Hand aufs Herz, wie egoistisch ist eigentlich unsere Entscheidung Pferde zu halten? Warum haben wir Pferde und wer möchte wir in den Augen der Pferde sein und in unseren eigenen Augen? 

Egoist oder: Ein guter Mensch

Als ich sehr klein war, habe ich mir freilich viele Gedanken darüber gemacht, wer ich einmal sein möchte und was ich einmal tun möchte. Ich hatte unglaublich viele Interessen und das große Glück, diesen auch ausreichend nachgehen zu können. Ich habe Journalismus studiert, ich durfte auf einem Filmset dabei sein und lernen. Und von klein auf waren da immer die Pferde und immer ein bisschen Musik. 

Mein Vater war mein Held, mein Idol. Wir haben uns oft darüber unterhalten, wer und wie man einmal sein möchte. Ich habe von ihm den Gedanken übernommen, dass es in erster Linie wichtig ist, ein guter Mensch zu sein. 

Vielleicht habe ich in den Augen anderer nicht immer gut gehandelt. Ganz sicher habe ich auch Menschen verletzt und enttäuscht. Man kann leider nicht immer alles richtig machen. Ich habe mich für gewisse Werte entschlossen und möchte diese nicht nur in meinen Alltag, sondern auch in mein Pferdeleben einfliessen lassen. 

Egoist und die Frage: Warum Pferde? 

Ja, warum habe ich mich in Pferde verliebt? Das weiß ich heute eigentlich nicht mehr so genau. Sie haben mich in ihren Bann gezogen, ich wollte einfach nur mit ihnen zusammen sein. Es ging nicht ums Reiten, um Leistung, es ging nicht darum, in den Augen anderer zu brillieren. Ich wollte einfach nur, dass die Pferde mich auch mochten. 

Und manchmal, da verliert man seinen kindlichsten Wunsch aus den Augen. Wir verlieren uns in unseren Träumen, Wünschen und Ambitionen. Dabei ist es freilich überhaupt nicht falsch Träume, Wünsche und Ambitionen zu haben. 

Mein erstes Pferd war eine Leihgabe. Durch einen Bekannten hatte ich die Möglichkeit eines seiner Pferde über den Winter zu betreuen. Die Vernunft hätte mir den braven Filippo zugesprochen, ein kleines, braunes Warmblut. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern an sein Zaumzeug mit dem bunten Stirnriemen, geflochten in gelb, weiß und blau. 

Aber es war nicht Filippo, der dann letztlich mein Herz eroberte, sondern der kleine Haflinger Stiglitz, ein echter Lausbub, der mir so vieles über die Beziehung zu einem Pferd beigebracht hat. 

Stiglitz gab mir das Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit, aber eine langfristige Verbindung mit ihm musste ich mir auch hart erarbeiten. Ich habe mich manchmal gefürchtet, wenn er mit mir im Wald im rasenden Galopp durchging. Ich habe mich nicht sicher gefühlt, wenn er mich beim Longieren bedrohte und mir eindeutig klar gemacht hat, dass ich die Longiergerte aus der Hand geben soll. 

Ihn anzutreiben war quasi klar nicht in meinem Kompetenzbereich und es hat wohl eine ganze Weile gedauert, bis wir uns einig waren, wie wir uns beide gemeinsam bewegen können, auf Augenhöhe und nicht so, dass sich einer von beiden ständig vom anderen getrieben fühlt. 

Ich habe zwei Jahre mit dem hübschen Haflinger verbracht und 2010, als ich ihn auf der Alm besucht habe, er war damals wohl schon an die 30 Jahre alt, hat er mich noch erkannt. Als wir einander zum ersten Mal trafen, war er fünf, ich 12 Jahre alt. 

Kobold kam mitten in meiner Pubertät und plötzlich musste alles einen Sinn haben. Man konnte doch nicht so einfach ausreiten. Nicht mit einem Pferd mit so tollen Gängen. Man wollte schließlich aufs Turnier. Ich grämte mich, da ich bereits Ausbildungsfehler zugelassen hatte. Ich schulterte mir mit meinen 14 Jahren eine ungeheure Verantwortung auf. Ich hatte über alles zu entscheiden und ich lag nächtelang wach und notierte mir Trainingspläne mit ambitionierten Zielen. Dass ich rückblickend mein junges Pferd im Alleingang anritt und wir nach zwei Jahren völlig alleine und vertraut im Gelände unterwegs waren war für mich damals keine große Sache – zu sehr habe ich mich auf ganz andere Themen fokussiert. 

Heute bin ich weiser und erfahrener und kann sagen: Das war damals eine ganz schöne Leistung. 

Der Egoist und die Leistung

Leistung, was für ein gewichtiges Wort, was für eine häufig damit verbundene Bürde. Und was hat das mit Egoismus zu tun? 

Die meisten von uns Pferdemenschen kamen durch die Liebe zum Pferd zum Reiten. Reiten selbst stand häufig gar nicht im Vordergrund, einfach das Zusammensein mit dem Tier. Dann kam jedoch das Reiten und mit dem Reiten die Ambition. 

Warum haben wir Pferde? 

Als ich Anfang 20 war lernte ich meine Stute Barilla kennen. Glanzvolle Namen prägten ihr Pedigree: Donnerhall, Ramiro Z, Rubinstein. Aber auf einem Papier kann man nicht reiten und das war mir in erster Linie auch überhaupt nicht wichtig. Barilla galt als schwierig, trotzdem habe ich mich auf ihr sofort wohl gefühlt.

Wir zogen in den Wienerwald und verbrachten so viele Stunden im Gelände. Wir ritten fast täglich aus und waren wunderbar glücklich miteinander. Bis ICH beschloss etwas ernsthaftes wäre auch wichtig. Also ab in die Halle und schon ging es los mit dem Kampf um die Kopfpositionierung. 

Ich war so besessen davon mein Pferd in eine bestimmte Form zu pressen und je eher Barilla Nein sagte, umso frustrierter wurde ich. 

Rückblickend kann ich sagen, wenn in unserer Zeit zurück in Graz jemand gekommen wäre und das Pferd hätte kaufen wollen, ich hätte sie wohl verkauft. Ich habe sogar einmal Fotos für eine eventuelle Anzeige gemacht. Aber das war sehr halbherzig und in Wahrheit hätte ich es wohl nie übers Herz gebracht. 

Ich hatte ein Ziel und an diesem Ziel haben wir uns jedoch zerrieben. Bis wir die Akademische Reitkunst kennen gelernt haben.

Akademisch Reiten = Reiten ohne Ambition? 

Mitnichten. Als ich viele Jahre später selbst als Ausbilder unterwegs war, traf ich häufig Schüler, die sich der Schönheit und Eleganz wegen Das Reiten einer Piaffe erträumten, nicht jedoch weil der Inhalt für das Pferd sinnvoll gewesen wäre. 

In einem Podcast habe ich gehört, dass Pferde in erster Linie Nutztiere sind und über diesen Satz habe ich sehr lange nachgedacht. 

Nutze ich mein Pferd? 

Ja. Wenn wir ins Gelände gehen und ich lasse mich tragen mit Sicherheit. Wenn ich an Inhalten feile. Ich habe in meinem Forum rund um meine Online Kurse auch die Frage nach dem Egoismus gestellt. 

Die Meinungen waren durchaus spannend und ich darf für euch zusammen fassen: 

  • Ja, es gibt einen gewissen Egoismus, wenn man Pferde hält. 
  • Wir machen uns jedoch so viele Gedanken und setzen diese auch in die Tat um, was die Verbesserung von Haltungsbedingungen und Training anbelangt
  • Natürlich reiten wir unsere Pferde, aber wir machen uns viele Gedanken darüber, wie wir unseren Pferden ebenso Freude und Stolz in Punkto Bewegungskompetenz vermitteln können. 
  • Wir gehen sehr hart mit uns ins Gericht und sind uns der Verantwortung unserer Pferde gegenüber bewusst. 

Verkauf dein Pferd und werde glücklich? 

Ich erinnere mich auch an ein Gespräch mit einem Kollegen aus der Reiterwelt. Damals ging es um die Frage, der eigenen Ambitionen und ob das Pferd dazu passend sei. 

Daher auch aus diesem Gespräch ein paar Fragen zum Nachdenken

  • Wenn es legitim ist, dass man als Reiter und speziell aus Ausbilder Ambitionen hat, darf ich dann mein Pferd verkaufen, wenn es diesen Anforderungen nicht entspricht? 
  • Ist es in Ordnung, wenn ich meinem Pferd nicht schwierige Aufgaben aufbürde? 
  • Ist es besser, ich suche mir ein besseres Pferd, wenn ich mit meinem Pferd nicht glücklich bin? 
  • Und darf es einen Unterschied machen, ob ich Ausbilder bin oder einfach in meiner Freizeit reite? 

Ich habe auch schon öfter die Diskussion gehört, dass man beispielsweise mit einem Kaltblut keine Reitkunst betreiben dürfe, das Pferd wäre nicht dafür gemacht. Wenn ich mir allerdings Videos und Bilder von einigen Kollegen ansehe, dann komme ich nicht umhin eine wunderbare Leichtigkeit, Stolz und Selbstbewusstsein in den Pferden zu sehen. 

In erster Linie steht doch die Liebe. So wie wir als Kinder einfach Pferde lieben wollten, so steht auch die Liebe bei der Wahl des geliebten Pferdes an erster Stelle. 

Wenn wir der Reitkunst verfallen sind, dann kann es freilich auch für das Pferd leichter sein, wenn es hier auch ein gewisses Talent mit bringt. 

An dieser Stelle muss ich jedoch auch an meine Tabby denken: 

Tabby: Zum Schieben geboren

Meine Heldin Tarabaya. Mein Feuerfuchs. So viel Schub, so viel Ganggewalt und so viel Ehrgeiz meinerseits dem einmal ausgesprochenen Urteil („Das wird nie was mit der Hankenbeugung“) zu trotzen. 

Meine Beharrlichkeit hat Tabby mit Sicherheit viele Lebensjahre geschenkt, denn so haben wir eine lange unbemerkte Verletzung immer wieder rehabilitiert. 

Tabby war nicht für die Reitkunst geboren sondern wenn man sich die Pferdezucht und ihre Ziele ansieht eher fürs große Viereck und Verstärkungen. 

Ich hätte ihr niemals meine Wünsche aufzwingen können. Sie hat das Tempo bestimmt und vorgegeben. Sie hat mir alles beigebracht. Sie war nicht für die Reitkunst prädestiniert und hat dennoch so davon profitiert. 

Wir haben aber auch viel Zeit im Gelände verbracht, wir waren vielseitig unterwegs und haben mit zunehmender Ausbildung auch immer wieder ihre Stärken genutzt. 

Vielleicht wäre ich auf den ersten Blick schneller vorangekommen mit einem anderen Pferd, aber wäre ich das wirklich? 

Ich erinnere mich an einen der ersten Kurse 2018 mit meinem Lipizzaner Konrad. Hankenbeugung liegt ihm im Blut. Und sich vor Publikum präsentieren sowieso. Also hat er gezeigt, dass er nicht nur die Hilfen versteht sondern auch sehr gut umsetzen kann. Als ich aus der Langzügelposition im Stehen eine Parade verlangt habe, hat er sich so dermaßen in den Hanken gesetzt – dafür hätte ich mit Tabby noch viele Jahre an Arbeit gebraucht. 

Die Frage aus dem Publikum kam rasch: „Ob der Konrad das denn könne, weil er halt ein Lipizzaner sei“. Und Bent Branderup, der den Kurs leitete, antwortete:

„Natürlich bringt das Pferd die Fähigkeit mit, aber es ist die Fähigkeit des Ausbilders eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Ohne Kommunikation kein Miteinander und kein Verständnis“. 

So war es Tabby, die mir beigebracht hat sehr ordentlich und genau zu formulieren und Konrad der mich durch meine Klarheit so gut verstehen konnte. 

Der unangenehme Spiegel und der Egoist

Wenn ich darüber nachgedacht habe Barilla zu verkaufen oder das Reiten an den Nagel zu hängen, dann war das immer sehr unangenehm. Ich habe mir schließlich den Spiegel selbst vorgehalten und aufgezeigt, dass mein Ego gekränkt ist. Weil ich in den Augen anderer Leute nicht so gut reite, weil ich das mit der Formgebung nicht hinbekomme und und und…

Wir wachsen freilich immer mit den Aufgaben und ich bin sehr froh, dass es Aufgaben gibt, die mir beim Wachstum helfen. 

Ambition und Egoismus

Heute bin ich sehr froh, dass ich gewisse Ausbildungsziele verfolge. Die letzte Woche habe ich aber sämtliche Trainingspläne ad acta gelegt und war mit Konrad beispielsweise einfach nur im Gelände. Wir haben den goldenen Herbst genossen und die Sonnenstrahlen. Wir haben gemeinsam Wälder und Wege erkundet und waren abenteuerlustig. 

Natürlich möchte ich meinen Pferden Inhalte vermitteln, die zum Ziel haben Selbstbewusstsein und Stolz zu fördern, Freude an den gemeinsamen Aufgaben zu empfinden und Bewegungslust und Bewegungskompetenz zu steigern. 

Und ja, ich habe dabei auch Ambitionen, so möchte ich Versammlung bis ins kleinste Detail verstehen, je mehr man weiß, umso mehr weiß man ja, dass man nichts weiß. Jede Schwierigkeit und Hürde ist mir hier willkommen, denn genau daraus lerne ich. 

Ganz wichtig ist mir aber ein Mitspracherecht. 

So versuche ich von meinen drei Schimmeln den mitzunehmen, der mir auf dem Gang zur Weide oder zum Paddock schon von selbst entgegen kommt. Ich habe Tage, an denen ich beispielsweise mit Konrad in die Halle gehe, das Halfter abnehme und dann Konrad entschieden lasse, ob er etwas mit mir unternehmen möchte, oder ob er noch ein wenig soziale Medien schnüffeln möchte (Facebook für Pferde ist freilich, wenn man den Boden der Halle gründlich mit der Nase untersuchen darf). 

Ich möchte meinen Pferden so viel Entscheidungsfreiheit geben wie möglich. 

Nutzen sie das aus? Nein. Wenn sich Mandrake entscheidet in meine Hand zu beissen, als wäre es eine Karotte, dann darf ich natürlich klar Nein sagen. Wenn Konrad lieber in der Sonne döst und mir vorschlägt, zu endschleunigen, dann darf das freilich auch seinen Platz finden. 

Die Unzufriedenheit 

Ich habe schon erwähnt, dass mir Barilla meinen Spiegel der Unzufriedenheit schonungslos vorgehalten hat und mir klar war, dass nicht sie das Problem war, sondern ich. 

Ich kann verstehen, wenn man vom Zusammensein mit dem Pferd aufgerieben ist, wenn man die eigenen Ambitionen ständig hinten anstellen muss. Ich war selbst da. Ich kann verstehen, wenn man sich Gedanken bezüglich einer Trennung macht. Wir trennen uns doch auch im Leben unter Menschen von Freunden, die uns nicht mehr gut tun, machen mit unserem Partner Schluss oder wechseln den Job, wenn es nicht passt. 

Ich mache mir sehr viele Gedanken diesbezüglich. Dürfen wir uns aus Egoismus von einem Pferd trennen? Dürfen wir uns trennen, wenn wir bemerken, dass unser Pferd mit uns einfach nicht glücklich ist, mit einem anderen Menschen aber sehr wohl? 

Ich werde diese Fragen heute nicht beantworten. Ich weiß nur für mich selbst: Ich bin sehr froh, dass ich noch nie eines meiner Pferde verkaufen musste.

Ich habe mich sehr bewusst für meine Warmblutstuten entschieden und sie haben mir wirklich unfassbar viel beigebracht. Ich darf mich selbst durch Konrad, Amena und Mandrake entwickeln. 

Ich gebe uns aber viel Zeit und Raum. An erster Stelle steht für mich die Beziehung. Und ja, vielleicht kann man es faul nennen, keine Prüfung, kein Wettbewerb und keine Auszeichnung sind unser Antrieb. 

Ich denke an die Gespräche mit meinem Vater und möchte für meine Pferde auf jeden Fall eins sein: Die beste zweibeinige Freundin, die sie sich wünschen können. 

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