Seniorengymnastik – Interview mit Claudia Strauß

Seniorengymnastik – Interview mit Claudia Strauß

Wie heißt es so schön, wir geben den Pferden eine Gymnastik, dabei denken wir vielleicht vorwiegend daran, das Pferd überhaupt zur Tragfähigkeit zu trainieren.
Meine eigenen Pferde sind jetzt 11 u 13, also im besten Alter, wie man so schön sagt. Was ich heute mit ihnen erarbeite, tue ich aber für das Morgen.

Bei einer sinnvollen Gymnastizierung geht es aber auch darum, dem alten Pferd, das vielleicht gar nicht mehr geritten werden kann Lebensqualität zu geben. Für ältere Pferde ist es beispielsweise wichtig, sich ohne Probleme hinlegen, aber auch wieder aufstehen zu können. Darüber spreche ich heute mit Claudia Strauss, meiner lieben Trainerkollegin aus Ingolstadt.

Wir sprechen heute über alte Pferde, warum ist es überhaupt wichtig diese zu gymnastizieren?

Claudia: Mein ältestes Pferd „Willow“ ist eigentlich mein Ausbilder, der mich seit dem ersten Tag auf den akademischen Weg begleitet hat. Er ist jetzt schon ein Senior und leider auch von Melanomen stark beeinträchtigt. Aber ich möchte ihn trotz seines Alters jetzt nicht aus dem Training nehmen, für uns beide ist es wichtig, dass wir weiterhin Zeit miteinander schön verbringen. Willow hat ja bereits eine gute Ausbildung genossen. Er bringt mich dazu, jeden Tag mit ihm bewusst zu genießen und im Hier und Jetzt zu sein. Und da wir über eine sehr gute Kommunikation verfügen, können wir heute auch noch (angepasst an die Tagesform) ein Gymnastikprogramm absolvieren.

An manchen Tagen gehen wir nicht ins Gelände, sondern ich beschließe ihn in der Halle zu bewegen. Dort signalisiert er mir meist deutlich, daß ich aufsteigen soll: er parkt bei der Aufsteighilfe ein. Er genießt er das geritten werden! Auch wenn ich diese Entscheidung für ihn an diesem Tag möglicherweise nicht getroffen hätte, lasse ich mich dann gerne darauf ein. Ich denke wir lernen durch unsere „Oldies“ sehr gut zuzuhören und Bedürfnisse der Pferde wahrzunehmen.

Durch die vorangegangene Ausbildung ist es für Willow also möglich, ein rüstiger Rentner zu bleiben? Wie schaut das bei anderen Pferden ohne diese vorangegangene Ausbildung aus?

Claudia: Solche Beispiele habe ich natürlich auch in meiner täglichen Arbeit.

In erster Linie geht es darum, dem Pferd neue Ideen und Bewegungsmuster zu geben. Das Ziel ist natürlich durch sinnvolle Gymnastizierung das Pferd beweglich zu halten, es gleichzeitig zu stärken und zu schützen. Es ist natürlich etwas schwieriger, wenn wir erst eine gemeinsame Sprache entwickeln müssen, was freilich vor der Gymnastik steht. Bei älteren Pferden, die in ihrem Leben möglicherweise auch viele nicht so schöne Erfahrungen gemacht haben, geht es dann auch darum zuerst den Geist zu gewinnen. Wir müssen uns also geistig bewegen, um den Körper in Bewegung zu bringen.

 Ist es für ältere Pferde also schwerer, aus festgefahrenen Mustern auszubrechen?

Claudia: Ich denke schon. Es gibt zum einen festgefahrene Bewegungsmuster – dann haben wir wie schon oben gesagt den Geist, der möglicherweise aufgrund von körperlicher Einschränkung, Schmerzerfahrung, Demütigung und Resignation sehr verschlossen ist. Hier hilft eine positive, kreative Herangehensweise und Arbeit in kleinen Schritten.

 Wenn wir Kommunikation auf den Menschen übertragen. Jüngere Menschen neigen dazu in Gegenwart von alten Menschen lauter zu sprechen. Ist das bei älteren Pferden auch so?

Claudia: Das ist zwar ein lustiger Gedanke, aber nein, natürlich muss man – egal ob Mensch oder Pferd gerade im Alter noch viel respektvoller miteinander umgehen. Das ist ja schon eine reife Persönlichkeit, der man da gegenübersteht. Und bei jeder Persönlichkeit muss ich einen individuellen Zugang finden.

Wie schaut es da mit den körperlichen Voraussetzungen aus?

Claudia: Ich muss natürlich Rücksicht nehmen in Bezug auf sämtliche Widerstände, die mir bei der Arbeit begegnen. Das können eben körperliche oder mentale Grenzen sein, negative Erfahrungen, die sich erst lösen müssen. Aber: Zum Glück gibt uns unsere Arbeit so viele Möglichkeiten in die Hand. Wir können ja auch sehr viel im Stand erarbeiten ohne große Belastung für die Gelenke in Kauf nehmen zu müssen. Außerdem werden wir ältere Pferde hauptsächlich in ruhigerem Tempo arbeiten. Und über allem steht die Geraderichtung. Junge Pferde bilden wir natürlich auch schonend aus mit dem Ziel spätere Schäden von vornherein auszuschließen. Beim alten Pferd kann ich etwaige Verletzungen und Schäden nicht mehr reparieren – diese Handicaps muss ich natürlich ständig in der Arbeit observieren und berücksichtigen.

Du hast bereist erwähnt die Gelenke nicht zu überlasten. Wie sieht das mit den Muskeln aus?

Claudia: Hier gelten natürlich ähnliche Prinzipien. Ältere Pferde müssen mit ihren Kräften viel mehr haushalten. Wir müssen die Pferde also dahingehend fördern, damit sie sich kraftschonend – oder anderes gesagt – möglichst effizient bewegen. So lehrt es uns auch die Natur. Hier kommt das große Thema der Fazien ins Spiel.

Tatsächlich lieben Faszien vorwiegend Losgelassenheit, Entspannung und Abwechslung – sowohl auf körperlicher, wie auch auf geistiger Ebene.

Grundsätzlich zähle ich die Arbeit am Schulhalt oder am Schulschritt zu den positiven Übungen für den Senior. Ich lege den Fokus vermehrt auf das Geraderichten – dafür benötigt das Pferd bereits ein Verständnis von Schulterherein und Kruppeherein. Natürlich kann ich vom älteren Pferd nicht die gleiche Symmetrie erwarten, wie von einem jungen Pferd. Es sollte aber trotzdem ein zentrales Anliegen sein, die Kräfte, die innerhalb des Pferdes wirken maximal gleichmässig zu verteilen.

Kann man deiner Meinung nach noch mit einem alten Pferd beginnen nach der Akademischen Reitkunst zu arbeiten?

Claudia: Ja freilich, das geht. Jede kleine Veränderung zum Positiven ist Wichtig und nützlich für das Pferd. Ich arbeite ein paar Senioren nur einmal in der Woche und konnte nach kürzester Zeit schon erstaunliche Fortschritte feststellen.

Schüler mit älteren Pferden fragen sich häufig: Kann man sich dann noch überhaupt Fehler erlauben?

Claudia: Das ist relativ. Wenn ich nicht den ersten Schritt wage, kann ich nichts bewegen. Und natürlich können Fehler passieren! Mein Rat: Geht respektvoll, kreativ und wohlwollend vor, dann ist alles gut!

Gibt es vielleicht Übungen, die für das ältere Pferd nicht mehr so geeignet sind?

Claudia: Wir sollten nicht zu lang und nicht in hohem Tempo arbeiten. Hier ist auch die schonende Gelenkstätigkeit als Grund dafür zu nennen. Ich habe ja eine Bewegungsrichtung, in der die Kraft auf ein Gelenk einwirkt, sowohl in der Schwung-, Trage- und Schubphase. Je weniger Beschleunigung umso weniger Verschleiß also.

Auch sollte ich die Arbeit vom Boden aus dem Reiten vorziehen.

Was müssen wir abseits des Trainings noch beachten?

Claudia: Unser Ziel muss sein, die Senioren bestmöglich zu versorgen. Daher müssen wir auch in der Haltung ständig überprüfen und hinterfragen, ob Futterangebot, Herdendynamik, Hufpflege usw. noch stimmen. Bei meinem Willow ist nach wie vor die Haltung im Offenstall mit viel Bewegung möglich, allerdings muss er, um in Ruhe fressen und schlafen zu können doch von seiner Herde eine „Auszeit“ nehmen. Mittlerweile muss ich auch die Hufbearbeitung auf zwei Termine verteilen, weil er nicht mehr so lange belasten kann. In Punkto Fütterung empfehle ich durch ein Blutbild zu recherchieren, ob das Pferd einen Mangel hat und ob man eventuell ein Zusatzfutter supplementiert. Regelmässige Zahnkontrolle sollte selbstverständlich sein.

Wie alt ist dein Senior Willow derzeit?

 Claudia: Er ist jetzt 25 Jahre alt.

Wann ist denn ein Pferd überhaupt in deinen Augen alt?

Claudia: Auch in dieser Hinsicht schaue ich mir Körper und Geist an. Ich achte darauf ob der Körper steif und der Geist eine gewisse Starrheit aufweisen. Gibt es altersbedingten Verschleiß – dann würde ich das Pferd schon bei den Senioren zuordnen.

Meinst du junge Pferde können sich vom Oldie noch etwas abschauen und lernen?

Claudia: Ja ganz sicher – so hat Willow beispielsweise so einigen jüngeren Pferden die ich als Handpferd geführt habe das Gelände gezeigt. Er war beim gemeinsamen Spazierenreiten ein souveränes Vorbild. Ich bin davon überzeugt, dass sich Pferde etwas voneinander abgucken. Wir Menschen müssen für eine vertrauensvolle Atmosphäre sorgen, so kann das junge Pferd offen lernen.

Wer sich von Claudia Strauß etwas abschauen möchte, kann dies auf ihrer Website tun. Ich danke meiner lieben Kollegin aus Ingolstadt für diese Gespräch und wünsche ihrem Willow weiterhin einen so schönen Lebensabend.

 

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