Am Anfang war immer die Bewegung – aber gleich wie bei der Henne und dem Ei lautet die Frage: Wirbelsäule oder Pferdebeine? Rückenschwung oder Rückenkrumm? 

Das Ideal? 

Im folgenden Video schauen wir uns die Causa Rückenschwung noch einmal genauer an: 

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Warum hakt es mit dem Rückenschwung? 

Ein ganz wichtiger Punkt in der Ausbildung von Reitpferden ist Zwanglosigkeit. Wenn das Pferd mit einem Gewicht auf dem Rücken konfrontiert wird, dann kann es sein, dass es den Rücken weg drückt oder krampfhaft nach oben aufwölbt. Beide Szenarien verhindern eine korrekte Tätigkeit des Rückens, also eine korrekte und gleichmässige dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule.

Gustav Steinbrecht schreibt in seinem Gymnasium des Pferdes:

„Der Rücken des Pferdes muss in beide Richtungen biegsam sein, also sowohl in der senkrechten als auch in der waagrechten. Seine Beweglichkeit ist nach beiden Richtungen nur gering, und zwar umso geringer, je kürzer er ist und je näher daher die Dornfortsätze der Rückenwirbel und Rippen zusammen stehen. Die Gelenke des Rückgrats werden durch die oberhalb und seitlich von diesem gelagerten Rückenmuskeln sowie durch die Bauchmuskeln bewegt.“

Gustav Steinbrecht, Das Gymnasium des Pferdes, 1885

Der Brustkorb des Pferdes bewegt sich also auf und ab, nach vor und zurück und in Rotation. All das ergibt in Kombination eine dreidimensionale Schwingung.

Wie immer dreht sich alles in der „Was-muss-wann-wie-passieren“-Kette um die Hinterbeine. Einerseits müssen wir als Reiter die Hinterbeine korrekt platzieren, so dass die Hinterbeine im Moment der Standbeinphase eine adäquate Kraft über das Becken an die Wirbelsäule weiter geben. Andererseits geht es um das „Loslassen“, das Vertrauen des Pferdes, das freilich beispielsweise durch eine zu harte Reiterhand gestört werden kann. Wenn der Reiter den Rückenschwung beispielsweise mit der Hand blockiert, kann man sich noch und nöcher bemühen, die Hinterbeine korrekt zu platzieren. Und wie das so ist mit Pferden – eine schlechte Erfahrung ist sehr einprägsam und beständig.

Beim falschen Rückenschwung ist die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule nicht gegeben, im Prinzip muss – für einen korrekten Rückenschwung jeder Teil in Punkto Biomechanik perfekt ineinander greifen. Wenn das Pferd nicht über den Rücken schwingt, dann drückt es den Rücken meistens weg, wenn die Pferde nach hinten oben nicken. Der Brustkorb sackt ab hinter dem Widerrist, die Hinterhand stellt sich raus, das Pferd zeigt den Unterhals. Die Dornfortsätze des Widerrists nähern sich einander an. 

Stellen wir uns vor, wir hätten einen Gartentisch, dessen Klappbeine genau senkrecht am Rand des Tisches stehen, nun ist alles in Balance. Wenn wir die Klappbeine jedoch nach außen, außerhalb der Masse platzieren, bricht der Tisch bald zusammen, es herrscht keine Tragkraft.

Es heißt ja immer – über den Rücken, an die Hand heran. 

Vereinfacht gesagt, muss ich als Reiter dafür sorgen:

  • dass mir mein Pferd vertraut
  • dass sich mein Pferd vertrauensvoll an meine Hand dehnt. Es hat meine Hand kennen gelernt als Quelle der Information, vielleicht als korrektiv, aber niemals etwas, das es einschränkt
  • dass sich mein Pferd ordentlich um den inneren Schenkel und vom äußeren Schenkel weg biegt
  • dass es Balance halten kann
  • dass es Tempo und Takt gleichmässig beibehalten kann

Weitere Faktoren sind freilich auch Durchlässigkeit und Geraderichtung sowie ein korrektes Vorwärts, also der schon angesprochene Vorgriff der Hinterbeine.

ist das Pferd korrekt über den Rücken unterwegs, sehen wir nicht nur die Nickbewegung nach vorne unten, sondern auch ein vertrauensvolles Dehnen zur Hand hin, das bedeutet Balance, Tempo und Takt verändern sich nicht, wenn der Reiter etwas mehr Dehnung zulässt oder das Pferd wieder etwas mehr aufnimmt.

In der Bodenarbeit kann ein Pferd ebenso nicht über den Rücken unterwegs sein, wenn der Reiter beispielsweise zu langsam vor dem Pferd rückwärts unterwegs ist. Sind wir nahe dran, dann hat das Pferd auch die Möglichkeit seinen Unmut kund zu tun, manchmal ist Schnappen, drängeln oder mit dem Kopf stoßen auch gar kein Ungehorsam, sondern als wichtiger Hinweis des Pferdes zu bewerten, da der Mensch das Pferd nicht schwingen lässt. Stellen wir uns vor, wir bewegen uns, jemand hält hinter uns unsere Arme über dem Rücken fest. Unser Rückenschwung wird dadurch extrem eingeschränkt. Auch das ist nicht angenehm.

Wenn sich Pferde hinter der Hand verkriechen und einrollen wäre das auch noch eine Möglichkeit für falschen Rückenschwung, dann schwingt meist nämlich auch sehr wenig, weshalb eine tiefe Einstellung oft erwünscht ist, wenn Reiter nicht zum Sitzen kommen.

Fragen zum Thema Rückenschwung

Meine Schüler aus dem Onlinekurs haben mir im Forum ein paar Fragen zum Rückenschwung gestellt: 

Worauf achte ich, um herauszufinden, ob der Rückenschwung korrekt ist? 

Wenn die Hinterbeine nach vorne fußen, dann sollte sich die gleichseitige Hüfte nach vorne-unten bewegen. Der Rumpf wird dadurch nach vorne-unten bewegt. Gleichzeitig kommt der Rumpf auf der gegenüberliegenden Seite, da wo das jeweilige Hinterbein in der Standbeinphase ist nach hinten-oben. Wird der Brustkorb angehoben, wenn das Hinterbein auf der gleichen Seite in der Luft ist, dann stimmt die Rotation nicht und somit wird auch der Rückenschwung nicht korrekt übertragen. Manchmal hilft auch ein Blick auf das gesattelte Pferd. Hat man das Gefühl, der Sattel wird angehoben, wenn ein Hinterbein in der Luft ist? Dann passt auch hier die Rotation nicht. 

Lange Oberlinie versus kurzer Oberlinie sowie die Nickbewegung geben ebenso Aufschluss, ob das Pferd tatsächlich über den Rücken zur Hand hin unterwegs ist. 

Wo ansetzen, um den Rückenschwung zu verbessern? 

Erster Schritt fühlen. Durch den Sitz kann ich den Rückenschwung wunderbar beeinflussen – gleich wie beim Tanzen. Wenn ich beispielsweise spüre, dass das Pferd den Reiter mit dem inneren Gesäß nach vorne schubst, wenn das innere Hinterbein abfusst, dann kann der Reiter freilich diese Bewegung mitmachen oder aber sich fest bemühen, die eigene Bewegung nach vorne aus der Hüfte heraus weicher und runder zu gestalten. Wir können uns langsamer, runder, bewusster bewegen – all das überträgt sich freilich auch auf das Pferd. 

Die Arbeit mit den Hinterbeinen kann gezielt dazu beitragen, die Übertragung der Schwingung über den Rücken nachhaltig zu verbessern. Das ist freilich keine Eintagsfliege, sondern ein langwieriger Prozess mit vielen Wiederholungen. 

Wie erhalte ich den korrekten Rückenschwung, wenn ich die Gangart wechseln möchte?

Bei den Übergängen von einer niedrigen in eine höhere Gangart treten weniger Probleme auf, als wenn wir in eine niedrigere Gangart durchparieren. Wichtig ist, sich genau vorzustellen, wie das Pferd die Gangart wechselt. Wenn wir also aus dem Schritt in den Trab kommen wollen, dann achten wir vermehrt auf das äußere Vorderbein. In dessen Spielbeinphase holen wir uns das innere Hinterbein dazu und wechseln vom Viertakt in den Zweitakt. Wir haben hier schon eine sehr gute Vorstellung vom Trab – generell kann es helfen mehr aus der Hüfte heraus den Takt zu verändern, als mit den Schenkeln zu stark zu treiben. 

Wenn wir in eine niedrigere Gangart parieren wollen, dann hilft die Suche nach einer diagonalen Stützbeinphase. Beispielsweise im Linksgalopp. Sind das rechte Vorderbein und das linke Hinterbein gleichzeitig am Boden kann nun die Parade ihren Höhepunkt erreichen und von der einen Diagonale in die Trabdiagonale wechseln. Wir sind besser vorbereitet und wissen dann bereits, wie wir den Brustkorb korrekt begleiten. 

Geht mir der Rückenschwung beim Wechsel in eine andere Gangart verloren, kann ich ihn „zurückholen“ oder gehe ich besser zurück zur ursprüngliche Gangart, um die Ausgangssituation wiederherzustellen?

Wenn man direkt Übergänge übt, kann es schon ratsam sein eine Wiederholung einzubauen. Genaue Arbeit lohnt sich. Je besser wir bescheid wissen, wie sich das Pferd bewegt und wann welches Hinterbein in der Luft ist, umso besser können wir den Rückenschwung beeinflussen. 

Rückenschwung = Individualität

Kein Rücken schwingt gleich. Jedes Pferd hat seinen eigenen Rückenschwung. Im folgenden Video zeige ich dir noch ein paar Beispiele, wie unterschiedlich der Rückenschwung sein kann: 

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