Spiegelung – eine spannende Sache. Unsere Pferde sind unsere Spiegel. Pferde spiegeln unsere Stimmung, sie spiegeln unsere Körperhaltung. Nicht jede Spiegelung ist uns bewusst, aber je achtsamer wir mit unserem Spiegel umgehen, umso klarer wird die Sicht. 

In diesem Beitrag geht es um mentale und physische Spiegelung. Weiter unten im Beitrag findest du dazu auch ein Video aus der Praxis. 

Die Macht der mentalen Spiegelung 

Wir sind mittlerweile Weltmeister in der Verschleierung von Emotion. Wenn der Computer in der Arbeit wieder mal streikt oder gerade dann abstürzt, wenn die stundenlang und mühsam erarbeitete Präsentation gerade fertig wurde, dann würde man gerne seinen Emotionen freien Lauf lassen. Wir würden gerne fürchterlich laut fluchen, unser Körper darf sich dabei groß machen und anspannen, vielleicht würden wir auch wie das „Rumpelstielzchen“ wütend zu Boden stampfen. 

Stattdessen wird – gerade im Großraumbüro die Emotion hinuntergeschluckt. Vielleicht wird leise geflucht und der Magen krampft sich beleidigt zusammen. Nun muss er mit der „Verdauung“ der aufgestauten Frustration beginnen. 

Dies ist ein extremes Beispiel, jedoch gebietet uns der Alltag eine permanente Verschleierung von Emotionen. Wenn es uns schlecht geht, reißen wir uns zusammen, schließlich müssen wir zur Arbeit, auf die Uni, zur Ausbildung, in die Schule..wir müssen funktionieren. Auch Freude wird da manchmal beiseite gekehrt. 

Die Folge? Unsere Körpersprache verschlechtert sich zunehmend. Unseren Pferden können wir jedoch nichts vormachen. Sie sind Meister im Erkennen von Emotionen. Selbst wenn wir uns „zusammenreißen“ und so tun, als wäre alles in Ordnung hat schon das eine oder andere Pferd seinem Menschen gesagt: „So nicht – so wirst du heute nicht aufsteigen, vielleicht unternehmen wir heute besser gar nichts miteinander“. 

Vorwärts - Amena und Anna sind im vorwärts unterwegs - dies sieht man deutlich an der Körpersprache.
Vorwärts – Amena und Anna sind im vorwärts unterwegs – dies sieht man deutlich an der Körpersprache. Foto: Katharina Gerletz

Pferde sind unheimlich einfühlsam. Sie wissen freilich nicht, warum wir heute einen schlechten Tag hatten, aber sie werden mit Sicherheit darauf reagieren. Manchmal kann es helfen die Vorschläge der Pferde anzunehmen. Meine Stute Tabby hat mir so schon regelmässig Auszeiten verschafft. Völlig müde im Stall, meine Batterien leer hätte ich trotzdem noch ein Training mit Tabby umsetzen wollen. Tabby hat mir in diesen Momenten klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass die Energie heute dafür nicht reicht. Sie hatte andere Pläne mit mir – und miteinander zu spielen oder in den Wald zu gehen – das tat unser beider Seelen wunderbar gut. 

Auf die mentale Spiegelung achten

Wir können die Botschaft unserer Pferde freilich für uns nutzen. Sehr häufig werden Probleme einseitig geschildert. Wir finden viele Worte dafür, was unser Pferd nicht kann oder nicht tut. Es läuft auf der Weide vor uns davon. Es kann nicht ruhig stehen, sobald die Arbeit los geht. Es schaut ständig nach draußen. 

Schauen wir genauer hin. Warum möchte das Pferd nicht mit uns mit kommen? Es gibt so viele Ursachen – freilich auch physischer Natur. Vielleicht bin ich jemand mit einer unheimlichen Erwartungshaltung, der schon mit einem festen Plan zum Pferd kommt. Umgekehrt gefragt – würden wir uns mit einem solch straffen Korsett der Erwartungen wohl fühlen? Ist es nicht auch das ständige „Müssen“ dem wir in unserem Alltag allzu gerne entkommen wollen? 

Wie war es um unsere innere Haltung bestellt, als das Pferd bei der Arbeit hektisch und nervös zappelte und nicht still stehen konnte? Waren wir selbst innerlich aufgewühlt? Waren wir unsicher? 

Es ist unheimlich spannend Pferde mit ihren Menschen und Menschen mit ihren Pferden zu beobachten. Wie verhält sich das Pferd mit einem Kind? Was strahlt das Kind aus? Wie verhält sich das Pferd bei einem Reitanfänger, der jedoch weder Furcht noch Erwartungen mitbringt? Wie verhält sich das ambitionierte Paar? Wie ist der Eindruck, wenn einer der beiden überfordert oder unterfordert ist? 

Aufwärts - Amena und Anna versammeln sich zunehmend
Aufwärts – Amena und Anna versammeln sich zunehmend. Foto: Katharina Gerletz

Mentale Spiegelung und Emotion 

Wenn ich mit meinen Pferden zusammen bin, dann muss ich „echt“ sein. Es ist auch gar nicht so einfach sich „echt“  zu freuen, wenn man sehr konzentriert an einer bestimmten Sache feilt und als Lernender in die Rolle des Pädagogen schlüpft – und so geht es den Reitern bzw. Pferdemenschen. 

Positive Emotion ist manchmal auch Übungssache. Es ist schwierig hochkonzentriert und gleichzeitig emotional zu sein. Bei solch schwierigen Aufgaben hilft mir immer mein „innerer Schauspieler“, Selbst wenn ich mich mit der Rolle noch nicht verbunden fühle, kann ich sie wieder und wieder spielen. Unser Pferd ist unser bester Kritiker, denn es wird merken, ob etwas „echt“ ist oder nur gespielt – aber – es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – weder in der Reitkunst noch in der Schauspielerei. Übung ist das Stichwort. Und so können wir freilich auch den Übergang von der Konzentration zur Freude über etwas Gelungenes üben. 

Umgekehrt kann es freilich vorkommen, dass wir uns über etwas ärgern – wenn etwas nicht gelingt, dann schwingen wir auch emotional. Wir können unsere Frustration bewusst empfangen. Das ist auch für das Pferd ehrlicher. Korrekturen sollten jedoch möglichst ohne negative Konnotation begleitet sein. Macht das Pferd einen Fehler – reagiert es anstelle des gewünschten Kruppeherein mit einer Bewegung auf die innere Schulter, kann es helfen den „freundlichen Pädagogen“ zu spielen. Dieser nimmt den Schüler an der Tafel zur Seite und sagt: „Ja, da hast du dich verrechnet, versuch es nochmal“…Immer mit einem Augenzwinkern. 

Einerseits ist es also gut Emotionen „im Zaum“ zu halten, andererseits dürfe wir auch ruhig üben, emotional zu sein. Ein Berittpferd hat sich beispielsweise so sehr über die wieder erlangte Bewegungsqualität gefreut; die Emotionen waren deutlich sichtbar. Hier habe ich mich auch vom Pferd nochmal einladen lassen über das ganze Gesicht zu strahlen. Geteilte Freude verdoppelt sich bekanntlich. 

Physische Spiegelung 

Im folgenden Video zeige ich mit unserem jungen Lipizzaner Maestoso Amena ein paar Beispiele für physische Spiegelung. 

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Physische Spiegelung und der Vorteil 

Wenn wir uns in der Freiarbeit oder an der Longe selbst mit Bewegungskonzepten auseinander setzen, bekommen wir einen besseren Einblick. Wie sollte man entschleunigen und beschleunigen? Wie kann das Pferd eine ganze Parade zum Halten besser und im Gleichgewicht umsetzen? Die Selbsterfahrung macht hier einiges aus. Wer in der Versammlung ständig langsamer wird und die Energie verliert, wird so schneller den Irrtum bemerken: Versammlung ist eine Steigerung von Energie und nicht ein Abbau – auch wenn wir weniger Meter zurück legen. 

Konrad in der Schulparade zu einem Übergang, der in Annas Körper bereits deutlich sichtbar ist. Foto: Katharina Gerletz

Sind wir eher lasch und in unserer Mitte ohne jegliche Körperspannung? Dann wird sich dieses Bild auch auf das Pferd übertragen. Gehen wir aufrecht oder ist unser Brustbein förmlich abgesackt? Unsere Haltung wird sich freilich auch auf das Pferd übertragen. Auch unsere Bewegungsrichtung überträgt sich. Nicht nur Pferden wird auf der Zirkellinie die natürliche Schiefe zum Verhängnis – auch wir haben so manch Schwierigkeit einen Zirkel konstant zu laufen. 

Wir werden uns also auch der eigenen Schiefe bewusster. Spiegelung kann uns hier auch verraten, ob wir beispielsweise an der mangelhaften Formgebung des Pferdes ursächlich beteiligt sind. Wenn wir den Zirkel in etwa ständig vergrößern und das Pferd aus der „Bahn“ werfen, wird sich das freilich auch auf die Formgebung auswirken. 

Gerade auch ohne Longe in der Freiarbeit lernen wir so sehr viel über unsere eigene Balance, Losgelassenheit, Schiefe und Form. 

Physische Spiegelung und der Nachteil

Im Grunde ist das Spiel mit der Spiegelung besonders schön, wenn wir unser Pferd betrachten können. Ich gestehe – gerade mit meinen jungen Pferden habe ich so viel Freude, jeden Lernfortschritt am Boden zu verfolgen – ich kann mich kaum an ihnen satt sehen, wenn sie stolz sind und Freude am gemeinsamen Spiel haben. 

Schulparade zum versammelnden Galopp. Foto
Konrad von der Schulparade zum versammelnden Galopp. Foto: Katharina Gerletz

Ist unser Ziel jedoch das Pferd zu reiten, in der Handarbeit auszubilden und fortgeschritten an der Longe zu arbeiten – dann brauche ich freilich auch die Schulung der Sekundären Hilfen. 

  • Ausbildung der Hand: Das Pferd versteht die Einwirkung und Mitteilung durch die Reiterhand
  • Ausbildung des Schenkels: 6 Schenkelhilfen wird das Pferd im Laufe der Ausbildung erlernen: Den um sich herum biegenden Schenkel, den direkten Schenkel, den verwahrenden Schenkel, den von sich weg biegenden Schenkel, den rahmenden Schenkel und den versammelnden Schenkel. 
  • Verständnis für die Sekundarhilfe Gerte: Die Gerte ist sowohl als „Taktstock“, wie als zeigende Hilfe für Schenkel- und Zügelhilfen ein wichtiger Assistent. Der Musiker wird lernen müssen, Noten zu lesen, das Pferd lernt, die Gertenhilfe zu interpretieren. 

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