Kursbericht mit Annika Keller

Herbstliches Kaiserwetter, eine riesige Portion steirisches Kernöl auf dem Salat für reichlich Energie und gute Laune. So ließe sich der Kurs bzw. die Tage mit Annika Keller beschreiben. Aber für alle, die es verpasst haben oder neugierig geworden sind, gibt es nun doch eine ausführliche Beschreibung 😉

Analyse, Planen, Denken, Handeln 

Ein Kurs mit Annika Keller, das bedeutet viel biomechanischen Input und eine individuelle Herangehensweise. Individuell ist die Akademische Reitkunst allemal. Um es auch für alle Lernenden spannend zu machen, sind bei unseren Kursen immer ganz unterschiedliche Pferde dabei. Spannend war natürlich Annikas Herangehensweise bei folgenden Themen: 

  • Was tun bei Kissing Spines und diversen Arthrose Diagnosen in der Halswirbelsäule? 
  • Was tun bei einem Pferd, das die Zehen schleifen lässt, gleichzeitig gibt es keine adäquate Befundung durch einen Veterinär? 
  • Was tun, wenn der Pferdekörper durch diverse Trächtigkeiten in Anspruch genommen wurde?
  • Was tun, wenn das Pferd den Widerrist schlecht anheben kann? 
  • Was tun, wenn das Pferd mit den Hinter- und Vorderbeinen ein starkes Kreuzen, ähnlich einem Seiltänzer zeigt?
  • Was tun, wenn die Energie immer wieder „ausgeht“. 
  • Was tun, wenn das Pferd mit einem Hinterbein weniger leicht unter die Masse tritt und somit kurz-lang tritt? 
  • Was tun, wenn sich eine diffuse Lahmheit zeigt, wenn der Rückenschwung nicht ordentlich durchs Pferd kann?
  • Was tun bei der Diagnose Spat? 

Zunächst wurden alle Teilnehmer ausführlich unter die Lupe genommen. Annikas Analyse zeigte auch deutlich: Wo zeigt die innere Lupe des Pferdes hin? Welche Körperlichen und mentalen Aspekte stehen im Vordergrund? Worauf richten wir häufig unsere Augen und tun wir das überhaupt zurecht? 

Die Überprüfung in der Praxis

In den ersten Praxiseinheiten wurde dann die Beschreibung der Reiter genau überprüft. Für das Kürzer oder Länger treten waren die Themen „Innen und außen“ eine große Sache. Tritt ein Hinterbein kürzer – dann fühlt es sich häufig als äußeres Hinterbein wohler, lässt sich aber als inneres Hinterbein besser korrigieren, weil dabei am Vorgriff gearbeitet wird.

Ein Hoch an dieser Stelle auf die Seitengänge und möglichen Variationen, die uns hier zur Verfügung stehen.
Für die Reiter bedeutete das: ein äußerer Schenkel kann jederzeit zum inneren werden. Wechsel zwischen Renvers und Schulterherein oder Renvers und Gerade gebogen in die jeweilige Bewegungsrichtung spricht das jeweilige Hinterbein gezielt an und fördert die Geschmeidigkeit und den Vorgriff – vor allem im Übergang zwischen den Seitengängen und wenn wir nach einer guten Mitte suchen.

Wie so oft im Leben – eine gute Mitte sorgt für Balance, Losgelassenheit und hilft auch ein gutes Tempo sowie einen guten Takt zu finden. 

Reitest du noch auf einem Problem herum? 

Wir Reiter sind ja dermaßen gut darin, Probleme zu formulieren bzw. klar zu sagen, was man nicht spürt, was man aber gerne hätte. Oft korrigieren wir aber daher auch ganz schnell an falscher Stelle. Das heißt eine Korrektur mit dem indirekten Zügel wird ganz rasch gewählt, macht die Sache aber nicht unbedingt besser. Annika plädierte daher in ihrem Praxisunterricht immer wieder den „Rumpf des Pferdes anzusprechen und aktiv zu reiten“.  Fällt das Pferd auf dem Zirkel oder auf einer geraden Linie nach innen, dann fällt die Nase der Bewegungsrichtung hinterher. Die Korrektur wird am besten über den inneren Schenkel und den direkten äußeren Schenkel eingeleitet. Immer der Nase nach – dieses Sprichwort lässt sich also nur dann korrekt aufs Reiten übertragen, wenn die Hinterbeine die Richtung der Nase vorgeben. 

In den Praxiseinheiten wurde daher schnell klar, was mit innen oder außen und einer inneren oder äußeren Hilfengebung sowie einer diagonalen HIlfengebung gemeint ist. Gemeinsam konnten wir erspüren, warum „abgekürzte oder modernere Formulierungen“ zwar inhaltlich richtig, aber nicht immer so leicht verständlich und daher in der Umsetzung problematisch sein können.

Ist es immer ein Seitengang, der uns hilft? Nein, manchmal reicht auch schon das Gefühl aus, oder anders gesagt die Überprüfung. Kann ich mir vorstellen, jederzeit auf der rechten Hand in einen Renvers zu wechseln? Würde dann mein innerer Zügel stark beansprucht oder eher leicht bleiben? Bräuchte ich den indirekten Zügel überhaupt? Oder habe ich das Gefühl, ich kann den Renvers einleiten, indem ich die Hinterbeine und damit den Rumpf des Pferdes dirigiere? 

Sich selbst auf die Finger klopfen

Wir streben nach Harmonie und Perfektion. Manchmal arbeiten wir aber nicht an dem Thema, das eigentlich dran wäre. So lösen wir das Pferd abwärts, auch wenn wir uns näher mit der Ursache beschäftigen müssten, warum das Pferd jetzt nicht korrekt über den Rücken ging. Die Hand kann dann vermeintlich eine Sache beschönigen, aber die Ursache nicht abstellen. 

Hier spielt uns der dringende Wunsch nach Perfektion einen Streich und verhindert, dass wir eine Leidenschaft für Ursachenforschung entwickeln. So ist es spannend heraus zu finden, ob das Hinterbein nicht vorkommen kann, weil vielleicht sogar eine übermäßige Dehnung Lastaufnahme verhindert. Es kann aber auch sein, dass die äußeren Hilfen nicht klar genug sind. Oder oder oder. Reiten kann so spannend sein, an erster Stelle steht aber das genaue Zuhören und Analysieren. Häufig wollen wir eben etwas reparieren, obwohl wir noch gar nicht wissen, was passiert ist und welches Werkzeug wir brauchen, Hauptsache es fühlt sich wieder einigermaßen rund unter uns an. Dass dabei schon mal ein Hinterbein nach hinten raus gedrückt wird und nicht mehr tragen kann, das ist uns gar nicht so bewusst. 

Von Delfinen und Bulldoggen

Annika hatte immer ein passendes Bild für den jeweiligen Reiter und die Zuschauer parat. Ist ein Pferd vom Muskeltonus eher eine Bulldogge oder ein Windhund? Oder erinnert uns dieses Pferd an einen freundlichen Golden Retriever? Und wenn das Pferd nun eher über einen weichen oder einen festen Muskeltonus verfügt, wie müssen wir dann in der Arbeit vorgehen. 

Meine zwei Warmblutstuten sind genau einmal fest im Tonus (Tarabaya) einmal eher weich (Pina Colada). Für die Arbeit mit Tabby ergibt sich, dass wir die Beweglichkeit insgesamt weich und geschmeidiger bekommen wollen. Das gelingt mir einerseits sehr gut über den Sitz, andererseits heißt das natürlich auch viel an mentaler Losgelassenheit zu arbeiten. Die Trainingsempfehlung für weiche Pferde wie Pina von Annika wäre zb in der Boden- oder Handarbeit zu beginnen und hier auch – selbstverständlich je nach Können und Veranlagung des Pferdes Versammlung für eine verbesserte Straffheit und Körperhaltung zu nutzen. Im Falle von Pina helfen hier sicherlich fleißige Übergänge zwischen Piaffe und Galopp an der Hand und ein besonderes Augenmerk auf ein korrektes Heben des Widerrists insbesondere bei der Schulparade. 

Tipp: Manchmal kann auch musikalische Untermalung helfen, die notwendige Energie im eigenen Körper zu finden und auf das Pferd zu übertragen! 

Für Warmblutstute Amira gab es beispielsweise das Bild eines aus dem Wasser springenden Delfins für die Verbesserung der Galoppade. Delfine, die ins Wasser eintauchen und das mitten im goldenen Herbst. Die Macht der inneren Bilder ist einfach unglaublich. Von der Vorstellung des Reiters ans Pferd übertragen sind die nächsten Galoppsprünge bergauf ganz toll gelungen. 

Kraft aus der Massage? 

Das Motto des Pferdes war ja „Pferde gesund reiten und fit halten durch gezielte Massage“. Nachdem am Samstag die Praxis beim Reiten auf dem Programm stand, wobei gezielt an Energie, Energierichtung und Schiefe gearbeitet wurde, ging es am Sonntag um die Möglichkeit, die Pferde mit einer Massage gezielt zu unterstützen. Dass es dabei nicht um kraftvolle Massage ging, darum geht es im nächsten Blogbeitrag! 

Weiterlesen über Schiefe

Weiterlesen über Schulterherein

Weiterlesen über Kruppeherein

Weiterlesen über Renvers

Fazit: Annika Keller sorgt nicht nur mit guten inneren Bildern für sofort umsetzbare Ergebnisse, ihr ehrlicher und fundierter Unterricht macht Spaß, holt den Schüler ab und ermutigt auch an Schwierigkeiten zu arbeiten!

Prädikat: Sehr empfehlenswert! 

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