nicht glaubt und was eben noch besser werden kann. Hier liegt natürlich die Gefahr für Mensch und Pferd, die Motivation zu verlieren. Also haben wir auch, um die mentale Stärke des Pferdes nicht zu vernachlässigen – an Dingen gearbeitet, die Tabbys körperlichen Stärken entgegen kamen. Tabby sollte sich stets großartig fühlen. Und das tut sie – wenn sie mal ein bisschen zulegen darf. Wenn sie nicht gegen Freundin Pina bei einem zünftigen Galopp auf der großen Wiese Zweite ist (Pina mit dem großen Vollblutanteil „lässt“ Tabby dann schon mal gewinnnen). 

In der Reitkunst bekommen wir einen riesigen Werkzeugkoffer geschenkt. Jedes Werkzeug lernen wir kennen und erarbeiten es gemeinsam mit unserem Pferd um später ein wahres Konzert der Hilfen zur Verfügung zu haben. Nicht immer gelingt das ohne einen Tropfen Schweiß (sowohl beim Menschen, wie auch beim Pferd). 

Darf man bei Kunst mal schwitzen und sich anstrengen? Ich finde, man darf. Tabby und Lipizzaner Conversano Aquileja aka „Konrad“ sind auch eher die Sorte „Barocker Typ“. Auf unseren Weiden brauchen sie das Gras quasi nur anzusehen und legen zu. Von daher gibt es natürlich Tage, wo ich beispielsweise an der Kräftigung der oben angesprochenen Tiefenmuskulatur arbeite, es gibt auch Tage, wo wir im Gelände unterwegs sind – und es gibt Tage, wo wir explizites Konditionstraining machen. 

Ja, manchmal gibt es Diskussionen über „zu wohl genährte, akademische Rösser“. Und sehr oft haben die Kritiker recht. Einige Schülerpferde sowie meine Fuchsstute Tabby bekamen daraufhin einen neuen Trainings- und Diätplan, schließlich bedeutet körperliche Fitness auch Wohlbefinden. Ich denke, deswegen üben wir Menschen auch gerne Sport aus. Bewegung macht einfach glücklich. 

Bewegung darf also auch mal ruhig anstrengend sein und an die Grenzen des grün-gelben Bereichs gehen. Der Sportgedanke ist allerdings vom Wettkampfgedanken heutzutage kaum zu trennen: 

„Das bloße Vorführen einer Kunst ist kein Sport. Das war schon bei den Ritterturnieren im Kampf so. Damals entschied die Gewandtheit des Pferdes oft über die Kraft des Mannes im Wettkampf. Heute fehlt diesem Kampf Mann gegen Mann der praktische Hintergrund. In unserem Sport entscheidet letzten Endes das Pferd.“

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Den Gedanken um die viel zitierte Materialschlacht möchte ich jetzt nicht weiter spinnen. 


Im Sport entscheidet also die Qualität des Pferdes. Auch für die Reitkunst gab es Auswahlkriterien für Pferde. So empfahlen sich bei Antoine de Pluvinel etwa jene Jungtiere, die im ausgelassenen Spiel auf der Hinterhand bremsten und wendeten für die Reitkunst.

Fakt ist, wir müssen heute keine Turniere gewinnen, aber einen gewisser Grad an Fitness benötigt auch die Kunst. Und fit zu werden ist manchmal anstrengend, fit zu bleiben ist dann die Kunst. 

Die Dressur für das Pferd

Die Dressur für das Pferd

Die Dressur ist für das Pferd und nicht das Pferd für die Dressur. Dieser Satz prägte mein Umdenken rund um Pferde maßgeblich – und zwar nicht nur einmal. 

Ich feiere heuer mehr oder weniger ein Jubiläum. Vor zehn Jahren startete ich meine Reise in die Akademische Reitkunst – und seitdem hat sich auch in der Akademischen Reitkunst so einiges getan. 

Es war ein glücklicher Zufall, der mich zum Umdenken brachte. Zuvor verrannte ich mich in eine Sackgasse. Nach einer ziemlich geglückten Ausbildung rund ums Pferd in meiner Jugend war ich plötzlich ratlos. Wer meinen Weg zur Akademischen Reitkunst gerne genau Nachhören möchte – ich habe dazu einen Podcast verfasst. 

Die Dressur für das Pferd – nichts machte mehr Sinn für meine Stute Barilla. Und so tauchten wir gemeinsam in die Akademische Reitkunst. Hinterfragten Schritt für Schritt noch einmal genau, warum wir was eigentlich tun. Mein Pferd dankte es mir. 

Mit dem „heißen Ofen“ Trakehner Tabby habe ich die Dressur nicht nur mental sondern auch physisch nutzen können. Ebenso profitiert hat natürlich meine Przedswit Stute Pina, die tastbare Wirbelbrüche im Schweif und wohl unfallbedingt einen Beckenschiefstand hat. 

Mir fallen noch etliche Beispiele ein: Besonders ans Herz gegangen ist mir die Reise von Blida und Katharina Gerletz, die ihr hier noch einmal nachlesen könnt. 

Wir nutzen also die Dressur unweigerlich für das Pferd – aber gibt es ein Genug? Gibt es ein Limit? 

Immer wieder hat mich auch Bent Branderup nachdenklich gemacht, wenn er über die schwierige Ausbildung seines PREs Cara erzählte. Wir sind hier quasi im selben Boot: Sowohl Tarabaya als auch Cara fußen extrem breitbeinig, werden dadurch schwer in der Vorhand und steif im Hals. 

Durch eine Fehlstellung an den Hufen war Tabby auch seit September 2017 immer wieder lahm. 

Dazu kam durch die Lahmheit natürlich eine Gewichtszunahme und seelische Unausgeglichenheit meines Pferdes. 

Den Winter verbrachten wir also sehr auf der Stelle. Und das meine ich nicht nur wörtlich. Wir haben sehr an der Versammlung gearbeitet – forsches Vorschwingen und damit Tabbys Stärke zur Geltung bringen – ihre raumgreifenden Gänge – das war leider nicht am Stundenplan, aber ab dem Frühjahr möglich, als sich ihr Gesundheitszustand insgesamt besserte. 

Das Unmögliche möglich machen

2014 haben wir von Bent noch ein wenig erfreuliches Feedback auf einem Kurs bekommen. Tabbys Schubkraft war so enorm, der Gang schwankend, die Hüfte so schwer zu stabilisieren. Ich habe schwer geschluckt, als es hieß, mein Pferd würde sich wohl mit Hankenbeugung sehr schwer tun. Ob das je möglich sei? 

Es war möglich. 2015 haben wir Bent dann bei unserem Kurs davon überzeugt, mit dem Verständnis der Schulparade kamen dann noch weitere Möglichkeiten in der Ausbildung meines Pferdes hinzu. Momentan arbeiten wir daran Hankenbeugung von einer statischen Position in die Dynamik mitzunehmen. Daher ist auch die Quantität der Hankenbeugung maßgeblich an der Qualität der Bewegung beteiligt. Ein Thema, das wir kniffelig, tricky und ungemein spannend finden. 

Zurück zum Unmöglichen. Auch ich habe mich damals immer wieder gefragt, ob es meinem Pferd gut tut, so genau an so vielen Details zu üben. Ihr Bewegungskonzept war nun einmal breitbeinig, die auffußenden Gelenke haben gewackelt und sich arg im Sand gedreht – und an schlechten Tagen muss ich die Bewegungsqualität wirklich gewissenhaft überwachen. Ich will und wollte Tabby möglichst lange gesund erhalten – und nur deswegen habe ich detailverliebt an Kleinigkeiten gearbeitet – schließlich lebt man mit einem gesunden Bewegungskonzept besser. 

Steigende Ansprüche

Wir reiten keine Turniere, wir stellen uns mit unserem Können den Ansprüchen der Ritterschaft der Akademischen Reitkunst und dort gibt es auch Meilensteine in Form von Prüfungen auf die man hin trainieren kann. 

Ansprüche, die auch steigen. 

Immer wieder habe ich mich gedanklich dem Spagat stellen müssen. Bin ich ehrgeizig? Habe ich ehrgeizige Ambitionen oder geht es tatsächlich nur ums Dazulernen? Ich habe mich fast schon schlecht gefühlt, als ich dann einen Youngster in mein Vierbeiniges Team geholt habe, der quasi keine körperlichen Herausforderungen in die Ausbildung mitbringt – und mental einfach der absolute Hammer ist. 

Nun war ich mit dem Gedanken konfrontiert, dass hier die Gefahr begraben liegen könnte zu ambitioniert mit diesem talentierten Jungspund umzugehen. Was liegt zwischen Ambition und Ehrgeiz? 

In der Ritterschaft sind die Ansprüche für Prüfungen in den letzten Jahren – nicht zuletzt wegen des steigenden Niveaus im Bereich der Bodenarbeit angehoben worden. Auch das Squire Level wurde angehoben, heute sind Wappenträger (Squire) befähigt, Ringprüfungen abzulegen. Weitere Informationen dazu unter auf der Seite der Ritterschaft

Jedes Pferd kann alles lernen? 

Ja – und auch jeder Mensch. Wenn Zeit keine Rolle spielt. Das wäre jetzt mal die kurze Antwort. Und Zeit kann für oder gegen uns arbeiten. Wenn wir etwas am besten gestern schon haben wollten, dann kann es nicht gut für die mentale und physische Ausbildung des Pferdes sein. Wenn wir uns aber Zeit nehmen, dann kann Zeit bekanntlich alle Wunden heilen. 

In meinen Gedanken um meine eigenen Ambitionen habe ich daher beschlossen: Für meine Pferde spielt Zeit keine Rolle. Das was ich geschenkt bekomme, nehme ich im Hier und Jetzt an. Manchmal muss ich auch den Tatendrang meines Jungspundes bremsen, manchmal muss ich auch bei meinen zwei Damen zusehen, dass ihr Tatendrang ihre körperlichen Fähigkeiten nicht überholt. 

Die Dressur kann also nur für das Pferd sein, wenn Zeit absolut keine Rolle spielt. Wenn wir nicht morgen irgendwo ankommen müssen. Wenn wir zufrieden sind, mit den kleinen Schritten und uns immer wieder überraschen lassen von den Fähigkeiten unserer Pferde – dann ist die Dressur für das Pferd. 

Und dann ist die Dressur natürlich auch etwas für den Menschen, wenn wir Selbstbeherrschung, Geduld, Ausdauer verbessern, Wissen anhäufien unseren Blick für das kleine Detail schulen und uns auch immer wieder über die kleinen Meilensteine freuen lernen. Und wie erst kürzlich gesagt – die Freude nicht verlieren. 

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PS: Nutzen wir die Dressur für uns und unsere Pferde, dann Reiten wir Einfach 😉

Kann man auch zu positiv/ zu negativ sein? 

Kann man auch zu positiv/ zu negativ sein? 

Irgendwann bin ich auf Facebook über ein Video gestolpert, das mich schwer beeindruckt hat. Da wurde quasi ein Fisch „geklickert“. Der kluge Fisch musste verschiedene Gegenstände bzw, Symbole wieder erkennen. Die Art und Weise, wie das Tier die Herausforderung gemeistert hat, hat mich sehr schwer beeindruckt.

Die Reise in die Vergangenheit

Ich hatte großes Glück Tür an Tür quasi neben einem Trakehnergestüt aufzuwachsen. Die Pferde waren von klein  auf an Menschen gewöhnt, sehr zugänglich, freundlich und neugierig. Keines der Tiere hatte negative Erfahrungen gemacht, sie waren sehr easy zu handeln. Im Teenageralter durften meine Freundin Kati und ich dann auch die jungen Pferde reiten. Gleicht das erste Aufsteigen auf ein Jungtier heute scheinbar einem Staatsakt, war die Sache damals so unspektakulär, dass wir uns auch überhaupt nicht groß Gedanken darüber machten, was es denn eigentlich heißt innerhalb kürzester Zeit mit einem so lieben und gutmütigen Pferd Schritt, Trab und etwas Galopp – freilich auf noch nicht vollendet rund gebogener Linie – zu reiten.

Wir hatten unseren Spaß, Leckerli gab es damals als exotische Besonderheit zu Weihnachten, vielleicht manchmal ein Stück Karotte. So viel zum Thema Lob, wobei ich hier die emotionale Komponente nicht unerwähnt lassen möchte.Selbstverständlich wurde nämlich vieles positiv bestätigt. Waren die Pferde brav, dann wurden sie ausgiebig gekrault, gestreichelt und mit sanften Worten in ihrem Verhalten bestärkt. Irgendwie war alles ganz locker und ich habe in dieser Zeit den Pferden auch irrsinnig viel zu sagen gehabt.

Später als ich diesen – für mich schon sehr behüteten und geschützten Rahmen – verlassen habe, hatten die Pferde auch viele Botschaften für mich. Allerdings habe ich diese nicht mehr so wahrgenommen. Mein Gehör war verstopft von Ambitionen, von Konzentration und Nebengeräuschen, wie einem Studium, Freundschaften, erste berufliche Erfahrungen.

Positiv und negativ – lässt sich das alles in einen Topf werfen?

Ich habe lange gebraucht, um mit Pferden wieder das für mich bekannte Gefühl aus der Kindheit zu entwickeln. Kaum hatte ich meine geschützte Blase verlassen, war in eine andere Stadt gezogen, verstärkte sich bei mir das Gefühl in einer gänzlich anderen Welt der Pferde zu sein. Ich las viel, ich besuchte diverse Veranstaltungen und wunderte mich über Methoden, die man plötzlich benötigte, um Pferde zu erziehen. Ich möchte nichts aus diesen Jahren als gut oder schlecht bewerten – es war mir nur einfach sehr fremd und ich konnte auch irgendwie nicht damit warm werden. Mir fehlte meine Mitte.

Ich lernte zwei so unterschiedliche Seiten kennen. Auf der einen Seite hörte ich: „Endlich haben wir das Pferd geknackt“; man hatte oft den Eindruck, Pferde würden nur 23 Stunden darauf warten, ihrem Menschen eine Stunde lang am Tag das Leben zur Hölle zu machen. Jegliches Nicht-Funktionieren hätte eine klare Absicht. Auf der anderen Seite lernte ich später einen überdeutlich positiven Zugang zum Pferd. Alles, was vom Pferd kommt ist zu loben. Und stehen 500 Kilo auf meinem Fuß, dann war es meine Schuld.

Das ist jetzt eine deutliche Abkürzung meiner Eindrücke, mir geht es auch nicht um eine Bewertung. Ich beobachte aber, dass wir uns selbst in unserer eigenen Mitte so schlecht finden.

Die Mitte finden?

Erinnern wir uns an meine Geschichte aus meiner Kindheit und Jugendzeit. Wo wir an manchen Tagen den Pferden beim Heufressen stundenlang zuhören konnten. Wo stundenlanges Schmusen mit den Fohlen an der Tagesordnung stand. Ja und es war eine Zeit ohne Social Media, es gab in meiner Kindheit auch noch keine Mobiltelefone. Wenn ich mir ansehe, wie mein junger Lipizzaner auf der Alm nahe Piber aufwachsen durfte, so natürlich, so geerdet, so frei, dann bin ich auch froh, dass ich selbst ähnliche Erfahrungen machen konnte. Vom Barfusslaufen durch den Wald, Schwarzbeeren sammeln im Sommer und dem ewigen Konzert der Grillen bei uns draußen. Vielleicht ist es genau diese Erdung, die heute so fehlt, wenn alles in Extreme abdriftet.

Ich habe Menschen erlebt, die die Beschwichtigungssignale ihrer Pferde nicht deuten konnten und deswegen weiter Druck gemacht haben. Ich habe aber auch Menschen erlebt, die trotz durchaus positiver Haltung und ohne Hintergedanken gar nicht gemerkt haben, dass zu viel Futterlob ihre Pferde ebenso unter Druck oder Zugzwang gebracht hat. Ich bin mit Menschen groß geworden, die niemals etwas über Beschwichtigungssignale erzählten, oder auch nicht mit Futter gelobt haben. Weil sie beides nicht mussten. Weil sie einfach mit dem Pferd waren.

Nochmal: Wer hier ein Plädoyer gegen Horsemanship oder positive Verstärkung herauslesen möchte, liegt falsch.

Wenn ich jedoch zunehmend feststelle, dass uns die Signalerkennung in punkto Kommunikation fehlt, dass wir nicht im Hier und Jetzt sein können, dann lautet die Frage nicht, wovon gibt es Zuviel, sondern wovon haben wir Zuwenig.

Zuviel und Zuwenig?

Ich denke, dass wir in unserer schnelllebigen Zeit auch viel zu viel auf uns einprasseln lassen. Wir hören nicht mehr genau hin. Unser Bauch würde uns nämlich schon verraten, was Zuviel und was Zuwenig ist. Wir würden uns auch wieder trauen mit unserem Körper zu sprechen. Ein Grund, warum ich so gerne auch auf Schauspielübungen für Reiter zurückgreife, weil diese uns auch ein wenig mehr in unseren Körper bringen, Bewusstsein schaffen und Achtsamkeit fördern.

Wir müssten dann auch nicht so stark und vehement über die vielen Pros und Contras streiten, die uns in der Reiterwelt scheinbar trennen. Finden wir unsere Mitte, dann sind wir vermutlich auch für die Pferde erträglicher – und das in vielerlei Hinsicht.

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Mehr zu den Schauspielübungen für Reiter gibt es im nächsten Blog….seid gespannt!

 

Und? Bist Du schon perfekt?

Und? Bist Du schon perfekt?

Bist du schon perfekt? 

„Ich möchte den Stall wechseln“, teilt mir eine Schülerin mit. Ich frage interessiert nach dem Warum. Für die Pferde scheint es dort ja zu passen. Aber nicht für die Menschen, so meine Schülerin. Denn der lernende Reiter ist ständig den kritischen Blicken ausgesetzt. Im Internet werden ebenso tagtäglich Bilder von Reitern zerrissen – und auch im täglichen Leben fühlt sich der eine oder andere dem Druck der Perfektion ausgesetzt.

Wann ist man fertig?

Vor ungefähr einem Jahr hatte ich ein Gespräch mit Bent Branderup über die Ausbildung von schwierigen Pferden im Rahmen eines Interview für das Bookazin „Feine Hilfen“. Im Laufe dieses Gesprächs erzählte mir Bent von einem Pferd, das er für eine Kundin ausgebildet hatte. Das Pferd beherrschte einige Dinge schon sehr schön, daher war er natürlich neugierig, als er die Kundin zehn Jahre später erneut traf. Er fragte nach der Entwicklung und wurde jedoch überrascht. Die Reiterin hatte dem Pferd nichts weiter Neues mehr beigebracht. In seinen „Wort zum Sonntag“ zum Abschluss seiner Seminare ermuntert uns Bent auch immer zu einer philosophischen Reise zur Reitkunst – ganz nach dem Motto:

Der Weg ist das Ziel. Wir Reiter sollen doch auch Freude am Weg finden – wenn wir morgen schon da sind, was bleibt uns schließlich bei unserer persönlichen Entwicklung über?

Perfektion und Vorbildwirkung

Die Sache mit der Perfektion. Die Sache mit dem ganz persönlichen Druck.
Immer, wenn bei uns ein Kurs ins Haus steht, dann freuen sich natürlich alle aktiven Reiter vom Wissen meiner Kollegen zu profitieren. Auf der anderen Seite werden Hausübungen überprüft, schließlich haben wir ja auch oft gut ein Jahr an den Vorgaben vom letzten Kurs gefeilt und getüftelt. Somit steigt auch die Aufregung, wir möchten es ja schließlich „gut“ machen. Und im Publikum sitzen dann auch noch Leute, die ja auch schon viel Fachwissen mitbringen und damit durchaus kritisch hinsehen.

Immer wieder stelle ich dann fest, dass die Vorfreude auf den Kurs auch dem Druck der Perfektion  zum Opfer fällt. Dieses Phänomen kenne ich selbst auch. Vielleicht bin ich früher auch oft unbefangener geritten, als ich noch nicht selbst Trainer war. Ich weiß, ich stehe jetzt noch viel stärker „im Fokus“ der Beobachtung, schließlich bin ich diejenige, die den Kurs organisiert, schließlich reiten auch meine Schüler bei dem Kurs mit und sind somit auch „meine Visitenkarten“. Je weiter man in dieser Hinsicht denkt, umso stärker schließt sich die Perfektions-Schlinge und nimmt die Luft zum atmen.

Man kann sein Leben damit verbringen, die perfekte Rosenblüte zu suchen. Und obwohl man sie nicht finden wird, wäre es ein gutes Leben. Japanisches Sprichwort.

In solch einem Momenten rufe ich mir wieder in Erinnerung, warum ich mich für ein Leben mit Pferden und ein Leben als Trainer entschlossen habe. Ich hatte selbst genug von Sackgassen, von Unterricht, der weder auf die psychischen noch physischen Voraussetzungen meines Pferdes und mir Rücksicht genommen hat. Ich möchte verstehen und Verständnis weiter geben. Ich möchte sehen lehren und nicht zu verurteilen. Ich möchte vor allem eines: Wertschätzung für Mensch und Pferd weitergeben und dadurch dem Pferd eine Aufgabe geben, die es verstehen und mit großer Freude (über sich selbst und seine Fähigkeiten) ausüben möchte. Kurz und kitschig, aber unendlich gut: Ich möchte, dass Mensch und Pferd Flügel wachsen. Einfach. Reiten. 

Wenn ich meine Pferde so betrachte, dann wäre es im Sinne der „Lektionenreiterei“ ein Leichtes mit meiner Stute Pina perfekt zu tanzen. Und doch habe ich mich für heuer anders entschieden. Pina hat so viel Spaß daran, meinem Vater zu zeigen, wie korrekter Rückenschwung zu gemeinsamen Wohlbefinden führt – und ich kann mich nun ganz auf meine Fuchsstute „Tabby“ konzentrieren.

Was das mit dem Thema „Vorbildwirkung“ zu tun hat? Nun, mir war es persönlich weniger wichtig, mit Pina nun weiter an Lektionen zu basteln, die wir irgendwo im Rahmen einer öffentlichen Arbeit oder eines Kurses zeigen können – mir war es wichtiger, dass Pina eine gute Zeit hat. Und wer weiß, was noch kommt. Aber wir haben es wahrlich nicht eilig.
Ich möchte also immer im Sinne des Pferdes Entscheidungen treffen – und niemals meinen persönlichen Ehrgeiz vor das Wohlbefinden meiner Pferde zu stellen.

Perfektion und der rote Drache

2009 verliebte ich mich neu. In meine rote Trakehnerstute Tabby, die mich so unendlich an die Pferde erinnert, auf denen ich als Kind reiten lernte. Tabbys breitbeiniges Marschieren, die schwankende Hüfte und die wackelnden Knie- Sprung- und Fesselgelenke negierte ich, schließlich ist Liebe immer stärker als Vernunft. Und schließlich arbeiten wir ja „akademisch“ – da kriegen wir das schon hin.

Als ich Tabby kennen lernte war ich also zutiefst optimistisch. Wir schafften nach drei Jahren gemeinsamer Arbeit den Squire Test und Tabby zeigte mir, wie man eine auch schwierige Hinterhand zur Geschmeidigkeit ausbilden kann. Dabei zeigt(e) sie auch deutlich wann etwas zu viel für sie ist.

Je mehr ich über die Ausbildung von Pferden verstehe, umso öfter ertappe ich mich dabei, überkritisch mit Tabby zu sein. Die Hankenbeugung könnte noch besser sein, die Geschmeidigkeit, die Balance, die Durchlässigkeit. Ich werde manchmal vielleicht sogar ungerecht, übersehe, wenn sich Tabby sehr bemüht, aber halt einfach nicht mehr kann. Und weil Tabby einfach für verschiedene Dinge mehr Zeit braucht, ich aber manchmal das Damoklesschwert der Perfektion über mir spüre, werde ich frustriert. Ich scheitere an der Erwartungshaltung, die ich mir von außen auferlegt habe. 

Ich bespreche die Probleme in Tabbys Ausbildung mit Kollegen, dabei vergesse ich eins bei meiner Schilderung zu erwähnen:

Niemand ist so zuverlässig wie Tabby. Was mein kluger Fuchs einmal weiß, das sitzt. Trakehner halt.

Wenn es drauf ankommt, dann ist Tabby für mich da. Das zeigt sie auch beim Kurs mit Bent Branderup im letzten Juni, wo mein „heißer Ofen“ auswärts sogar für ein anderes Pferd zur Beruhigung in der Halle bleibt.

Tabby passt auf ihre Herde auf, sie ist auch hier sehr zuverlässig.

Perfektion liegt im Auge des Betrachters

Vor zwei Wochen dann der Kurs mit Hanna Engström. Wieder zähle ich Hanna unsere Baustellen auf.  Ich war bereits mehrmals bei Hanna zu Besuch auf Gotland und bin dort ihre Pferde geritten. Jetzt bin ich gespannt, was sie für Tabby und mich bereit hält. Und der erste Satz: Wir kümmern uns nicht um die breitbeinigen Hinterbeine. Interessiert uns nicht. Hanna geht nicht auf die Schwächen meiner Stute ein, wir basteln – natürlich und so habe ich es mir gewünscht an meinem Sitz. Mein Sitz, der Tabby mittlerweile sehr eindeutig sagen kann, wo ich gerne ihre Hinterbeine hätte. Und was passiert, wenn sich der Betrachter ändert, der Fokus ändert und ich mir schlichtweg denke: Sei es drum, wir probieren mal? Das Bewegungskonzept von Tabby ließ sich wunderbar ändern, obwohl wir nicht ständig an den Hinterbeinen meiner Stute „kritisiert“ haben, ließen sich diese zu mehr Stabilität anleiten und dies führte eindeutig zu mehr mentaler Losgelassenheit. Tabby wurde streichelweich und sehr zufrieden.

Die andere Seite von Perfektion

Seit einem Jahr habe ich Conversano Aquileja – oder halt einfacher gesagt – den „Konrad“ in meinem Team. Konrad ist mein Zauberpony. In erster Linie weil er einfach unheimlich lieb ist. Er hat einen ganz zauberhaften Charakter, möchte mir immer gefallen und ist einfach irrsinnig gerne mit seinem Menschen zusammen. Ein „Muss“ hat er noch nie erfahren. Und deswegen geht alles einfach – Spielerisch leicht. Wenn wir mit Energie spielen, dann probiert er sich aus, eine Idee von Levade hier, eine Idee von Schulhalt da, alles überhaupt kein Problem. Ich nehme, was er anbietet und teile seine Freude an der Bewegung. Daher ist Konrad natürlich auch immer motiviert. Und da er sich sonst auch sehr gut benimmt und gut zuhören kann, kennt er nur Lob und keine Kritik.

Seine Einstellung hat mir sehr die Augen geöffnet. Wie reagiert meine Tabby auf mich und wie reagiert Konrad? So ist Konrad in Wahrheit mein bester Lehrmeister, der mich zu einem besseren Pädagogen für Tabby werden lässt. Und umgekehrt könnte ich Konrad niemals die Geschichte mit der Akademischen Reitkunst erzählen, wenn Tabby mir nicht jedes einzelne Wort über die Reitkunst ganz genau erklärt hätte.

Wie man mit sich selbst umgeht

Perfektionismus abzulegen und einfach zu sein. Das ist nicht einfach. Irgendwann spüren wir alle mal etwas Druck „von oben“ oder „von der Seite“. Ich selbst habe mich beim Schreiben dieser Zeilen gefragt: „Kann ich das wirklich schreiben? Das ureigene Thema mit sich selbst so ins Internet packen? Die Tatsache, dass mir mein eigener Perfektionismus auch öfter mal Kummerfalten beschert?“

Ja, ich kann. Und dazu noch ein weiser Rat des Stoikers Epiktet:

„Gott legte dieses Gesetz fest, das besagt: Wenn du etwas Gutes haben möchtest, dann hole es aus dir heraus“.

In diesem Sinne ist dies die beste Zutat wenn wir eines wollen: Einfach. Reiten. 

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Was ihr wollt..

Was ihr wollt..

Die Pferdezucht im Wandel, wie oft habe ich diese Diskussion im Internet verfolgt. Erst kürzlich habe ich ein Gespräch rund um die Lipizzaner verfolgt. Ist die Zucht im Wandel oder sind es die Pferdefreunde, die der Zucht unter Diktat stellen? Ein paar kritische Gedanken dazu heute in meinem Blog.

Die Züchter züchten für den Sport?

Wie viele Reiter sind heute Freizeitreiter und möchten lediglich eine gute Zeit mit ihrem Pferd verbringen. Zeit, die auch sinnvoll verbracht werden soll; Zeit, in der wir gemeinsam Etwas lernen wollen. In der Statistik finden wir tatsächlich weit mehr Freizeitreiter, als Reiter, bei denen der sportliche Erfolg an erster Stelle steht. Ist es also tatsächlich der Sport, der hier den Ton angibt, oder warum sind die zahlreichen Freizeitreiter für die Zucht so „unscheinbar“ oder überhörbar?

Der Lipizzaner hat keinen Gang?

Erst kürzlich habe ich folgendes Statement in einer Diskussion auf Facebook gelesen. Ja wer gibt denn vor, was ein „Gang“ ist und was nicht? Als ich meinen Conversano Aquileja in Piber das erste Mal gesehen habe, wurde ich gleich darauf hingewiesen, dass dieses Pferd nur sehr wenig Schubkraft habe. „Ja, wunderbar“, war mein Gedanke, schließlich war ich ja gerade auf der Suche nach einem Pferd, das über mehr Tragkraft verfügte. Wenn ich die Bewegungen meines Lipizzaners mit den Bewegungen meiner Trakehnerstute vergleiche, dann lassen sich Bewertungen aus zwei verschiedenen Blickwinkeln feststellen. Nach dem Motto; Jedem das, was ihm gefällt. In meiner Brust schlagen zwei Herzen; Ich bin mit Trakehnern aufgewachsen, ihre Bewegungen, ihre Ausstrahlung – das alles fasziniert mich heute noch, da von Klein an liebgewonnen. Und ich habe auch die Entwicklung verfolgt, dass die Gänge der Pferde immer spektakulärer und eindrucksvoller wurden. Mit der Trakehner Brille könnte ich die Bewegungen meines Lipizzaners vielleicht sogar als „nicht spektakulär“ bezeichnen. Dies vielleicht auf den ersten Blick. Seine Bewegungen sind jedoch ruhig und korrekt. Braucht es immer strampelnde Vorderbeine in der Luft, um uns den Atem zu rauben? Mitnichten. Heute würde ich sagen, dass mich mein Lipizzaner in der Bewegung durch seine simple Korrektheit, durch die Einfachheit und das enorme Taktgefühl verzaubert. Es ist so einfach und ehrlich, ohne Tohuwabohu. Die Frage stellt sich also vielleicht nicht, ob diese oder jene Pferderasse „keinen Gang“ hätte, sondern aus welcher Perspektive und zu welchem Zweck heraus das jeweilige Pferd bewertet wird.

Zurück zum Ursprung

Genetische Untersuchungen bei Spanischen Pferden haben gezeigt: Da sind plötzlich auch Spuren sehr bekannter Warmblüter  Deckhengste versteckt im spanischen Blut. Ich habe auch schon gehört, dass für den Gang Traber in die Zucht mit einbezogen wurden. Wieso, frage ich mich, können wir nicht eine wunderbare Rasse mit all ihren positiven Eigenschaften so belassen, wie sie ist? Warum müssen wir überall etwas nach dem Motto „More of the same“ in Punkto Warmblut hinzufügen? Warum müssen wir uns in der Zucht ständig einem sportlichen Ideal annähern? Das gilt freilich nicht nur für das spanische Pferd, diese Frage lässt sich mittlerweile leider über sehr viele Rassen stülpen.

Zweckentfremdet

Erst vor kurzem wurde ich in einem Gespräch stutzig. Gesucht wurde nach einem Dressurpferd, gerne im iberischen Typ, aber bitte wenn möglich nicht mit diesen iberischen Gängen. Also im Grunde ein Warmblüter in spanischer Lackierung. Ich kann diese Entwicklung wirklich nicht nachvollziehen, ich finde es sehr bedauerlich, wenn Pferde „umlackiert“ werden, vielleicht eine ganze Rasse in ihrem ursprünglichen Ideal eines Tages nicht mehr existiert, nur weil eine Barockpferderasse in sportlicher Verkleidung gewünscht war.

Ich freue mich, dass sich so viele Menschen ein Pferd leisten können, ich spüre aber (auch ganz unabhängig vom Pferdesport) eine große Entwicklung in eine Richtung, die Bent Branderup in seinen Theorievorträgen ganz gut beschreibt:

Viele Reiter wissen nicht, was sie wollen, aber sie wollen es jetzt

Das oben genannte Zitat bezog sich in erster Linie nicht auf die Zucht, lässt sich aber auch hier sehr gut verwenden.

Was sind denn die Vorzüge einer bestimmten Pferderasse überhaupt? Jedes Pferd, jede Rasse hat ihre Vorzüge und Besonderheiten. Warum also einen exotischen Cocktail mischen, der eine vergleichsweise kurze Saison „in“ ist, gleichzeitig verbrauchen und vermischen wir aber die Zutaten?

Ich wünsche mir, dass sich nicht sämtliche Pferderassen dem sportlichen Ideal annähern. Ich wünsche mir, dass ursprüngliche Pferderassen erhalten bleiben. Ich wünsche mir, dass sich Reiter, die drauf und dran sind ein Pferd zu kaufen ihre eigenen Wünsche und Ziele genau analysieren und somit vielleicht sogar überrascht sind, dass ihre Wünsche und Ziele nicht deckungsgleich sind, mit der begehrten Pferderasse. Ich wünsche mir, dass sich Reiter bereits beim Pferdekauf mit der Frage beschäftigen: Was will ich?

Einige Rassen sind vielleicht auch nicht so populär und vielleicht wird es sie auch nicht mehr lange geben. Wenn mich meine Stute Pina mit ihrer Intelligenz, ihrer Feinheit und ihrem feinen Wesen beeindruckt, dann stimmt es mich traurig, denn ihre Rasse – das Przedswit ist beinahe schon in Vergessenheit geraten, ja die Rasse gehört sogar zu den „als gefährdete Rasse“ geförderten Tiere in Österreich. Ist diese Entwicklung jedoch die Zukunft für weitere Pferderassen? Ich fürchte es, wenn wir weiterhin „more of the same“ wollen und von der Zucht fordern.

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