Viele Menschen assoziieren das Wort Lernen mit Negativem. Es bedeutet für die Meisten Anstrengung, Ausdauer und hin und wieder auch Langeweile. Besonders wenn es manchmal hart und frustrierend ist, vor allem bei Inhalten die uns nicht sonderlich interessieren oder bei denen wir an unsere Grenzen stoßen, wird es zäh. 

Man lernt nie aus

Doch Lernen kann auch Spaß bereiten, Unterhaltung bieten, glücklich und zufrieden machen. Jeder erinnert sich bestimmt an Themen im Laufe seiner schulischen Karriere, die uns enormes Kopfzerbrechen bereitet haben. Dafür wurde man aber auch mit Glücksgefühlen belohnt, wenn man trotz aller Hürden sein Lernziel oder eine gute Note erreicht hat. Natürlich gehören zum Lernen nicht nur trockene theoretische Inhalte, auch der Erwerb von neuen Fertigkeiten und Fähigkeiten kann per se Vergnügen bereiten. Ich denke, jeder von uns hatte schon mal dieses befriedigende und schöne Gefühl, wenn er etwas Neues erlernt und dann auch gekonnt hat. 

Die wichtigste Voraussetzung, dass Lernen Freude macht, ist die Neugierde auf Neues. Wenn ein Inhalt interessant ist und man Spaß an der Thematik hat, dann fällt das Lernen besonders leicht. Man muss sich nicht mal überwinden. 

So soll sich das Lernen auch für uns Reiter anfühlen. Wir sind stets bemüht, für das Wohlergehen unserer Pferde zu sorgen.  Wir wollen nur das Beste für sie. Das bedeutet aber auch lebenslanges Lernen, das sind wir unseren Pferden schuldig. 

„Es ist keine Schande nichts zu wissen, wohl aber, nichts lernen zu wollen.“

Platon

Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen!

  • Motivation & Begeisterung sind der beste Antrieb!
  • Positiv Denken: Lernen beginnt im Kopf! Geh positiv an eine Sache, dann gelingt sie gleich viel besser. Mut zur mehr Selbstvertrauen! 
  • Gedächtnistechniken: Es gibt die unterschiedlichsten Techniken wie man sich Fakten, Vokabeln… leichter einprägen kann. 
  • Offenheit & Neugierde: lasst uns zu Entdeckern und Forschern werden.  
  • Wissen darüber welcher Lerntyp man ist – jeder Mensch lernt auf seine eigene Art und Weise. Umso bewusster man sich wird, wie man am besten lernt, umso einfacher wird es auch.

Wir als Lehrer unserer Pferde sollten natürlich auch einiges beachten!

  • Zwischen uns, den Ausbildern und dem Lernenden, den Pferden, muss ein respektvoller und wertschätzender Umgang herrschen.  
  • Die Pferde fordern und verständnisvoll unterstützen
  • Es ist besonders wichtig, dass wir Ausbilder auch Vertrauen in das Weiterkommen, in die Lernfähigkeit unserer Pferde haben. Wir sollen an unsere Pferde glauben und ihnen dieses Gefühl auch vermitteln. 
  • Wichtig für den Erfolg des Pferdes ist, dass wir natürlich sehr gute fachliche Kompetenzen haben, aber auch die Fähigkeit besitzen sie den Schülern, den Pferden, zu vermitteln und das individuelle subjektive Befinden des Pferdes erkennen und darauf eingehen. 

Das Lernklima

Sowohl wir Menschen als auch unsere Pferde brauchen ein positives Lernklima damit wir uns wohlfühlen und aufnahmefähig sind. Angst hemmt unsere Lernfähigkeit. Lernen muss frei von Bedrohung stattfinden. 

Es muss eine unbedingte Wertschätzung herrschen und einfühlendes Verstehen. 

Der junge Lipizzaner Maestoso Amena hat gelernt, seiner Ausbilderin zu folgen. Vielen Pferden ist die Frontposition zu Beginn suspekt, in einer positiven Lernatmosphäre können sich die Jungpferde vertrauensvoll ausprobieren.

Auch die Grundbedürfnisse müssen erfüllt sein. Damit meine ich sowohl beim Menschen als auch beim Pferd, dass grundlegende Bedürfnisse erfüllt sein müssen. Mit hungrigem Magen lernt es sich nicht besonders gut. Auch Schlafmangel, Durst und ein mangelndes Sicherheitsgefühl beeinträchtigen den Lernerfolg erheblich. 

Die Konditionierungen

Erfahrungen prägen Menschen und auch Tiere.  Wir prägen uns schmerzhafte Erlebnisse dauerhaft ein (Die Spritze vom Arzt war unangenehm), wir merken uns Lob auch sehr gut und wir lernen durch die Beobachtung unserer Geschwister, Warum sollte es dem Pferd da anders gehen? Auch Pferde lernen durch ihre Erfahrungen stets dazu. Es gibt unterschiedliche Erfahrungen die zu unterschiedlichen Formen des Lernens führen. 

Die Klassische Konditionierung

Iwan Pawlow untersuchte das Verdauungssystem von Säugetieren und experimentierte hierzu mit Hunden. Er wusste, dass ein hungriger Hund mit verstärktem Speichelfluss reagiert, wenn man ihm Futter vorsetzte.  Vor dem Füttern des Hundes wurden regelmäßig noch andere Reize präsentiert, wie zuerst unbeabsichtigt die Schritte des Wärters und später beabsichtigt das Klingeln einer Glocke. Diese Reize, die Schritte und die Glocke haben von Natur aus gar nichts mit der Nahrungsaufnahme und der Verdauung zu tun. Zu Beginn hat sie das Tier nur kurz beachtet, erst nach einiger Zeit mit vielen Wiederholungen zeigte sich eine Veränderung. Ursprünglich neutrale Reize, wie Schritte oder der Glockenschlag lösten nun den Speichelfluss aus, auch wenn noch kein Futter gereicht wurde. Das Tier hat somit einen bedingten Reflex auf einen ursprünglich neutralen Reiz erworben. 

Reizgeneralisierung nennt man das Verhalten des Hundes, wenn dieser die konditionierte Reaktion (Speichelfluss) auch bei ähnlichen Geräuschen zeigt, die mit dem Geräusch der Glocke nur zum Teil übereinstimmen. 

Von Reizdiskriminierung sprichtman, wenn der Hund nur bei einer bestimmten Tonhöhe Futter erhält.

Extinktion oder Löschung bedeutet, dass auf den bisherigen konditionierten Reiz (Glocke) kein Futter mehr folgt. 

Auch wenn sie gelöscht wurden, werden Konditionierte Verhaltensweisen wieder schneller erlernt, als Verhaltensweisen die NIE konditioniert worden sind. Beachte auch, dass die Konditionierung eines Reizes immer leichter ist als die Löschung.

Durch die Klassische Konditionierung können also sowohl positive, als auch negative Gefühle entstehen.

Hier noch ein paar Beispiele aus dem Alltag im Stall:

Die Stute Kira hat bereits schlechte Erfahrung mit Hornissen gemacht. Jedes Mal, wenn Kira seit diesen Vorfällen eine Hornisse sieht und hört, wird sie panisch, da sie sich an die Schmerzen erinnert.

Die Pferde im Stall reagieren aufgeregt auf das Geräusch des Futterwagens, weil sie das Geräusch mit dem Futter verbinden. Teilweise entwicklen Pferde sogar Verhaltensstörungen, weil das Geräusch sie in so einen erregten Zustand versetzt. 

Das Pferd verbindet den Geruch des Tierarztes mit den daraufhin folgenden Schmerzen der Behandlung. Sobald das Pferd den Geruch des Tierarztes wahrnimmt, kommt es zu einer negativen Erwartungshaltung.

Amena lernt alle Positionen der Bodenarbeit kennen. Er ist konzentriert und motiviert bei der Sache.

Hier ein Beispiel der Klassischen Konditionierung in der Arbeit mit dem Pferd: 

Das Pferd lernt die Bedeutung eines neuen Reizes.  Nehmen wir an, wir wollen dem Pferd das Antreten in den Schritt durch das Stimmkommando „Schritt“ beibringen. Der Mensch sollte die gewünschte Reaktion des Pferdes – in diesem Fall das Antreten in den Schritt – durch einen natürlichen Reiz wie das leichte Touchieren mit der Gerte an der Hinterhand auslösen. Wird der neutrale Reiz, das Stimmkommando häufig mit dem natürlichen Reiz (dem leichten Touchieren) kombiniert, wird das Stimmkommando alleine bald die gewünschte Reaktion auslösen. 

Die operante Konditionierung

Die operante Konditionierung spielt sich anders als die klassische Konditionierung im bewussten Denken des Pferdes ab. Durch verschiedene Verhaltensweisen versucht das Pferd herauszufinden, welches Verhalten erfolgversprechend ist und welches nicht, welches seinen Zustand verbessert oder verschlechtert. Je nachdem wird das Pferd entscheiden ob es das Verhalten nochmals zeigt oder nicht. Die operante Konditionierung wirauch „Lernen am Erfolg“ genannt.

Die operante Konditionierung ist also ein Prozess, in dem die Auftrittswahrscheinlichkeit eines Verhaltens durch Verstärkung erhöht wird. 

Es gibt unterschiedliche Verstärker und zwar: 

  • Positive Verstärkung geschieht durch das Hinzufügen eines positiven Reizes wie zum Beispiel Futter oder Kraulen. Futter als Belohnung hat auch noch den Vorteil, da die Kaubewegung entspannend auf das Pferd wirkt. Das Wichtigste ist jedenfalls, dass es für das Pferd etwas Positives ist. Ein sekundärer Verstärker wäre zum Beispiel Stimmlob. Hier muss das Pferd erst lernen, dass es sich um eine Belohnung handelt.

    Die positive Verstärkung ist eine sehr wirkungsvolle Methode, da das Pferd nicht von unangenehmen Reizen beeinflusst wird und es Freude verspürt.

    Das Pferd zeigt ein bestimmtes Verhalten und wird für das richtige Verhalten gelobt und erkennt, dass es sich lohnt etwas Bestimmtes zu machen. Somit wird es dieses Verhalten gerne wiederholen. 
  • Negative Verstärkung geschieht durch die Wegnahme eines negativen Reizes. Ein Beispiel wäre der Zügeldruck, der so lange anhält, bis das Pferd nachgibt; erst dann verschwindet der Druck und das Pferd verspürt Erleichterung. 

    Das Pferd zeigt ein bestimmtes Verhalten welches mit unangenehmen Konsequenzen verknüpft ist. Erst wenn es das richtige Verhalten zeigen wird, wird die negative Verstärkung verschwinden.
  • Positive Strafe – Ein bestimmtes Verhalten wird vom Pferd nicht mehr gezeigt, weil als Konsequenz etwas Unangenehmes folgt. Solche Erfahrungen bleiben Pferden ganz lange im Gedächtnis, darum ist der vermeintliche Lernerfolg auch sehr groß. Das Pferd verspürt jedoch Angst dabei – an dieser Stelle muss freilich auch diskutiert werden, ob es zu tolerieren ist, wenn man seinen Schüler nur durch Angst zu Leistung treibt. 

    Das Pferd zeigt ein Verhalten und ein unangenehmer Reiz wird aktiv vom Menschen hinzugefügt. Das Pferd wird mit hoher Wahrscheinlichkeit dieses Verhalten in Zukunft vermeiden. Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd erlebt dabei aber mit Sicherheit keine besondere Qualität. 
  • Negative Strafe/Löschung – Ein bestimmtes Verhalten wird weniger, weil es ignoriert wird oder weil als Konsequenz etwas entfernt bzw. vorenthalten wird. Das Pferd wird enttäuscht sein. 

    Das Pferd zeigt ein Verhalten und etwas Angenehmes wird ihm entzogen. Das Pferd wird sein Verhalten ändern um das angenehme Gefühl wieder zu bekommen. 
  • Premack- Prinzip: Nicht nur Reizereignisse, sondern auch ein anderes Verhalten, welches das Pferd sehr gerne macht, könnte als positiver Verstärker wirken. Sprich, ein weniger attraktives Verhalten wird durch ein attraktives Verhalten verstärkt.

Zwei Beispiele

  • Das Pferd ist eher faul und geht nicht so gerne vorwärts. Wenn man ihm aber schmackhaft machen kann, dass es durch ein rundes flottes Vorwärtsgehen dafür eine Stehpause machen kann, wird es fleissiger sein.
  • Das Kind soll sein Zimmer aufräumen und darf dafür Fernsehen.
Amena bekommt viel Lob, das macht ihn selbstsicherer und selbstbewusster. Dies zeigt sich bei Pferden auch gerne in der Rangordnung, wenn die Pferde selbstbewusst auftreten.

Wie viel sollte man verstärken? 

Verstärkungen sollten immer maßvoll angewendet und natürlich auch dem Lernstand des Pferdes angepasst werden: So wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Man sollte auch beachten, dass es falsch wäre, ein Pferd nie für etwas zu verstärken was es ohnehin bereits schon brav macht.  Aber es wäre auch falsch ein Pferd ständig für ein Verhalten zu verstärken, das keine Verbesserung zu dem Verhalten davor darstellt.

Wann sollte man verstärken? 

Die Verstärkung sollte möglichst unmittelbar auf das erwünschte Verhalten folgen. Selbst wenn die Verstärkung nur leicht war, wird sie wirksamer direkt nach dem Verhalten sein, als eine Verstärkung die, zwar intensiver, aber zu einem etwas späterem Zeitpunkt passiert ist. 

Was tun bei unerwünschtem Verhalten? 

Unerwünschtes Verhalten kann durch Ignorieren gelöscht werden. Es klingt einfacher als es ist. Häufig passieren dabei Fehler. 

  • In der Realität wird unerwünschtes Verhalten häufig ungewollt verstärkt. Das Pferd scharrt und wir drehen uns zu ihm um oder schenken ihm durch Ermahnungen Aufmerksamkeit.
  • Wenn die bisherige Androhung der Strafe wegfällt, nimmt das unerwünschte Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit erst mal zu. 
  • Häufig passiert es, dass das unerwünschte Verhalten nicht konsequent ignoriert wird, sondern gelegentlich doch beachtet und somit verstärkt wird. 

Am besten ist, wenn eine Löschung mit einer Verstärkung eines alternativen Verhaltens kombiniert wird, welches mit dem Verhalten, welches nicht erwünscht ist, nicht zusammenpasst.

Ich versuche das scharrende Pferd für ruhiges Stehen zu verstärken. Ruhiges Stehen schließt das Scharren aus.   

Soll ich mein Pferd bestrafen? 

Ein Verhalten welches nicht erwünscht ist, wird durch den Einsatz von Strafen zwar unterdrückt (zumindest vorübergehend), ist aber pädagogisch natürlich umstritten. Strafen führen zu Frust, Aggression und Angst. 

Bewusstes Ignorieren von Regeln darf allerdings nicht ohne Konsequenz bleiben, wenn diese Regeln Gültigkeit haben sollen.

Wie bereits oben erwähnt, kann auch das Wegnehmen von angenehmen Reizen bestrafend wirken. 

Mit Strafen sollte immer so sparsam wie möglich umgegangen werden. 

Foto 4: Amena hört konzentriert zu und nimmt Julias positive Ausstrahlung wahr.

Lernen durch Beobachtung

Pferde lernen auch durch Abschauen! Wenn ein Tier etwas von einem anderen Tier nachahmt und dieses Verhalten weder angeboren noch erlernt ist, nennt man das Lernen durch Beobachtung bzw. Modelllernen. Das Pferd beobachtet seinen Artgenossen und kopiert sein Verhaltensmuster. So werden plötzlich aus einem Futtertonnenöffner zwei oder drei. 

Pferde, die andere Pferde bei der Lösung einer Aufgabe beobachten, brauchen ein enormes Abstraktionsvermögen um das gerade Gesehene auf sich selbst zu übertragen. Von großer Bedeutung ist hier auch die Beziehung zwischen den Pferden. Umso besser sie das Pferd kannten und ihm vertrauen welches sie beobachteten, umso besser lernten sie. Pferde versprechen sich einen Vorteil, wenn sie sich verhalten wie ranghöhere Pferde um selbst in der Herdenhierarchie aufzusteigen. 

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