Wie lange ist die optimale Dauer des Trainings? Runden für Runden werden in der Halle zurückgelegt, Hauptsache das Pferd wird die standardmäßigen 60 Minuten bewegt. Doch haben wir und unsere Pferde tatsächlich mehr vom Training nur weil es länger dauert? Schauen wir uns das mal etwas genauer an.

Dauertraining: Die Konzentration

Wenn wir uns konzentrieren, dann richten wir unsere gesamte Aufmerksamkeit auf beispielsweise eine bestimmte Tätigkeit. Die Konzentrationsfähigkeit, also wie gut man sich konzentrieren kann unterscheidet sich dabei von Mensch zu Mensch, genauso wie von Pferd zu Pferd. Umso größer die Fähigkeit sich zu konzentrieren ist, desto länger ist man in der Lage sich auf sein Ziel zu fokussieren.

Die Fähigkeit zur Konzentration muss ebenso geschult werden. Kinder haben häufig eine sehr viel kürzere Konzentrationsspanne als Erwachsene. Auch junge Pferde müssen erst langsam lernen, zuzuhören, die Informationen des Ausbilders zu interpretieren und umzusetzen. Bevor auf dem Stundenplan „Longieren“ oder gar „Anreiten“ steht, muss unser junges Pferd lernen, sich im Klassenzimmer zu entspannen, dem Ausbilder zuzuhören und  dessen Informationen zu interpretieren. Ein junges Pferd auf Anhieb 60 Minuten zu arbeiten wäre völlig irrsinnig. Langsam und behutsam müssen sie an die Aufgabe herangeführt werden. Es gilt, je jünger und „ungeschultert“ das Pferd, umso kürzer die Einheit.

Jedes Lebewesen muss Schritt für Schritt lernen, sich auf das gerade Wesentliche zu konzentrieren und Reize von außen zu tolerieren bzw. später auch auszublenden.

Wer kennt es nicht? Man muss für eine Prüfung lernen und sich so gut wie möglich auf den Lernstoff konzentrieren. Doch es will und will nicht funktionieren. Man lässt sich von allem unbeabsichtigt ablenken. Man merkt wie sich Gedanken breit machen, die ganz und gar nicht zum gefragten Thema der Prüfung passen.

Auch Pferden geht es so. Ungewohnte Geräusche, das Rascheln eines Futtersacks oder auch das neue Pferd in der Stallgasse lassen ihre Gedanken vom gerade Wichtigen abschweifen. Die Ereignisse rund um den Reitplatz sind spannender. Das Pferd wird erst mit der Zeit lernen, Ablenkungen auszublenden.

Vor Zuschauern zu reiten erfordert vollste Konzentration von Pferd und Reiter. Pina und ich sind darin schon etwas geübt. Sie lässt sich von den ungewohnten Geräuschen und dem Getümmel so schnell nicht ablenken! Übung macht den Meister!

Häufig ist es aber auch der Reiter der sich zuerst ablenken lässt. Ein unkonzentrierter Reiter hat meistens auch ein unkonzentriertes Pferd.

Reiten bzw. das gemeinsame Lernen erfordert die gemeinsame Konzentration von Pferd und Reiter. Ist einer abgelenkt, kann die Übung nicht gelingen. Es erfordert höchste Aufmerksamkeit von beiden Seiten.

Sind beide konzentriert und fokussiert, verschmelzen zwei Körper. Ein wunderschönes, äußerst erstrebenswertes Gefühl.

Dauertraining: Konzentrationsschwächen entgegenwirken

Viele unterschiedliche Faktoren haben Einfluss darauf, wie gut sich jemand konzentrieren kann. Gründe dafür können zum Beispiel Frustration, Stress, mangelnde Motivation, Müdigkeit, Unausgeglichenheit uvm sein.

Umso wichtiger ist es, dass wir auf eine artgerechte Haltung achten. Umso besser das Privatleben unserer Pferde ist, umso ausgeglichener sind sie auch, was wiederum die Konzentration positiv beeinflusst.

Moon, mein Pferd, wohnt am Horse Resort am Sonnenhof. Dort hat er alles was sein Pferdeherz begehrt. Er darf täglich 12 Stunden, bei jedem Wetter, im Herdenverband hinaus. Im Sommer kommen sie nachts, um Ruhe vor lästigen Insekten zu haben, auf große Wiesenkoppeln und im Winter verbringen sie ihre Zeit tagsüber auf einem befestigten Paddocktrail. Rund um die Uhr steht ihnen Wasser und Heu ad libitum zur Verfügung. Ein wahres Pferdeparadies.

Sind die natürlichen Bedürfnisse wie eine artgerechte Fütterung, frisches und ausreichendes Wasser, Sozialkontakte, genügend Auslauf, passende Ausrüstung und regelmäßige Kontrollen beim Tierarzt gegeben, sind gute Voraussetzungen geschaffen, dass das Pferd sich bei der „Arbeit“ besser konzentrieren kann.

Auch Äste und Zweige gehören zur artgerechten Fütterung.

Pferde, die sich wohlfühlen sind leistungsbereit und -fähig!

Auch für uns Menschen gilt, ausreichend Schlaf, Flüssigkeit und gesunde Ernährung. Nur dann kann unser Gehirn gut funktionieren.

Das Training sollte nur so lange dauern, wie wir selbst und das Pferd uns konzentrieren können. Anderenfalls schleichen sich Fehler ein, die wiederum zu Ärger, Wut und Frustration führen können. Wenn solche Emotionen im Training hochkommen, ist es besser eine kurze Pause einzulegen und tief durchzuatmen oder das Training ganz abzubrechen.

Die Konzentrationsfähigkeit wird von Einheit zu Einheit wie von selbst wachsen. Sei dabei nicht ungeduldig und bedenke eine gute solide Ausbildung braucht Zeit.

Das Lernen muss gelernt sein!

Dauertraining: Die Muskulatur

Viele Reiter denken, umso öfter und länger sie eine Lektion üben, umso besser wird sie gelingen. Pferde lernen vor allem durch Erfolg und Misserfolg und nicht durch andauerndes Wiederholen. Natürlich benötigt es eine gewisse Anzahl an Wiederholungen, doch wer die gesamte Einheit  denselben Inhalt trainiert, ist am Holzweg. Auch die Motivation der Pferde leidet darunter. Wer möchte sich schon fühlen wie Sisyphos?

Ständige Wiederholungen im Training führen auch zu einseitiger Belastung. Dadurch sind gesundheitliche Probleme vorprogrammiert. Das Galopprennpferd sollte nicht nur galoppieren, das Springpferd nicht nur springen und das Dressurpferd nicht ständig in der Halle geritten werden. Damit das Pferd trittsicher, stark und koordinationsfähig ist braucht es viele unterschiedliche Anreize. Der Bewegungsapparat benötigt unterschiedliche Impulse. Unterschiedliche Bodenverhältnisse sind sehr wichtig und trainieren die Propriozeption. So sollte das Dressurpferd auch im Gelände geritten werden und in der Lage sein, kleine Sprünge zu meistern.

Die Muskulatur braucht Zeit um zu wachsen. Intensives Training an einem bestimmen Tag macht noch lange keinen Sportler aus einem Pferd. Ein solches Übertraining ist sogar gesundheitsschädigend. Aufbau und Förderung der Muskulatur muss überlegt und strukturiert aufgebaut sein, angepasst an das jeweilige Pferd und seinen Ist-Zustand.

Wer kennt ihn nicht, den Muskelkater? Ich denke wir alle hatten schon mal „Muskelkater“ und wissen, wie unangenehm er sein kann. Unseren Pferden geht es ganz gleich.

Wenn der Muskel zu stark und viel zu lang beansprucht wird, treten kleine Risse im Muskelgewebe auf, in die dann Gewebsflüssigkeit eintritt. Der Muskel schwillt an und schmerzt.

Es gilt mit Maß und Ziel zu reiten – Muskulatur die zu lange angespannt wird, verkrampft und kann nicht mehr richtig arbeiten. Es sollte nach jeder Arbeitsphase eine Entspannungsphase folgen.

Dies bedeutet freilich auch nicht zu lange in ein und derselben Gangart zu reiten, immer wieder die Zügel aufzunehmen und das Pferd danach erneut in Dehnungshaltung zur nachgiebigen Hand suchen zu lassen. Auch regelmäßige Handwechsel sind zu empfehlen.

Wenn die Muskulatur anaerob arbeiten muss, sprich die Sauerstoffzufuhr nicht mehr ausreicht, beginnt sie schnell zu „brennen“. Die Leistung flacht ab!

Pausen sind also das A und O im Training! Wenn das Pferd etwas besonders gut gemacht hat unbedingt Pause machen und den gemeinsamen Erfolg miteinander zelebrieren.

Pferde zeigen uns Überanstrengung auch deutlich. Wird ein Pferd sogar widersetzlich, dann wurden die kleinen Anzeichen bereits übersehen. Diese können sein:

  • Stark erhöhter Pulswert
  • Das Pferd wird schwer in der Hand
  • Plötzlich auftretende Taktfehler
  • Zähneknirschen
  • Das Pferd verspannt sich
  • Eine deutlich erhöhte Atmung
  • Das Pferd steht beim Aufsitzen nicht still oder geht gar in die Knie
  • Stolpern
  • Rennen
  • Das Pferd drückt den Hals hoch und den Rücken weg
  • Das Pferd verweigert Biegung

Ermüdungszeichen des Pferdes sollten unbedingt ernst genommen werden! Eine sofortige Pause sollte dann eingelegt werden und das Training angepasst werden.

Vor allem Sehnen und Bänder brauchen relativ lange um sich zu verändern bzw. anzupassen. Bei Jungpferden gilt besondere Vorsicht, wer zu schnell zu hart trainiert, provoziert Sehnenschäden.

Stress hat im Training absolut nichts zu suchen. Stress kann die Sauerstoffzufuhr im Muskel aufgrund der Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin, welches den Stoffwechsel bremst, hemmen. Das Pferd verspannt sich und die Muskulatur übersäuert.

Dauertraining: Muskelaufbau

Wenn ein Pferd an Muskulatur aufbaut, kann man das sichtbar erkennen. Die Muskelfasern verdicken sich.

Der Muskel

Voraussetzung für den Aufbau von Muskulatur ist:

  • eine allmählich steigernde Beanspruchung der Muskulatur
  • eine gute Durchblutung
  • ein schmerzfreies Pferd
  • eine ausreichende Sauerstoffversorgung des Körpers
  • ein gutes Nahrungsangebot

Wenn der Muskel beansprucht wird, wird das Gewebe gut durchblutet, der Stoffwechsel angeregt und Schlackenstoffe abtransportiert. Kommt es zur Ermüdung des Muskels, passt sich dieser durch Umbauprozesse an die neue bzw. steigende Belastung an. Nach einer adäquaten und an das Training angepassten Erholungsphase ist der Muskel künftig für eine weitere Beanspruchung besser gerüstet. Diesen Vorgang nennt man Adaption (Anpassung an Leistung).

Vereinfacht gesagt, es kann nur der Muskel wachsen bzw. erhalten werden, der auch belastet wird.

Die Schwierigkeit des Muskeltrainings besteht darin, einen adäquaten Reiz zu setzen. Wenn die Belastung, also der Reiz, zu niedrig ist, dann wird kein Trainingseffekt erzielt. Wenn der Reiz jedoch zu hoch ist, nimmt der Muskel Schaden. Das betrifft freilich auch unphysiologisches Training, beispielsweise die Nutzung von Hilfszügeln, die das Pferd über längere Zeit in einer bestimmten Position fixieren.  

Dauertraining: Muskelabbau

Muskelmasse baut sich ab durch:

  • Dolcefarniente – das „süsse Nichtstun“ wird bitter, denn ohne Beanspruchung kein Aufbau!
  • Zuviel des Guten:  zu viel ist schädlich und zerstört die Muskelzellen!
  • Falsches Tun: unter Schmerzen oder durch unsachgemässes Training kann kein Aufbau stattfinden!

Zahnprobleme können auch Ursache für Muskelabbau sein. Wenn das Pferd nicht mehr ausreichend Nahrung zu sich nehmen kann, bzw. die Futterqualität sehr schlecht ist, wirkt sich das auch in weiterer Folge negativ auf die Muskulatur aus.

Wenn der Sauerstoff im Körper fehlt, durch z. B. eine chronische Bronchitis, kann es auch zu Problemen mit der Muskulatur kommen. Den Muskeln fehlt die Kraft und sie verkrampfen.

Dauertraining: Eine Übung zum Ausprobieren!

Selbsthaltung – Wie anstrengend ist es fürs Pferd in Selbsthaltung zu laufen?

Am besten du nimmst einen Gegenstand mit ca. 1 Kilo in die Hand und streckst diesen nun im rechten Winkel von dir weg. Wie viele Sekunden oder gar Minuten hältst du durch?

Denke immer daran, wenn wir ein Pferd mit Hilfszügeln in eine Haltung zwingen, müssen die Muskeln isometrisch (haltend) arbeiten. Wahrscheinlich hast du gerade selbst gemerkt wie schnell deine Muskulatur zu „brennen“ beginnt. Genau so geht es auch deinem Pferd! Der Hilfszügel zwingt dein Pferd in eine Haltung, für die es nicht genügend Kraft hat. Das ist nicht fair! Weiteres wird die Einheit auch nicht von Nutzen gewesen sein, da die betroffene Muskulatur übersäuert. Hilfszügel gehören nicht aufs Pferd, sondern in den Müll!

Um einfach zu reiten müssen wir nicht besonders lange mit unseren Pferden trainieren. Der Trainingseffekt ist höher, wenn wir unser Pferd individuell trainieren. Der Ist-Zustand des Pferdes muss unbedingt berücksichtigt werden. Sowohl der physische als auch der psychische Stand des Pferdes bestimmen die Länge des Trainings und nicht die Uhr!

Dauer – Training zum Weiterlesen