Unterricht mit Bent Branderup: das bedeutet geballte Ladung Wissen, viele Anekdoten über die Alten Meister, Kritik – manchmal schonungslos, aber auch viel Ansporn und Motivation. Ein Kursbericht aus Reitersicht:

Bent Branderup war im Juli 2020 bei uns am Sonnenhof zu Gast und wir waren mit dabei. Themenschwerpunkt des Kurses war der korrekte Rückenschwung. Ein ganz schön kniffeliges aber wichtiges Thema, welches uns die ganze Ausbildung begleitet.

Wir, mein Englischer Vollblüter Moon und ich, haben uns mit dem Übergang zwischen vorwärts abwärts und vorwärts aufwärts – oder Dehnugshaltung und Versammlung am Kurs beschäftigt. Die Herausforderung dabei war ein Reiten dieser Übergänge ohne dabei Formgebung, Balance, Losgelassenheit, Durchlässigkeit und den Schwung zu verlieren.

Seit einigen Jahren bin ich mit Moon bei den Kursen mit Bent Branderup dabei. Wir dürfen seinen Unterricht 2-mal jährlich genießen, live sowie auch online. 

Unterricht bei Bent: Wer wir sind und was wir tun?

Zu Beginn meiner Einheit erzähle ich immer ein bisschen über uns damit sowohl Bent, als auch die Zuschauer wissen, woran wir gerade arbeiten und wo unser aktueller Schwerpunkt liegt. 

Moon ist 2020 vierzehn Jahre alt. Als Fohlen zog er sich einen Rippenbruch zu, diese Verletzung bereitet uns aber zum Glück bis dato keine Probleme. Auch einen Griffelbeinbruch und eine schwere Verletzung vorne am Fesselgelenk haben wir schon gemeinsam mit viel Durchhaltevermögen durchgestanden. Trotz allem ist Moon in der Blüte seines Lebens und bewegt sich so schön wie nie zuvor. 

Für Moon ist es schwer die Hinterbeine gut unter seinen Körper zu bekommen ohne dabei viel Rückschub zuzulassen. Gerne möchte er mit seinen Hinterbeinen „antauchen“, was natürlich auch Zuchtbedingt ist, schließlich wurde er gezüchtet um Galopprennen zu laufen. 

Unterricht bei Bent: Sich gemeinsam freuen!

Anna Eichinger und ich „arbeiten“ sehr oft gemeinsam im Team mit unseren Pferden. Einerseits weil wir die Pferde mental unterstützen wollen, geteilte Freude wiegt einfach doppelt so viel und andererseits ist es bei Moon so, dass wenn ich alleine von oben an der Versammlung arbeite, er häufig mit den Hinterbeinen gegen die Hand schiebt. Dann brauche ich relativ viele Sekundarhilfen für die Korrektur und kann mich nicht so gut auf meine wichtigste Hilfe den Sitz konzentrieren. Wenn Anna und ich gemeinsam im Duo arbeiten fällt es Moon deutlich leichter die Hilfen korrekt anzunehmen. Die Hilfengebung für die Versammlung vom Boden aus ist ihm schon sehr klar. Diese hat er bereits gut verstanden. Langsam aber sicher soll nun mein Sitz immer mehr die Aufgabe der Hilfengebung übernehmen bis das Bodenpersonal schlussendlich überflüssig wird. 

Die Arbeit im Duo bringt viele Vorteile mit sich – doppelt soviel Freude, mentale Unterstützung für Reiter und Pferd.

„80% aller Vollblüter werden keine 2 Jahre alt. Stellt euch mal vor das wäre bei Tomatenzüchtern so, wenn dieser 80% seiner Produktion einfach wegschmeißen müsste, das wäre fatal. Vollblüter müssen schon 2-jährig auf der Rennbahn laufen.

Das Englische Vollblutpferd hat an sich einen großen Vorgriff, sonst wäre es ja gar nicht schnell. Ein Teil der Schnelligkeit besteht im Vorgriff, einer im Rückschub und der andere in der Schwebephase. 

Bevor die Photographie kam, haben die Künstler die Pferde Viertakt im Renngalopp gemalt. Als Fotographen das Englische Vollblut dann ablichteten, sahen sie, dass der Galopp an sich ein Dreitakt ist. Daraufhin begannen die Maler die Pferde auch im Renngalopp im Dreitakt zu malen. Doch nein, ein Pferd im Renngalopp läuft stets im Viertakt. Aus der Startbox laufen die Pferde sogar im Zweitakt damit die Hinterbeine die maximale Akzeleration leisten können. Danach gehen sie ins sogenannte flat racing über, welcher eben ein Viertakt ist. 
Da hat die Wissenschaft dem Künstler die Wahrheit gestohlen. Diese hatten nämlich einen Kampagnegalopp fotografiert und keinen Renngalopp. Ein Rennpferd läuft im Rennen aber nie einen Kampagnegalopp. 
Man muss immer Acht geben, wo Wissenschaft und Tradition aufeinandertrifft. Nur weil man es traditionell nicht beweisen kann, heißt es ja nicht, dass es nicht richtig ist.“ 

Bent Branderup bei unserem Kurs am Horse Resort am Sonnenhof.

Während Bent über die Vollblüter erzählt beginnen wir schon mal an unserem derzeit gewohnten Programm zu feilen. Vorsichtig erhöhen wir den Takt und wollen Moon zu etwas mehr Hankenbeugung motivieren. 

Die Macht der Freude

Finde immer das Positive: Besonders wichtig ist es für mich, dass das Pferd ein gutes Gefühl und Spaß an der Sache hat. Ich möchte, dass mein Pferd vom Training sowohl physisch als auch psychisch profitiert. Der Schlüssel dazu sind die vielen positiven Rückmeldungen an das Pferd. Manchmal kommt es vor, wenn ich alleine mit Moon arbeite, vor allem von oben, dass ich so konzentriert bin, dass ich manche kleinen Erfolge vergesse zu honorieren. Zu zweit passiert so etwas nicht. Besonders schwere Aufgaben, die er gekonnt meistert, machen ihn stolzer und schöner. Da wendet er dann gleich zu Anna ab und holt sich sein wohlverdientes Lob auch „vom Bodenpersonal“. Durch den vielen guten Zuspruch verlässt er dann mächtig stolz am Ende der Einheit die Halle. Wir alle sind zufrieden und glücklich. 

So war unser Unterricht bei Bent Branderup

Moon macht seine Sache gut. Ich bin auch nur ein Mensch und möchte mehr, zu viel und beginne stärker mit den Schenkeln zu klopfen. Doch es geht nicht darum, dass ich meinen Schenkel verstärke, Moon versteht die Hilfe dadurch nicht besser. Sanft, präzise und klar muss eine Hilfe sein. Außerdem habe ich ja genau aus diesem Grund Anna mit dabei, die mir von unten hilft. Langsam muss Moon verstehen, dass meine Hilfen von oben das Gleiche bedeuten wie die Gertenhilfen von unten. Schlussendlich soll das Bodenpersonal überflüssig werden und ich ihn aus meinem Sitz und den leisesten Schenkelhilfen dazu auffordern können, den Takt zu erhöhen und die Hanken zu beugen. 

„Die Hilfengebung beim Pferd funktioniert nicht auf Knopfdruck wie bei einer Maschine. Man kann das Pferd nicht durch einen Hebel betätigen. Jede Hilfengebung ist nur ein kommunikatives Element, deshalb sollen wir die Hilfen nie verstärken, sondern wir müssen sichergehen, dass das Pferd die Hilfe versteht. Wenn nicht, dann müssen wir unsere Wünsche besserer formulieren, bis das Pferd uns versteht.
Wenn ich mit euch auf Dänisch rede, versteht ihr mich trotzdem nicht, wenn ich zu schreien beginne. 

Heutzutage haben wir generell zu große Pferde. Da wo eigentlich die dickste Stelle der Wade liegen soll, befindet sich bei den meisten Reitern der Absatz. Das moderne Pferd wird daher leider oft mit Absatz geritten. Häufig wählen wir Pferde aus, die nicht zu unserem Sitz und zu unserer Körpergröße passen.

Die Gerte kann auch mal über dem Fesselkopf oder der Kniebeuge verwendet werden um das Pferd aufzufordern mehr in diesen Gelenken zu beugen. 

Wenn die Gerte zu viel Druck auf der Lende ausübt dann öffnet sich das Hüftgelenk anstatt sich zu schließen, dann muss man zum nächsten Gelenksbereich wechseln. Zum Beispiel zur Kniebeuge um die Hüftgelenke wieder geschlossen zu bekommen. Oder sie muss sogar hinunter zum Fesselgelenk wechseln um eine bessere Beugung der Knie- und Sprunggelenke zu bekommen.   

Wenn wir die Gerte oben verwenden würden wir gerne alle Gelenke darunter ansprechen. Wenn das aber nicht funktioniert muss die Gerte gewechselt werden und zu den verschiedenen Gelenksbereiche zeigen die wir aktivieren wollen.

Natürlich muss das Pferd erst mit dem Training lernen, dass es nicht gegen die Gerte hinten raustreten soll sondern das Bein nach vorne zu nehmen.“

Bent Branderup
Gemeinsam macht einfach alles doppelt soviel Freude. Da kommt Motivation auf.

Bent Branderup: Gute Vorbereitung ist alles

Bent Branderup erzählt, dass er seinen jungen Pferden beim Hufeauskratzen beibringt, das Bein zuerst unter den Bauch zu heben. Erst wenn sie das verstanden haben nimmt er eine für ihn bequeme Position zum Auskratzen des Hinterhufes ein. Der Hintergedanke dabei ist, dass das Pferd später, wenn es in der Ausbildung ans Versammeln geht, die Bewegung der Hinterbeine vor und drunter und das dazugehörige Kommando mit der Hand schon kennt. Mit der Zeit wird die Hand durch eine immer länger werdende Gerte ersetzt. Durch das Touchieren soll das Pferd die Reaktion des Hochhebens des Beines unter den Bauch lernen.  

Bent Branderup: es geht immer um den Inhalt, nicht um die Lektion

„In der Versammlung geht es nicht darum, auf die Stelle zu kommen, sondern um die Hankenbiegung! Viele Reiter wollen unbedingt auf die Stelle, doch häufig geht dabei leider der Inhalt der Lektion verloren und das Pferd hat davon keinen Nutzen mehr. Im Gegenteil häufig trägt es sogar auf Dauer einen Schaden davon.“ 

Bent Branderup

Auf der linken Hand passiert es häufig, dass Moon mich etwas nach außen setzt. Ich muss darauf achten, dass ich mein Schambein sozusagen auf der Innenseite der Wirbelsäule des Pferdes halte, ebenso mein Steißbein um die Hinterbeine dann korrekt zwischen meinen Schenkeln auszurichten. Mein Gesäß darf innen nicht zu nah an die Wirbelsäule des Pferdes geführt werden. Ich soll mir vorstellen, dass mein Gesäßknochen den Hinterhuf des Pferdes direkt unter mich dirigiert. Der Gedanke eines leichten Kruppeherein verhindert mir ebenfalls das Ausfallen der Hinterhand. Fällt die Hinterhand aber doch nach außen aus, wird sich das Pferd mit großer Wahrscheinlichkeit auf die äußere Schulter stellen.

„Das Hüftgelenk muss den Huf so unter das Becken stellen, dass die Knie und Sprunggelenke nicht steif werden damit die Hanken mit Leichtigkeit biegen können. 

Wenn man ein Pferd an der Wand anpiaffiert, passiert es häufig, dass sich die Pferde auf die äußere Schulter stellen. Die Wand verhindert zwar, dass das Pferd über die äußere Schulter weglaufen kann, jedoch verhindert sie nicht, dass das Pferd sich auf die äußere Schulter stützt. 

Man braucht zwar ein sehr geschmeidiges Pferd um ein Strampeln auf der Stelle zu bekommen aber Balance und Schwung hat man dann trotzdem nicht.

Bei einem Pferd in dieser Qualität macht man es entweder ganz richtig oder es wird richtig falsch.“

Bent Branderup
Moon gibt sich große Mühe und ist mit der Aufmerksamkeit voll bei uns. Weder Publikum noch Fotografin lenken ihn ab.

Meine Zutatenliste für die linke Hand

Auf der linken Hand ist es für mich schwerer, den Brustkorb in der korrekten Rotation und Schwungrichtung zu halten. Gerne fällt, wie oben beschrieben das äußere Hinterbein aus. Ich darf nun gerne den inneren Steigbügel austrete,n muss meinen inneren Absatz jedoch nach außen, vom Pferd weg, drehen damit mein innerer Oberschenkel die Hinterhand nicht rausdrückt. Vor allem im Renvers! Reite ich mit Pad, so stelle ich mir den Steigbügeltritt vor.

  • Inneren Absatz weg vom Pferd
  • Inneres Gesäß weiter weg von der Wirbelreihe
  • Schambein und Steißbein nach innen drehen

„Wenn die Hinterhand des Pferdes zu stark in den Zirkel hinein kommt, dann muss die Zehenspitze des Reiters genau das Umgekehrte machen, also vom Pferd weg zeigen.“

Bent Branderup

Mit der Zeit beginne ich, begleitet durch Bents Worte im Unterricht immer besser in meinen Sitz zu finden. Moon zeigt mir gleich durch sein Engagement seine Zufriedenheit.

Bent lobt Moon: „Da fangen die Gelenke an sich zu beugen. Dann kannst du sogar beim Vollblüter die Hankenbiegung erarbeiten.“

Ich bin sehr stolz auf Moon was schon alles möglich ist und gespannt was noch alles kommen wird.

„Wenn wir bei einem Pferd mit steiferen Gelenken die Gelenke nicht optimal aufeinander ausrichten, dann kann man das Pferd nur durch sehr viel Aufregung zum Strampeln bringen. 

Weiteres dauert es bei einem solchen Pferd einfach länger die komplette Hankenbiegung zu erarbeiten. Unten im Bein gibt es relativ wenige Muskeln. Diese kann man in einigen Monaten verändern. Doch da unten im Bein befinden sich hauptsächlich Sehnen, Bänder und Faszien, wenn wir die verändern wollen, dass ist eine Frage von Jahrelanger Kleinarbeit.“  

Bent Branderup

Meine Hausübung bis zum nächsten Kurs mit Bent Branderup

Aktuell sollen wir unseren Fokus auf die halben Tritte legen. Dadurch wird Moon mit der Zeit die Hanken immer besser beugen können.  

Moon bleibt trotz der sinkenden Hand am Sitz.

Bevor die Hankenbiegung aber nicht komplett ist, sollte man ein Pferd niemals auf die Stelle nehmen! Ansonsten bringt man es nur auf die Schultern. 

Moon gibt zum Schluss nochmal alles und begeistert. Anna kann die Unterstützung von unten sogar aussetzen. 

„Man muss stets aufpassen die Hilfen wegzulassen, wenn das Pferd mit macht. Egal ob es sich um die Gertenhilfe von unten oder um die Hand und Schenkelhilfen von oben handelt. 

Als la Descente de Main wird das Nachgeben der Hand und als la Descente de Jambes wird das Ausetzen der Schenkelhilfen bezeichnet. Diese dienen als Überprüfung ob das Pferd weiterhin ohne permanente Hilfengebung in der erarbeiteten Form und Haltung bleibt. Das Pferd ist sozusagen am Sitz.“

Bent Branderup

Es gilt stets darauf zu achten, so zu Sitzen, dass es für das Pferd überhaupt möglich ist dem Sitz zu folgen. Wenn das der Fall ist kann man das Pferd dazu einladen diesem zu folgen. Hat das Pferd bereits die Fähigkeiten wird es sich zum Sitz hin formen. Dafür wird es dann ausgiebig gelobt. 

Nach 17 Minuten sind wir mit dem Unterricht fertig. Warum auch zwanghaft länger an einem Thema arbeiten als nötig? Wir hatten zum Schluss ein sehr tolles Ergebnis. Wie heißt es so schön, man sollte aufhören, wenn es am Schönsten ist und darum haben wir das dann auch gemacht. Nur so behaltet man die Leichtigkeit und reitet einfach 😉 

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