Der Zirkel und andere Bahnfiguren

Wer kennt es nicht? Runde für Runde wird am Zirkel geritten und plötzlich ist das Training schon zu Ende. Die ganze Einheit wurde die „große Tour“ – wie man bei uns in Österreich sagt nicht einmal verlassen. Im heutigen Blogbeitrag geht es um den Zirkel, warum er so wertvoll in der Ausbildung des Pferdes ist und warum wir trotzdem für Abwechslung sorgen sollten.

Das Pferd und der Zirkel 

Für das Pferd ist es absolut unnatürlich, egal in welcher Gangart, sich auf einer Kreislinie zu bewegen, vor allem auf so kleinen Kreisen, wie wir Reiter sie häufig nutzen. In freier Natur wird man kein Pferd dabei beobachten können. Der Zirkel ist dem Pferd also völlig fremd. Es muss durch den Menschen lernen wie man sich auf einer kreisförmigen Linie fortbewegt, ohne davon einen Schaden zu nehmen, sondern im Gegenteil – davon zu profitieren! Denn der Zirkel kann ein wunderbares Werkzeug in der Ausbildung des Pferdes sein, kann das Pferd aber auch ruinieren.

Die hübsche Lipizzanerstute Austria hat bereits gelernt wie man sich korrekt auf einem Zirkel bewegt.

Wann beginnt man nun mit der Ausbildung am Zirkel?

Waldemar Seunig rät dazu:

„Als Anhaltspunkt dafür, wann man ein junges Pferd auf dem Zirkel nehmen soll, kann auch gelten, daß heftige und solche mit viel Gehlust früher, triebige und faule später auf gebogenen Linien geritten werden sollen. Bei Letzteren ist vorher ein Wecken des schlummernden Gehtriebs durch häufiges Reiten im Freien bei frischem Vorwärts auf langen Linien besonders geboten.“

Waldemar Seunig, Von der Koppel zur Kapriole

Somit gilt: Immer wenn während der Arbeit auf dem Zirkel Schwung und Freiheit des Ganges nachlassen, sollte die Kreislinie verlassen werden und auf der Geraden die Gehlust wieder geweckt werden.

Bevor das junge Pferd angeritten wird sollte es eine gute Basis vom Boden aus erhalten. Das junge oder ungeschulte Pferd hat durch die Bodenarbeit und das Longieren gelernt, wie man sich auf einer gebogenen Linie fortbewegt.

Zu Beginn der Ausbildung kommt es häufig vor, dass das Pferd den Kopf nach außen dreht und sich auf die innere Schulter fallen lässt, da es versucht die Zentrifugalkraft zu kompensieren.

Mit der Zeit lernt es, der Zentrifugalkraft zu widerstehen indem es das innere Hinterbein korrekt unter seinem Schwerpunkt platziert, beugt und die innere Hüfte etwas nach vorne nimmt. Durch einen entsprechenden Trainingsanreiz entwickelt sich nach und nach die Tragkraft.

Keine runde Sache? Was kann schief gehen?

Die Tücken des Zirkels: Die Hinterhand fällt nach außen aus

Häufig kommt es vor, dass die Kruppe des Pferdes am Zirkel nach außen ausfällt. Das äußere Hinterbein fußt außerhalb der Körpermasse auf. Dieses Problem wir durch eine verwahrende oder rahmende äußere Schenkelhilfe korrigiert. Das Pferd muss lernen, die gesamte äußere Oberlinie zu dehnen. Auch die Arbeit mit dem Travers kann hier helfen – jedoch ist zu berücksichtigen, dass nun auch das innere Hinterbein zu breit treten könnte.

Viele Reiter würden gerne die Biegung durch die Handeinwirkung auslösen, jedoch kann sich das Pferd nur um den inneren Schenkel biegen, nicht um die innere Reiterhand. Nehmen wir an, wir reiten das Pferd nach links gestellt und beobachten, wie der Mähnenkamm nach links also auf die innere Seite herüber kippt.

„Das ist das Höchstmaß der seitlichen Biegung. Denn die Biegung im Hals darf nicht stärker sein, als die Biegung im ganzen Pferd.“

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Häufig kommt es jedoch vor, dass der Reiter übertreibt und den Hals nach innen zieht. Die Kettenreaktion bedeutet: Verwerfen im Genick, Überbiegen im Hals, keine korrekte Rotation im Brustkorb und kein korrekter Vorgriff der Hinterbeine. Manche Pferde werden dadurch Zügellahm, treten ungleichmäßig oder fallen mit der Hinterhand nach außen weg.

Die korrekte Stellung im Genick darf keinesfalls mit der Biegung im Hals verwechselt werden. Bei korrekter Stellung wendet sich der Schädel nach innen und der Unterkiefer bewegt sich nach außen. Die innere Ganasche rotiert unter den inneren Atlasflügel (=erster Halswirbel).

Die Größe des Zirkels muss immer am Können des Reiters und Pferdes angepasst sein.

Die Tücken des Zirkels: Die Hinterhand fällt nach innen aus

Fällt das Pferd mit der Hinterhand in den Zirkel, kann der Gedanke an eine versale Schwungrichtung, also Schulterherein helfen.

Die natürliche Schiefe bedingt, dass die Hinterhand nicht korrekt und passend der Spur der Vorhand folgt. Wenn wir uns am Zirkel bewegen fällt die Hinterhand also auf der einen Hand meist nach innen und auf der anderen nach außen. Das hat auch Folgen für den Reiter. Dieser wird vom Pferd schief platziert.

Seitengänge sind also unerlässlich, um das Pferd korrekt am Zirkel reiten zu können.

Der unerfahrene Reiter, welche die Schiefe nicht bemerkt, wird sich dadurch einen schiefen Sitz aneignen indem er in der Hüfte einknickt. Pferd und Reiter beeinflussen sich so gegenseitig. Wenn man bemerkt, dass das Pferd einen nicht gerade sitzen lässt, muss unbedingt an der Geraderichtung gearbeitet werden.

Ich selbst bekomme sehr schnell schmerzen in meiner Hüfte, wenn mich ein Pferd nicht mittig sitzen lässt. In Lektionen in denen wir beide, Moon und ich, noch nicht so geübt sind passiert es uns auch – Schwups wir sind schief. Das passiert nun mal. Wichtig ist dabei, dass man sich dessen bewusst ist und immer wieder an der Geraderichtung feilt.

Bent Branderup schreibt in seinem Buch „Die Logik hinter den Biegungen“, dass er unter der Geraderichtung des Pferdes nicht seine völlig ungebogene Körperhaltung, sondern eine derart vorwärtsgerichtete Einstellung seiner Vorhand auf die abzuschreitenden Linien versteht, dass das Pferd unter allen Umständen, selbst bei stärkster Biegung seines Körpers und in den Lektionen auf zwei Hufschlägen, mit seinen Vorderfüßen den Hinterfüßen vorschreitet, die ihrerseits wiederum jenen unbedingt folgen, indem sie stets in der Bewegungsrichtung vor und niemals seitwärts dieser Richtung treten.

„Geraderichtung hat nichts mit der linearen Geradheit der Wirbelsäule in ihrer Längsrichtung, wohl aber alles mit ihrer Geschmeidigkeit zu tun.“

Waldemar Seunig, Von der Koppel zur Kapriole

Bei korrekter Arbeit spiegelt sich das Ergebnis der dreidimensionalen Schwingung der Wirbelsäule im Vorgriff der Vorderbeine. Diese sollten auf der Zirkellinie frei aus der Schulter nach vorne schwingen ohne zu kreuzen. Achte auf die Zehenspitzen des Pferdes, wohin zeigen diese? Genau der Zirkellinie entlang oder doch etwas nach außen?

Auf dem Zirkel – vom Haben und vom Sollen

Es gilt weder Balance, Losgelassenheit, Form, Tempo, Takt noch Schwung zu verlieren.

  • Je kleiner der Zirkel, je schwerer das Pferd, je höher das Tempo, desto schwerer wird es für das Pferd sein sich korrekt auf dem Zirkel zu bewegen. 
  • Je größer der Zirkel, je leichter das Pferd, je geringer das Tempo, desto leichter wird es für das Pferd sein sich korrekt auf dem Zirkel zu bewegen.

Der Zirkel und die Hilfengebung beim Reiten

Je besser das Pferd in der Bodenarbeit vorbereitet wurde, desto einfacher wird die Arbeit vom Sattel aus verlaufen. Zu Beginn ist es empfehlenswert einen Assistenten als „Bodenpersonal“ zur Hand zu haben. Das Pferd kennt die Hilfen aus der Bodenarbeit, der Reiter versucht diese nun mit der Unterstützung des Assistenten zu etablieren. Nach und nach wird dieser dann überflüssig.

Bevor wir uns in Bewegung setzten, sollte überprüft werden ob das Pferd im Stehen zur nachgiebigen Hand dehnt, sich um den inneren Schenkel biegt und eine korrekte Stellung annimmt. Ist das der Fall merken wir in Bewegung wie unser innerer Sitzbeinknochen sich etwas tiefer anfühlt als der äußere. Das innere Bein des Menschen erscheint länger. Das passiert, wenn das Pferd seinen Brustkorb korrekt nach innen/ unten rotiert. Der Reiter versucht das innere Hinterbein des Pferdes mit einer vorsichtigen inneren Schenkelhilfe nach vorne unter den Schwerpunkt zu locken.

Um den Zirkel zu vergrößern muss das Pferd die inneren Hilfen, den inneren Schenkel und den inneren Zügel, der am Hals angelegt wird, verstehen. Dann geht es weiter zu den äußeren Hilfen, damit wir den Zirkel auch wieder verkleinern können. Der äußere Schenkel liegt hinter dem Gurt und die äußere Hüfte des Reiters ist etwas nach hinten geöffnet. Es muss darauf geachtet werden, dass das Gesäß außen leicht ist und den Brustkorb nicht hinunter drückt. Mit der Zeit wird das Pferd lernen, sich vom äußeren Schenkel weg zu biegen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass das Pferd um den inneren Sitz, Schenkel und Zügel gebogen bleibt. Das erfordert etwas Übung. Der äußere Zügel wird leicht am Hals angelegt um die Schulter etwas hinein zu führen. Dieser darf ja nicht rückwärts wirken, da es sonst zu einem Stellungsverlust kommt.

Je feiner die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter, desto unsichtbarer wird die Hilfengebung für Außenstehende.

Ein anderer Blickwinkel

Wenn der Longeur mit voranschreiten der Ausbildung überflüssig wird, sollte der Trainer die Arbeit auch mal von außerhalb des Zirkels beobachten und kontrollieren. Fehler in der Längsbiegung, wie Ausfallen der Hinterhand, zu starke Belastung auf der äußeren Schulter und auch eine zu starke Biegung im Hals sind von außen deutlich sichtbarer als wenn man sich in der Mitte des Zirkels befindet.

Bahnfiguren

Freunde der Akademischen Reitkunst sind bekannt dafür, genau in uns selbst,so wie auch in das Pferd hinein zu spüren, uns Zeit zu lassen und wir wollen sehr genau, aber so wenig wie möglich auf unsere Pferde einwirken. Diese Art von Arbeit fordert uns eine enorme Konzentration ab, so dass wir häufig am Zirkel verweilen. Runde um Runde. Dabei gibt es doch noch so viele andere Bahnfiguren die wir uns zum Nutzen machen können

Bahnfiguren, zu denen auch der Zirkel gehört, werden auch Hufschlagfiguren genannt und sind vordefinierte Linien die der Reiter mit seinem Pferd im Viereck reiten kann. Warum sind Hufschlagfiguren für das Training wichtig und wozu dienen sie?

Warum Bahnfiguren ein wichtiger Bestandteil des Trainings sein sollten.

Wir sind verantwortlich für unsere Pferde und müssen dafür Sorge tragen, sie gesund und fit zu erhalten. Eine behutsame und sinnvolle Gymnastik hilft uns dabei. Dafür benötigen wir in der Ausbildung des Pferdes auch diverse Bahnfiguren. Sie helfen uns die Linienführung zu überprüfen. Wie gut ist mein Pferd an den Hilfen? Schaffen wir es auf den Punkt zu reiten? 

Auf Biegen und Brechen und unter Zwang auf den Punkt reiten zu wollen, ergibt jedoch vice versa auch keinen Sinn. Zuerst muss die korrekte Form erarbeitet werden, dann kann man an der Exaktheit der Ausführung arbeiten. Bahnfiguren sollen in der täglichen Arbeit mit dem Pferd Sinn stiften und als Überprüfung dienen.

Das Wichtigste und Schönste am Training sollte stets die gemeinsame Freude daran sein!

Durch Bahnfiguren kann das Training abwechslungsreich und anspruchsvoll gestaltet werden. Viele Bahnfiguren lassen sich gut miteinander kombinieren. Volten und Zirkel müssen nicht immer bei A, C oder in der Mitte geritten werden. Genauso wenig wie man immer am Hufschlag reiten muss. Am zweiten oder dritten Hufschlag zu reiten zeigt deutlich, wie gut das Pferd an den Hilfen steht oder ob es „von der Wand geklaut wird“.

Natürlich kann man beim Reiten von Bahnfiguren auch Übergänge zwischen den Gangarten oder Seitengängen einbauen.

Einige mögliche Kombinationen

In der Akademischen Reitkunst wird so selten wie möglich am ersten Hufschlag geritten. Pferd und Reiter sollen unabhängig von der Bande sein. Häufig werden Hufschlagfiguren darum nicht am ersten Hufschlag, sondern etwas nach innen versetzt geritten.

  • Tourverkleinern im Kruppeherein
  • Tourvergrößern im Schulterherein
  • Dreifache Schlangenlinie im Kuppeherein/ Renvers
  • Einfache Schlangenlinie geritten in einer rechts Traversale und zurück in einer links Traversale
  • Kehrtvolte im Kruppeherein
  • Usw.

Häufig sieht man Reiter, die pausenlos ein und dieselbe Lektion mit ihren Pferden abspulen. Meist führt das zu keinem besseren Ergebnis und auch die Motivation der Pferde leidet darunter. Nutzen wir die vielen Möglichkeiten im Training um es abwechslungsreich, anspruchsvoll und sinnbringend zu gestalten dann reiten wir einfach.

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