Es ist eigentlich egal ob wir flüstern oder sprechen, ob wir singen oder tanzen. Fakt ist: Wir sind Menschen und sprechen wie Menschen. Ein Reiter ohne Pferd ist auch nur ein Mensch. Ein Pferd bleib immer ein Pferd.
Bodenarbeit dient also in erster Linie dazu, eine gemeinsame Sprache zwischen Mensch und Pferd zu entwickeln.
Viele Reiter verbinden daher Bodenarbeit unweigerlich mit „Erziehungsarbeit“, oder „Horsemanship“
Was sind die Charakteristika unserer Bodenarbeit?
Ich habe bereits eingangs erwähnt, dass Bodenarbeit häufig mit Erziehungsfragen, Verhaltenstraining, Geschicklichkeit oder Gelassenheitstraining in Verbindung gebracht wird. Bevor unsere gymnastizierende Bodenarbeit am Stundenplan steht, geht es überhaupt um die Entwicklung einer Beziehung.
Sich gegenseitig kennen lernen, herausfinden, wie der andere tickt, dabei können bereits wichtige Informationen gewonnen werden. Dazu möchte ich gerne ein Beispiel geben:
Wie verhält sich das (junge) Pferd, wenn es nicht angebunden am Putzplatz stehen soll?
Weiß der Mensch bereits gut über die verschiedenen Druckstärken bescheid, die das Pferd angenehm oder eher unangenehm empfindet? Tastet der Reiter das Pferd öfter mit den Händen ab oder benutzt der Reiter gleich die Bürste? Ist das Pferd empfindlich, wenn man es mit Mähnen- oder Fliegenspray einsprüht? Was ist dann suspekt? Die Flasche? Das Geräusch, das beim Sprühen gemacht wird? Oder die kleinen Tropfen, die aufs Fell gesprüht werden.
Das Pferd ist ein Erlebnis, das wir mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Wir sind gerne mit Pferden zusammen, denn sie erden uns. Wir verlassen gerne die verstopften Straßen und genießen die reine Luft im Stall, ja sogar der ganz besondere Stallgeruch ist maßgeblich daran beteiligt, ob wir uns tatsächlich erden und erholen oder nicht. Wir können die Pferde sehen, riechen und berühren. Wir genießen unsere Pferde mit allen Sinnen und so gilt es auch herauszufinden, welche Sinne das Pferd primär nutzt bzw. welche Sinne es bei der kleinen Übung „frei stehen am Putzplatz“ aus dem mentalen und physischen Gleichgewicht werfen.
Diese Informationen sind später auch in der Ausbildung von besonderer Bedeutung. Wenn wir bei solchen Kleinigkeiten vermitteln können, dass wir dem Pferd nicht schaden, ganz im Gegenteil, ihm Wohlwollen und Angenehmes entgegen bringen, dann haben wir es als Schüler auf unserer Seite.
Das Pferd lernt uns nicht erst im Klassenzimmer als Pädagogen kennen. Schon bei der Beziehungspflege werden die Rollen vergeben.
Ein aufmerksamer Zuhörer? Jemand, der schnell die Geduld verliert und Abwechslung braucht? Jemand der lieber fünf Wiederholungen ganz langsam vorgekaut bekommt oder am besten nur an einer Aufgabe tüftelt? Lässt sich unser Schüler ablenken? Möchte der Schüler dem zweibeinigen Lehrer sehr nahe sein oder schaut sich unser Pferd alles lieber aus Distanz an?
Bevor es also tatsächlich an die Inhalte der Bodenarbeit geht, werden die Rollen und ihre Beziehung zueinander genauestens erörtert.
Übrigens - das macht auch ein Buch zum Bestseller oder einen Film zum Kassenschlager - wenn die Rollen geklärt und die Beziehungen zueinander für den Leser oder Seher sehr klar sind.
Von der Bühne und den verschiedenen Rollen zu den
Die Bodenarbeit hat die Besonderheit, da wir uns vor dem Pferd befinden.
Bevor wir uns vor dem Pferd platzieren sind wir freilich noch neben dem Pferd unterwegs. Wir erkunden, wie gut wir im Zusammensein tatsächlich sind.
In den Basisführübungen erarbeiten wir uns eine Basis-Kommunikation, wobei hier die wichtigsten Elemente wie: Gemeinsames Angehen, gemeinsames Stehenbleiben, vorwärts und rückwärts erarbeitet werden.
Es folgt die Position vor dem Pferd. Nun nimmt der Mensch direkt vor dem Pferd Aufstellung. Welchen Vorteil hat diese Positionierung? Zunächst hat der Reiter einen sehr guten Überblick vor dem Pferd.
Im so genannten „Folgen“ versuchen wir eine Parallelität zwischen Mensch und Pferd zu etablieren. Der Mensch läuft rückwärts, das Pferd folgt.
Pferde haben kein Schlüsselbein, der Übergang zwischen Halswirbelsäule und Brustwirbelsäule ist biomechanisch quasi ein heißes Eisen. Beim Folgen ist die Aufgabe möglichst vor dem Menschen zu bleiben und das Gleichgewicht zwischen den Schultern zu finden. Für das Pferd ist es die erste Übung in Punkto Achtsamkeit und Körperwahrnehmung, somit nähern wir uns schön langsam der Beeinflussung der Wirbelsäule. Dafür entwickeln wir als Reiter aber auch einen Kennerblick:
In der Frontposition hat der Mensch vor dem Pferd einen sehr guten Überblick. Er kann das Pferd vom Genick bis zum Widerrist (je nach Körpergröße und den zueinander passenden Verhältnissen) gut überblicken. Der Reiter lernt zu fühlen und Fragen an das Pferd zu stellen.
Als Ausbilder müssen wir nach und nach bewerten können, wie das Pferd seine Beine platziert, wie es um die Qualität von innerer und äußerer Balance bestellt ist. Nicht immer können wir in Punkto Bewegungsqualität sofort eingreifen, schließlich sind wir als Menschen meist Lehrende und Lernende zugleich, aber es hilft immens ein gutes Gefühl für Bewegung zu entwickeln, die Dinge zu sehen und einzuordnen.
Fußt das Pferd mit allen Hufen plan auf? Ist eine Drehbewegung in einem Gelenk oder mehreren wahrnehmbar? Verschiebt sich die Balance immer zu einer Seite? Wie könnte man eine Frage an das Pferd stellen? Welche Bewegungsmuster würde man gerne verbessern. Wenn wir eine genaue Vorstellung davon entwickeln können, wie sich unser Pferd bewegen soll, wie ein korrektes Untertreten der Hinterbeine aussehen könnte, dann kann man auch klare Vorstellungen darüber entwickeln, wie die Inhalte in eine Unterrichtsstunde verpackt werden können.
Am Putzplatz haben wir unser Pferd bereits observiert und einen ersten Eindruck von unserem Schüler gewonnen. Nun lernt das Pferd zu lernen und der Reiter kann seine vorangegangene Analyse nutzen. Wo sind die Stärken des Pferdes? Haben wir ein Pferd, das sich in Bewegung gut loslassen und und mitmachen kann? Kann unser Pferd sehr konzentriert am Platz stehen?
Ist es gut jeden Tag ein paar Minuten zu wiederholen oder kann sich unser Pferd schon recht lange am Stück konzentrieren und ist motiviert dabei? Unser Feedback ist das Wichtigste. Wenn wir uns nicht aufrichtig freuen über kleine Fortschritte, wird es immer schwer sein das Pferd zu motivieren. Die besten Pädagogen haben einen Weg gefunden, ihre Fragen geschickt zu verpacken, so dass der Schüler ganz einfach auf die Lösung kommt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Weg zur
Wir stehen vor dem Pferd und bewegen seinen Kopf mal nach links, mal nach rechts. Hergabe des Genicks bedeutet immer Hingabe. Ein Fluchttier wird sich uns aber nicht sofort vertrauensvoll hingeben, vor allem wenn es den Druck am Genickriemen spürt und nicht interpretieren kann.
Also kann die Hand des Reiters über die Longe und den Kappzaum die Frage stellen, ob das Pferd den Hals einfach mal zur Seite nehmen könnte. Das kann es ganz einfach, schließlich ist die Bewegung der Halswirbelsäule für unseren Schüler eine ganz einfache Sache. Wir stellen also eine lösbare Aufgabe und bekommen meist mehr als erhofft: Die meisten Pferde werden nicht nur eine seitliche Bewegung anbieten, sondern relativ rasch abwärts „suchen“. Als Pädaoge können wir uns nun aufrichtig freuen - das Pferd hat die Lösung für die nächste Aufgabe selbst gefunden.
Durch unsere Freude und das Lob lernt das Pferd rasch, dass es sich lohnt, im Klassenzimmer stehen zu bleiben und mitzuarbeiten. Nun können wir dem Pferd nach und nach zeigen, was es bedeutet, wenn wir es am Kappzaum anfassen, den Kopf in eine bestimmte Position bringen. Wir arbeiten allmählich an Stellung und Biegung und spielen auch schön langsam mit der Veränderung des Schwerpunkts. Das Pferd lernt sich hier auch besser wahrnehmen und zu lösen.
Nun können wir unsere ersten erarbeiteten Schritte in die Bewegung mitnehmen. Der Reiter lernt Biegung aus Bewegung heraus zu formen und überprüft, ob die Stellung korrekt und das Gefühl der Hand leicht bleiben kann. In der Bewegung überprüfen wir die Elemente: Balance, Losgelassenheit, Durchlässigkeit, Tempo, Takt, Form und Geraderichtung. Fürs gerade richten brauchen wir allerdings ein weiteres Werkzeug - wir brauchen eine gemeinsame Sprache.
Das Pferd lernt nun eine Hilfengebung kennen. Wir schaffen einen gemeinsamen Rahmen. Gemeinsam lernen wir die Bedeutung der Schenkelhilfen kennen. Das Pferd lernt den inneren, um sich herum biegenden Schenkel kennen, den vorwärtstreibenden, direkten Schenkel, den äußeren von sich weg biegenden Schenkel, sowie die indirekten Zügelhilfen am Hals. Schenkel- und Zügelhilfen werden in der Bodenarbeit mittels der so genannten Sekundarhilfe Gerte erklärt.
Kennt ihr noch das Kinderspiel „Ich packe meinen Koffer“? Dabei zählen die Spieler alle Utensilien auf, die sie für den Urlaub in ihren Koffer packen. Jeder Spieler muss alle Inhalte wiederholen. Ein Spiel rund ums Begriffe finden und merken. So ähnlich geht es unserem Pferd.
Zur Dehnung der Oberlinie, Formgebung über den Rücken, packe ich meinen Koffer und nehme ein inneres Hinterbein mit. Und einen inneren um sich herum biegenden Schenkel. Und einen Brustkorb, der innen runter rotiert, wenn das innere Hinterbein abfusst. Ich packe meinen Koffer und nehme mit einen Takt - mal höhere Frequenz, mal niedrigere Frequenz; was ich hier auch noch mitnehme ist mentale und physische Losgelassenheit….das Spiel lässt sich ewig fortsetzen. Alle bislang gelernten Inhalte lassen sich nun in Verbindung bringen und miteinander kombinieren.
Manchmal, um die Kommunikation zu überprüfen, mal um zu korrigieren und eben gerade zu richten.
Im Laufe der Ausbildung zeigt sich nun, was das Pferd besonders gut versteht, welche Inhalte es leicht ausführen kann. Was es leicht kann - das verstärke - oder mache es dir stets zu Nutze, reite nicht ständig auf dem Fehler herum.
Wir haben nun ein breites Repertoire an Hilfengebung. Unser Pferd hat eine bestimmte Formgebung kennen gelernt, im Schritt können wir variieren zwischen vorwärts aufwärts und vorwärts abwärts. Wir können ein inneres und ein äußeres Hinterbein vermehrt ansprechen. In Lektionen gesprochen: Wir arbeiten ein Schulterherein, Travers, Traversale, Renvers. Jede Lektion hat eben einen entsprechenden Inhalt, dieser dient dazu das Pferd kräftiger, geschmeidiger, stabiler und beweglicher zu machen. Als Vorbereitung fürs Anreiten, als Reha-Programm nach einer Verletzung, Seniorengymnastik, zwischendurch zur Verbesserung der Kommunikation, zur Wiederholung kommunikativer Inhalte, wenn die Erarbeitung aus dem Sattel stockt.
Bodenarbeit hat so viele Facetten neben der Frontposition gibt es noch die Möglichkeit
ÜBER DEN AUTOR

Anna Eichinger
ist Expertin für glückliche Pferde. Als Ausbilderin weiß sie um die technische Seite der Klassischen Reitkunst. Bei all den Diskussionen um Biomechanik, Tensegrity und Faszientraining stellt sie "Happiness" ins Zentrum - Training soll vor allem eins: Glücklich machen, Selbstvertrauen und Stolz steigern - so wirkt sich das auch auf einen Happy Reiter und ein gesundes Pferd aus.