Reiten hat viel mit Denken zu tun. Gerade in der Akademischen Reitkunst heißt es oft:
Im Stehen über den Schritt und im Schritt über den Trab nachdenken. Im Kollektiv denkt es sich bekanntlich besser. In zwei Wochen treffen sich die Reitkunst-Tüftler in Toreby, wenn Bent Branderup zur Sommerakademie der Akademischen Reitkunst lädt.

Im heurigen Jahr wird auf der Sommerakademie im „Brainpool“ über das Schulterherein diskutiert. Die einen sagen „Aspirin der Reitkunst“, die anderen bräuchten öfter mal ein Aspirin wenn das Schulterherein großes Kopfzerbrechen bereitet.

In Ingolstadt hat man sich seit der letzten Sommerakademie den Kopf über das Schulterherein zerbrochen.
Im heutigen Bloginterview erzählen mir Kati Siewerth und Bent Branderup Trainerin Claudia Strauß über den Ingolstädter Brainpool.

Ihr habt euch ja mehrmals zum Thema Schulterherein getroffen. Wie viele seid ihr denn und worüber genau wurde gefachsimpelt?

Kati: Zum AcademicRidingTeam (ART) gehören alle in unserer Region, die sich für die Akademische Reitkunst begeistern. Es gibt einen „festen Stamm“ von 10 Leuten – aber es sind grundsätzlich alle eingeladen sich zu beteiligen und einzubringen.
Erklärtes Ziel unseres ART ist es, die Ideale der Ritterschaft zu leben: Wir stehen für die Akademische Reitkunst und wollen uns gegenseitig freundschaftlich unterstützen und vor allem motivieren.
Darüber hinaus geht es um die persönliche Weiterentwicklung, durch Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Reflexion, Demut usw. Das sind ja auch Aspekte der Akademischen Reitkunst, die wir in unserem Team leben wollen.
Interessierte finden Infos zu unseren Treffen auf Facebook in den Gruppen „Freunde der Akademischen Reitkunst nach Bent Branderup“ und „Akademische Reitkunst“.

Auf diesen Seiten war ja immer über euren regen Austausch über das Schulterherein zu lesen?

Kati: Zunächst haben wir uns Gedankendarüber gemacht, weshalb Bent der Ritterschaft dieses Thema als Aufgabe mitgegeben hat – im Vergleich zu den Themen aus 2013 und 2014 (Schulhalt, Schulschritt) ist es ja sozusagen eine „Routineaufgabe“.
Wir begannen unsere Diskussion und Analyse mit dem rein fachlichen Aspekt der Hilfengebung, dann über die biomechanischen Zusammenhänge weiter zur Kraftübertragungsrichtung bis hin zu der Frage, wie ich „absichtslos mein Ziel verfolge“. Es sollten eben nicht nur zwei Körper, sondern auch zwei Geister zusammen verschmelzen.

Das klingt ja spannend – wie seid ihr vom Schulterherein auf das Ziel ohne Absicht gekommen? Und noch viel wichtiger – wie setzt man das um?

Claudia: Auch hier haben wir die Erfahrungen mit unseren eigenen Körpern herangezogen, die wir bereits regelmässig beim Yoga gesammelt haben. Das Gespräch unter uns Reitern kreiste dann um Möglichkeiten, wie wir uns selbst optimal mobilisieren können. Wir sind uns noch nicht sicher, wie wir diese Erkenntnisse und Techniken auf unsere Arbeit mit den Pferden zuverlässig übertragen können, aber wir forschen fleissig weiter. Einerseits hat diese Übertragung wohl mit der inneren Haltung zu tun sowie mit individuellem Arbeiten ohne Erwartungsdruck. Wir wollen zulassen und nicht erzeugen!

Ist das Schulterherein wirklich ein Aspirin der Reitkunst?

Kati: Grundsätzlich haben wir das Schulterherein nicht als Lektion isoliert betrachtet. Aber es hat sich bestätigt, dass es eine ideale Möglichkeit ist, das Pferd in eine Form zu bringen
um es zum Reitpferd auszubilden.

Was sind denn die Vorteile des gut gerittenen Schulterherein?

Claudia: Durch das Schulterherein erreichen wir das innere Hinterbein und können eine effektive Kraftübertragungsenergie hin zu freien Schultern erfühlen. Das funktioniert nur, wenn der
Reiter sich mit dem Pferd synchronisiert.

Kannst du diese Synchronisation genauer beschreiben?

Claudia: Bekannt ist Bent Branderups Merksatz: Kopf parallel zu Kopf, Schulter zu Schulter, Hüfte zu Hüfte.

Wir gehen weiter und sprechen vom Spiegeln der Bewegung(srichtungen) des Pferdes in unseren Körpern.

Wo liegen die meisten Probleme eurer Meinung nach beim Schulterherein?

Kati: Worüber wir immer wieder stolpern ist die mangelhafte Bewegungskompetenz von Pferd und Reiter. Aus verschiedenen Gründen ist diese dem Mensch und Vierbeiner abhandengekommen.
Zum anderen liegt die Herausforderung darin, für das jeweilige Pferd zum jeweiligen Zeitpunkt das Maß zu finden – sprich wahrzunehmen und entsprechend einzufordern.
Oft ist weniger mehr, aber manchmal ist es eben auch nicht ausreichend. Hier spielt das Wesen des Pferdes genauso wie die Ausbildung des Reiters eine Rolle:
je mehr wir mit der primären Hilfe arbeiten können, desto leichter kann das Pferd der Formgebung bei maximaler Effektivität folgen.

Man könnte meinen über das Schulterherein wurde schon genug geschrieben – ich wette, euch gingen die Ideen nicht aus – was waren denn die Meilensteine oder großen Erkenntnisse in eurer Diskussion?

Kati und Claudia: Letztlich hat uns die Diskussion dahin gebracht, das wir uns Gedanken darüber machten wie wir Lernprozesse für Pferd und Reiter optimieren können. Aufschlussreich waren Erfahrungen, die wir mit unseren eigenen Körpern gemacht haben. Wir experimentieren mit verschiedenen Techniken wie beispielsweise Savasana aus unseren Yogasessions.
Die Frage war dabei unter anderem wie wir bei maximaler Losgelassenheit maximale Effizienz erreichen können. Wir stellten fest das wie bei allen Lektionen gilt “ Die Form folgt der Funktion“ – es geht also darum, über eine gesunde Funktionalität zur Formvollendung zu gelangen.

Ihr habt euch aber nicht nur mit der Theorie auseinander gesetzt. Ganz schön praktisch und vor allem bewegend war euer Festival, das leider zeitgleich mit unserem Bent Branderup Kurs stattfand. Für alle, die es wie ich verpasst haben – kannst du nochmal erzählen worum es dabei ging?

Kati:Es drehte sich bei unserem Festival alles um Bewegungskompetenz von Pferd & Reiter. Wir wollten die Schnittstellen von Akademischer Reitkunst, Biomechanik und Körperwahrnehmung aufzeigen und auch vor allem die gemeinsame Zeit schön verbringen.
Claudia Strauß gab uns als Bent Branderup Trainerin zur Einführung Aufschluss über die Ideale der Akademischen Reitkunst um anschließend auf die Systematik der Ausbildung des Pferdes zum Reitpferd überzugehen.
Sie vermittelte den Teilnehmern den „roten Faden“ in der Ausbildung an der Longe, der Hand und ging am lebenden „Modell“ auf den Reitersitz als primäre Hilfe ein.
Katja Eser machte als Humanphysiotherapeutin und Pferdeostheopathin die Biomechanik und Physiologie von Pferd und Mensch sichtbar. In der Reitergymnastik durften wir unsere unterschiedlichen Bewegungskompetenzen erspüren.
Bent Branderup Trainerin Kristina Winholz reiste mit den Bent Branderup by Stübben Sätteln und bester Laune an; eindrucksvoll schilderte sie die Unterschiede zu „normalen“ Sätteln in Theorie und Praxis und wurde nicht müde viele Fragen zu beantworten.
Doris Bark -Greil war unsere Diskussionsmoderatorin und leitete mit Eddy Gonzales die Yoga Sessions am Samstagabend und Sonntagmorgen. Deren unterschiedlichen Stile begeisterten unsere lieben Gäste!
Nicole von Hagmann von barocko.de brachte schönes, sinnvolles und nützliches Zubehör, das gepaart mit ihrer herzlichen Art zum Verweilen und stöbern verleitete.
Die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten in einer wohlwollenden, lockeren Atmosphäre eines Festivals zu verbringen war für alle Beteiligten wunderschön, das Feedback war überwältigend ; zumal wir Gäste mit weiter Anreise (von Hamburg bis Wien) hatten!

Wird es wieder ein ähnliches Festival geben?

Claudia: Voraussichtlich werden wir in 2 Jahren wieder ein ähnliches Festival veranstalten, Infos hierzu werden in den Gruppen „Freunde der Akademischen Reitkunst nach Bent Branderup“ und „Akademische Reitkunst“ gegeben!

Viele sagen – man muss eigentlich nur die Alten Meister lesen. Ihr kombiniert aber auch Pilates, Yoga usw. mit der Akademischen Reitkunst. Was hätten sich die Alten Meister denn von eurem Festival mitnehmen können?

Kati: Es ging uns wie immer darum, Zeit gemeinsam schön zu verbringen, Pferd und Reiter sollen sich in ihren Körpern wohl fühlen….die wohlwollende Atmosphäre, das gute Essen und die vielen wunderschönen Frauen hätten den alten Meistern sicherlich zugesagt! Und unser Motto „the happiest girls are the prettiest“ – das unserer Meinung nach im Übrigen auch für alle Pferde gilt – hätte ihnen bestimmt auch gefallen 😉

Ich bedanke mich bei Kati und Claudia für die Infos! Freue mich alle Mädels aus Ingolstadt bei der Sommerakademie wieder zu treffen. Wer ebenso wie ich das Festival in Ingolstadt verpasst hat, kann sich hier einen Eindruck und eine Vorfreude auf Folgetermine verschaffen!

 

Tauschen wir uns regelmässig aus, dann Reiten wir Einfach 😉

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