Mein Pferd kann dies nicht, mein Pferd kann das nicht. Wie häufig beschweren sich Reiter über die Defizite und Mankos ihrer Pferde. Wir haben eine unglaubliche Vorstellung darüber, was unser Pferd alles können muss. Dabei verschließen wir häufig die Augen vor den Besonderheiten – jene Magie, die unser Pferd eigentlich in ein Einhorn verwandelt. 

Warum wir lieber auf den Schwächen herum reiten? 

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, ein klassisches Schulnotensystem ist in den meisten europäischen Ländern vorherrschend, vor allem je älter die Schüler oder Studenten sind, umso wichtiger eine entsprechende Beurteilung. 

„Wir werden in diese Gesellschaft mit all ihren Eigenheiten geboren. Schon in der Schule werden die Kinder auf Leistung getrimmt. Und wer nicht genug Leistung bringt, wird abgestraft. So viele Menschen haben schon in jungen Jahren gar keine Perspektive mehr“. 

Gerald Hüther, Hirnforscher und Autor von: Wer wir sind und was wir sein könnten

Wenn es Menschen nach Gerald Hüther krank macht, um den Vorstellungen anderer zu entsprechen und zu funktionieren – wie geht es dann unseren Pferden? 

Wenn der Fokus auf die Schwächen emotional kränkt

Meine Stute Pina hat mir hier eine ganz spannende Sache gezeigt. Um die Geschichte zu verstehen, müssen wir leider auch kurz über ihre Schwächen sprechen. Die da wären: Beckenschiefstand, vermutlich unfallbedingt als Jährling oder Fohlen zugezogen. 

Pina koppt immer wieder, was den Übergang zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule strapaziert. Schwierigkeiten mit der Balance zwischen den Vorderbeinen sowie Schwierigkeiten, den Brustkorb korrekt anzuheben

Für Pina ist ein laufendes Training wichtig und essenziell. Das heißt freilich auch, dass ich ihre Entwicklung immer wieder mal fotografisch dokumentiert habe. Sie hat sich den einen oder anderen kritischen Blick von mir gefallen lassen müssen, wenn ich die Muskulatur an der Kruppe ungleichmässig bemuskelt vorgefunden habe oder auch mit der Bemuskelung in der Sattellage nicht zufrieden war. Pina mag es nicht, so kritisch beäugt zu werden – und so geht es vielen Pferden. 

Im Unterricht kommt freilich oft die eine oder andere Frage auf, man betrachtet das Pferd von der Seite, von hinten, von vorne oder sogar von oben und häufig weichen Pferde diesen Blicken aus. Es ist unangenehm lediglich auf die Schwächen reduziert zu werden. Unser Pferd kann so viel mehr. 

In Pinas Fall trägt sie die Verantwortung für einen, meiner wichtigsten Menschen. Gemeinsam galoppieren mein Vater und Pina durch Wälder aber auch durchs Viereck. Pina weiß um ihre Verantwortung – und somit ist der Fokus ein ganz anderer. Denn Pinas Stärken sind: 

  • Ruhe und Zuverlässigkeit
  • Weiche und bequeme Gänge
  • Sie möchte immer alles richtig machen – das ist Pina sehr wichtig!
  • Pina möchte gerne glänzen und im Mittelpunkt stehen. Pina liebt die Herausforderung
  • In den Hänger steigen und bei Freunden ausreiten? Mit Pina kein Problem!
Pina trägt viel Verantwortung. Auch das ist eine Stärke

Welche Stärken hat mein Pferd?

Es fällt nicht immer einfach, die Stärken seines Pferdes auf Anhieb heraus zu filtern und zu betonen. Wenn ich zu neuen Schülern komme, dann höre ich meist, welche Problem es gibt. Eigentlich geht es immer um ein bestimmtes Defizit, etwas, das nicht klappt. 

Wäre ich ohne all diese Probleme arbeitslos? Mitnichten. 

Mir ist bewusst, dass wir heute nicht mehr reiten müssen. Wir dürfen reiten, weil wir gerne unsere Zeit mit den Pferden verbringen. Wir wollen vor allem eine schöne Zeit verbringen, aber dann sind da plötzlich diese Ambitionen und gepackt vom Ehrgeiz wollen wir schnell ans Ziel kommen. 

Mir ist auch bewusst, dass meine Persönlichkeit, mein Charakter eine ganz große Rolle spielen, wenn ich als Ausbilder meines Pferdes das „Klassenzimmer“ betrete. 

Bevor ich also die Stärken meines Pferdes aufzähle, geht es darum sich genau im Spiegel zu betrachten – und ja, da war auch noch was mit den Pferden und den Spiegelungen. Aber ein Schritt nach dem anderen. 

Wer bin ich und wie würde ich das Klassenzimmer gestalten

Ich, Anna, bin beispielsweise ein fantasievoller Mensch. Was ich gut kann? Zuversichtlich sein und Mut zusprechen – meinen Zwei- und Vierbeinigen Schülern. Ich bin eigentlich ständig unterwegs, immer am Grübeln. Ich habe tausend Notizbücher und liebe es Gedanken aufzuschreiben und länger darüber zu grübeln. Ich kann mir Dinge, die ich mal gelesen habe, sehr gut merken – zum Glück nicht Wort für Wort, daher ist noch eine Menge Platz, die fehlenden Puzzlesteine durch eigene Erfahrungen zu füllen. Ich kann  heute sehr geduldig sein, aber das musste ich durchaus erst lernen. Ich hätte alles gerne perfekt – manchmal wundere ich mich über meine Selbstdisziplin, aber es gibt noch genug Platz für kreatives Chaos und das ist auch ganz wichtig für meine Pferde. 

Wie sieht also mein persönliches Klassenzimmer aus? 

Jedes Pferd schult uns als Ausbilder. Durch Pina und Tabby habe ich extrem gelernt, nicht in Mängeln zu denken, den Fokus nicht alleine darauf zu richten, was nicht geht, sondern darauf, was geht. Daher ist mir Kreativität enorm wichtig. Ich möchte meinen vierbeinigen Schülern vermitteln, dass Bewegung Kommunikation und Ausdruck ist. Ausdruck von Freude, aber dass auch der Ausdruck eines Nein absolut erlaubt ist. Bedeutet das etwa Laissez-Faire? Nein, aber es bedeutet, dass ich höflich nachfrage und neue Bewegungskonzepte anfangs relativ ungeformt zulasse. Wir erkunden spielerisch gemeinsam, wie sich kürzere oder längere Tritte anfühlen, gerade in der Bodenarbeit aus seitlicher Führposition können wir uns synchron spiegeln und einander Geschichten von Bewegung erzählen. Konrad lässt sich hier unheimlich gut anstecken und versucht, spielerisch jede Bewegung von mir mitzumachen. Amena kann sich extrem gut erinnern, welche Bewegungen zu wahren Begeisterungsstürmen bei seinen Zweibeinern führen und Tabby mag es, wenn man nicht zu direkt an ihr dran ist. So hat sie Platz. 

Prüfende Blicke? Macht nichts, das Kind schaukeln wir schon – so ist Tabby

Die Stärken nutzen – auch beim Lernen

Jeder lernt auf seine eigene Weise. Der eine hört gerne zu, der andere muss die Dinge anfassen oder niederschreiben und der nächste muss alles beobachten. Es gibt verschiedene Lerntypen. Mir hilft es sehr, die Dinge zu Papier zu bringen. Ich habe stundenlang auch Pferde gezeichnet, Bewegungen analysiert, überlegt, wie was zusammenpasst. Ich bin jemand, der aber auch durch rasche Erfolgserlebnisse die Motivation erhöht. Das nehme ich mir auch bei meinen Pferden sehr zu Herzen. Ich überlege dann immer, wie ich den Inhalt einer Übung genau und sehr kleinschrittig strukturieren kann, um bereits beim kleinsten gemeinsamen Nenner ein Erfolgserlebnis mit meinem Pferd zu feiern. Dafür braucht es manchmal auch ein wenig Fantasie. 

Keine Stärke – Vorwärts

Wir haben beispielsweise ein Pferd mit wenig Energie. Unser Pferd interessiert sich nicht sonderlich dafür, im Kreis diverse Meter abzuspulen. Der Reiter ist unzufrieden, da sich das Pferd triebig anfühlt, das Pferd ist unzufrieden, da der Reiter im Sattel Hände und Füße in Bewegung hält, um sein Pferd anzutreiben. Wer hier das Endziel: Geschmeidiger Galopp  und das Runde für Runde vor Augen hat, der wird bald in einer weiteren Sackgasse landen. Wenn wir uns aber fragen, wo die Sache bereits hakt, dann haben wir eine Möglichkeit mit Fantasie an den Stärken zu arbeiten. Der Fokus darf also nicht am gerittenen Tempo liegen sondern am Thema Motivation. Was kann man tun, um das Pferd zu motivieren, besser vorwärts zu laufen? Ganz einfach – weniger ist mehr. Ist das Pferd spendabel und offeriert es uns Energie, dann bedeutet das für den Ausbilder, sofort anzuhalten und zu loben. Ist unser Pferd vielleicht so ausgeglichen und gechillt, dass es einem nervösen Pferd im Gelände als cooler Begleitschutz dienen kann. Hier profitieren möglicherweise beide Pferde. Das eine partizipiert die Ruhe, das andere die Energie. Und schließlich – im Gelände machen einige Übungen vielleicht auch noch mehr Spaß – in der Halle ist der Ausbilder gefragt, einen Sinn hinter den Inhalten zu kommunizieren. Das fördert ebenso die Selbstständigkeit des Pferdes sowie seine motivierte Mitarbeit. 

Die Stärken nutzen – mit Fantasie

Wie kann man die Stärken seines Pferdes in der Ausbildung nutzen? Gehen wir einfach ein paar Beispiele durch: 

Pinas Stärke: Vollblut Power

Pina ist mütterlicherseits ein origonal Przedswit, also eine Stute mit altösterreichischem Blut. Väterlicherseits gibt es eine gehörige Portion Vollblut. Das heißt. Pina hat ordentlich Pfeffer, kann aber gleichzeitig extrem gut zuhören. Ihre Stärke ist, dass sie alles richtig machen möchte, sie möchte unbedingt gefallen. Eine weitere Stärke ist, dass sie mir auch sehr deutlich sagt, wann etwas nicht für sie physisch in Ordnung ist. So hat sie mich immer wieder zum Nachdenken gebracht. Pinas Power ist in der Handarbeit eine tolle Sache und auch ihr Fokus. Wir haben eigentlich miteinander überhaupt nicht das beste Verhältnis. Da Pina aber so gut zuhören kann, kann ich mit wesentlich kürzeren Beinen trotzdem mithalten, weil Pina rücksichtsvoll ihre Energie drosselt. In dieser Position konnte ich auch meine gesamte Kreativität ausleben, was unser Miteinander anbelangt. So wurde aus einer Schwäche, nämlich der schwierigen Balance zwischen den Schultern eine absolute Stärke und Leidenschaft von uns beiden. Handarbeit von innen und außen geführt. 

Tabbys Stärke: Verlässlichkeit 

Meine Fuchsstute Tabby ist ein absoluter Teamplayer. Ich weiß, das sich mich, wenn es darauf ankommt, auf sie verlassen kann. Ihre physische Stärke ist Schubkraft. Darüber freue ich mich in der Tat, denn ihr großer Rückenschwung ist für meinen Rücken Gold wert. Ich fühle mich auf keinem Pferd so wohl, wie auf meiner Tabby, die immer wachsam und konzentriert bei der Sache ist. Was sich Tabby einmal gemerkt hat, das vergisst sie nicht. Manchmal brauchen die Dinge ihre Zeit, ich kann mich auf Tabby auch verlassen, sie wird die ihr gestellte Aufgabe meistern – auch wenn das manchmal ein Weilchen dauern mag. Insgesamt hat es dann schon vier Jahre gedauert, bis ich alle Gelenke der Hinterhand zur Beugung einladen konnte. Durch Tabbys Verlässlichkeit habe ich viel an Zuversicht gewonnen. Diese Stärke bedeutet für mich auch konstante Arbeit wert zu schätzen. Wenn man einen Weg gefunden hat, dann braucht es manchmal auch Übung, einerseits schult dies die stoische Geduld des Ausbilders, andererseits fördert es Vertrauen, dran zu bleiben, Dinge zu üben und nicht in vielen Methoden weitere Sackgassen zu finden. 

Konrads Stärke: Körpersprache

Sie wünschen – wir spielen. Jede meiner Bewegungen hat Konrad genau observiert und analysiert. Und wenn ich einem Pferd ein hohes Maß an sozialer Kompetenz zuschreibe, dann ist es mein Konrad. Er kümmert sich um seinen besten Freund Idolo, ist ruhiger Ordnungshüter in der Herde und beschützt auch mal einen jungen Hund vor einem Kontrahenten. 

Da mich Konrad so gut lesen kann, konnte ich ihm einfach viele Dinge ganz spielerisch vorzeigen und nach und nach einen Rahmen der Hilfengebung für uns schaffen. Konrad spiegelt auch meine Energie, das bedeutet, dass ich auch einen tollen Lehrer in Punkto Fokus und Energie erhalten habe. Und Konrad sagt auch sehr deutlich, wenn die Stunde zu Ende ist. Das hilft mir stark, seine Konzentrationsfähigkeit nicht über Gebühr zu beanspruchen. 

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Amena und Konrad beim Spiegeln von Energie. Körpersprache als Stärke

Amenas Stärke: Taktgefühl 

Amena hat ein wunderbares Taktgefühl. Er ist ebenso wie Konrad im steirischen Lipizzanergestüt Piber aufgewachsen – eine der weltbesten Kinderstuben für junge Pferde. Und so ist Amena auch dem Menschen extrem zugewandt. Er möchte immer mitmachen, ist mit Feuereifer dabei, aber gleichzeitig unheimlich bescheiden und fokussiert. Da er sich auch mit dem Spiegeln so leicht tut und auch an der Veränderung von Takt und Tempo große Freude hat, ist es wiederum für uns Zweibeiner, die wir Amena begleiten ein Augen- und Gefühlsschmaus mit ihm zu tanzen. 

Kann ich die Stärken meines Pferdes schätzen? 

Ja. Denn es gibt genügend!! Sicher kann ich auch einige Schwächen meiner Pferde aufzählen. Tabby hat oft selbst nicht an sich geglaubt. Pina ist schnell beleidigt, wenn man sie etwa am falschen Platz putzt und Konrad ist extrem eifersüchtig auf den Amena, der wiederum Wasser nicht ganz so prickelnd findet. Na und? Durch Tabby habe ich gelernt, Sicherzeit zu geben, das Selbstbewusstsein meines Pferdes zu fördern, Pinas exakte Kommunikation hat mir gezeigt, dass es wichtig ist, die Pferde mitreden zu lassen und wenn sich Konrad besitzergreifend benimmt, was mich betrifft, dann fühle ich mich irgendwo auch sehr geschmeichelt. Und Amena? Darf Wasser gerne verachten. Kalte Duschen finde ich auch nicht so klasse. Aber lauwarm wird das Wasser akzeptiert.  

Schwächen entpuppen sich oft als wahre Stärken. 

Die Verzweiflung – wenn nichts funktionieren will – die Paartherapie

Wenn nichts mehr funktionieren will. Ja. Dann gibt es schlechte Tage. Und in einer guten Beziehung dürfen alle Beteiligten ihre Meinung kund tun. Manchmal wird das Pferd unzufrieden mit uns sein. Wir überlegen, wie wir uns verständlich machen können – vielleicht versucht aber auch unser Pferd uns schon die längste Zeit etwas zu sagen, wir hören aber nicht zu. 

Vielleicht der richtige Moment. um sich auf die eigenen Schwächen und die Stärken des Pferdes zu fokussieren. Wo kann mir das Pferd helfen? Und dann die Analyse auch gleich noch umgekehrt herum. Ein wertschätzender Umgang ist die grundlegende Basis – und das beinhaltet auch einen klaren Fokus auf die Stärken unseres Pferdes. 

Stärken nutzen – zum Weiterlesen