Welche Beziehung habe ich eigentlich zu meinem Pferd?
Nun, da gibt es viele Liebesgeschichten.
Und die Liebe aus der Kindheit ist geblieben.
Wir haben heute noch Spaß daran, unsere Pferde zu verschönern (auf der letzten Pferdemesse gab es mit Sicherheit die meisten Stände zu diesem Thema und für unglaublich viele Geschmäcker war was dabei), oder wir genießen ihre Schönheit ganz puristisch ohne jeden Tand. Wir teilen Freud und Leid mit unserem Pferd und wir denken mittlerweile unheimlich viel über Bewegung nach.
Bewegung ist heute für das Pferd eine durch und durch gemanagte Sache. Wir entscheiden ja freilich, wie wir unsere Pferde halten. Wer nur Box und Paddock zur Verfügung hat, muss sich gut überlegen, wie er sein Pferd bewegt. Da sich nicht in jedermanns Leben alles ausschließlich um das Pferd und dessen Bedürfnisse dreht, braucht es Schrittmaschinen, zeitgesteuerte Raufen, Bewegungsanreize am Paddock, geplante Trainingseinheiten und vieles mehr.
Wir planen und überlegen uns auch in Offenstallhaltung, wie wir unseren Pferden mehr Bewegungsanreize schaffen können. Bewegung muss stattfinden - und tut sie das nicht, dann ist der Mensch gefragt.
Das Pferd soll sich also in seiner Freizeit bewegen und dabei bitte möglichst nicht verletzen. Soweit so gut.
Dann haben wir noch eine ganz besondere Beziehung zu Bewegung:
Wenn wir von einer Beziehung zur Bewegung sprechen, dann gibt es auch verschiedene Beziehungstypen:
Aus der Psychologie kennen wir drei Beziehungstypen:
Bleiben wir einfach mal bei dieser Begrifflichkeit, wenn wir unsere Beziehung zur Bewegung erkunden wollen:
Der sicherer Beziehungstyp: Denken wir an unsere Kinderreitstunde zurück. Wir haben die Bewegungskompetenz unseres Pferdes nicht in Frage gestellt. Meistens wollten wir auch nichts erzeugen sondern einfach miteinander Bewegung stattfinden lassen. Wir haben vielleicht den einen oder anderen Bewegungsvorschlag gemacht - manchmal mehr, manchmal weniger insistierend. Wenn mein Vater mit unserer Pina unterwegs ist, dann ist er auf jeden Fall der sichere Beziehungstyp. Ob gerade rehabilitierte Schulteroperation oder Bandscheibenvorfall - mein Vater war sich der Bewegung unserer Pferde sicher und hat sich auf die Bewegungskomptenz des Pferdes absolut verlassen.
Der vermeidende Beziehungstyp: Wie der Name schon sagt - hier wird Bewegung relativ klein gehalten. Das Pferd darf sich nur innerhalb eines bestimmten Rahmens bewegen und sein Potenzial nicht voll ausschöpfen. Der Typ ist auch sehr eng verwandt mit dem…
Kontrollierenden Beziehungstyp, der versucht, jede Bewegung des Pferdes möglichst nach seinen eignen Vorstellungen zu formen und zu reglementieren. Es gibt genaue Vorstellungen darüber, wie sich ein Pferd bewegen soll, gefürchtet werden ansonsten weitreichende Konsequenzen, was uns zum
Ängstlichen Beziehungstyp führt, der freilich nur das Beste für sein Pferd will und permanent um die Gesundheit des Pferdes bangt.
Wer bei Steinbrecht, Guérinière und den Meistern der akademischen Reitkunst nachschlägt wird so viele Beschreibungen erfahren, wie sich Pferde bewegen und bewegen sollen. Die Beziehung zum Pferd war immer schon an die Beziehung zu dessen Bewegung geknüpft - machten wir uns doch Fortbewegung, Wendigkeit, Schnelligkeit und Eleganz zu nutze.
Bewegung ist freilich zweckgebunden, hat aber auch einen großen Ausdruck. Während wir in unserer Körpersprache nach und nach „verkümmern“, drücken sich Pferde immer über ihren Körper aus. Bewegung ist also auch immer ein emotionaler Aspekt des Ausdrucks.
Wir übernehmen nicht nur Verantwortung für das Pferd. Wir sind verantwortlich, wo und wie unser Pferd wohnt, wie es die Zeit ohne uns verbringt. Wir sind verantwortlich für die Bewegung im Privatleben und freilich auch die Bewegung, die wir miteinander teilen.
Hand aufs Herz - wir haben uns bereits viele Gedanken darüber gemacht, wie wir in unserer Beziehung zum Pferd sein wollen. Wir denken viel nach über Horsemanship, über Reitweisen, Ausbildungsmethoden und Systeme. Wir grübeln über positive und negative Verstärkung, wir denken darüber nach, wie wir mit unserem Pferd kommunizieren wollen - und alles findet immer rund um Bewegung statt.
Wie ist deine Beziehung zur Bewegung deines Pferdes?
Bist du eher der ängstliche Typ, wirfst du öfter mal einen besorgten Blick auf die Bewegungen deines Pferdes? Suchst du eher Fehler oder erfreust du dich an der Bewegung?
Bist du mit der Bewegung deines Pferdes zufrieden oder wünscht du dir einen anderen Ausdruck?
Weißt du über die Bewgungskompetenzen deines Pferdes eigentlich Bescheid? Welche Bewegungen fallen ihm leicht? Welche schwer? Nutzt dein Pferd die gesamten Bewegungsmöglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen? Hat sich dein Pferd verändert? Wurde die Bewegung schlechter oder besser? Was hat dein Beziehungstyp dazu beigetragen?
Diesen Ausdruck kennen wir doch alle sicher. Liebe macht blind. Und erst, wenn die wunderbare Verliebtheit vorbei ist, wenn wir in den Alltag driften, fallen uns die Kleinigkeiten auf. Dass unser Partner schmatzt beim Essen, dass er nie pünktlich kommt - und meist sind es auch eher die negativen Auffälligkeiten, die wir registrieren, selten, weil wir gar nicht mehr offen hinschauen entdecken wir Neues oder Spannendes.
Geht es uns mit der Bewegung bei unseren Pferden auch so? Wie häufig sind wir verliebt und wie häufig im Alltag? Fallen uns weit mehr negative Bilder auf oder sehen wir eher das Gute?
Wie würde sich „Bewegung“ eine Beziehung mit uns wünschen? Tut es dem Gegenüber gut, ständig korrigiert, geformt und bewegt zu werden?
Als ich zur Akademischen Reitkunst kam, da sah alles so leicht und fein aus. Und mühelos. Endlich gab es ein neues Bild von Bewegung - so harmonisch und leicht.
Dann wollte ich Bewegung verstehen und habe mir auch einen unheimlichen Stress gemacht - denn ich konnte nicht alles sehen, was ich da in Vorträgen und von Gleichgesinnten hörte.
Als mich Tabby und dann Pina begleiteten habe ich mich sehr gestresst, denn ich hatte große Angst, ihre - nicht gesunden Bewegungsmuster ließen sich nicht korrigieren.
Und später habe ich herausgefunden, dass ich den Pferden auf jeden Fall mehr Eigenkompetenz übertragen muss.
Meine Beziehung zu Bewegung hat sich laufend geändert und ich bin so gespannt, was ich in den nächsten 10 Jahren an Wissen rund um Bewegung zusammen tragen werde.
In der Klassischen Reitkunst geht es um Kommunikation. Wir können durch Kommunikation und Ausbildung Bewegungskompetenz vergrößern - allerdings ist es wie in jeder guten Beziehung - das selbe Wort, kann auf viele verschiedene Arten interpretiert werden.
Der erste Schritt ist auf jeden Fall darüber nachzudenken, welcher Beziehungstyp man ist in Punkto Bewegung. Das ist schon mal ein wichtiger Meilenstein bei der Frage - welcher Trainer möchte ich künftig für mein Pferd sein (und vielleicht auch für andere Menschen).
ÜBER DEN AUTOR

Anna Eichinger
ist Expertin für glückliche Pferde. Als Ausbilderin weiß sie um die technische Seite der Klassischen Reitkunst. Bei all den Diskussionen um Biomechanik, Tensegrity und Faszientraining stellt sie "Happiness" ins Zentrum - Training soll vor allem eins: Glücklich machen, Selbstvertrauen und Stolz steigern - so wirkt sich das auch auf einen Happy Reiter und ein gesundes Pferd aus.