Schubkraft versus Tragkraft - was brauchen wir für die Ausbildung unserer Reitpferde?
Um beide Begriffe ranken sich einige Mythen, Meinungen und Philosophien rund um die Ausbildung.
Die aufmerksame Lektüre von Mr. „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ Steinbrecht kann uns hier auf die Sprünge helfen.
Die richtige Dressur ist daher eine naturgemäße Gymnastik für das Pferd, durch die seine Kräfte gestählt, seine Glieder gelenkig gemacht werden. Durch sie werden die kräftigen Teile zugunsten der schwächeren zu größerer Tätigkeit angehalten, diese durch allmähliche Übung gestärkt, und verborgene Kräfte, die aus natürlichem Hang zur Bequemlichkeit vom Pferde zurückgehalten werden, hervorgerufen, wodurch endlich vollkommene Harmonie im Zusammenwirken der einzelnen Glieder mit ihren Kräften entsteht, die das Pferd befähigt, auf die leisesten Hilfen des Reiters solche geregelten und schönen Bewegungen andauernd und zwanglos auszuführen, die es aus eigenem Antrieb nur in Augenblicken der Erregung flüchtig zeigt.
Der Reiter hat die Aufgabe erfüllt und sein Pferd vollkommen ausgebildet, wenn er die beiden in der Hinterhand ruhenden Kräfte, die Schub- und Tragkraft, diese in Verbindung mit der Federkraft zur höchsten Entwicklung gebracht und in ihren Wirkungen wie in ihrem Verhältnis zueinander beliebig und genau abzuwägen vermag. Er kann dann den Schwerpunkt seines Pferdes bald von den Schultern auf die Hanke, bald von dieser zurück auf die Schultern verlegen, oder das Gleichgewicht aufrechterhalten, je nachdem er die Schub- oder die Tragkraft vorherrschen lässt oder beide in gleichmässige Wechselwirkung versetzt, eine Vollkommenheit der Ausbildung, die nur dem wahren Schulpferde eigen ist.
Der Trainer bildet beim Rennpferde nur die Schubkraft der Hinterbeine zu möglichster Vollkommenheit aus und kann dies nicht ohne Nachteil für die Vorderbeine tun, denen dadurch zu großes Gewicht aufgebürdet wird. Der Kampagnereiter, der sich das Gleichgewicht des Pferdes als Ziel setzt, braucht die Tragkraft der Hinterbeine nur so weit auszubilden, dass sie das auf den Schultern liegende Übergewicht übernehmen. Der Schulreiter hingegen bildet Schub- und Tragkraft gleichmässig zur möglichsten Vollkommenheit aus und gibt dadurch seine Pferde die höchste körperliche Gewandtheit.
Anreiten des jungen Pferdes: Zunächst handelt es sich nun darum, die Schubkraft und damit die Gehlust des jungen Pferdes in seiner ganz natürlichen Richtung zu entwickeln. Jedes rohe Pferd wird unter dem Reiter verhaltener und gebundener treten als an der Hand, weil die Freiheit seiner Bewegung durch das Tragen der Reiterlast und die dadurch hervorgerufene ungewohnte Berührung mehr oder weniger eingeschränkt wird.
Wir sehen oft Pferde, die in der Bahn in verkürzten Gangarten geritten, vortrefflich in ihrer Stellung von Hals und Kopf erscheinen, dennoch auf langen Linien zu freien Gängen aufgefordert, in vollkommene Unordnung geraten, weil die dadurch geweckte, aber nicht völlig beherrschte Schubkraft den gesamten Streckmuskeln zur Stütze ihres Widerstandes wird.
Beim richtig gearbeiteten Pferd sind Hals und Kopf das Hauptgewicht, durch das der Reiter dessen Gewichtsverteilung überhaupt regelt. Er wird dadurch nicht nur die Hinterhand belasten und biegen, sondern auch die Schnelligkeit der Bewegung fördern können, indem die vorgestreckte Haltung das Übergewicht nach vorn vermehrt. In jeder Richtung aber muss der Hals eine sichere Leitkette für die Hand des Reiters bleiben, also durch richtige Verbindung der einzelnen Wirbel die Wirkung des Gebisses den Rückenwirbeln übermitteln.
Die Stetigkeit des Halses, also die sichere Verbindung der einzelnen Halswirbel miteinander und ihre Richtung zueinander kann nur durch die ungeschwächte und wohlausgebildete Schubkraft, seine Biegsamkeit jedoch nur durch die Tragkraft der Hinterhand sichergestellt werden.
ÜBER DEN AUTOR

Anna Eichinger
ist Expertin für glückliche Pferde. Als Ausbilderin weiß sie um die technische Seite der Klassischen Reitkunst. Bei all den Diskussionen um Biomechanik, Tensegrity und Faszientraining stellt sie "Happiness" ins Zentrum - Training soll vor allem eins: Glücklich machen, Selbstvertrauen und Stolz steigern - so wirkt sich das auch auf einen Happy Reiter und ein gesundes Pferd aus.