„Ich bin ziemlich im Stress“ 

Eine Antwort die wir häufig zu hören bekommen, wenn wir Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder nach deren Wohlbefinden fragen. Das Phänomen „im Stress zu sein“ ist heutzutage weit verbreitet. Selbst im Stall, ein Ort, an dem wir uns eigentlich dem widmen sollten, was wir lieben, nämlich eine schöne Zeit mit unseren Pferden zu verbringen, verfolgt uns der Stress. Häufig stehen wir unter Zeitdruck oder uns bedrückt dieses unangenehme Gefühl, dass dies oder jenes doch schön langsam mit dem Pferd funktionieren sollte. Doch muss es das wirklich? 

Stress hat in der Pferdeausbildung nichts zu suchen!

Heutzutage müssen wir ständig erreichbar sein und stets sofort antworten. Arbeitgeber, Kunden aber auch Freunde und Familie setzen ständige Erreichbarkeit voraus. Doch müssen wir wirklich immer sofort antworten? Darf unser Pferd sich auch mal Zeit für die Beantwortung unserer Fragen lassen oder fordern wir stets unmittelbare – wie aus der Pistole geschossene Antworten ein? 

Unsere Terminkalender sind voll mit Terminen, To-do- Listen und Aufgaben. Zeit für uns selbst bleibt nur wenig. Unsere vollen Terminkalender geben uns vielleicht das Gefühl von Erfolg aber häufig lösen sie gleichzeitig auch Stress in uns aus. Der Leistungs- und Zeitdruck ist groß! 

Hin und wieder, wenn wir dann doch einen Moment der Ruhe haben, greifen wir wieder zum Handy um beschäftigt zu sein. Ich kenne das nur zu gut von mir selbst. Es fällt mir schwer einmal nichts zu tun und die Zeit zu genießen. 

Die Formen von Stress

Stress ist ein natürlicher Bestandteil des Lebens und gehört dazu. Zu viel davon kann uns krank machen jedoch kann er uns auch fordern und wir können unter seinem Einfluss beachtenswerte Leistungen vollbringen. 

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen „positivem Stress“ und „negativem Stress“. Es kommt ganz drauf an wie lange er dauert, wie stark er ist und ob wir denken die mit ihm verbundene Aufgabe bewältigen zu können.

Eustress, also positiven Stress haben wir bei Vorfreude oder nach einem Erfolg. Ganz bestimmt könnt ihr euch noch an das Gefühl erinnern, als ihr zum Besichtigungstermin eures Pferdes gefahren seid oder es endlich mit nach Hause nehmen durftet. 

Anders ist es beim negativen Stress Disstress. Er wird zum Beispiel durch Druck, dem eigenen Perfektionismus oder auch zu wenig Zeit für zu viele Aufgaben ausgelöst. Auf Dauer macht er dick und krank. Dafür ist das Stresshormon Cortisol verantwortlich. Der Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt. 

Was verursacht eigentlich genau Stress? 

Viele Dinge können in uns Stress auslösen. Zum Beispiel:

  • Einschneidende Erlebnisse wie Trennungen, Tod eines geliebten Menschen, Jobverlust, ein Reitunfall aber auch positive Ereignisse wie Heirat, Geburt usw..
  • Die Summe vieler kleiner Ärgernisse im Alltag können zur großen Belastung werden.
  • Private Probleme wie finanzielle Ängste, Unsicherheiten oder familiäre Streitigkeiten
  • Probleme im Job
  • Versagens- und Existenzängste
  • Umwelteinflüsse
  • Körperliche Probleme
  • Ein viel zu voller Terminkalender und vieles mehr…

Vor allem wir Pferdebesitzer machen uns häufig Sorgen und viele Gedanken um unsere Pferde. Wir stellen uns viele Haltungs-, Fütterungs- und Trainingsfragen. Schließlich wollen wir ja nur das Beste für unsere Lieben. Stets alles richtig machen zu wollen kann auch Stress erzeugen, was sich wiederum negativ auf uns und unseren Umgang mit dem Pferd auswirken kann. Fehler gehören nun mal zum Leben dazu und sollten nicht immer so negativ wahrgenommen werden, denn sie haben schließlich auch was Gutes an sich, man lernt! 

Wir wollen, dass es unseren Pferden gut geht sie ein möglichst unbeschwertes schönes Leben führen dürfen. Pferdebesitzer lassen sich das Wohl des Pferdes einiges an Zeit und Geld kosten, schließlich sind sie für uns wichtige Familienmitglieder. 

Der Wunsch eines jeden Pferdebesitzers

Das Pferd unter Stress

Doch nicht nur wir Menschen, auch Pferde, können Stress empfinden. Häufig werden Stresssignale des Pferdes gar nicht bemerkt oder abgetan indem man meint: „Das macht sie schon immer, das ist ganz normal“. 

Pferde leiden meist still, darum wird Stress oft erst erkannt, wenn etwas passiert wie Unfälle oder Krankheiten. Meist sind es undeutliche Krankheitsbilder wie, chronische Verdauungsleiden, Kotwasser, Magengeschwüre oder Allergien. 

Die Lebensbedingungen der Pferde spielen eine große Rolle wie es dem Pferd geht. Umso mehr sich diese von der eigentlichen Natur des Pferdes entfernen, je weniger es also seine natürlichen Bedürfnisse stillen kann, umso eher wird es auch zu stressbedingten Erkrankungen kommen. 

Damals als ich noch Rechtswissenschaften studierte und langsam bemerkte, dass es doch nicht das Richtige für mich ist und mein Studium wechseln wollte bekam ich Schuppenflechte. Die Situation löste irrsinnigen Stress in mir aus. Meine Familie war nicht erfreut, dass ich mein Studium wechseln wollte und ich selbst konnte es mir auch nur sehr schwer eingestehen, dass es nicht das ist was ich möchte. Wenn es mir gut geht macht meine Haut dahingehen keine Probleme doch, wenn ich zu viel Stress im Alltag habe dann macht sich die Schuppenflechte bei mir wieder bemerkbar. Dann weiß ich es ist wieder Zeit ein bisschen besser auf mich und meinen Körper zu hören. Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei Pferden auch so sein kann! 

Für uns Pferdebesitzer gilt es also sehr genau hinzuschauen umso früh wie möglich Stressfaktoren in der Umgebung des Pferdes wahrzunehmen bzw. Stresssymptome zu erkennen und zu verhindern.

Hier sieht man Moon und mich auf unserem allerersten Kurs und dass auch noch in einem fremden Stall. Als Seelische Unterstützung war Blacky, das Pferd welches man im Hintergrund sieht mit in der Halle um Stress zu vermeiden. Schließlich lernt es sich unter Stress nicht besonders gut.

Woran erkennt man Stress und Angst beim Pferd?

Stress bei Pferden lässt sich zum Beispiel erkennen durch:

  • Verkrampfte Muskulatur
  • Erstarren
  • Festes Maul 
  • Schlagender Schweif
  • Zähne knirschen 
  • Tänzeln
  • Eingezogener Schweif
  • Aufgerissenen Augen 
  • Fokussieren eines Objekts
  • Große oder gerümpfte Nüstern
  • Angespannte Kaumuskulatur
  • Hoch getragener Kopf 

Das Pferd kann bei Stress mit Aggressions- und Fluchtverhalten reagieren. Das kann Angriff, Kommunikation, Flucht oder Erstarren bedeuten.

Wenn das Pferd in eine Stresssituation kommt, ist es wichtig, besonnen zu reagieren und das Pferd nicht für seine Furcht zu bestrafen. Das Pferd verhält sich ja nicht mit Absicht furchtsam und es will dich ganz bestimmt NICHT an der Nase herum führen! Sehr häufig höre ich eine solche Beurteilung. Bei Stress oder Angst sollte man dem Pferd ausnahmslos NIE mit Dominanz oder Strafe begegnen. Natürlich kann es sein, dass ein solches Verhalten des Menschen zu Erfolg führt aber meist nur kurzfristig und wer möchte eine solche Situation schon negativ verstärken? 

Angst ist etwas ganz Natürliches und hat auch seine Berechtigung. Sie hilft dem Fluchttier Pferd dank seiner Instinkte zu überleben. 

Häufig gibt es eine bestimmte Ecke in der Halle oder am Viereck, in der das Pferd stets erschreckt. Ganz bestimmt wird es auch eine Ursache für das Verhalten deines Pferdes geben. Es macht das nicht bloß um dich zu ärgern. Vielleicht liegt eine Wasserleitung oder ein Mäusenest welches wir nicht hören können hinter dem Holz. Vielleicht spannst du dich unbewusst in der Ecke an weil du stets an den letzten Bocksprung genau in dieser Ecke denken musst. 

Frage dich selbst in solchen Situationen:

  • Kann ich dem Moment mit dieser Situation alleine umgehen oder brauch ich Hilfe?
  • Wie atme ich?
  • Ist meine Muskulatur angespannt oder verkrampft? 
  • Bewege ich mich selbstsicher?

Versuche dem Pferd entgegenzukommen und es nicht mit Gewalt in die Ecke zu treiben. Lass es die Ecke mit genügend Abstand anschauen und gib ihm das Gefühl von Sicherheit indem du es positiv verstärkst. Du kannst es streicheln, mit der Stimme loben oder ihm auch ein Leckerli geben, dass entspannt die Muskulatur. Denke daran, dass dein Lösungsansatz stets freundlich, verständnisvoll und klar und deutlich kommuniziert werden soll. 

Ein Leckerli kann helfen, dass das Pferd sich wieder entspannen kann.

Stress in der Ausbildung des Pferdes

Von klein auf werden wir meist schon auf Erfolg getrimmt. Stets muss man der Beste und Erfolgreichste sein. Man muss möglichst schnell sehr erfolgreich sein. Umso schneller umso besser! Wir stehen permanent unter Druck. 

Häufig verliert man das Gefühl für das, was man bereits alles geleistet und erreicht hat. Dieser Erschöpfungsstolz ist ein Phänomen der westlichen Welt. Wir definieren uns stets über unsere Leistungen. Am Ende des Tages messen wir uns daran wie erschöpft wir sind. Umso erschöpfter umso mehr hat man das Gefühl geleistet zu haben. 

Auch die Pferde fallen diesem Stress, dem Leistungsdruck schnell zum Opfer. Umso schneller das Pferd reitbar ist umso schneller kann man damit Profit erzielen. Ein trauriges Geschäft zum Leid des Pferdes. Sie werden häufig ihrer Kindheit beraubt. Man könnte meinen das Motto lautet: „Zu früh, zu viel und zu schnell“. Häufig wird vergessen, dass dieses „zu viel“ auf Kosten eines sehr sensiblen Lebewesens geht. 

Dieser permanente Stress leisten zu müssen finden wir jedoch nicht nur im Turniersport oder in der Pferdezucht. Auch beim klassischen Freizeitreiter kommt dieses Gefühl oft auf. 

Häufig höre ich: „Das muss er jetzt aber schon können“. Wir vergessen oft, dass wir nichts müssen, außer einfach eine schöne und gute Zeit mit den Pferden verbringen. Wir sollten nicht vergessen warum wir gerne Zeit mit Pferden verbringen. Ich hoffe um ihrer selbst willen. Weil wir sie als Kinder schon bewundert haben diese schönen, stolzen und anmutigen Tiere. 

Der Leistungsdruck hat in der Pferdeausbildung meiner Meinung nach nichts verloren. Jeder soll in seinem Tempo lernen dürfen. In aller Ruhe. Die Pferde sollen sich stolzer und schöner durch das gemeinsame Training fühlen und nicht eingeschüchtert. 

Häufig wird vergessen, dass auch der Mensch Zeit zum Lernen braucht. Langsam müssen beide Beteiligten in die gestellten Aufgaben hineinwachsen. Täglich, beim ganz genauen Hineinspüren während des Reitens in meinen Körper, bemerke ich kleinste Dinge die ich noch verbessern könnte. Moon macht auch nicht jedes Mal ein großes Theater, wenn ich mal nicht „perfekt“ sitze und auch so verständnisvoll wie sie mit uns sind sollten wir auch mit ihnen sein. 

Wir sollten so gut wie möglich Stress in der Ausbildung unserer Pferde vermeiden und ihre Warnsignale ernst nehmen. 

Wie kann man Stress in der Pferdeausbildung entgegenwirken? 

Es gibt auch Momente in denen ich zu ehrgeizig werde und drohe die Grenzen zu überschreiten. Es ist wichtig sich und sein Handeln stets zu reflektieren und hinterfragen. Wenn ich bemerke, ich bin am Holzweg, versuche ich einen Moment innezuhalten, tief durchzuatmen und zu lächeln. Ja und manchmal lache ich dann auch über mich selbst. Das hilft mir die Situation wieder zu entspannen. Ein achtsamer Umgang miteinander ist unerlässlich. 

Lassen wir uns während der Ausbildung unseren Pferden nicht Stressen reiten wir später umso einfacher. Wie heißt es so schön – der Weg ist das Ziel! Genießen wir die gemeinsame Zeit die wir jetzt gemeinsam haben und verbringen sie so schön wie möglich – Stressfrei!

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