Ein neumodischer Flaschenkühler? Eine Nackenstütze? Was ist das rot-schwarze Ding? Wenn ich auf Reisen bin, sorgt meine Faszienrolle oft für erstaunte Blicke. Ohne meine Faszienrolle bin ich aber selten „on the road“. Als Facebook einen Kurs mit Stefanie Niggemeier zum Thema „Faszien und Alte Meister“ ankündigt, bin ich natürlich neugierig und bitte Stefanie um einen Gastartikel, den es heute zum Nachlesen gibt:

Die Faszie –  eine Modeerscheinung?

Faszien, dieser Tage ein ziemliches Modethema, sind absolut keine „Erfindung“ der letzten Jahre. Die Arbeit mit ihnen ist schon sehr alt, auch wenn man diese Arbeit nicht unter dem neumodischen Namen „Faszientraining“ kannte.

A.T. Still (geb.1828), der Erfinder der modernen Osteopathie und Ida Rolf ( geb.1896 in New York) ,Erfinderin der Faszientechnik „Rolfen“ arbeiteten Ende des 19.Jhrdts, Anfang des 20. Jahrhundert konkret mit Faszien und benannten diese auch so. Das Wissen um die Funktion der Faszien läßt sich jedoch schon bis zur griechischen Antike zurückverfolgen – nur eine der etlichen Parallelen zur Reitkunst. 2011 dann wurde an der Universität Ulm die „Fascia Research Group“ rund um Rolfing-Therapeut Robert Schleip gegründet, der es erstmals gelang, in bildgebenden Verfahren sowohl die Optik, als auch die Funktion und vor allem den Verlauf der Faszien, die den gesamten Körper wie ein Labyrinth aus Bindegewebsschichten durchzieht, nachzuweisen. Im Laufe der letzten Jahre wird den Experten die Wichtigkeit gesunder Faszien und Techniken oder Therapien zur Gesunderhaltung von Faszien immer klarer. Das hat zu einer Revolution im modernen Verständnis über Biomechanik und Bewegungslehre, aber auch gesundheitlicher Prozesse geführt. 2014 dann wurde an der Universität Kopenhagen nachgewiesen, dass die Faszienzüge von Mensch und Pferd vergleichsweise gleich verlaufen, was für uns als Ausbilder unserer Pferde natürlich sehr interessant ist.

Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts in der Sport- und Bewegungslehre viel Wert auf gleitende, schwingende Bewegungen, Gymnastik mit Ball, Band oder Reifen gelegt wurde, wurde dieser Sport im Humanbereich im Laufe der nächsten 50 Jahre mehr und mehr verworfen, bis es vor 30-40 Jahreh sogar galt, dass diese Bewegungen im Körper Schaden anrichten – die „ Trimm-Dich“ Welle in Deutschland startete, bei der vor allem Krafttraining im Vordergrund stand, weil alle Dreh-, Gleit- und Schwungbewegungen vermeintlich zu Schaden führten. Das Problem: die Menschen wurden immer steifer, körperliche Beschwerden und Haltungsschäden nahmen zu. Die moderne Bewegugnslehre hat sich dank der Erkenntnisse um die Faszien von dieser Theorie wieder abgewandt und man kann sagen, dass wir heute eine Art „ Renaissance des Schwingens und Federns“ haben.

Piaffenarbeit hält die Faszien in Schwung und sorgt für Versorgung im Körper- Foto Stefanie Niggemeier

Besehen wir uns die Lehren der alten Meister, dann wissen wir, dass es immer dann, wenn es also um „Schwung“, „Schwingungen“ oder „Schaukelbewegungen“ geht, die Faszien angesprochen werden. Diese Art der Arbeit lesen wir sowohl in der „Gli Ordini di Cavalcare“ von Frederico Grisone (Venedig, 1551), der die erste Ritterakademie der Renaissance in Europa im damals zu Spanien gehörenden Neapel gründete. Über seinen Schüler Pignatelli gab er seine Lehren an seine Enkelschüler in ganz Europa weiter, mit Antoine de Pluvinel wurde „ Faszienarbeit“, die Pluvinel ( Maneige Royal, 1623) natürlich noch nicht so nannte nach Frankreich, Georg Engelhardt von Löhneysen nutzte Elemente der Faszienarbeit in seiner „ Della Cavalleria „ ( 1609, Remmingen), um das Pferd für das damals hoch geschätzte Pferdebalett, das „ maneggiare“ zu schulen.

Pluvinel erfindet Lektionen wie die Piaffe und den Mezair, den zweitaktigen, gerade-geradergerichteten„ Schuakelpferdegalopp“, in der er das Pferd maximal „ schwingen und federn“ läßt und so sehr ökonomische, nachhaltige Bewegungen im Pferd etabliert. Das Wichtigste in der Arbeit der Renaissance: Natura non artis opus- die Natur und nicht die Kunst (vor allem das Künstliche!) ist das Ziel der Arbeit.

Alles, was nicht zur Verbesserung der Grundgangarten des Pferdes hilft, kann nicht sinnvoll sein, so erklären die Alten Meister.

„Schaukelsätze“ wie bei Pluvinel: dank Energiespeicherfunktion der Faszien effizient und ökonomisch für das Pferd. Foto: Martina Glahe

Wenn wir in der Zeitleiste der Geschichte der Reitkunst dann mehr in Richtung Gegenwart denken, führt kein Weg an Bernhard Hugo von Holleuffer vorbei, der in seiner „ Bearbeitung des Reit- und Kutschpferde zwischen den Pilaren“ (Hannover, 1882) nicht nur die Erfindung Pluvinels, den Doppelpilaren zur Schulung des Pferdes nutzt, sondern vor allem ausführlich über die elementare Wichtigkeit des Schwungs, der dreidimensionalen schwingenden Bewegung der Wirbelsäule schreibt. Auch wenn wir heute den Doppelpilaren nicht mehr nutzen wollen, ist doch das Verständnis des Inhaltes dieser Technik für uns heute vor allem in Hinsicht auf die Faszienarbeit interessant und wir können in zum Beispiel der Arbeit an der Hand oder Longe die Schulung des Pferdes im Stand nutzen, ohne dass wir irgendeine Art von Spannung oder Zwang, die der Doppelpilar durch das Fixieren des Pferdes schnell erzeugt, in unsere Arbeit bringen.

„Die Schwingungen werden von den Hinterbeinen aus in Bewegung gesetzt, theilen sich durch die Wirbelsäule dem Kopf und den Vorderschenkeln mit und bringen das Pferd gleichzeitig in die Anlehnung an das Gebiss. Die Schwingungen sind sichtbar , fühlbar und hörbar; in ihrer Vollkommenheit beruhen die Elastizität und die Kraft der Bewegungen , der ganze Werth des Pferdes, namentlich des Reitpferdes. Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger.“

Holleuffer benennt hier eine ganz wichtige Funktion der Faszie, die Fähigkeit zur Energiespeicherung- und- freisetzung, die Elastizität. Die aus Collagenfasern bestehenden Faszien haben die Eigenschaft, im Laufe der Zeit und bei „ Nichtbenutzung“ zu verfilzen und führen schlimmstenfalls zu Unbeweglichkeiten in diesem Bereich. Hier können Techniken wie Osteopathie, Rolfing oder auch die Anwendung einer Faszienrolle helfen, doch Vorsicht! Faszien verfilzen niemals ohne Grund, sie wollen durch diesen Prozess etwas schützen und halten. Gerade bei der Arbeit mit der Fazienrolle sollte man nicht vergessen, dass sie ursprünglich entwickelt wurden, um „ Fascial SELF release“ zu erreichen, also eine Selbstmassage des Menschen. Von Faszienrollen aus Holz , Metallrädchen zur Stimulierung, etc. sollte man meiner Erfahrung nach besser absehen, weil man hiermit nur eine „ Fremdmassage“ beim Pferd anwenden kann. Besser wäre hier das gründliche Putzen entlang des Fellstrichs mit einer weichen Bürste, das die Versorgung der Oberflächenfaszie oftmals deutlich besser und vor allem deutlich schonender stimuliert als alles Andere. Auch ein Abstreichen mit der Hand entlang der Faszienverläufe, wie wir es schon in der Reitkunst der Renaissance lesen können, hilft dem Pferd besser als jedes Hilfsmittel. Je größer des Problem des Pferdes im Bereich der Faszien ist, desto mehr sollte man hieran denken.

Udo Bürger dann schreibt in seiner „Vollendeten Reitkunst“ vor knapp 60 Jahren dann namentlich über die Wichtigkeit der gesunden Faszien für das Pferd und gibt uns elementar wichtige Gedanken über den Zusammenhang von Faszien, Haltung des Pferdes und Handeinwirkung des Reiters mit auf den Weg. Vor allem das Zungenbein das man quasi als „ Faszienknochen“- falls es so etwas Paradoxes geben könnte- bezeichnen kann beschäftigt nicht nur Bürger. Die Reitmeister der Renaissance legen größten Wert auf die Wahl der richtigen Zäumungen und Gebisse, nicht zufällig schreibt Löhneysen 1587 ein Buch „Über die Zäumung“, in dem er über 14000 verschiedene Kandaren, verschiedene Kappzäume und gebisslose Zäumungen zeigt und erklärt. Pluvinel erfindet einen speziellen Kappzaum für seine Arbeit und beschreibt ausführlich die Gewöhnung oder Korrektur des Pferdes an das passende Gebiss. Auch über den Zusammenhang von Atmung und Faszien, sowie für die Tragfähigkeit des Pferdes wichtige und ungute fasziale Ketten im Pferdekörper weiß Pluvinel, ohne sie mit ihrem modernen Namen benennen zu können.

Die bekannteste fasziale Störung ist das Trageerschöpfungssymptom, die auch bei nicht gerittenen Pferden auftreten kann. Die Faszie als Bindeglied zwischen Körper und Geist und in ihrer Funktion als „ externe Speicherplatte“ der Seele des Lebewesens zeigt mit einem solchen Bild, dass sie etwas nicht mehr ( er-)tragen kann. Das kann eine Haltungsform oder Herdenkonstellation ebenso sein wie eine falsche Vorstellung von Trainingsaufbau oder Trainingsanspruch. 72 Stunden brauchen Faszien, um sich nach Input zu regenerieren, was sich genau damit deckt, dass schon Löhneysen dazu rät,das geschulte Pferd nicht öfter als drei Mal die Woche zu arbeiten und ansonsten lediglich für leichte Bewegung oder sogar Pause zu sorgen. Ein Tragerschöpftes Pferd braucht also kein Muskeltraining, sondern es braucht Schwung – in seinen Synonymen auch Verve, Lebensfreude und Begeisterung genannt. Bei verklebten Faszien ist die Versorgung des Gewebes oft so stark eingeschränkt, dass ein Zuwachs im Bereich der Muskulatur sowieso nicht möglich ist- es handelt sich um eine ganz andere Baustelle.

Hier kommen wir zur wichtigen Funktion des Lobes: schon Grisone betont, man solle „ dem Pferd schöntun“, sobald es gut gearbeitet habe. Wir wissen heute: zu 70 % lernt der Faszienkörper durch Fremdwahrnehmung, Lob ist also wichtiger für das Gesunderhalten des Körpers während der Arbeit als alles Andere. Aber auch das Gefühl, eine Aufgabe gestellt bekommt zu haben, die das Pferd gut lösen konnte, ist wichtig für unseren Partner Pferd und schafft Zufriedenheit und Selbstwertgefühl.

Gesunde Faszien sieht man dem Pferd an, es wirkt rund, das Fell glänzt Dank Versorgung der Oberflächenfaszie, hat eine gute Haltung, in der es sich selber, aber auch einen Reiter tragen kann, ist körperlich und mental in Balance, ist bewegungsfroh, hat Interesse an Sozialkontakt mit anderen Pferden und auch Menschen, es wirkt „ stolz und schön, so, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde“, wie schon Xenophon vor 2400 Jahren das Ziel der Arbeit mit dem Pferd beschreibt.

Wichtige Fakten über Faszien

  • Alle bindegewebsartigen Strukturen wie Muskel- und Organhüllen, Knochenhäute, Sehnen, Bänder, aber auch Hornhäute im Auge und Huflederhäute beim Pferd werden Faszien genannt
  • Faszien bestehen aus Collagenfasern und einer wässrigen Zuckerlösung ( Hyaloronsäure) und machen rund ein Drittel bis ein Viertel des Gesamtkörpergewichtes aus;
  • über 80 000 freie Nervenendungen in den Faszien machen sie zu einem körperinternen Kommunikationsorgan, das Alles mit Allem im Körper im Austausch hält
  • Faszien trennen alle fremden und gleichen Strukturen im Körper ,wie zB Muskeln von Knochen oder Muskeln von Muskeln und sorgen so für reibungsarme Abläufe im Körper
  • Faszien können Energie speichern und freisetzen, sie machen ökonomische Bewegung für den Körper erst möglich
  • Faszien sind das „ Bindeglied“ zwischen Körper und Seele und haben in ihrer Fähigkeit, Energie zu speichern die Funktion einer „ externen Speicherplatte“ der Seele, indem sie in der Lage sind, Traumata und Stress die Spitze zu nehmen und im Körper abzuspeichern. Arbeit mit den Faszien ist also immer Arbeit mit Körper und Geist des Individuums

 

Mehr zum Thema bei Stefanie Niggemeier:

Regelmäßig arbeiten wir hier bei uns in 33106 Paderborn zum Thema gesundem Trainingsaufbau, Gebisskunde und Bewegungslehre, auch des Menschen. Letzteres Projekt liegt mir besonders am Herzen, wenn wir drei Mal im Jahr unsere „ moderne Ritterakademie“ namens FLOWer-Konzept nach dem Vorbild Grisones im Sinne einer umfassenden, ganzheitlichen Schulung von Geist und Körper in verschiedenen Aspekten rund um das Thema Reitkunst veranstalten. Nur dann, wenn wir wissen, was gesund für das Pferd ist, so glaube ich, können wir richtig von ungünstig unterscheiden lernen. Hinzu kommt, dass man nur das vom Pferd verlangen kann, was man selber mit Hilfe gezielter Körpersprache oder eines balancierten Sitzes als Frage formulieren kann. Die Schulung des Menschen für Pferde ist also das Ziel meiner Arbeit.

Wer sich für das Thema Faszien eingehender interessiert, der ist herzlich eingeladen bei einer unserer Veranstaltungen gezielt zu diesem Thema neben weiterführender , vertiefender Information auch einmal Faszienarbeit live zu erleben, um sich selber ein Bild von den Effekten dieser schon ganz alten, sehr modernen Techniken zu machen.

Stefanie Niggemeier

www.barocke-pferdeausbildung.de

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