Spieglein – Spieglein an der Wand, wer ist der hilfreichste Ausbilder im ganzen Land?

In der Pferdeausbildung sind wir freilich sehr fokussiert auf unser Pferd. Wir beobachten es, wir registrieren jede Bewegung, werten, analysieren und wirken ein. Doch was verraten unsere Hilfen eigentlich über uns selbst? Wie oft nehmen wir uns selbst kritisch unter die Lupe? 

„Wir hören im gemeinen Leben oft behaupten, dass jemand nicht besonders reite, aber eine sehr gute Hand habe, oder umgekehrt, dass er ein sehr guter Reiter sei, aber einen Fehler besitze, nämlich eine zu harte Hand. Dies ist ein offenbarer Widerspruch, denn wer als Reiter eine wirklich gute Hand besitzt, ist ein Meister der Reitkunst, wenn er auch durch seine Haltung und sein Benehmen zu Pferde dem Laien noch so sehr als mangelhafter Reiter erscheinen mag, wohingegen ein Reiter mit einer wirklich schlechten Hand niemals im wahren Sinne des Wortes ein Reiter sein kann mag er auch durch Festigkeit des Sitzes, Schneid und Eleganz der Erscheinung noch so sehr bestechen, weil sein Fehler nur aus Mangel an Gefühl und Verständnis für das Pferd hervorgehen kann“.  

Gustav Steinbrecht

Hilfen sollen helfen

Eine Hilfe ist nur dann eine Hilfe, wenn sie tatsächlich hilft. Es gib verschiedene Hilfen. 

Gustav Steinbrecht nennt in seinem „Gymnasium des Pferdes“: 

  • Die vortreibenden Hilfen
  • Die verhaltenden Hilfen
  • Die unterstützenden Hilfen 

„Zu den Hilfen zählt man die verschiedenen Bewegungen der Zügelhand, den Zungenschlag, das Zwischern und Berühren der Gerte, den Druck von Oberschenkel, Knie und Unterschenkel, das leise Zwicken mit dem Sporn und als Letztes die Steigbügeltritte“.

François Robichon de la Guérinière

In der Akademischen Reitkunst unterscheiden wir zwischen Primären und Sekundären Hilfen

Die Primäre Hilfe ist der Reitersitz/ unser Körper

Eines der wichtigsten Merkmale unserer Primärhilfe ist unsere Präsenz. Ob auf oder neben dem Pferd: Wir sind da. Wir können diese Hilfe nur mit viel Erfahrung und Feingefühl reduzieren, in dieser Hinsicht streben wir das Ziel an Minimalist zu werden und mit kleinsten Hilfen zurecht zu kommen.

Die Primärhilfe am Boden

Wenn wir neben oder vor dem Pferd unterwegs sind, dann wirken wir einerseits bereits durch unsere Präsenz und Energie ein. Unsere Bewegungen wirken sich auf das Pferd aus, das Pferd spiegelt uns und unsere Haltung, es übernimmt Energie und Bewegungsfreude, es übernimmt aber auch Trägheit und Steifheiten. 

Die Primärhilfe im Sattel

Wir unterscheiden: 

  • Den physischen Sitz
  • Den statischen Sitz 
  • Den fühlenden Sitz

Der physische Sitz hat die Aufgabe, dem Pferd in seiner dreidimensionalen Schwingung zu folgen. Der statische Sitz setzt sich mit dem Gleichgewicht auseinander. Reiter und Pferd müssen im Gleichgewicht und in der Bewegung gemeinsam unterwegs sein. 

Der fühlende Sitz nimmt Informationen aus dem Pferderücken auf und kann sie entsprechend interpretieren. Er spürt Stellung und Biegung, die Bewegung der Vorder- und Hinterbeine, Balance, Gleichgewicht, Rückenschwung und Versammlung. 

Sekundarhilfen 

Die Sekundarhilfen bringen wir dem Pferd zunächst mit viel Liebe zum Detail in der Bodenarbeit bei. Wir haben insgesamt sechs verschiedene Schenkelhilfen zur Verfügung. 

Der innerer Schenkel biegt um sich, der äußere Schenkel biegt von sich weg. Der direkte Schenkel fordert das gleichseitige Hinterbein auf, nach vorne zu treten. Der verwahrende Schenkel sorgt dafür, dass ein Hinterbein nicht ausfällt. Der umrahmende Schenkel korrigiert ein Hinterbein, das zu weit übertritt von der gegenüber liegenden Seite. Der versammelnde Schenkel fordert zu den Hinterfuß auf, früher abzufußen. 

Schenkelhilfe
Insgesamt gibt es sechs verschiedene Schenkelhilfen, um mit dem Pferd zu kommunizieren. Eine beachtliche Leistung für das Pferd, hier zu differenzieren. (Foto: Katharina Gerletz)

Die Hand wirkt indirekt oder direkt. Die indirekte Zügelführung bedeutet, dass die Zügel die Schulter führen. Der direkte Zügel bezieht sich auf seine direkte Einwirkung am Gebiss oder Kappzaum, beispielsweise, wenn die Stellung korrigiert. 

Die Gerte 

Die Sekundarhilfe Gerte ist ein wahrer Alleskönner. Sie verwandelt sich blitzschnell in einen äußeren oder inneren Zügel, äußeren oder inneren Schenkel. Sie kann dem Pferd an verschiedenen Körperstellen zeigend begegnen und dort für mehr Achtsamkeit und Fokus sorgen. Sie kann Energie erzeugen und drosseln. 

Der Mensch – keine große Hilfe 

Wie oft bieten wir unserem Pferd tatsächlich Unterstützung? Ich bin heute noch verblüfft, wie gut uns Pferde verstehen, wie rasch sie einzelne Hilfen umsetzen können. Wenn wir über Hilfengebung sprechen wollen, dann müssen wir über Verlässlichkeit sprechen. 

Zuverlässigkeit

„Ich picke mir gerne das Beste raus“

Diverse Reiter

Diesen Satz hat sicher schon der eine oder andere Reiter vom Stallgkollegen gehört oder schon selbst geäußert. Wenn wir über Hilfen sprechen, über die Reitkunst, über Methoden und Mittel zur Ausbildung, dann muss uns eines klar sein. Der Blick über den Gartenzaun lenkt gerne ab von der wichtigsten und bedeutendsten Komponente: Von uns selbst. 

Die wichtigste Hilfe ist die Zuverlässigkeit. Wenn ich heute „Hü“ und morgen „Hott“ sage, dann bin ich meinem Pferd kein zuverlässiger Ausbilder. 

Zuverlässig sein für das Pferd bedeutet: 

Die Hilfen immer gleich zu geben!

Im Klassenzimmer ein verlässlicher Pädagoge zu sein – bin ich schlecht gelaunt, unruhig und nervös, dann lasse ich es an diesem Tag lieber sein. Lieber ein paar Tage weniger geübt, dafür war ich meinem Pferd immer ein zuverlässiger Partner. 

Zuverlässigkeit in der Fehlersuche. Ich suche den Fehler immer  zuverlässig bei mir selbst zuerst, als bei meinem Pferd. 

Achtsamkeit und Wahrnehmung

Wenn wir neben dem Pferd unterwegs sind oder in der Frontposition bei der Bodenarbeit vor dem Pferd laufen, dann brauchen wir eine gute Achtsamkeit und Wahrnehmung unserer eigenen Bewegungsqualität.

Gerade rückwärts laufend vor dem Pferd unterwegs zu sein in der Bodenarbeit fällt vielen Ausbildern schwer. Stellen wir uns vor, wir wären im Folgen oder Following vor dem Pferd unterwegs. Unser Pferd fällt permanent auf die innere Schulter, dabei korrigieren wir gefühlsmässig immer wieder das innere Vorderbein bzw. die innere Schulter und wünschen uns hier mehr Hohlheit. Was könnte die Ursache sein? Technisch gesehen war unsere Hilfengebung mit der zeigenden oder fächernden Gerte korrekt und zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt, praktisch jedoch lohnt es sich den Fokus von der direkten Hilfengebung auf eine ganz andere Ebene zu lenken – nämlich auf unsere eigene Bewegung. Wir waren rückwärts vor dem Pferd unterwegs und haben unser eigenes inneres „Hinter“ Bein ständig nach innen vor das Pferd fallen lassen. Wer war zuerst da? Die Henne oder das Ei. Irgendwann haben wir begonnen unser Pferd zu spiegeln. So konnten wir auch keine zuverlässige Hilfe etablieren, da das Pferd immer wieder weiter nach innen driftet und das innere Vorderbein über Gebühr belastet; gleichzeitig korrigieren wir uns selbst ständig vor das Pferd. 

Zügelhilfe
Die Hand spürt in das Pferd und nimmt gleichermaßen auch Informationen auf. (Foto: Katharina Gerletz)

Und nun? 

In diesem Beispiel hilft ein klares Bild über die Bewegung, die ich gerne vom Pferd hätte. 

Wenn ich als führender Tanzpartner die Bewegung vorgebe, dann muss ich mich zuerst gut im Raum orientieren, ich muss wissen, wo ich hinlaufe, wann ich eine Wendung plane usw. 

Und natürlich muss ich auch über mich bescheid wissen. Passt meine Schrittlänge zur Bewegung meines Pferdes? Bremse ich es aus und führe so alle anderen gegebenen Hilfen ad absurdum? Drifte ich ständig ein bisschen nach innen an die innere Schulter des Pferdes überbiege so den Hals und verursache dadurch auch wieder ein Ausfallen der äußeren Schulter? War ich mir überhaupt bewusst, dass ich plötzlich als innerer Zügel zu stark wurde? 

Selbsterkenntnis…

ist der erste Weg zur Besserung. Je besser wir unseren eigenen Körper im Griff haben, umso eher können wir auch dem Pferd helfen. Für manche Pferde ist ein Beginn der Ausbildung in der Frontposition schwierig. Sie fühlen sich stark verunsichert, wenn der Mensch vor ihnen unterwegs ist. Bleibt das Pferd beispielsweise dann zurück und möchte sich nicht mit dem Menschen bewegen, dann ist ein Beginn in der seitlichen Führposition möglicherweise einfacher. Damit der Mensch dem Pferd aber auch helfen kann, ist es notwendig auf die eigene Situation Rücksicht zu nehmen. Habe ich beispielsweise Probleme im eigenen Rücken, fällt mir das Rückwärtslaufen schwer, dann würde ich auch in diesem Fall zu einem Start in der seitlichen Position raten. 

Die Hilfe, die gar nicht notwendig war

Meine Schülerin ist mit ihrem Pferd auf einer Zirkellinie unterwegs. Die gewählte Position ist Longieren. Das Pferd fällt jedoch immer wieder mit der äußeren Schulter aus dem Zirkel. Die Schülerin ist auf dem Weg und kann diesen Ausfall mit dem gezeigten äußeren Zügel als Sekundarhilfe korrigieren. Zwei Sekunden später ist der Fehler jedoch wieder passiert. 

Zwischen äußerem Schenkel und äußerem Zügel soll das Pferd auf der Zirkellinie in der Balance korrigiert werden. Was, wenn wir jedoch ständig mit unserem direkten, dem Pferd zugewandtem Bein einen Schritt aus unserer eigenen Zirkellinie gemacht haben? Wir waren ständig auf dem Weg zum Pferd und haben es so zum Ausfallen gebracht? Das passiert in der Tat sehr häufig, somit sind wir letztlich die Ursache für die unbeabsichtigte Vergrößerung der Zirkellinie. 

Zuerst observieren, dann korrigieren

Ein weiteres, häufig zu beobachtendes Phänomen: Der Reiter ist mit dem Pferd unterwegs, egal ob am Boden oder im Sattel – das Pferd wird sofort korrigiert. Dabei muss vor dem Einsatz jeder Sekundarhilfe gelten: Zuerst die Beobachtung, dann die Bewertung und dann die Korrektur. 

Kann mir etwa meine Atmung helfen, einen gleichmässigen Rückenschwung zu verursachen? Vielleicht ist beim Aufsteigen lediglich der Sattel verrutscht und ich muss die Balance eigentlich nicht über die Bearbeitung des äußeren Hinterfußes herstellen? 

Was sagt meine Hilfengebung über mich aus? 

Hand aufs Herz. Wie gut kann ich einen Fehler ertragen? Wie gut kann ich Fehler korrigieren? Wie ich meine Hilfen umsetze, sagt nicht nur technisch, sondern auch auf der Gefühlsebene eine ganze Menge über mich aus. 

Soll ich wirklich? 

Eigentlich wollten wir mit unserem Pferd nur eine gute Zeit verbringen. Vielleicht sogar dem Druck unseres Alltags entkommen und schon finden wir uns erneut mit einem „Müssen“ konfrontiert. Das Pferd soll doch etwas lernen, strikt und konsequent zu sein, fällt uns dann jedoch sehr schwer. 

Wir sind es kaum noch gewohnt in unserem Alltag mit unserem Körper zu sprechen. Wie oft denken wir uns innerlich „Nein“ und müssen „Ja“ sagen. Die Ausbildung unseres Pferdes stellt uns dann auch vor das Problem, dass Pferde ausschließlich und sehr feinsinnig mit dem Körper kommunizieren, wir jedoch steif und rigide in Punkto Körpersprache geworden sind. 

Hilfen sollen dem Ausbilder helfen 

Hilfengebung ist in der Theorie ja einfach, in der Praxis nicht so einfach umzusetzen. Die folgenden Tipps sollen helfen, die Hilfengebung zu vereinfachen. 

Sei geduldig – bleibe ruhig mit der Hilfe dran

Ich longiere, allerdings sind das junge Pferd und ich stehen geblieben. Ich löse vorsichtig über meine direkte Hand am Kappzaum. Aus der Nähe ist diese Hilfe kein Problem. Jetzt wollen wir das Verständnis für die gleiche Hilfe, kommuniziert aus etwas größerer Distanz schulen. Das junge Pferd nimmt den Kopf zur Seite. „Meinst du das?“ scheint es zu fragen. „Nein“, denke ich, „ich hätte gerne abwärts gelöst und nicht zur Seite“. Ich warte und entspanne mich, gebe dem Pferd Zeit und siehe da, der Kopf senkt sich. 

Ein häufiger Fehler, der passiert ist, dass wir nicht in Ruhe dran bleiben. Manchmal lohnt es sich tatsächlich auch, die Sekunden mit zu zählen, damit wir ein Gefühl für unsere eigene Ungeduld entwickeln. Was sind schon fünf Sekunden, wenn das Pferd über eine Nachricht nachdenkt? Nichts. Aber wir wünschten uns einen magischen Knopf, der recht flott das Ergebnis ausspuckt. Manchmal sind wir richtiggehend verblüfft, wenn wir beim Sekundenzählen herausfinden, wie schnell unser Pferd eigentlich auf uns reagiert. 

Lebensweihseit Reiterei
Erst denken, dann handeln. Diese Lebensweisheit lässt sich auch auf die Reiterei übertragen. (Foto: Katharina Gerletz)

Sei beharrlich – bleib beharrlich mit der Hilfe dran

Wieder ein Beispiel aus dem Longieren. Wir sind auf dem Zirkel unterwegs. Das Pferd biegt sich nicht so recht. Es klappt, wenn ich in die Bodenarbeitsposition wechsle, es klappt auch auf geringe Distanz. Wenn ich die Distanz vergrößere, dann verändert sich aber auch die Formgebung. Macht nichts. Bleibe auch hier beharrlich mit der Hilfe dran. Ich löse das Pferd abwärts und wiederhole die Frage nach dem um sich herum biegenden Schenkel. Ich überlege dann genau, wo ich die Hilfe am Pferdekörper aus der Frontposition gezeigt habe und wo die Hilfe dem Pferd aus der seitlichen Führposition verständlich war. Sobald das Pferd eine Reaktion zeigt, die in die gewünschte Richtung geht, beginne ich es zu loben und zu bestärken! Nehme ich aber unsicher die Gertenhilfe weg und dann wieder zum Pferd, bin ich mal mit der Kommunikation da und mal schweige ich, wird das Pferd sich sehr schwer tun, meine Hilfe zuzuordnen. Beharrlich zu sein, dabei emotional unaufgeregt und geduldig zu reagieren zahlt sich aus! 

Sei langsam – sei die Hilfe in Zeitlupe

Manchmal gibt der Reiter die richtige Hilfe, jedoch so schnell, dass das Pferd gar nicht mitkommt. Besonders in der Bodenarbeit häufig gesehen flutscht die Gerte in Windeseile von der Position des inneren Schenkels nach oben über den Pferderücken. Das Pferd kann die Hilfe gar nicht sehen und wahrnehmen. Genieße daher den Übergang von der einen Hilfe zur nächsten. Zelebriere die Hilfengebung und setze sie so um, als würdest du für eine Zeitlupenstudie posieren. 

Sei scharfsinnig und beobachte gut – sei das beste Timing der Hilfengebung 

Wann wird welche Hilfe gegeben? Gerade wenn sich Pferde in den Übergängen rausheben, stocken oder fest machen würde uns das richtige Timing zur Hilfengebung am besten assistieren. Wenn wir uns laufend damit auseinander setzen, wie sich das Pferd bewegt und wie es von selbst beispielsweise Übergänge umsetzt, dann schulen wir uns in Punkto Timing am Besten. 

Sei intuitiv und wachsam – sei deinem Freund eine wahre Hilfe

Wie oft korrigieren wir das Pferd und wie oft bieten wir Unterstützung, damit das Pferd auch seine eigenen Ideen einbringen kann? Neulich erst habe ich eine unsichere Stute longiert, die sich auf Distanz sehr alleine gelassen fühlt. Sie ist unsicher, kann sie die Aufgabe auch alleine ohne mich an ihrer Seite bewältigen. Sie hat mir dann den Vorschlag gemacht, es doch im Trab zu versuchen und ich habe ihre Idee unterstützt. Dadurch war ich ihr sicherlich die größte Hilfe, denn sie war stolz wie Oskar, als sie die Aufgabe umsetzen konnte. 

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