Bodenarbeit ist Basis, Entwicklung einer gemeinsamen Sprache, Fokus, Erziehung, Entwicklung guter Gewohnheiten und manchmal….nervenaufreibend, wenn man vor dem Pferd unterwegs ist. 

Die Frontposition und das rückwärts 

Wer sich mit der Bodenarbeit in der Akademischen Reitkunst beschäftigt, der beschäftigt sich (häufig zum ersten Mal) mit dem Thema rückwärts laufen – denn in der Bodenarbeit laufen wir mit Blick auf das Pferd rückwärts. 

Rückwärts bedeutet eine neue Belastung und Bewegung für den eigenen Körper, was durchaus auch positive Effekte für die eigene Hüfte, Wirbelsäule und Muskulatur hat. Die Hüfte wird gekrläftigt und das kommt freilich auch der Wirbelsäule und ihrer Schwingung zu gute. 

Gerade Menschen, die viel im Büro sitzen leiden unter einer schwachen Rückenmuskulatur und einer schwachen Hüfte. Ein wenig Rückwärts kann blockierte oder verschobene Beckenschaufeln wieder frei legen. Daneben gibt es ein Vorkaut für Waden- und Oberschenkelmuskulatur, auch die Arme werden gekräftigt und wir schulen unsere Balance und Körpergefühl. 


Soweit so gut. Voll motiviert wagen wir uns also an das Rückwärts und sind plötzlich nicht in der Frontposition sondern kämpfen an einer ganz anderen Front – unser liebes Pferd kann plötzlich folgendes: 

  • Uns in der Bewegung vor sich her schieben
  • Beißen und schnappen
  • Den Strick ins Maul nehmen und nicht mehr los lassen 
  • Gegen unsere Hand drücken
  • Volles Tempo aufnehmen
  • Nicht mehr bremsen, wenn wir das gerne möchten
  • Höchst unzufrieden schauen

Die Vorteile der Frontposition 

Bevor wir darüber diskutieren, ob die Frontposition tatsächlich sein muss – ein paar Vorteile der Position im Überblick

In der Frontposition

  • ..erhalten wir einen Überblick über unser Pferd. Wir können es von Genick bis Schweif gut überblicken, so das Größenverhältnis es zulässt. Wir können das innere Hinterbein gut beobachten, den Moment des Abfussens und des Auffussens gut begleiten und lernen ein korrektes Timing zur Einflussnahme
  • ..lernen wir nicht nur unseren Blick zu schulen, sondern auch unser Gefühl zu verknüpfen. Wenn das Hinterbein sich „so“ bewegt, dann fühlt es sich „so“ in meiner Hand an. Diese Verknüpfung ist freilich auch nützlich, wenn wir später gänzlich unserem Gefühl vertrauen und dieses Gefühl auch mit dem „fühlenden Sitz“ verbinden wollen
  • ..können wir die Sekundarhilfen entwickeln: Das bedeutet, dass wir eine Sprache für einen indirekten inneren und äußeren Zügel, einen inneren und äußeren Schenkel erarbeiten, wir über das Lösen, Stellen und Biegen mit unserem Pferd fachsimpeln können. 
  • ..schaffen wir ein Fundament, also eine solide Basis für die Hilfengebung, die wir später in weitere Positionen mitnehmen können. 

Die Nachteile der Frontposition 

Die Frontposition wird nicht unbedingt einfacher, wenn wir es mit einem sehr großen Pferd zu tun haben, das wir schlecht überblicken können. Kleiner Mensch und großer Friese? Das bedeutet viel schwarze Wand vor uns. Wenn das Pferd dann auch noch mit viel Schub ausgestattet ist, dann werden wir von der Wand völlig überfahren – und jetzt stellen wir uns noch vor, die Wand hätte auch noch Zähne? 

Die Frontposition und worüber niemand gerne spricht…

Über die Nachteile der Frontposition spricht man nicht immer gerne. Für viele Pferdebesitzer ist es freilich auch emotional schwierig, das ständige Geschnappe des Pferdes zu sehen. Einerseits nimmt man die Sache mal persönlich, andererseits ist man – vor allem, wenn man wie so oft im Leben nicht ständig den Trainer neben sich stehen hat auch unsicher, was das Pferd damit sagen möchte. 

Muss es immer die Frontposition sein? 

Nein. Muss nicht. Was ich in der Frontposition gerade beim Folgen (Following) erreichen möchte ist: Das Pferd wendet mit der äußeren Schulter auf mich zu – die äußere Schulter ist also immer „wendebereit“, das äußere Vorderbein läuft nicht aus dem Zirkel nach außen, sondern bleibt auf der meist zirkulären Linie. Das Pferd beginnt sich sachte um den inneren Schenkel zu biegen. 

Das kann ich prinzipiell auch in einer anderen Position ausführen – und so langsam den Weg zur Frontposition erarbeiten. 

Mein Lusitano Mandrake übt sich gerade in vornehmer Zurückhaltung – und ich tue es ihm gleich. Mehr dazu im aktuellen Video: 

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Alternativen zur Frontposition? 

Im Grunde versuche ich die Frontposition nicht gänzlich zu meiden, aber ich arbeite mit sehr geringen Dosen und mit wenig Kontakt am Kappzaum. Je besser sich das Pferd über die korrekte Biegung und Aktivität der Hinterhand, die in eine leichte äußere Schulter mündet formen kann, umso weniger „abhängig“ werde ich auch von meiner Hand. 

Es ist gut, auch mal in schwierige Bereiche zu gelangen – aber man muss sich nicht immer der Schwierigkeit aussetzen. Viele Schüler waren frustriert, schließlich schien die Frontposition die einzige Möglichkeit, in der ein Pferd ausgebildet werden kann. Es klappt auch von der Seite – allerdings kann es sein, dass man als innerer Zügel unterwegs ist, indirekt versteht sich – und über den eigenen Körper das Pferd auf die äußere Schulter wirft. Hat man in der Frontposition sein Auge und Gefühl geschult, kann man dies leichter sehen. Auch von außen lässt sich ein erstes gemeinsames Bewegen und Formen gut etablieren. Es gibt viele Alternativen – trotzdem möchte ich mich für die Arbeit im Stand und im Detail vor dem Pferd positionieren dürfen. Und wenn das heute noch nicht klappt? Und wenn schon. Wir haben die wichtigste Zutat in der Ausbildung vergessen. Zeit und die dürfen wir uns einfach nehmen. Das ist die einzige Zutat, die wir freilich einfach so geschenkt bekommen – auch wenn wir das manchmal selbst nicht glauben. 

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