Positive Spannung – ein Begriff geistert durch die Reiterwelt, gibt es diese „Spannung“ tatsächlich? Von „Spannungsbögen“ und Luftmatratzen, von Energie und Muskeltonus wird in diesem Beitrag die Rede sein, wenn wir uns auf die Suche nach der positiven Spannung machen. 

Wer lieber die Filmversion mag, scrolle ganz nach unten – dort habe ich einen Film aus der Praxis zum Thema eingestellt: 

Was ist Positive Spannung? 

Wenn wir Rat und Hilfe suchen, dann befragen wir heute am Besten das Internet. Wir „googeln“ also mal „positive Spannung“ und finden viel über elektrische Spannung – da ist eine positiv gewertete Quellenspannung vom Plus- zum Minuspol gerichtet. Wir finden Spannungsbezeichnungen, die man in fast allen Schaltblättern und Datenblättern findet, Spannungsverdoppler und Fragen aus der Physik, wie denn positive oder negative Spannung entstünde. Wie kommt man also von der Physik zur Reitkunst? An dieser Stelle suchen wir am Besten bei den Alten Meistern. 

François Robichon de la Guérinière und die positive Spannung

Guérinière beschreibt in seinem 1733 publiziertem Werk École de Cavalerie ausführlich die verschiedenen Veranlagungen von Pferden. Bei der idealen Veranlagung finden wir die Definition „Körperkraft“: 

„Wenn ein korrekter Körperbau, günstige Proportionen der Körperteile sowie Gelenkigkeit und Körperkraft bei einem Pferd zusammen treffen und man außerdem bei diesem Pferd noch Mut, Gelehrigkeit und Folgsamkeit findet, dann lassen sich bei so guten Eigenschaften die wahren Grundsätze der Reitkunst leicht zur Ausführung bringen“. 

François Robichon de la Guérinière, École de Cavalerie
Meine Stute Pina zeichnet Mut und Gelehrigkeit aus. Gelenkigkeit bringen wir auch mit, aber unfallbedingt einen schwachen Rücken. Wir brauchten eine Körperhaltung, in der mich Pina gut tragen kann. Der Ausdruck war vor wenigen Jahren da noch ganz anders (siehe Bild 2 weiter unten)

Betrachten wir Guérinières Zeilen genauer. Mit Körperkraft könnte er den entsprechenden Muskeltonus des Pferdes meinen, der heute auch immer wieder als Zustand positiver Spannung bezeichnet wird. Mut – kein physisches, sondern ein mentales Element: Wie halten wir uns selbst, wenn wir mutig sind. Wie würden wir „Mut“ mit unserem Körper darstellen und wie das Gegenteil „Furcht“? Mut hat freilich auch etwas mit Energie zu tun – wobei auch Gelehrigkeit und Folgsamkeit einem inneren Antrieb zu Grunde liegen. Aus dieser Beschreibung von Guérinière können wir bei unserer Untersuchung rund um die positive Spannung bereits feststellen – Energie und innerer Antrieb, Motivation und Mut sind bereits wichtige Elemente, wenn es um eine bestimmte Körperhaltung geht – egal, wie wir das Kind schlussendlich beim Namen nennen. 

Guérinière beschreibt außerdem „Weichlichkeit als einen Fehler, der ein Pferd zaghaft und mutlos macht. Man nennt diese Art von Pferden auch Schindmähren. Die Weichlichkeit macht ein Pferd unfähig zu einem dreisten, frischen Gehorsam und völlig unzufriedenstellend für den Reiter.“

Ein wichtiger Absatz aus dem Werk von Guérinière sei noch herausgestrichen: 

„Die Ursache der Mehrzahl aller Widersetzlichkeiten bei Pferden ist aber nicht auf schlechtes Veranlagung zurück zu führen. Weit häufiger verlangt man Dinge von ihnen, die sie noch nicht leisten können. Man strengt sie zu sehr an und will sie zu geschickt machen. Derartig großer Zwang macht ihnen die Arbeit verhasst, er ermüdet und verdirbt Sehnen und Nerven, deren Leistungsfähigkeit doch die Biegsamkeit bewirken, und oft sind sie zugrund gerichtet, wenn man gerade glaubt sie gut zugeritten zu haben…..Ein weiterer Fehler besteht darin, dass die Pferde zu jung geritten werden. Das richtige Alter, um ein Pferd abzurichten, ist je nach den klinischen Aufzuchtbedingungen sechs, sieben oder acht Jahre.“

François Robichon de la Guérinière, École de Cavalerie

Den nächsten Hinweis finden wir beim Anlongieren des jungen Pferdes: 

„Die Pferde, die von Natur aus ihre Kräfte zurück halten, muss man in einen gestreckten und beherzten Trab versetzen, um ihnen Schultern und Hanken zu lösen. Im Falle der anderen, die von Natur aus auf der Hand liegen, indem sie die Nase wegstrecken muss der Trab erhabener und verkürzter sein, damit man sie vorbereitet, sich beisammen zu halten. Sowohl im einen wie auch im anderen Fall müssen die Pferde aber in einem gleichmässigen und steten Trab gehalten werden, ohne dass die Hinterbeine nachschleppen. Sie sollen hierbei vom Afnagn bis zum Ende mit dem gleichen Schwung gehen, dürfen aber nicht lange getrabt werden“. 

François Robichon de la Guérinière, École de Cavalerie
Der Trab und Ausdruck zwar leicht, aber weniger ausdrucksvoll und kraftvoll. Eine durchdachte und schonende Gymnastizierung hat Pina allmählich an Kraft gewinnen lassen.

Positive Spannung im 20. und 21. Jahrhundert 

Während wir bei den Alten Meistern zwischen den Zeilen lesen müssen hat Stefan Stammer ein Buch mit vielversprechendem Titel geschrieben. In „Das Pferd in positiver Spannung“ schreibt er: 

„Positive Spannung meint das rhythmische Anregen aller neuromusukulären Funktionen des Pferdes gemäß seinem System. Unter Rhythmus im Sinne „positiver Spannung“ ist die zeitliche, räumliche und dynamische Ordnung einer Bewegung zu verstehen. Es geht um das Wiederkehren von An- bzw. Abspannungen des Reiters insgesamt oder von Teilbewegungen 

Rhythmus ist weiter bestimmbar in Objekt Rhythmus und Subjekt Rhythmus. Das Pferd gibt dem Reiter einen Objektrhythmus vor. Es kann sich aufgrund seiner Bedingungen (Größe, Muskulatur, Hebelverhältnisse, Temperament) im Augenblick nur so bewegen und noch nicht anders. Diesem Objektrhythmus muss sich der Reiter zunächst anpassen, damit ein harmonisches Zusammenspiel aller Teilbereiche des Systems Pferd (ohne Verspannungen) gelingt. Nur wenn der der Reiter zu Beginn im identischen Rhythmus mit dem Pferd sitzt, kann er auch den Rhythmus des Pferdes subjektiv verändern, damit sich das Pferd gemäß der Reitlehre immer in positiver Spannung bewegen kann.“

Stefan Stammer, Das Pferd in positiver Spannung

Bezüglich der Reitlehre ist es freilich immer eine spannende Sache den Dingen in der Vergangenheit auf den Grund zu gehen. Der Zweck der Reiterei zum jeweiligen Zeitpunkt darf freilich auch nicht aus den Augen verloren werden, ebensowenig wie das damals gängige Zuchtziel. 

Bei Nuno Oliveira finden wir jedenfalls den nächsten spannenden Satz: 

„Treibt ein Jungperd nie in die Enge, verkrampft es nie; es muss stets psychisch entspannt gehen“. 

Nuno Oliveira, Notizen aus dem Unterricht

Hier haben wir wieder den so wichtigen Punkt der mentalen Losgelassenheit. Ein Element, das sich zweifelsohne auch in der modernen Ausbildungsskala wider findet. 

Eine Skala viel zitiert und gerühmt und entstanden aus der deutschen Heeresdienstvorschrift. Umso interessanter ist nun ein Zitat des deutschen Tierarztes Udo Bürger aus „Vollendete Reitkunst“, veröffentlicht 1959. Udo Bürger war übrigens Shcüler von Felix Bürkner (1883 bis 1957). 

„Das Pferd, auf dem man so bequem sitzt, dass man zu faul zum Leichttraben ist, das mit hängenden Zügeln im ausgesessenen Galopp nicht davon läuft, das sich zwischen Zügel und Schenkel führen lässt, sich aber genauso vertraut benimmt, wenn man es ohne Zügel aus dem Sitz vor dem Schenkel reitet, das ist in harmonischer Übereinstimmung mit seinem Reiter. Diese Harmonie ist der Inbegriff der Kunst sowie der Dressur“. 

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Positive Spannung oder Balance und Schwung? 

Schauen wir uns das Zitat von Udo Bürger genauer an, dann spricht er zunächst vom Reiter, der zu faul ist zum Leichttraben: 

Stefan Spanner erwähnt weiter oben, dass der Reiter den Rhythmus im Pferd subjektiv verändern kann – damit sich das Pferd der Lehre gemäß in postiver Spannung bewegen kann. Für das bequeme Gefühl, das Udo Bürger erwähnt, ist der Begriff „Spannung“ jedoch möglicherweise in Punkto der Semiotik nicht für jeden Menschen stimmig bzw. erzeugt er nicht das innere Bild, das zu Bürgers Beschreibung passt. 

An dieser Stelle möchte ich gerne „Schwung“ ins Spiel bringen. Schwung oder Rückenschwung meint immer die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule des Pferdes. Der Rumpf geht auf und ab, schwingt zur Seite und weist eine bestimmte Rotation auf. Wenn wir auf dem Pferd sitzen, dann können wir freilich auch den Schwung positiv beeinflussen. Spüren wir etwa, dass das Pferd uns mit einem Hinterbein förmlich nach vorne stößt, mit dem anderen einen weicheren Sitzimpuls an uns weiter leitet, dann können wir durch die Bewegung aus dem Becken heraus das Pferd zu längeren, gleichmässigeren Tritten und somit zu einer dreidimensionalen Schwingung des Rückens anhalten. Dies ist jedoch freilich nicht nur eine Frage des Sitzes. Wo setzen die Hinterbeine des Pferdes auf und wie übertragen sie die Kraft über den Rücken an die Hand des Reiters heran? Wird das jeweilige Hinterbein korrekt unter die Masse geführt kann es die Schwingung korrekt über den Rücken an die Hand des Reiters übertragen. 

Wo liegt also der Wurm? Stimmt die Hypothese, das ein entspanntes Pferd nicht schwungvoll vorwärts traben kann? Wird Entspannung an dieser Stelle mit Losgelassenheit verwechselt oder ist hier vereinfacht gesagt die Luft raus? 

Pina kraftvoll und bergauf im fliegenden Wechsel. Der Galopp war mit Sicherheit ein Schlüssel bei Pinas Ausbildung.

„Ihr reitet ja nicht mit Anlehnung“ – dies wurde mir einmal (nebenbei gesagt – ungefragt) im Reiterstüberl mitgeteilt. Udo Bürger spricht von hängenden Zügeln und einer Führung des PFerdes zwichen den Zügeln. Er spricht von einem Pferd, das dem Reiter kein Gewicht in die Hand gibt und die Balance nicht verliert. Anlehnung bedeutet für mich nicht, dass sich das Pferd an mir „anlehnen“ muss. 

Kurz gesagt – Anlehnung gab es so bei Guérinière nicht – er sprach von einer Verbindung – aber wie es so ist mit der Zeit – Begriffe verändern sich – die Bedeutung nicht. Das hat schon Shakespeare in Romeo und Julia so treffend auf den Punkt gebracht: 

Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften.

Romeo und Julia II, 2. (Julia) William Shakespeare

Die verfeindeten Familien Capulet und Montague machen die Liebe zwischen Julia und ihrem Romeo unmöglich. Julia unterstreicht, dass der Nachname des Liebsten keine Bedeutung für sie hat. Für sie zählt, was Romeo ausmacht – und so ist es auch mit der Rose, die wir letztlich auch benennen könnten, wie wir wollten – sie würde trotzdem lieblich duften. 

Positive Spannung und Balance

Udo Bürger bringt es in seinem oben zitierten Text auch auf den Punkt – ein Pferd, das der Reiter vor sich hat, das durch das Verlängern der Zügel nicht aus dem Rahmen fällt – ist in Balance. Balance hat aber auch freilich mit Kraft zu tun. 

Wenn das Pferd so am Sitz ist, wie Bürger seinen persönlichen Hochgenuss auf dem Pferd beschrieb, dann ist die Tiefenmuskulatur so ausgeprägt, dass das Nervensystem des Pferdes unmittelbar und rasch auf jeden kleinste Änderung des Sitzes reagiert. 

Dafür braucht das Pferd freilich auch entsprechend Kraft, die es aus einem adäquaten Training gewinnt.

Positive Spannung und Wortklauberei

Ist Positive Spannung tatsächlich notwendig? Klar ist, dass wir etwas vom Pferd wollen – und zwar mental und physisch. Und wenn wir uns ehrlich sind – Begrifflichkeiten dienen in erster Linie der Findung von Bildern, die den Zweibeiner als Ausbilder des Pferdes zuerst verstehen lassen und die Schulung des Pferdes somit vereinfachen. 

Meine Lieblingsbilder für Positive Spannung? 

  • Ich spreche gerne von Energie, die aber sanft vermittelt werden muss. So darf sich der Reiter – egal ob er abgestiegen ist und vom Boden aus gymnastiziert oder im Sattel sitzt niemals dazu verleiten lassen, sich selbst zu verspannen. Hier hilft mir das Bild vom Dirigenten, der am Pult ein großes Orchester leitet. Doch ganz hinten verpasst die Pauke immer wieder den Einsatz (die Hinterbeine). Der Dirigent kann mitten im Konzert nicht in den Orchestergraben springen und die Pauke wachrütteln – er muss durch Übertragung seiner Energie den betroffenen Musiker ansprechen, er muss „mitreissen“ und „auffordern“ können. Und dafür brauchen wir freilich auch eine sehr gute Körpersprache. 
  • Guérinière sprach von Mut und Motivation. Dies gilt es zu fördern und hier hilft mir das Bild meines Vaters. Wie konnte mich mein Vater davon überzeugen einen tiefen Sprung ins Wasser zu schaffen? Wie konnte man mich motivieren – und dabei geht es weniger um Versprechungen („…Du darfst dann reiten gehen“…), denn das hat immer funktioniert, als eine geistige Haltung. 
  • Ich vergleiche den Körper des Pferdes gerne mit einer Luftmatratze. Lassen wir die Luft raus, dann kann die Matratze nicht tragen, pumpen wir zuviel Luft rein, dann wird der Körper platzen. Also – die Luft = Energie muss fließen – es muss ein Energiekreislauf entstehen – schließlich atmen wir Luft ein und aus. Je mehr Luft wir ins Pferd bekommen, umso schöner wird seine Haltung. 
  • Ich spreche gerne von „Hummeln“ im Pferdekörper. Die Hummeln sitzen im Bauch und müssen – jede für sich aktiviert werden, um eine gewisse Energie freizusetzen (und dem Pferd letztlich auch Flüge zu verleihen. 

Das sind meine Bilder, die mir bei der Ausbildung von Pferden geholfen haben. 

Praxisbeispiel – positive Spannung? 

Im folgenden Video sehen wir ein Beispiel aus der Praxis. Die junge Lipizzanerstute Beti wurde zunächst vom Boden auf das Reiten vorbereitet. Wie sich ihre Haltung verändert, das sehen wir im folgenden Video. Die Aufnahmen entstanden im Juli und September 2020. 

Ich bin meiner Schülerin und Freundin Kati sehr dankbar für das Zurverfügungstellen der Aufnahmen – gerade Aufnahmen des Lernens sind sensible Momente, daher respektiere ich das in mich gestellte Vertrauen zutiefst. 

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Wir werden Betis Entwicklung selbstverständlich weiter verfolgen und freuen uns schon auf das nächste Update. 

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