Als Pferdebesitzer haben wir es in der Hand. Wir tragen die Verantwortung. Wir entscheiden. Aber wie entscheidungsfreudig sind wir? Und wie gerne geben wir Verantwortung auch wieder ab? Heute ein paar persönliche Überlegungen…

War es die richtige Entscheidung? Ich habe gerade ein ungutes Gefühl in der Magengegend und hätte gerne ein wenig Entscheidungs-Bestätigung.

Vor wenigen Tagen sind meine Pferde umgezogen. Im „alten“ Stall hatte ich seit 1995 mit „Unterbrechungen“ (Studium in Wien, Koppelauszeit) meine Heimat gefunden. Hier muss ich vor allem das ICH betonen.

Vermutlich hatte ich einfach Glück einen Haufen wunderbarer Menschen an einem Fleck zu wissen, denen man sein Herz ausschütten, aber auch Freude teilen kann. Seit letztem Jahr gab es allerdings viele Änderungen: Unsere kleine „akademisch“ reitende Gemeinschaft wurde ein wenig auseinandergerissen. Aus beruflichen Gründen mussten Silke, Verena und Julia Graz verlassen. Gleichzeitig wurde rund um den Stall mit Arbeiten für einen Hochwasserschutz begonnen. Ein Projekt, das noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird. Durch die Bauarbeiten gab es auch weniger Weideflächen.

Zu diesem Zeitpunkt wurden auch die Wallach-Gruppen immer größer, immer weniger Stuten „wohnten“ bei uns im Stall. Ich persönlich habe mich immer sehr wohl gefühlt, meinen Pferden jedoch wünschte ich wesentlich mehr Koppelgang. Ein Umzug stand auch für mich im Raum. Eine Sache, die jedoch wohlüberlegt und nicht als ruckzuck Aktion umgesetzt werden kann. Es stellte sich nach einiger Recherche heraus, dass ich für mich und meine Pferde bei einem Umzug wohl 30 Minuten Fahrtzeit in Kauf nehmen müsste. Bis jetzt hatte ich es bequeme 4 Minuten in den Stall.

Selbst wenn ich mir viel Zeit für meine zwei Damen nehme – sie müssen 20 Stunden auch gut ohne mich auskommen können. 20 Stunden, in denen es nicht um meine 4 Minuten gehen kann.

Ich habe mich für 30 Minuten Fahrzeit entschieden. Ein für mich schwerer Abschied von lieben Freunden und auch meine Pferde werden wohl noch etwas Zeit benötigen, bis sie im neuen Zuhause auch wirklich angekommen sind. Pina hat sich sofort wohlgefühlt, Tabby ist noch ein wenig gestresst, da sie ja „ihre“ Pina vor Annährungsversuchen anderer Pferde schützen muss.

Ich muss bei der Integration in die Herde möglicherweise auch mit ein paar Blessuren rechnen. Ich kann meine Pferde aber nicht in Watte packen. Wie ist das mit der Verantwortung? Bei seinem Kurs in Graz betonte Bent Branderup, dass wir Pferdehalter es in der Hand haben. Nicht der Hufschmied ist schuld, wenn ein Eisen vernagelt wird, weil das Pferd nicht stillsteht. Wir Pferdebesitzer sind dafür verantwortlich, dass wir Stillstehen auf drei Beinen üben, damit es beim Beschlagen oder bei der Hufbearbeitung keine Probleme gibt. Wir sind dafür verantwortlich, dass sich das Pferd vom Tierarzt vertrauensvoll überall anfassen lässt. Wir sind verantwortlich und entscheiden, ob das Pferd 24 Stunden auf der Weide steht, oder in der Box gehalten wird. Wir entscheiden über das Training, wir entscheiden aber auch über Didaktik mit oder ohne Hilfszügel.

Wir entscheiden

Und manchmal lehnen wir uns auch mit Entscheidungen sehr weit hinaus.

Es ist ein interessantes Phänomen unter Reitern, es für die „anderen“ meist besser zu wissen. Gerne kommentieren und beratschlagen wir überall mit. Mit der eigenen Entscheidungsfreudigkeit haben wir es manchmal aber nicht so – oder umgekehrt – lassen wir uns nicht so gerne beraten.

Viele zwischenmenschlichen Probleme im Reitstall entstehen durch zu gut gemeinte Ratschläge. „Erst mal selbst besser machen“ ist dann aber auch kein gutes Argument. Der vielgerühmte Blick über den Tellerrand kann sich manchmal richtig lohnen.

Wie gut tragen wir Verantwortung?

Zu „gut“, ist da die schnelle Antwort. Es gibt sie, die Pferde, deren Beine quasi permanent einbandagiert sind. Stallbandagen runter, Arbeitsbandagen rauf. Koppelgang? Fehlanzeige, denn ein bisschen Gras kann man auch am langen Führstrick sammeln.

Zu „schlecht“, ist da die nächste Möglichkeit zu antworten. Das fängt beim Pferdekauf an. Schick ist er, der junge Hengst. Aber habe ich wirklich die Möglichkeiten ein solches Pferd artgerecht zu halten? Wer möchten wir sein, in den Augen unseres Pferdes. Die ehrliche Antwort des jungen Hengstes in Einzelhaft und ohne Koppelgang könnte für den Besitzer nicht so angenehm ausfallen.

Wir überschreiten Grenzen? Tun wir das? Pferde, die in der Öffentlichkeit am Turnierplatz stehen bzw. laufen setzen sich einer Unzahl von Richtern aus. Einerseits ist da das Publikum. Andererseits sind da die Richter. Man kann dem Großteil des Publikums nun nicht mehr vorwerfen, ein ungeschultes Auge zu haben. Interessant wie sich Meinungen da oftmals stark unterscheiden. Richter haben die Verantwortung auch über die Blickschulung des reiterlichen Nachwuchs zu wachen. Wenn die Champions exaltierte und künstliche Bewegungen zeigen, oder Piaffen mit rückständigen Vorderbeinen zeigen, ist es ja kein Wunder, wenn Kinderzeichnungen genau das wiedergeben. Und man möchte ja auch dann diesen Bildern später nacheifern.
Einer der lautesten Kritiker ist Dr. Gerd Heuschmann. Der Tierarzt fragt in seinem Buch „Balanceakt“:

„Wenn Kernprinzipien unserer Reitlehre wie physische und psychische Gesunderhaltung des Pferdes – offensichtlich keine Rolle spielen, welche Bedeutung haben dann die Richter auf einer Turnierveranstaltung noch? Könnte man die Reihenfolge der Platzierungen da nicht gleich vom Publikum durch die Lautstärke des Beifalls ermitteln lassen?“

Richter haben die Verantwortung Pferde aus dem Bewerb zu nehmen, wenn es Probleme gibt. Nicht immer aber ist das der Fall. Wo nehmen wir als Publikum dann unsere Verantwortung war? In sozialen Medien laut zu werden ist noch einfach, aber wie sieht das unmittelbar im Geschehen aus? Und abseits von öffentlichen Veranstaltungen – dürfen wir uns wirklich auch überall einmischen?

Bent Branderup fragt das Publikum während seines Vortrages:

„Wer möchte ich sein in den Augen meines Pferdes? Und für wessen Augen möchte ich gut reiten? Für die Augen meines Pferdes. Nur wenn das Pferd es gut findet, dann bin ich auf dem richtigen Weg. Wer seinem Pferd, die Möglichkeit gibt, physisch und psychisch zu wachsen, nutzt die Dressur für das Pferd und nicht das Pferd für die Dressur“.

Auch der Blick in die Kinderreitschule kann so unterschiedlich sein. Hier lernen die Kinder einen sorgsamen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Pferd, dort bekommen die Kids das Pferd bereits fertig gesattelt hingestellt. Wenn Eltern nicht selbst reiten, fällt es oftmals schwer den reitenden Nachwuchs zu unterstützen. Dunkle Pferdeställe, die eher an ein Gefängnis erinnern sollten aber auch den unkundigen Eltern zu denken geben.

Manchmal ist es schwer, die Verantwortung zu tragen. Ich habe daher auch mit Menschen beratschlagt und viele Pro und Contra Gespräche geführt, als es an meinen Umzug ging. Ja, künftig muss ich wohl meine Pferde auch für einen Kursbesuch in den Hänger stellen. Ja, künftig werde ich auf liebgewonnene Plaudereien am „Bankerl“ vor der Halle verzichten müssen. Ja, manchmal wird es nicht mehr klappen, nach einer langen Unterrichtstour noch rasch beim Stall vorbei zu fahren. Ich könnte meinen Pferden dann über die Nase streicheln. Dieses Nasestreicheln ersetzt aber keinen ausreichenden Koppelgang.

Wir sind verantwortlich. Dafür plädierte auch Gustav Steinbrecht:

„Liegt es nicht in unserem eigenen Interesse, auf die Züchtung, Erziehung und Ausbildung des Pferdes die größte Sorgfalt, ernstestes Forschen zu verwenden? Und dennoch sehen wir uns auf diesen drei Gebieten, die uns den sicheren und reichlichen Besitz guter und gebrauchsfähiger Pferde verschaffen sollen, durch verkehrte Anschauungen, kleinliches Verfolgen einseitiger Ziele und Vorurteile aller Art die ärgsten Fehler begehen. Alle Künste und Wissenschaften haben in unserer Zeit durch Erforschung der natur so schnelle Fortschritte gemacht, dass die in ihnen erreichten Erfolge oft ans Wunderbare grenzen. Es wäre wohl an der Zeit, sich hieran ein Beispiel zu nehmen, alle veralteten Vorurteile zu beseitigen und die Grundgesetze zur Erzielung eines guten Pferdes nur der Natur abzulauschen.“

Steinbrecht ließ sich hier nicht auf eine Diskussion ein, ob man nun denn überhaupt reiten solle. Das stand nicht zur Debatte. Ich persönlich kann darauf sagen: Ich habe gelernt, dass es darum geht, meine Zeit mit den Pferden gut zu verbringen. Ich habe gesehen, wie man durch Reitkunst Pferden eine neue Bewegungsqualität (generell und nicht nur unter dem Sattel) verschafft, die durch Verletzungen, Arthrosen oder Rückenprobleme deutliche Handicaps mitbrachten. Ich sehe Pferde, die sich über das Zusammensein mit ihrem Menschen freuen und an Stolz und Selbstbewusstsein wachsen. Dieser Weg gefällt mir, ich kann ihn aber auch nur für mich selbst wählen.

Und ich bin mir der Verantwortung bewusst, die ich sehr gerne für meine Pferde trage.

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